Wenn Sie an Buchstaben oder Zahlen denken, wie sehen diese in Ihrer Vorstellung aus? Schwarz, weiß, oder gar farbig? Wenn Sie jetzt bunt sehen, sind Sie mit großer Wahrscheinlichkeit Synästhetiker und verbinden zwei Sinneseindrücke, die per se nichts miteinander zu tun haben. Das Phänomen wurde lange als Mysterium abgetan, ist inzwischen aber zu einem beliebten Forschungsgegenstand geworden. Was hinter Synästhesie steckt, erfahren Sie hier.

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Bild: “The Color Run, Grand Prix Edition (Melbourne 2014)” von Chris Phutully. Lizenz: CC BY 2.0


Eine Vermischung der Sinne

Synästhesie bedeutet Sinnesvermischung, also die gleichzeitige Wahrnehmung von zwei verschiedenen Sinnen. Sehr häufig sehen die Betroffenen Wörter, Ziffern oder bestimmte Wochentage bunt. Manche Synästhetiker haben beim Hören bestimmter Töne einen speziellen Geschmackseindruck oder sehen geometrische Figuren. Prinzipiell können alle möglichen Sinnesmodalitäten miteinander verknüpft werden.

Synästhesie ist keine Krankheit und löst bei den Betroffenen auch kein Leiden aus, sie ist vielmehr eine Normvariante der Wahrnehmung.

Dabei ist die Verknüpfung ein Leben lang konstant, d. h. einer bestimmten Zahl wird immer die gleiche Farbe zugeordnet und sie läuft innerhalb von Millisekunden ab. Dieser verknüpfte Sinneseindruck gehört zur alltäglichen Wahrnehmung und passiert bei den Betroffenen eher unbewusst. Oft können die Betroffenen sich leichter Zahlen oder Wörter merken und diese besser voneinander unterscheiden.

Etwa 5 % der Bevölkerung zeigen das Phänomen, mit einer leichten Häufung bei Frauen. Allerdings geht man davon aus, dass die Dunkelziffer hoch ist. Schließlich redet man selten über seine Wahrnehmung und vergleicht diese mit anderen. Eine genetische Komponente scheint es auch zu geben, denn in Familien tritt Synästhesie häufiger auf.

Bekannt ist das Phänomen seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Materialwissenschaftler George Sachs seine eigene Synästhesie in seiner Dissertation beschrieb. Allerdings fand diese keine große Beachtung. Erst als der Cousin des berühmten Evolutionsforscher Darwin von Menschen mit dieser Art von Sinnesverknüpfung berichtete, kam dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu.

Während man lange auf die mündlichen Berichte von Synästhetikern angewiesen war, wird seit dem Ende des 20. Jahrhunderts auch empirisch geforscht und die Bildgebung des Gehirns genutzt, um Synästhesie fassbar zu machen.

So zeigt sich Synästhesie im Gehirn

Forscher aus München, Köln und Jülich haben das Gehirn von Menschen mit Synästhesie untersucht. In einer 2012 im „Journal of Neuroscience“ veröffentlichten Studie konnten sie zeigen, dass es im Gehirn von Synästhetikern schon im Ruhezustand vermehrte Verknüpfungen zwischen verschiedenen Hirnregionen gibt, die sich mittels Bildgebung nachweisen lassen. Je stärker diese Verknüpfungen sind, desto stabiler ist auch die synästhetische Wahrnehmung im Alltag.

Die verschiedenen Formen der Synästhesie

Wie oben erwähnt, können bei der Synästhesie unterschiedliche Sinne vermischt werden, weshalb man die Synästhesie in verschiedene Formen unterteilt. Die Deutsche Gesellschaft für Synästhesie unterscheidet die genuine Synästhesie, also die Verknüpfung eines äußeren Sinnesreizes mit einer bestimmten Wahrnehmung, von einer Gefühlssynästhesie.

Bei der Gefühlssynästhesie ist nicht ein äußerer Reiz der Auslöser für die gekoppelte Wahrnehmung, sondern ein innerer. Ein bestimmtes Gefühl löst eine andere Sinneswahrnehmung mit aus, zum Beispiel einen Geschmack oder Töne. Die Gefühlssynästhesie ist weniger stabil als die genuine Synästhesie, das heißt ein Gefühl kann immer unterschiedliche Wahrnehmungen auslösen.

 

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