Die Anamnese ist ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil einer Diagnose. Der Begriff Anamnese stammt aus der griechischen Sprache und bedeutet in der Übersetzung Erinnerung. Ein anderes passendes Wort ist Krankengeschichte oder auch Fallaufnahme. In diesem Beitrag geht es um die Bedeutung der Anamnese, ihre Chancen und Grenzen.
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anamnese

Bild: “ US Actor Chris Pratt Didn’t Know What “Impotent” Meant” von studio tdes. Lizenz: CC BY 2.0


Was umfasst die Anamnese?

Mit der Anamnese beginnt die Untersuchung. Sie richtet sich möglichst an den Patienten selbst. Ausgenommen sind kleine Kinder oder Personen, die Probleme haben, sich auszudrücken. Es kann also sein, dass Pflegepersonal oder Angehörige die Aufgabe übernehmen müssen und ihre persönlichen Eindrücke schildern.

Ärzte müssen hier aber darauf achten, dass die Person wirklich in der Lage ist, den Patienten zu beschreiben und die Symptome zu schildern. Wichtig ist auch, dass die Begleitperson die persönliche Meinung außen vor lässt und sachlich beschreibt. Die Einschätzung dazu obliegt dem Arzt. Gegebenenfalls muss er durch geschicktes Nachfragen überprüfen, wie gut die Begleitperson den Patienten tatsächlich einschätzen kann. Dazu eignen sich Fragen aus dem Lebensalltag, die darauf abzielen, wie gut der Patient bestimmte Dinge bewältigt.

Wie ist die Anamnese aufgebaut?

Die Anamnese muss systematisch erfolgen. Sie wird unterteilt in die somatische Anamnese, die psychische Anamnese, die soziale Anamnese und die Familienanamnese. Die somatische Anamnese beinhaltet die körperliche Untersuchung des Patienten, die psychische Anamnese befasst sich entsprechend mit der Psyche, während die soziale Anamnese auch das Umfeld des Patienten mit einbindet. Die Anamnese ist aber niemals ein Abfragen von Befindlichkeiten, sondern immer auch ein dynamischer Prozess, der besondere Konzentration und auch persönliche Fähigkeiten erfordert.

Lesen Sie hier alles über die 6 Schritte für ein erfolgreiches Aufnahmegespräch.

Die Bedeutung der erlebten Anamnese

Die erlebte Anamnese wird auch als spezielle Anamnese bezeichnet. Sie bezieht das Vorwissen über den Patienten mit ein. Daher ist die erlebte Anamnese vor allem für den Hausarzt von Bedeutung. Ein Arzt, der seinen Patienten kennt, möglicherweise auch die nahe Verwandtschaft, kann dieses Wissen in die Diagnose einfließen lassen und hat damit vor allem bei unklaren Symptomen eine deutlich höhere Chance, die Erkrankung zu identifizieren.

Das Modell des Hausarztes, der seinen Patienten ein Leben lang betreut, ist dabei ein besonderer Vorteil. Damit die erlebte Anamnese aber möglich ist, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Sie sind aber kein Privileg alteingesessener Praxen, sondern lassen sich auch von jungen Ärzten umsetzen. Ein gewisses Engagement ist dafür jedoch die Voraussetzung.

Bild: “Eye Care Consultation” von studio National Eye Institute. Lizenz: CC BY 2.0

Bild: “Eye Care Consultation” von studio National Eye Institute. Lizenz: CC BY 2.0

Aktives Zuhören

Nur der Arzt, der seinem Patienten aktiv zuhört, erfährt die Dinge, die er wissen muss. Fragen sollten daher nie die Form eines Verhörs annehmen, sondern immer auch Gespräch sein. Der hohe Zeitdruck in einer Praxis ist dabei ein gefährlicher Störfaktor. Patienten schätzen ihrerseits Ärzte besonders, die ihnen offensichtlich genau zuhören und sich auch Zeit für sie nehmen. Solche Patienten bleiben dem Arzt eher erhalten.

Auf der anderen Seite kann es passieren, dass Patienten mit großem Redebedarf tatsächlich den Praxisalltag stören. Der Arzt muss also erkennen, für welchen Patienten er sich die Zeit nehmen muss. Nach Dahmer & Dahmer gehört dazu, das Gesprochene zu erfassen und ein Ohr dafür zu entwickeln, das Unausgesprochene und die Zwischentöne zu hören. Der englische Fachbegriff dazu ist attending behaviour. Die vier Voraussetzungen dafür sind:

  1. Interesse
  2. Bereitschaft zuzuhören
  3. Fähigkeit zuzuhören
  4. Völlig präsent zu sein

Das Interesse muss ehrlich sein, andernfalls lassen sich die anderen drei Punkte nicht umsetzen. Dazu gehört, dass der Gesprächspartner auch realisiert, dass er die volle Aufmerksamkeit hat. Der Patient sollte möglichst nicht unterbrochen werden. Das ist auch deshalb wichtig, weil er bei der Schilderung seiner Symptome subjektiv urteilen wird und die Dinge nennt, die für ihn besonders belastend sind. Natürlich sind die Punkte wichtig, aber möglicherweise sind es die Ungereimtheiten, die ihm nicht bewusst sind und die er erst im Verlauf des Gesprächs erwähnt. Eine Unterbrechung kann also das Gespräch zerstören.

Empathie als Schlüssel zum Patienten

Empathie ist das einfühlende Verstehen. Das hat nichts mit Sympathie und auch nichts mit Mitgefühl zu tun. Es ist auch nicht das Ziel, dass sich der Arzt mit dem Patienten identifiziert. Dabei hat der Arzt die schwierige Aufgabe, nicht wertend zu werden. Außerdem muss die Empathie für den Patienten spürbar sein. Bei sehr unsicheren Patienten kann es daher nötig sein, das auch mit Worten deutlich zu machen.

Eine weitere Herausforderung für den Mediziner ist dabei, die innere Distanz zu wahren. Es erfordert tatsächlich einige Routine, höflich, ehrlich intensiv und einfühlend zu sein und gleichzeitig die Not des Patienten nicht zu der eigenen werden zu lassen. Darüber hinaus ist ein gewisses Maß an Dominanz erforderlich. Sie ist notwendig, damit das Vertrauen in die Kompetenz nicht verlorengeht. Die jeweilige Vorgehensweise ist abhängig vom Wesen des Patienten und auch von der Krankengeschichte.

Auch hier zeigt sich wieder, wie hilfreich es ist, das Umfeld des Patienten zu kennen. Mit dem Kennenlernen gelingt auch die erlebte Anamnese leichter und trägt dazu bei, dass dem Patienten schneller und zielgerichtet geholfen werden kann. Das gelingt umso besser, je sicherer der Arzt sich selbst in seiner Rolle fühlt. Natürlich muss das Verhalten immer auch der Situation angemessen sein. Das bedeutet auch, dass ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis erforderlich ist.

Ein Beispiel dafür ist, dass der Arzt sich in seiner freien Zeit erreichbar macht. Solche Angebote sind für Patienten in schwierigen Lebensphasen sehr hilfreich. Es versteht sich aber von selbst, dass das Angebot nicht ausgenutzt werden darf. Es ist also auch die Aufgabe des Arztes, das dem Patienten zu vermitteln.

Lesen Sie hier mehr zur Arzt-Patienten-Beziehung.

Bild: “Nurse with patient in City Hospital Tuberculosis Division, 1927” von Seattle Municipal Archives. Lizenz: CC BY 2.0

Bild: “Nurse with patient in City Hospital Tuberculosis Division, 1927” von Seattle Municipal Archives. Lizenz: CC BY 2.0

Chancen durch erlebte Anamnese

Die erlebte Anamnese erweitert die diagnostischen Möglichkeiten. Vor allem bei unklaren Symptomen ist das hilfreich. Dazu gehören Schlafstörungen, Kopfschmerzen, ständig wiederkehrenden Erkältungen oder unklare Bauchschmerzen. Dank erlebter Anamnese kann der Hausarzt viele Faktoren ausschalten und die Fragen auch präziser stellen. Es kann z. B. in der Familie einen Todesfall gegeben haben. Ein solches Ereignis würde nicht unbedingt vom Patienten selbst geschildert werden. Das Wissen darum kann den Arzt mit seinen Vermutungen aber in die richtige Richtung lenken.

Ist ein Kind in der Familie häufig erkältet, folgt für gewöhnlich u.a. die Frage, ob es Haustiere gibt mit der Vermutung, dass es sich um eine Allergie handeln könnte. So kann im Vorfeld geklärt werden, ob ein Allergietest angeordnet werden muss. Es muss aber gar kein Haustier vorhanden sein. Weiß der Hausarzt zum Beispiel, dass die Schwester oder Mutter begeisterte Reiterin ist, beispielsweise weil sie selbst Patientin bei ihm ist, ist der Kontakt zu den Pferdehaaren in jedem Fall da (Kleidung und Auto). Mit diesem Hintergrundwissen aus der erlebten Anamnese kann der Arzt den Verdacht aussprechen.

Mit einigen Vorsichtsmaßnahmen kann der Reiz ausgeschaltet werden, ohne dass langwierige Untersuchungen und unzählige Fragen nötig sind. Ein anderes Beispiel ist der vergangene Urlaub. Patienten, die dem Hausarzt gut bekannt sind, sprechen auch Urlaubsreisen an. Der Arzt läuft nicht Gefahr, z. B. eine Malariaerkrankung falsch zu deuten und so wertvolle Zeit zu verlieren, wenn er weiß, dass der Urlaub in eine gefährdete Region stattgefunden hat.

Ebenso zeigt sich, dass sich Erkrankungen über Generationen wiederholen. Vor allem Patienten ohne medizinisches Wissen kommen hier schnell an ihre Grenzen. Sie laufen Gefahr, wichtige Diagnosen aus dem verwandtschaftlichen Umfeld zu vergessen. Es ist aber auch möglich, dass sie keinen Kontakt mehr zur Verwandtschaft haben. Sei es aus Gründen von Auseinandersetzungen oder weil die Personen nicht mehr leben. Der Hausarzt, der die Patienten über Generationen betreut, verfügt über das Wissen und kann so schneller wichtige Diagnosen aussprechen. Unter Umständen kann das sogar lebensrettend sein, z. B. wenn es sich um seltenere Erkrankungen handelt.

Grenzen der erlebten Anamnese

Natürlich birgt die erlebte Anamnese auch Risiken, wie sie auch ihre Grenzen hat. Zu den Risiken gehört, dass die Gefahr besteht, dass der Patient seine Diagnose bereits präsentiert, z. B. weil er selbst sicher ist, die Krankheit bereits identifiziert zu haben. Auch hier ist Zeitdruck ein Risikofaktor. Helfen kann aber das Wissen, dass der Patient tendenziell dazu neigt, sich zum Thema zu informieren. Auch sehr ängstliche Patienten sind schwerer einzuschätzen, wenn sie bei unklaren Symptomen die Familienanamnese bemühen. Das kann unter Umständen dazu führen, dass auch eingebildete Symptome geschildert werden, die den Arzt vollständig von der eigentlichen Krankheit abbringen. Dies kann sich noch verstärken, wenn Symptome abgefragt werden, von denen der Patient weiß, dass sie typischerweise Teil der vermuteten Erkrankung sind.

Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass der Patient Angst vor einer bestimmten Diagnose hat und deshalb Symptome verschweigt, sobald im bewusst wird, dass der Arzt eben jene Erkrankung vermutet. Andernfalls können auch bestimmte Symptome abgemildert werden, wenn der Patient eine bestimmte Erkrankung fürchtet. Das ist vor allem bei Krebserkrankungen oder anderen schwerwiegenden Prozessen möglich. Der Arzt muss daher berücksichtigen, dass schwere und möglicherweise tödlich verlaufende Krankheiten in der Familie ein Trauma hinterlassen haben. Die Angst vor der Diagnose kann so groß sein, dass die Krankheit zwar wahrgenommen aber dennoch verschleiert wird.

Aktiv zur erlebten Anamnese beitragen

Wenn ein Arzt sich entschließt, die erlebte Anamnese in die Diagnoseverfahren mit einzubeziehen, kann er das auch in seiner Praxis vorantreiben. Dazu ist zuerst wichtig, sich genügend Zeit zu nehmen, um die Patienten besser kennenzulernen. Ärzte, die sich Zeit nehmen, werden vor allem innerhalb der Familie empfohlen. Das kann der Partner sein, aber auch die Eltern oder weitere Verwandte. Es ist auch sinnvoll, den Patienten darauf anzusprechen, wie wertvoll ein vertrauter Arzt für eine Familie sein kann. Zusätzlicher Service, wie die Erreichbarkeit in Notfällen, trägt zur Attraktivität einer Arztpraxis bei.

Beliebte Prüfungsfragen zur Anamnese

Die Lösungen befinden sich unterhalb der Quellenangabe.

Was trifft zu?

1. Die Anamnese…

  1. …ist eine emphatische Befragung.
  2. …umfasst nur die sozialen Hintergründe.
  3. …dient der Kontaktaufnahme.
  4. …ist unverzichtbar für die Diagnose.
  5. …dient der Beruhigung des Patienten.

2. Die erlebte Anamnese…

  1. …umfasst die Befragung der Angehörigen.
  2. …schließt die Krankengeschichte der Familie ein.
  3. …umfasst die Untersuchung der Angehörigen.
  4. …umfasst den Austausch mit anderen behandelnden Ärzten.
  5. …ist nur für die Krankenakte von Bedeutung.

3. Anamnese bedeutet in der Übersetzung:

  1. Befragung.
  2. Untersuchung.
  3. Prüfung.
  4. Erinnerung.
  5. Analyse.

Quellen

Information für Studierende via uni-rostock.de

Empathie via uni-wuerzburg.de

Anamnese via uni-heidelberg.de

Zuhören via linus-geisler.de

Richtige Antworten: 1D, 2B, 3D



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