Die Medizin hat inzwischen verstanden, dass der Placebo-Effekt tatsächlich vorhandene positive Wirkungen hat. Nun folgt der nächste Schritt. Denn dann muss auch gelten, dass er Nebenwirkungen haben kann und unter Umständen sogar Schaden anrichtet. Dass dies so ist, wird durch die Etablierung der sogenannten Nocebo-Forschung zementiert. Was Mediziner über den Nocebo-Effekt wissen sollten, finden Sie hier im Überblick.

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Nocebo

Quelle: Photocase


Definition

Während der Placebo-Effekt alle positiven Wirkungen umfasst, die nicht auf direkte pharmakologische oder biochemische Ebenen zurückzuführen sind, meint der Nocebo-Effekt das Gegenteil:

Der Nocebo-Effekt ist ein Sammelbegriff für jegliche schädliche Einflüsse, die auf die Kraft negativen Denkens und nicht auf direkte physiologische Wirkung zurückzuführen sind.

Suggestibilität

Wie schon beim Placebo-Effekt hängt die Stärke sehr stark mit charakterlichen Merkmalen der Probanden oder Patienten zusammen. In der Fachsprache nennt man sehr Placebo- bzw. Nocebo-sensible Menschen suggestibel. Suggestibilität  ist die Eigenschaft eines Menschen, sich Dinge einreden zu lassen, die nicht tatsächlich vorhanden sind. Oder wissenschaftlich: Es ist die Bereitschaft zur Übernahme fremder Gedankengänge oder Vorstellungen zu Ungunsten der eigenen Realitätsbezüge.

Während Kinder sehr suggestibel sind (man denke an den Weihnachtsmann), werden die meisten Erwachsenen starrer in ihrer Vorstellungskraft. Nur die eigene Realität zählt. Ausnahme bilden hierbei Expertenmeinungen. Ärzte haben also die Kraft, auch bei medizinisch nicht geschulten Erwachsenen im übertragenen Sinne Weihnachtsmann-Geschichten zu erzählen.

Obwohl es einen großen Unterschied zwischen Realität und Vorstellung gibt, kann unser Gehirn diesen nicht erkennen. Für den Patienten gibt es keine Möglichkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Und dieser Effekt zieht sich bis auf die physiologische Ebene fort.

Gefahr durch Nichts?

Bekannt sind Fälle von Suizidversuchen mit Placebo-Präparaten, die beinahe gelungen sind, da der Proband so stark an die Wirkung glaubte, dass sie tatsächlich in einem gewissen Rahmen eintraten.

Bekannt geworden ist besonders der Fall von Derek Adams, der sich im Jahr 2007 wegen eines Streits mit seiner Freundin umbringen wollte. Er hatte ein Antidepressivum erhalten und nahm nun die ganze Packung des Medikaments ein. Er wusste nicht, dass sein behandelnder Arzt ihm lediglich Zuckerpillen verabreicht hatte. Dennoch war sein Kreislauf kollabiert, die Kraft des Nocebos hätte ihn beinahe getötet. Erst die Information seines Arztes über die Unwirksamkeit verbesserte die Symptome wieder (u.a. Czycholl 2009).

Auch der eigene Pessimismus kann schädigen. So erleiden Frauen, die glauben, sie könnten an einem Herzinfarkt sterben, auch tatsächlich wesentlich häufiger Herzinfarkte als andere Frauen.

Auch in Studien mit Allergikern beispielsweise konnten negative Einflüsse des Nocebo-Effekts bewiesen werden. Man bereitete die Probanden darauf vor, dass sie ein Allergen verabreicht bekämen. Obwohl es sich um reine Kochsalzlösung handelte, zeigte ein Teil der Studienteilnehmer Symptome.

Laut Jensen et al. (2014) hängt die Wirkungsweise vor allem mit unbewussten, evolutionär gefestigten Lernprozessen zusammen. Wir Menschen hätten gelernt, auf Angst schnell zu reagieren. Hier seien sowohl bewusste Erwartungshaltungen wie Konditionierungsprozesse beteiligt.

Im Falle von Schmerzspritzen oder -tabletten beispielsweise hätten wir über die Jahre gelernt, dass dem unangenehmen Gefühl die Wirkung folge. So wirken Kopfschmerztabletten in der Regel bereits vor Einsetzen der pharmakologischen Möglichkeiten.

Die Forschungsgruppe um Jensen und Kaptchuk diskutiert, dass es neuronale Mechanismen gäbe, welche jegliche unbewussten Wahrnehmungen innerhalb einer Behandlung in zwei Bahnen überführe: Placebo oder Nocebo. Ohne bewusste Entscheidung muss im Körper demnach entschieden werden: Diese Behandlung hilft mir, diese schadet mir.

Risiken und Nebenwirkungen

Besonders gravierend ist die Wirkung, die das Gespräch mit einem Mediziner vor einer Behandlung hat. Ob Radiologen vor dem bildgebenden Verfahren oder das Gespräch des Anästhesisten vor einem Eingriff: Mediziner sollten sich bewusst machen, was sie im schlimmsten Falle anrichten, wenn sie die Nebenwirkungen bedrohlich beschreiben würden.

Die Kunst ist es, Nebenwirkungen zu benennen, sie aber so positiv wie möglich zu verpacken. Es gibt kein Sterberisiko von fünf Prozent. Die Wahrscheinlichkeit zu überleben, beträgt 95 Prozent.

Doktor Meißner von der Universität München schlägt vor, Patienten über den Nocebo-Effekt zu informieren und ihnen anzubieten, die Nebenwirkungen nicht zu benennen. Den Haken an der Sache erklärt sie selbst: „Das geht aber nur bei Medikamenten, bei denen die Unwissenheit nicht gefährlich werden kann‟ (Meißner nach Merlot 2012).

Studien zum sogenannten „autorisierten Verschweigen‟ laufen in den USA bereits. Es gehe vor allem darum, die Angst vor der Operation zu verringern. Denn die Ängste des Patienten und der Operationsausgang seien stark aneinander gekoppelt (u. a. Orbach-Zinger et al. 2012).

Optimismus wird belohnt

Das Fazit aus diesem Wissen dürfte klar sein: Wer positiv denkt, den erwischt auch das Negative seltener. Wer meint, er sei ein Glückskind, das von Nebenwirkungen unbetroffen bliebe, für den wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zutreffen.

Pessimismus und negative Suggestionen lohnen sich nicht. An dieser Stelle zahlt sich ein Maß an Sorglosigkeit aus.

 

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