Es ist kaum vorstellbar, einen Unfall zu überleben, bei dem eine schwere Eisenstange den Schädel durchsprengt und Teile des Gehirns verletzt. Doch genau so einen Unfall hat der amerikanische Vorarbeiter Phineas Gage nicht nur bei vollem Bewusstsein überlebt, die meisten kognitiven Funktionen und seine Motorik waren auch noch völlig unbeeinträchtigt. Trotzdem gehört Phineas Gage zu den Fällen der Medizingeschichte, die Sie unbedingt kennen sollten. Seine Persönlichkeit war aufgrund der Frontalhirnschädigung nämlich vollkommen verändert und an kaum einem anderen Fall kann man sich die Folgen eines Frontalhirnsyndroms so gut einprägen. Mehr zu dem tragischen Fall erfahren Sie hier.
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Bild: “Phineas Gage” von Hey Paul Studios. Lizenz: CC BY 2.0

Bild: “Phineas Gage” von Hey Paul Studios. Lizenz: CC BY 2.0


Der Unfall

Am 13. September 1848 stopfte der Vorarbeiter einer Truppe von Eisenbahnbauern in Vermont mit einer Eisenstange Pulver in den Stein und vergaß dabei den isolierenden Sand, als die Ladung plötzlich explodierte. Die knapp 1 m lange und 3 cm breite schwere Eisenstange schoss durch seinen Kopf und verletzte ihn schwer. Dennoch blieb Phineas Gage bei vollem Bewusstsein und überlebte den schweren Unfall.

Der Schaden

Die Eisenstange trat auf der linken Seite von unten in die Augenhöhle ein, verletzte das Jochbein und das Frontalhirn, und hinterließ einen großen Schaden an der frontalen Schädeldecke. Der Schaden war viel größer als der Durchmesser der Stange. Zudem beschrieben die Ärzte John Martin Harlow und Edward Higginson Williams, die Phineas Gage am Unfalltag sahen, die Durchtrittsstelle für heutige Methoden recht ungenau.

Die ließ sprichwörtlich Raum für Diskussionen. Hanna Damasio und ihre Kollegen versuchten, mittels Rekonstruktion am Computermodell, mögliche Durchtrittsstellen zu finden und grenzten die Auswahl auf 5 mögliche Trajektorien ein.

Vom Saubermann zum Draufgänger

Nach dem Unfall war Phineas Gage nicht mehr der Alte. Der zuvor als ausgeglichen, höflich und smart beschriebene Vorarbeiter war völlig verwandelt. Sein behandelnder Arzt, Dr. John Martyn Harlow, beschrieb ihn jetzt als unbeständig, sprunghaft, respektlos und ausschweifend. Er hatte starke Stimmungsschwankungen und konnte kaum Pläne für die Zukunft machen.

Deswegen verweigerte ihm sein alter Arbeitgeber auch die Wiederaufnahme seiner Stelle. Er hatte sich vom zuvor besten Vorarbeiter in eine unerträgliche Person verwandelt, mit der niemand mehr zusammenarbeiten wollte. Seine ehemaliger Arbeitskollegen beschrieben, er sei „nicht länger Gage“.

Später soll er dann zum Trinker und Herumtreiber geworden sein, ohne Ziel und mit oft wechselnden Anstellungen. Sein Lebensstil wurde ausschweifend, er gab sich Vergnügungen aller Art hin und verschwendete sein Geld. Dennoch gelang es ihm, mehrere Arbeitsstellen zu halten, so arbeitete er als Kutscher und 7 Jahre lang als Angestellter in Chile.

Das typische Frontalhirnsyndrom

Phineas Gage zeigt den typischen Symptomenkomplex für eine Schädigung des Frontalhirns, insbesondere des präfrontalen Kortex. Dabei gehen vor allem Fähigkeiten zum vorausschauenden Handeln und zur Regulation von Gefühlen verloren.

Dabei teilt man den präfrontalen Kortex nochmal in 2 Regionen ein, den dorsolateralen präfrontalen Cortex und den orbitofrontalen Kortex. Schädigungen des dorsolateralen präfrontalen Cortex führen u.a. zur Unfähigkeit, Regeln einzuhalten oder einen Plan zu verfolgen, zu Impulsivität und zu unzureichender Problemanalyse. Schädigungen des orbitofrontalen Kortex hingegen können zu unterschiedlichen Extremen im psychosozialen Verhalten, Apathie und Depression auf der einen Seite, aber auch Hyperaktivität, Ideenflucht, Distanzlosigkeit und Größenwahn auf der anderen Seite führen.

Merke: Auch bei Patienten mit Tumoren im Bereich des Frontalhirns kann es zu einer Veränderung der Persönlichkeit kommen. Typisch sind auch hier, dass soziale Normen nicht eingehalten werden, Impulse unkontrolliert sind und Perseverationen auftreten. Es existieren nicht wenige Fälle von raptusähnlichen Morden, bei denen im Nachhinein eine Erkrankung des Frontalhirns bei den Tätern nachgewiesen werden konnte.

Phineas Tod

Im Mai 1860, 10 Jahre nach seinem lebensverändernden Unfall, starb Phineas Gage an den Folgen eines Status epilepticus, also eines langen epileptischen Anfalls, bei dem das Bewusstsein nicht wieder erlangt wird.

Zuvor war er zu seinen Verwandten gereist, weil sein gesundheitlicher Zustand sich verschlechtert hatte, und arbeitete dort zunächst bei einem Farmer. Immer wieder ereilten ihn epileptische Anfälle, er wurde zunehmend ängstlicher und unzufriedener und wechselte noch mehrmals die Stelle. 3 Tage vor seinem Ableben zog er dann zu seinem Schwager, wo er schließlich verstarb.

Kritik

Wissenschaftler, die die Quellen rund um den Fall untersuchen, warnen jedoch davor, das Bild von Gage aus Sensationslust zu verzerren. Malcolm Macmillan, Psychologieprofessor aus Australien, hat sich intensiv mit dem Fall befasst und warnt davor, über die Fakten hinaus Geschichten zu erfinden. Beispielsweise wird berichtet, dass er in einem Wanderzirkus als Attraktion herumgereist ist, korrekterweise hat er sich aber nur im „Barnum Circus“, einem Museum, als wissenschaftliches Anschauungsobjekt zur Verfügung gestellt. Er geht sogar davon aus, dass eine psycho-soziale Erholung stattgefunden hat und Gage wieder teilweise gesellschaftsfähig wurde, so wie es mit guter Therapie auch heute für Patienten mit Frontalhirnsyndrom möglich ist.

 

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