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Detox – Leistungskick oder Lügenmärchen?

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on Zuletzt aktualisiert am 27. November 2014 with 0
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Bild: "Green Smootie" von Robert Gourley. Lizenz: CC BY 2.0

Um erfolgreich in Studium und Beruf zu sein, muss man heutzutage Hochleistungen erbringen. Höher, schneller, weiter – viele weiten ihre Selbstoptimierung längst auf den privaten Bereich aus, damit sie konkurrenzfähig bleiben. Ein belastbarer Körper und ein wacher Geist: Detox verspricht genau das. Doch ist die Selbstkasteiung überhaupt begründet? Auf welchen medizinischen Grundlagen baut der Trend auf? Dieser Artikel liefert die Antworten.

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Eine heiße Debatte

Es gibt wohl kaum ein Thema, bei dem Diskussionen derart emotional hochkochen, wie bei der Frage um die bestmögliche Ernährung. Erst kürzlich konnte man Medizinjournalist Dr. Werner Bartens und die selbsternannte Yogabotschafterin und Schauspielerin Ursula Karven bei einem heftigen Streitgespräch beobachten. Die beiden waren Ende September 2014 Talkgäste bei „Menschen bei Maischberger“. Während Carven für sich postulierte, die falsche Ernährung mache „tot im Kopf“ und im Körper müsse ein gutes „Klima“ herrschen, verneinte Bartens jegliche wissenschaftliche Beweise für einen Zusammenhang und forderte weniger Ernährungsvorschriften.

Unter den Hashtags #detox und #cleaneating findet man auf Instagram, Twitter und Co. unzählige Beiträge.

Währenddessen geht der Detox-Hype auf anderen Plattformen munter weiter. Minütlich kann man Mitmenschen dabei zugucken, was sie zu sich genommen haben, um ihre Körper zu entgiften.

Wo ein Lifestyletrend auftaucht, gibt es auch schnell kommerzielle Angebote dazu. Einige Firmen bieten speziellen Detox-Tee oder Detox-Säfte an, die man sich bequem nach Hause bestellen kann. Mit dem Projekt „Our Clean Journey“ wollen zwei junge Münchnerinnen den aus Amerika kommenden Trend auch in Deutschland verbreiten.

Geschmacksknospen sollen wieder erwachen und der Körper aus der Übersäuerung gebracht werden. Auf der gleichnamigen Internetseite vermarkten sie neben Plastiktrinkbechern auch Detox-Pläne und E-Books zum Thema.

Lohnt sich Detox, oder ist am Ende das einzige was entgiftet wird, der Geldbeutel?

Kann man durch die richtige Ernährungsweise neue Energie gewinnen oder schlägt etwa der gute alte Placebo zu?

Das verbirgt sich hinter Detox

Detox, kurz für „Detoxifikation“, bedeutet Entgiftung oder Entschlackung. Heutzutage versteht man darunter eine Ernährungs- und Lebensweise, die die im Laufe der Zeit aus der Umwelt eingelagerten schädlichen Giftstoffe aus dem Körper entfernen soll. Auf sogenannte „übersäuernde“ Lebensmittel wie Kaffee, Alkohol, Käse, Fleisch, Weißmehl und Zucker wird komplett verzichtet.

Dadurch soll man weniger müde und angespannt sein, auch Kopfschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden sollen verschwinden. Yoga, Massagen und spezielle Bäder können den „Ausscheidungsprozess“ unterstützen.

Dabei ist Detox noch nicht mal ein neuer Trend, schon in der ayurverdischen Tradition gab es auf Entschlackung ausgerichtete Ernährungskuren. In letzter Zeit erfährt der Trend jedoch neuen Aufschwung, was man sicherlich mit den erhöhten Anforderungen an die eigene Leistungsfähigkeit und die chronische gesellschaftliche Erschöpfung in Verbindung bringen kann.

Wo findet Detox im Körper statt?

Leider findet man in wissenschaftlichen Datenbanken wie Pubmed wenig bis keine Veröffentlichungen zu Detox-Diäten.

Die Detox-Debatte scheint sich hauptsächlich auf populärwissenschaftlichem oder nicht-wissenschaftlichem Terrain abzuspielen.

Studien zu Giftstoffen im Körper legen den Fokus eher auf konkrete Stoffe wie Dioxin, PCB (Polychlorierte Biphenyle), Alkohol oder Drogen. Die australische Verbraucherseite Choies.com testete 7 „Detox-Kits“ und fand keine Evidenz für ihre Wirksamkeit, berichtete aber, dass die Testpersonen sich danach intensiver mit einem gesunden Lebensstil auseinandersetzten.

Junge, gesunde Menschen mit normal funktionierender Leber- und Nierenfunktion sollten kein Problem damit haben, Giftstoffe aus ihrem Körper zu eliminieren. Auch das Immunsystem, die Lunge und der Darm tun täglich ihr Bestes, um unerwünschte Fremdstoffe auszuscheiden.

Unter Biotransformation versteht man dabei einen Stoffwechselvorgang, der vor allem in der Leber, aber auch in anderen Geweben stattfindet und nicht ausscheidbare Stoffe chemisch in ausscheidbare Stoffe umwandelt. So können Medikamente, Drogen, Pestizide, Konservierungsmittel u.a. regelmäßig aus dem Körper entfernt werden und reichern sich im Normalfall nicht im gesundheitsgefährdenden Maße an.

Dass sich lipophile Umweltgifte wie PCBs und Dioxin auch in Fettzellen anreichern können, ist korrekt und wissenschaftlich belegt. Diese Schadstoffe werden sogar bei einer langfristigen und ausgedehnten Gewichtsabnahme wieder ins Blut freigesetzt, wie eine 2011 in Nature veröffentlichte Koreanische Studie zeigen konnte.

Zweifelhafte Nebenwirkungen

Man sollte vorsichtig sein, Nebenerscheinungen des Detox wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit als „Entzugserscheinungen“ zu bezeichnen. Diese Symptome sind viel mehr typische Erscheinungen, wenn der Körper in eine katabole Stoffwechsellage gerät und sozusagen im „Hungermodus“ versucht, Energie zu sparen.

Auch ein veränderter Körpergeruch hat vermutlich andere Ursachen als den Entgiftungsvorgang.

Dafür, dass Giftstoffe durch die Hautporen entweichen, gibt es keine medizinische Begründung.

Ein Fazit

Beim Detox-Trend werden Halbwahrheiten mit lange bekannten positiven Effekten gemischt und neu verkauft. Der Zusammenhang zwischen erhöhtem Salzkonsum und Bluthochdruck ist beispielsweise gut belegt. Sollte der Detox-Lifestyle zu einer deutlichen Gewichtsabnahme führen, wäre dies sicherlich leistungssteigernd. Sein Übergewicht zu reduzieren senkt den Blutdruck, das Risiko für Krebs und die Belastung auf die Gelenke – aber das sind keine neuen Erkenntnisse.

Dass man sich achtsamer mit dem auseinandersetzt, was man seinem Körper tagtäglich zuführt und auf seine Gesundheit aufpasst, ist sicherlich ein positiver Nebeneffekt solcher Lebensweisen. Dass man bestimmte Lebensmittel kategorisch ausschließt und gewissermaßen zum Feind macht, ist aus medizinischer Sicht jedoch eher bedenklich. Nicht von ungefähr kommen neue Formen von Essstörungen wie die „Orthorexia nervosa“, bei der sich Betroffene zwanghaft nur noch mit der richtigen Ernährung auseinandersetzen und mit ihrem aufwändigen Lebensstil das eigentliche Leben verpassen.

Die kalten Fakten betrachtet, ist es wohl sinnvoller, seine Energie und sein Geld in etwas anderes zu investieren, als Detox in Verbindung mit einem akribischen Ernährungsplan. Am Ende ist es wohl auch eine Glaubensfrage, ob man einen Nutzen für sich daraus ziehen kann.


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