Kaum ein anderer Industriezweig macht so viele negative Schlagzeilen wie die Pharmaindustrie. Von Bestechlichkeit, Profitorientiertheit auf Kosten von Kranken und Lobbyismus ist dann die Rede. Doch was verbirgt sich hinter dem Giganten „Pharmaindustrie“? Wie ist sie entstanden, wie ist sie aufgebaut und wo steht Deutschland eigentlich im internationalen Vergleich? Erfahren Sie hier die Antworten auf diese Fragen und gewinnen Sie einen Einblick in den spannenden Industriezweig.
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Bild: “Medical Drugs for Pharmacy Health Shop of Medicine” von epsos. Lizenz: CC BY 2.0

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Von der Apotheke zum Pharmakonzern

Während die Herstellung und der Vertrieb von Arzneien zunächst Gebiet von Einzelpersonen und Apotheken war, kam Anfang des 19. Jahrhunderts der große Durchbruch. Entwicklungen in der Forschung wie die Lichtmikroskopie und die Möglichkeit zur Synthese organischer Stoffe legten den Grundstein für die industrielle Herstellung von Arzneimitteln. 1827 gründete der Darmstädter Apotheker Heinrich Emanuel Merck die erste chemisch-pharmazeutische Fabrik, weitere Gründungen folgten in Berlin, Ingelheim, Mannheim, Ludwigshafen und der Schweiz.

Die ersten Pharmazeutika waren Morphin, Penicillin und Chinin. Oft wurden der Wirkmechanismus und die Struktur erst verstanden, nachdem das Medikament schon lange vertrieben wurde – heute ein Ding der Unmöglichkeit. Im Laufe der Zeit schlossen sich kleinere Unternehmen und Fabriken zusammen, heute gibt es einige große, milliardenschwere Pharmakonzerne wie beispielsweise Pfizer, Sanofi-Aventis und Novartis, die den Markt bestimmen. Die größten Pharmaunternehmen in Deutschland sind Bayer und Merck.

Rechtliche Kontrolle

Drei wesentliche Gesetze bestimmen in Deutschland den Umgang mit Arzneimitteln: 1. das Arzneimittelgesetz (AMG) 2. das Gesetz über die Werbung auf dem Gebiet des Heilwesens (HWG) und 3. die AMWHV (Arzneimittel- und Wirkstoff-Herstellungs-Verordnung). Das Arzneimittelgesetz (http://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/) soll die sichere Versorgung mit Arzneimitteln gewährleisten. Erst seit 1971 ist es gesetzlich festgelegt, Arzneimittel nicht nur zu registrieren, sondern auch nach bestimmten Richtlinien zu prüfen. Besonders die in den 70er Jahren populär werdenden Contergan-Fälle führten zu Forderungen nach erhöhter Arzneimittelsicherheit.

Das Gesetz über die Werbung auf dem Gebiet des Heilwesens (http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/heilmwerbg/gesamt.pdf) reglementiert, wie und für welche Arzneimittel geworben werden darf. So darf z.B. nicht für Medikamente gegen Krebs geworben werden und kein Erfolgsversprechen gemacht werden. Auch der allen bekannte Satz „zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ ist in diesem Gesetz festgelegt. Die Arzneimittel- und Wirkstoff-Herstellungs-Verordnung (http://www.gesetze-im-internet.de/amwhv/) schließlich sorgt für eine gute Herstellungspraxis und ein ausreichendes Qualitätsmanagement in der Arzneimittelproduktion.

Auf internationaler Ebene gibt es die ICH, die International Conference of Harmonisation (http://www.ich.org/home.html) die als Organisation Vertreter aus Industrie und den Zulassungsbehörden zusammenbringen soll, um Richtlinien zur Arzneimittelzulassung untereinander abzustimmen.

Interessenverbände in Deutschland

Neben der rechtlichen Kontrolle organisieren sich die Pharmaunternehmen in verschiedenen Dach- und Interessenverbänden, wie dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, der 240 Unternehmen zusammenfasst (http://www.bpi.de/bpi/der-bpi/portrait/), dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (https://www.vfa.de/) , der aus 44 Pharmakonzernen hervorgeht und den Großteil der deutschen Arzneimittelhersteller repräsentiert und dem Bundesverband der Arzneimittelhersteller (https://www.bah-bonn.de/) . Dieser ist die mitgliederstärkste Organisation unter den Dreien und Bindeglied zwischen Industrie und Politik.

Kritik an der Pharmaindustrie

Das Problem ist, das Pharmaunternehmen von der Forschung bis zur Herstellung und Vermarktung alle Schritte selbst übernehmen, und gleichzeitig ein enormes wirtschaftliches Interesse an der Vermarktung haben. Im Gegenzug gibt es zu wenige staatlich geförderte Kontrollen und unabhängige Arzneimittelforschung, die das Bild korrigieren könnte. So kommen Medikamente zu schnell auf den Markt. Organisationen, die das verhindern wollen, sind beispielsweise die Initiative Alltrials. (http://www.alltrials.net/)

Laut Arzt und Pharmakritiker Peter Gotzsche nehmen die Pharmaunternehmen zudem auf zu vielen Ebenen Einfluss. Sie wirken auf Ärzte, Politiker und Konsumenten ein. In einem Artikel auf der Website der Süddeutschen Zeitung (http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/kritik-an-arzneimittelherstellern-die-pharmaindustrie-ist-schlimmer-als-die-mafia-1.2267631-2) berichtet er von mehreren Prozessen gegen Pharmaunternehmen, die mit Geldzahlungen eingestellt wurden, und vergleicht das Vorgehen der Pharmaindustrie mit dem der Mafia.

Deutschland im internationalen Vergleich

Laut statistischem Bundesamt ist der deutsche Gesundheitsmarkt der größte in Europa und der drittgrößte weltweit. Jeder 6. in der Pharmaindustrie angestellte Arbeitnehmer in Europa arbeitet zudem in Deutschland, was Deutschland zum größten Pharmastandort in Europa macht. Nach der Schweiz ist Deutschland zudem der größte Pharmaproduzent Europas. Außerdem ist die Pharmaindustrie der bedeutendste Industriezweig mit der größten Bruttowertschöpfung. (Institut der Deutschen Wirtschaft Köln) All diese Fakten zeigen, dass Deutschland in der Pharmaindustrie vorne mitspielt und zu den wichtigsten Standorten weltweit gehört.

Quellen

Die Pharmaindustrie – Einblick, Durchblick, Perspektiven, 4. Auflage – Fischer,Breitenbach, Spektrum Verlag;
http://www.pharmastandort.de/presse/vortraege/beitrag/musterpraesentation-die-pharmaindustrie-in-deutschland-130594









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