Von allen Seiten wird er beklagt: Der Landarztmangel. Das Problem ist nicht neu. Doch getan hat sich bisher wenig. Dabei sind die Zahlen alarmierend: In den ländlichen Gebieten fehlen nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung schon jetzt etwa 2600 Hausarztpraxen für die medizinische Grundversorgung. Und die Lage spitzt sich weiter zu. Aufgrund der demographischen Entwicklung innerhalb der Ärzteschaft gehen immer mehr Hausärzte in Ruhestand, sodass in den kommenden zehn Jahren 51.000 Hausarztstellen neu zu besetzen sein werden. Doch fehlt dafür der medizinische Nachwuchs. Kaum ein Mediziner will nach seiner Ausbildung mehr aufs Land. Was aber sind die Gründe für das Desinteresse der jungen Ärzte?
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Bild: “Bodie Ghosttown SP” von Rick Cooper. Lizenz: CC BY 2.0


Hausarzt ja, aber…

Ein fehlendes Interesse für die hausärztliche Tätigkeit, wie es von Verbänden und Kassenärztlichen  Vereinigungen (KVen) lange Zeit vermutet wurde, scheint es nicht zu sein. Dies zeigt eine bundesweite Umfrage der Universität Trier, an der 13,5% aller Medizinstudierenden in Deutschland teilnahmen. Mit 34,5% der Stimmen belegte das Fach Allgemeinmedizin den zweiten Platz innerhalb der Präferenzliste der zukünftigen Ärzte und landete damit knapp hinter der Inneren Medizin, die mit 45,6 % der Stimmen das Rennen machte.

Doch eine landärztliche Tätigkeit können sich nur wenige vorstellen. Auf die Frage „Wo möchten Sie auf keinen Fall arbeiten?“ sprachen sich 46,4% der Befragten gegen eine Tätigkeit in einer Landgemeinde mit weniger als 2000 Einwohnern aus. Gemeinden mit bis zu 5000 Einwohnern stießen bei noch 39,4% der Befragten auf Ablehnung. Hoch im Kurs stehen dagegen städtische Regionen. Gefragt sind vor allem Hamburg, Berlin und Nordrhein- Westfalen.

Landleben ist öde

Mit ihrer Vorliebe für die Stadt sind die Mediziner nicht allein. Immer mehr  junge Leute, aber auch junge Familien, wenden den ländlichen Regionen den Rücken zu und ziehen in die Metropolen. Dabei sind es nicht nur die besseren Ausbildungs- und Jobaussichten die die Attraktivität der Großstädte ausmacht. Anziehungsmagnet sind vor allem das städtische Lebensgefühl und die vielfältigen kulturellen Angebote, die in den kleinen Kommunen aufgrund klammer Kassen allzu oft dem Rotstift zum Opfer fallen.

Halten die Wanderungsbwegungen aus den ländlichen Regionen in die Ballungszentren an, so wird im Jahr 2030  bereits jeder dritte Bundesbürger im Einzugegebiet einer Großstadt wohnen. So prognostiziert es das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln.

Arbeitsbedingungen

Neben der geänderten Wohnsituation haben sich auch die Erwartungen der Uniabsolventen an ihre zukünftige Berufstätigkeit gewandelt. Fast 95% der Teilnehmer der Trierer Umfrage wünschen sich eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf , 84% sprechen sich für geregelte Arbeitszeiten aus und 63,6% präferieren das Arbeiten im Team. 60- 70 Stunden- Wochen, wie sie bei Landärzten die Regel sind, und die Einzelkämpferposition des Arztes schrecken die  Studierenden dagegen ab.

Finanzielle Risiken

Nicht unerheblich, für Berufseinsteiger aber eher nebensächlich, sind auch die finanziellen Risiken, die mit einer Niederlassung auf dem Land verbunden sind. Dies liegt zum einen an der Altersstruktur der Bevölkerung. Durch die zunehmende Verstädterung ist die Zahl alter und multimorbider Patienten auf dem Land höher als in den stadtnahen Regionen, und mit ihr auch der Heilmittelbedarf.

Überschreitet der Niedergelassene die von den KVen vorgegebenen Budgetgrenzen, drohen kostspielige Regresse. Zwar verspricht das seit 2012 geltende Versorgungsstrukturgesetz eine Lockerung des Regressrisikos, doch klagen viele auf dem Land tätigen Ärzte auch weiterhin über die z.T. existenzgefährdenden Forderungen der KVen.

Unsicher ist zudem die Wertentwicklung ländlicher Praxen, wenn sich der bisherige Nachfragetrend weiter fortsetzt.Sicher scheint aber heute schon: Wer die Investition in eine Landarztpraxis als eine gewinnbringende Form der Altersvorsorge ansieht, der ist auf dem Holzweg.

Reaktionen der Akteure

Bund und KVen sind sich der prekären Lage durchaus bewusst. Reaktionen in Form von konkreten Maßnahmen erfolgten aber nur sehr zögerlich und halbherzig. So wurde 2012  mit dem Versorgungsstrukturgesetz die Residenzpflicht abgeschafft. Hausärzte müssen seither nicht mehr an dem Ort wohnen, an dem sie praktizieren. Zudem wurde die Eröffnung von Zweigpraxen vereinfacht und den KVen das Recht eingeräumt eigene Praxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu betreiben, in denen Ärzte im Angestelltenverhältnis arbeiten.

Dies scheint im Hinblick auf die Bedürfnisse der zukünftigen Ärzte (Teamarbeit, geregelte Arbeitszeiten) ein richtiger Schritt zu sein. Doch was bringt die vermeintliche Besserung der Arbeitszeiten, wenn sich nicht genügend Mediziner für entsprechende Versorgungseinrichtungen finden lassen? Um das Interesse für die Allgemeinmedizin unter Studierenden zu fördern wurde mit der Novellierung der Ärztlichen Approbationsordnung 2012 die Pflichtfamulatur beim Hausarzt eingeführt.

Die Forderung nach einem Pflichtquartal Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr scheiterte am Widerstand der Studierendenschaft. Angesichts der nachweislichen Beliebtheit des Faches unter den Studierenden scheint ein solches auch als unangebracht und überzogen. Auch finanzielle Anreize sollen die Mediziner von Morgen aufs Land und in die Hausarztpraxen locken.

50.000€ Startzuschuss bietet etwa die KV Niedersachsen für eine Praxiseröffnung auf dem Lande. Zusätzlich fordern Experten einen kräftigen Zuwachs der Vergütung von Landärzten. Doch ob höhere Gehälter und finanzielle Anreize die Lösung sind ist fraglich. Schließlich lassen sich entsprechende Einkünfte mit einem unerheblicheren Aufwand auch in einer städtischen Hausarztpraxis realisieren.

Fazit

Der Landarztmangel scheint nicht die maßgeblich Folge einer mangelnden universitären Ausbildung im Fach Allgemeinmedizin zu sein, wie es seitens der Verbände so oft propagiert wurde. Er ist auch nicht allein auf eine Untervergütung der Landärzte zurückzuführen.

Die Gründe scheinen vielmehr in den geänderten Ansprüchen an Wohnumfeld und Arbeitsbedingungen der neuen Medizinergeneration zu liegen. Maßnahmen, sofern sie erfolgreich sein sollen, müssen dies im Blick behalten. Ziel muss es sein, das Leben in den kleinen Kommunen wieder attraktiver zu machen. Und dies nicht ausschließlich für Ärzte.



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