Man kann sich mit Fug und Recht die Frage stellen, was man selbst von seinem ehrenamtlichen Einsatz hat – respektive, warum man tut, was man tut. Will man etwas für andere Menschen tun? Für seine Überzeugungen einstehen? Die Welt verbessern, wenigstens im Kleinen? Funktioniert das – und welchen Preis bezahlt man eigentlich dafür? Der folgende Beitrag wird diese Fragen klären.
Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann lernen Sie doch einfach online. Wählen Sie hier einfach einen oder mehrere Online-Kurse und starten Sie kostenlos.

ehrenamtliches Engagement

Bild: „Sailor volunteers her time while in Malaysia“ von Official U.S. Navy Page. Lizenz: CC BY 2.0


„Vielleicht stört mich auch, dass dieses Ehrenamt als so selbstverständlich hingenommen wird, als würde es ewig nachwachsende Menschen geben, die ihre Zeit opfern, um einem zu helfen“, schreibt User ‚Kah‘ im UNICUM-Forum. Die Arbeit für die Fachschaft sei einfach frustrierend, zeitintensiv, und von den Nutznießern seines freiwilligen Engagements würden vielfach nicht einmal bemerken, was die studentische Initiative leiste: Wenig Dank, dafür viel Kritik – oder schlichte Ignoranz.

‚Kah‘ schreibt: „Fachschaftsratsarbeit in meinem Institut bringt nichts als Menschenkenntnisse, die man lieber nie gehabt hätte, und viele Prüfungen. Vielleicht ist das auch eine gute Schule, wenn man davon ausgeht, dass es im Arbeitsleben auch so ist, aber dann werde ich keine 40 Jahre arbeiten können vor dem totalen Burnout.“ Das Ehrenamt als Belastungsfaktor? Sollte man es also im eigenen Interesse besser sein lassen, und sich auf das Studium konzentrieren?

Längere Studiendauer rechtfertigen und Eindruck machen

Das Engagement für den guten Zweck ist kein reiner Altruismus. 2006 hat Lars Fischer in seiner HISBUS-Studie untersucht, ob, wie und warum Studierende ehrenamtlich arbeiten. Fazit: Viele Studierende haben neben idealistischen Motiven auch ihre Karriere im Blick, wenn sie sich für gemeinnützige Projekte einsetzen. Fischer formuliert es in seiner Studie so:

„Bei den Gründen für gesellschaftliches Engagement ist eine eher utilitaristische Ausrichtung der Befragten hervorzuheben. 56 % glauben, dass gesellschaftliches Engagement bessere Chancen im späteren Berufsleben eröffnet […]. Eine idealistische Motivation für gesellschaftliches Engagement steht scheinbar hinter diesen Gründen zurück. 43 % der Befragten stimmen der Aussage zu, dass bestimmte Themen so wichtig seien, dass sie sich einfach engagieren müssen.“ (S.21)

Die Kienbaum Personal-, Unternehmens- und Kommunikationsberatung fand in einer ihrer „High-Potential“-Studien heraus, dass für annähernd 80 Prozent aller Unternehmen in Deutschland, außercurriculares Engagement wichtig bis unabdingbar ist, wenn es darum geht, die Top-Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Insbesondere Großunternehmen legen neben fachlicher Exzellenz gesteigerten Wert auf den menschlichen Faktor.

Wer aus der Masse der Bewerber hervorstechen will, muss mehr zu bieten haben als die Basiskriterien, zu denen Praktika oder Auslandsaufenthalte längst ganz selbstverständlich gehören. Freiwilliges Engagement zum Beispiel. „Soziales Engagement ist bei uns kein zwingendes Kriterium, nur ein Nice-to-have“, erklärt Beate Meyer-Hentschel, die bei EON für das Personalmarketing verantwortlich ist. Aber: „Wenn jemand länger als üblich studiert hat, aber nebenbei etwa beim Roten Kreuz aktiv war, dann schauen wir auch mal über die lange Studienzeit hinweg“.

Zusatzqualifikationen und Soft Skills

Das Statement „Gesellschaftliches Engagement bietet mir eine gute Chance, mich weiterzuqualifizieren“ findet in Fischers Studie bei 66% der aktiven und bei 42% der nicht aktiven Studierenden Zustimmung. Karriereberaterin Svenja Hofert meint dazu: „Personaler schauen natürlich auf ehrenamtliches Engagement. Wenn jemand über lange Jahre in der Fachschaft arbeitet, dann beweist das Konsequenz. Zudem zeigt dies, dass jemand auch einmal über den eigenen Tellerrand blickt.“

„Soziales Engagement nötigt Respekt ab, da muss es nicht unbedingt ein Notendurchschnitt von 1,0 sein“, stimmt auch Karriereberater Jürgen Hesse zu. Berufseinsteiger erwerben außerdem wertvolle Erfahrungen und Kompetenzen, um die fehlende Berufserfahrung wettzumachen. Soft Skills wie Organisationsvermögen, Geduld oder die Fähigkeit zum aufmerksamen Umgang mit Menschen punkten.

Insbesondere Soziales Engagement, das mit Menschen zu tun hat, kommt bei Personalern gut an, meint der Karriereberater. Ehrenämter beweisen generell Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein. Aber: „Wenn ich für Kinder im Krankenhaus den Clown spiele, hat das einen anderen Klang als die Hilfe für minderjährige Prostituierte“.

Vorsicht geboten ist auch bei politischen Ehrenämtern. Klugerweise wäre es hier im Vorstellungsgespräch zu vermeiden, auf die inhaltlichen Positionen einzugehen – es sei denn, der Arbeitgeber vertritt eine eindeutige Haltung, die mit der Ihrer Organisation oder Partei übereinstimmt. Betonen Sie lieber die Kompetenzen, die Sie durch die politische Arbeit erworben haben.

Weitere Fallstricke, die es zu vermeiden gilt, sind Prioritätensetzung und Glaubwürdigkeit: „Man muss Auskunft darüber geben können, warum man sich engagiert und was man dort gelernt hat„, erläutert Hesse. Wer ins Straucheln gerät, sobald er konkrete Situationen seiner freiwilligen Arbeit beschreiben oder Details nennen soll, entlarvt sich schnell als Heuchler. Der Arbeitgeber darf auch nicht den Eindruck bekommen, dass Ihre berufliche Tätigkeit unter dem freiwilligen Engagement leiden könnte. Ein Amt reiche deshalb völlig aus. „Zu viel ist verdächtig“, sagt Hesse.

Gut orientiert in den Beruf starten

Hochschulforscher Fischer fand auch heraus, dass die Aussage, dass aufgrund eines sehr zeitintensiven Studiums kein gesellschaftliches Engagement möglich sei, breite Zustimmung unter den Studierenden fand – insbesondere bei denjenigen, die keinem entsprechenden Freiwilligenjob nachgingen. Dennoch: Immerhin die Hälfte der Befragten stimmte insgesamt zu, lediglich ein Viertel sah es anders.

Eine Varianz diesbezüglich gab aus auch im Hinblick auf die Studienfächer. Sozial- und Geisteswissenschaftler engagierten sich häufiger als Naturwissenschaftler und Mediziner. 42% der Studierenden der Mathematik oder Naturwissenschaften sagen, dass sie ihre freie Zeit lieber anders verwenden. Bei Medizinern steht eher der zeitliche Faktor im Vordergrund. (S. 22)

Das mag möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass in den erstgenannten Fächern junge Menschen sitzen, die von sich aus ein größeres Interesse an sozialen und gesellschaftlichen Fragestellungen haben. Oder daran, dass die berufliche Orientierung weniger klar ist, in naturwissenschaftlichen Bereichen.

„Ich würde versuchen, über das Ehrenamt herauszufinden, was mir beruflich liegt.“ rät Lars Fischer deshalb. Ehrenamtliches Engagement kann gerade für Sozial- und Geisteswissenschaftler dazu beitragen, sich zu orientieren, was ihre zukünftige Verortung im Erwerbsleben betrifft. Damit liegt er auf einer Linie mit Karriereberater Hesse, der empfiehlt: „Im weitesten Sinne sollte das Engagement etwas mit dem eigenen Beruf zu tun haben. Eine angehende PR-Referentin könnte zum Beispiel das Pressebüro einer sozialen Initiative leiten.“

Sich von der grauen Masse abheben

„Ich finde es gut, wenn Bewerber nicht nur ‚Lesen und Schwimmen‘ in ihrem CV angeben. Vielleicht bekommt man durch ein besonderes Hobby völlig neue Anregungen. Die kommen wieder dem Job zu Gute. Außerdem ist es immer von Vorteil, sich von der Masse abzuheben. Die Bewerbung von der Bauchtänzerin bleibt dann vielleicht besonders hängen.“

Mit dieser Auffassung steht Christina Conrad, HR-Managerin bei Bertelsmann, nicht allein. Ein ausgefallenes Hobby, das den Arbeitgeber nicht dazu verleitet, sich die Frage zu stellen, an wie vielen Tagen Sie aufgrund von Verletzungen und ähnlichem ausfallen werden, kann das Zünglein an der Waage sein. Das gilt umso mehr für eine ehrenamtliche Tätigkeit, mit der Sie belegen, dass Sie obendrein leistungswillig und zielstrebig sind.

Kontakte knüpfen und Wohlfühlen

Zurück zu ‚Kah‘ aus dem UNICUM-Forum: Bei der langfristigen und persönlichen Arbeit mit ausländischen Studierenden habe er andere Erfahrungen mit freiwilligem Einsatz gemacht, schreibt er: „Dadurch entstehen mitunter tatsächlich Freundschaften und man kann selber sehen, wie Fortschritte auch Freude bringen.“

Damit spricht er einen Punkt an, der ehrenamtliches Engagement seit jeher attraktiv macht: Erleben, was man an positiven Dingen in der Welt bewirken kann. Das tut uns gut. Doch damit nicht genug – mitunter knüpft man auch wertvolle Kontakte, seien das nun neue Freundschaften oder beruflich wertvolle Bekanntschaften. Darauf zielt auch die Antwort von User ‚Andy‘ ab, der ‚Kah‘ im UNICUM-Forum antwortet:

„Ich habe während meiner Fachschaftsarbeit viele Leute kennengelernt. Und in fünf Jahren Studium bin ich sehr viel offener im Umgang mit Menschen geworden, wie in den 20 Jahren zuvor nicht. Ich habe durch die Fachschaftsarbeit mich nicht nur bei Mitstudenten (un-)beliebt gemacht, sondern auch bei Professoren. So eröffnete mir meine langjährige Fachschafts- und Gremienarbeit die Mitarbeit in einem Projekt bei einem Professor, weil er mich für dieses Projekt kompetent hielt. Und von diesem Projekt ausgehend konnte ich mich bei einem anderen Professor weiterempfehlen. Was schließlich dazu führte, dass ich mir bei ihm die letzten Jahre meines Studiums recht komfortoba durch einen HiWi-Job finanzieren konnte.“

Fazit

Sechs gute Gründe für freiwilliges Engagement während des Studiums haben wir Ihnen versprochen. Hier finden Sie sie noch einmal zusammengefasst:

  1. Es erlaubt Ihnen, Ihre Wertvorstellungen zu entwickeln, für Ihre Ideale einzustehen, jemandem ohne Gegenleistung zu helfen. Sie dürfen das Gefühl genießen, die Welt an dieser Stelle ein wenig besser zu machen durch Ihr Handeln.
  1. Es hilft Ihnen dabei, Ihren beruflichen Werdegang zu konkretisieren. Sie lernen etwas über sich und die Welt, und haben die Chance, ein mögliches Berufsfeld unverbindlich kennen zu lernen. Das macht Ihnen die Orientierung und den Einstieg deutlich leichter.
  1. Es kommt Ihnen bei der Entwicklung eigener Fähigkeiten und Kompetenzen zugute. Sie können gut ausgebildete Talente verfeinern und unter Beweis stellen, neue nützliche Fertigkeit entdecken, und Erfahrungen machen. Für Ihr Sozialverhalten ist es in jedem Fall gut.
  1. Es macht einen positiven Eindruck bei Ihrem potenziellen Arbeitgeber in vielerlei Hinsicht. Außerdem fällt eine lange Studiendauer damit nicht mehr so ins Gewicht. Auch für die Vergabe von Stipendien spielt das Ehrenamt eine wichtige Rolle.
  1. Es unterstützt Sie dabei, sich als Persönlichkeit zu entwickeln und sich individuell abzugrenzen. Wer ist schon gerne langweilig? Sie heben sich von der Masse durch das ab, was Sie tun.
  1. Es verhilft Ihnen zu bereichernden zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie werden vielleicht neue Freundschaften knüpfen, wichtige Entscheider und Multiplikatoren kennen lernen und so Ihr Netzwerk erweitern.

Lassen Sie sich also nicht aufhalten – retten Sie ein bisschen die Welt.

Quellen

Studium – und darüber hinaus?

Öko-Aktivisten: Wir machen die Uni grün via Spiegel

Personaler stehen auf soziales Engegement via karriere.de

Ehrenamt im Lebenslauf via UNICUM.de

Hula tanzen und zweifelhaftes Engegement via e-fellows.net

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *