Herr Prof. Dr. Baumgartner, Sie sind Universitätsprofessor für technologieunterstütztes Lernen und
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Multimedia sowie Leiter des Departments für Interaktive Medien und Bildungstechnologien an der Donau-Universität Krems und betreiben nebenbei einen Blog für E-Learning und Didaktik. Wie kamen Sie zum Bloggen und welche Themen inspirieren Sie für Beiträge?

Zum Bloggen bin ich ursprünglich natürlich durch meine berufliche Beschäftigung mit Bildungstechnologien gekommen. Ich halte es für wichtig, dass Medien-ProfessorInnen nicht nur über Medienverhalten schreiben,sondern auch “Selbstversuche” machen. Nach einiger Zeit habe ich dann bemerkt, dass Bloggen auch für meine persönliche inhaltliche Auseinandersetzung wichtig ist.Die kurze Antwort (für Twitter mit genau 140 Zeichen) zu meiner Motivation für Blogging  lautet: “Ich blogge, weil das Schreiben für ein öffentliches Publikum mich zwingt, Ideen systematisch auszuarbeiten und verständlich zu kommunizieren.” Die lange Antwort habe ich bereits in einem früheren Artikel Warum blogge ich? ausführlich dargelegt. – Ich habe den Beitrag soeben mir nochmals durchgelesen.
Der Text ist nach wie vor aktuelle, ich habe da aktuell nichts hinzuzufügen oder abzuändern.

Sie haben als Professor an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland gearbeitet. Welche Anwendungsunterschiede gibt es im Bereich des E-Learning?  

Das ist für mich eine spannende Fragestellung, weil ich mir das so im Gesamtzusammenhang noch nie überlegt habe. Ich habe mir das im Detail für die einzelnen Universitäten, an denen ich gearbeitet habe, überlegt. Neben einer Reihe konzeptueller Faktoren (Zeitpunkt, Art und Stellung meiner Professor im Rahmen der jeweiligen Professur) habe ich zusammenfassend zwei charakteristische Mega-Trends bemerkt: E-Learning als verbessertes Lernmanagement und Maßnahme zur Qualitätssicherung E-Learning als didaktische Innovation und Maßnahme zur Steigerung der Lernqualität Diese von mir vorgenommen analytische Trennung bedeutet nicht, dass es sich bei diesen beiden Trends um sich gegenseitig ausschließende Alternativen handelt. Ganz im Gegenteil: Gerade in ihrer Verknüpfung erzeugen diese beiden Strategien ihre synergetische Wirkung und wird E-Learning zum Erfolgsfaktor. Ich behaupte auch nicht, dass innerhalb einer Universität ganz klar die Tendenzen festzumachen sind, sondern dass es durchaus ganz unterschiedliche Schwerpunkte in den einzelnen Instituten und Fakultäten geben kann.
Im ersten Fall wird E-Learning als ein Mittel der universitären Organisationsentwicklung und als Verwaltungsinstrument gesehen,
E-Learning als Mittel der Organisationsentwicklung und als Verwaltungsinstrument: Das ist die äußere Seite von E-Learning, die sich auf strukturelle Prozesse der Lernorganisation bezieht.
1.  weil sich Lerninhalte leichter und billiger an die Studierenden verteilen lassen,
2.  weil gewisse prozessuale Qualitätsstandards systemweit leichter umgesetzt und überprüft werden können,
3.  weil sich – relativ unabhängig von der Anzahl der Studierenden – die Lernorganisation leichter (zentral) managen lässt.
Im zweiten Fall wird E-Learning als ein hochschuldidaktisches Mittel gesehen, E-Learning als hochschuldidaktischen Instrument zur Verbesserung der Lernergebnisse: Das ist die innere Seite von E-Learning, die sich auf strukturelle Prozesse der Kompetenzentwicklung
bezieht.

1.  weil sich Inhalte vielfältiger und besser durch mediale Unterstützung aufbereiten lassen (multiple Repräsentation, multiple sensorische Modalitäten),
2.  weil inhaltliche Wechselwirkungen (z.B. mit Simulationen oder Mikrowelten)  erfahrbar werden und damit höhere kognitive Lernprozesse besser unterstützt werden können (konstruktivistische Didaktik, didaktische Interaktion),
3.  weil besser auf die individuelle inhaltlichen Bedürfnisse unabhängig von Zeit, Raum und Rücksicht genommen werden kann (individualisiertes Lernen, selbstgesteuertes Lernen) Ich möchte diese beiden Aspekte als die äußere und innere Seite von E-Learning bezeichnen. Eine Einschätzung der jeweiligen Universität, der ich zu einem gewissen Zeitpunkt angehörte, macht aus heutiger Sicht wenig Sinn.

Ich will es daher bei der Auflistung und Darstellung der beiden E-Learning Mega-Trends belassen.

Als E-Learning Spezialist müssen Sie es wissen: ist E-Learning eine Zukunft und wie wird es sich weiter
entwickeln? Gibt es bestimmte Tendenzen? Welche Vor- und Nachteile sehen Sie im E-Learning?
Das ist die oben bereits erwähnte Allerwelts-Frage. Weil ich auf die Vor- und Nachteile von E-Learning in vielen meiner Beiträge schon eingegangen bin, beschränke ich mich auf einige Aussagen zur zukünftigen Entwicklung und möchte einige bereits heute absehbare Tendenzen ansprechen.
Tendenz 1: Integration
Aus didaktischer Sicht ist es wichtig anzumerken, dass E-Learning als eine (weitere) Form des Lernens zu betrachten ist und in zunehmenden Maße in die allgemeine Didaktik integriert werden wird. Wenn wir von didaktischer Planung oder didaktischem Design sprechen, dann ist dabei in zunehmenden Maße E-Learning nicht mehr eine spezielle Methode, sondern wir zu einem integrativen Bestandteil (fast) aller Lernprozesse.

Tendenz 2: Kohärenz
Diese Integration betrifft nicht nur die Zusammenführung von E-Learning und allgemeiner Didaktik, sondern auch die einheitliche (oder holistische) Planung jener Lernphasen, die – bei einem Blended-Learning Arrangement – zum selben Modul gehören. Die bruchlose und stimmige (=kohärente) Gestaltung des gesamten Lehr- bzw. Lernprozesses wird zu einem der wichtigsten Gütesiegel technologieunterstützter Aus- und Weiterbildung.

Tendenz 3: Ubiquität
Diese Tendenz hat zwei Seiten: Einerseits durchdringen Computer durch ihre immer kleiner werdenden Abmessungen, die gleichzeitig auch mit Leistungssteigerung verbunden ist (z.B. Tablett-PC, Smartphones) alle Lebensbereiche. (“Computer sind überall!”) Andererseits werden immer mehr Gebrauchsgegenstände durch den Einbau von Chips computerisiert (Gadgets, wearable Computers wie z.B. Uhr, Pulsmesser, Brille, Gürtel etc.), die Informationen liefern, die für selbstgesteuerte Lernprozessen genutzt werden können.  (“Alles ist ein
Computer!”)Damit wird situiertes Lernen immer besser unterstützt und die bereits bekannten Lernsettings (mobile Learning, MicroLearning) werden nicht nur an Bedeutung zunehmen, sondern es tauchen weitere – bis jetzt noch relativ wenig genutzte – Lernarrangements wie Virtual Reality und Quantified Self [1] im Alltagsleben auf.

Tendenz 4: Kollaboration
Das frühere Internet (Web 1.0) hatte als seinen wesentlichen Vorteil, dass Texte nicht mehr sequentiell, sondern Inhalte durch Hyperlinks auch vernetzt verknüpft werden konnten. Web 2.0 verbindet nun nicht nur Texte sondern Personen mit gleichem Interesse. Damit wird eine über lokale und nationale Grenzen hinausgehende Zusammenarbeit mit Personen möglich, die sich nur über ihre gemeinsamen Interesse finden. Über das Internet können sich riesige Lerngemeinschaften zusammenfinden und zu gemeinsamen Lernprozessen organisieren (z.B. MOOCs, Federated Wikis).

Tendenz 5: Validierung
In unserer heutigen Gesellschaft wird nichtformales und informelles Lernen an Bedeutung gewinnen und damit werden auch jene Prozesse wichtiger, die dieses – wie auch immer –erworbene Wissen bewerten (validieren). Lernprozesse werden sich dadurch aus den engen Rahmen von Bildungsinstutitonen hinaus entwickeln. Das betrifft dann auch E-Learning weil es sich in vielen neuen sozialen Settings und neuen organisatorischen Arrangements etablieren wird. Es wird sich eine E-Learning Infrastruktur entwickeln, die die Validierung von nichtformalen und informellen Lernprozessen unterstützt (z.B. Open Badges) Damit schließe ich diese Antworten auf die Interviewfragen von Lecturio.de.

Vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen!

Das Interview kann ebenso auf Peter Baumgartners Blog nachgelesen werden.

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