Wir feiern unseren Fortschritt, lieben unsere technischen Innovationen und sind uns verdammt sicher, so viel weiter entwickelt als die Höhlenmenschen zu sein. Doch was, wenn die Menschheit damit einem gewaltigen Irrtum unterliegt? Was, wenn wir immer dümmer, anstatt schlauer werden? Diese prekäre Frage wirft Gerald Crabtree nun im Englisch-sprachigen Wissenschaftsjournal „Trends in Genetics“ auf. Was es mit dieser gewagten These wirklich auf sich hat, erfahren Sie hier.
Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann lernen Sie doch einfach online. Wählen Sie hier einfach einen oder mehrere Online-Kurse und starten Sie kostenlos.

Bild: Wooden Sculpture of Science Genetics von epSos.de. Lizenz: CC BY 2.0


Was hat Intelligenz mit WhatsApp zu tun?

Crabtree hinterfragt die allgemein Annahme, dass Errungenschaften unseres Zeitalters wie mobile Telefonie, Automobile, Fernsehen oder Internet mit dem Fortschrittsgedanken, der auf Intelligenz zielt, gleichzusetzen sind. Unsere Vorfahren waren in gewisser Weise viel eher an ihre Umwelt angepasst als der moderne Mensch. Während das Jagen und Sammeln von Nahrung spezielles Wissen und Intelligenz voraussetzt, langweilen wir uns heutzutage an der Fleischtheke und haben den entsprechenden Wissensschatz längst verlernt. Oder würden Sie noch Ihr eigenes Fleisch jagen können?

Damit definiert der US-amerikanische Zellbiologe, der schon mehr als 125 wissenschaftliche Arbeiten publiziert hat, den Begriff der Intelligenz relativ eigen. Crabtree konzentriert sich in seinem Papier weniger auf eine abstrahierende Intelligenz, als auf deren funktionellen Charakter. War ein Höhlenmensch nicht intelligent genug zur Jagd, wurde dieser wahrscheinlich ziemlich bald von einem Mammut überrannt. Wer dagegen besonders gut jagen konnte, hatte erheblich bessere Aussichten, lange zu leben und dabei auch seine Gene weiterzugeben. Ganz nach dem Klassiker der Evolutionstheorie Darwin überlebten so die schlauesten, am besten angepasstesten Menschen.

Wir fördern Dummheit, keine Intelligenz

Doch genau dieser natürliche Selektionsprozess, der die menschliche Intelligenz eigentlich fördern sollte, wird im Laufe unseres vermeintlichen Fortschritts immer ungenauer und greift heute gar nicht mehr, so jedenfalls der mehrfach ausgezeichnete Forscher weiter. Mit der Erfindung der Landwirtschaft beginnt die Menschheit, sich an festen Orten niederzulassen und immer dichter in Städten anzusiedeln. Plötzlich spielt die eigene Intelligenz keine überlebenswichtige Rolle mehr. Während bei der Jagd ein Missverständnis über Leben und Tod entscheiden konnte, wiegt ein Fehler in einer Stadt- oder Dorfgemeinde schon erheblich weniger. Schnell ist ein kompetenter Helfer an der Seite oder eine gemeinsame Lösung gefunden.

Sie ahnen nun sicherlich schon die Grundthese Crabtrees, oder sind Sie dazu etwa schon zu dumm?

Seine Grundidee lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Indem unsere Gesellschaft auch schwachen Mitgliedern ermöglicht, zu überleben, diese mit medizinischer Versorgung und sozialer Grundabsicherung fördert und so im Gegensatz zur natürlichen Selektion die Weitergabe ihrer Gene ermöglicht, fördern wir im technischen Zeitalter die Dummheit – und nicht Intelligenz.

Wenn uns ein Athener besuchen käme…

Der renommierte Forscher der kalifornischen Stanford University stellt zur Verdeutlichung seiner gewagten These ein Gedankenexperiment an. Käme uns ein Athener aus dem Zeitalter der Griechen besuchen, so will sich Crabtree sicher sein, der Zeitreisende wäre der hellste Kopf und das schlauste Intellekt überhaupt: „Wir wären überrascht von der Erinnerungsfähigkeit unseres Zeitreisenden, seinen breit aufgestellten Einfällen und seiner klaren Beurteilungsfähigkeit in Bezug auf Wichtigkeit. Außerdem würde ich schätzen, dass er oder sie zu den emotional stabilsten unserer Freunde und Kollegen gehören.“

Böse Mutationen, schlechte Gene

Crabtree argumentiert natürlich fachlich fundiert, rückt sich dabei allerdings ein bisschen zu nah an eugenisches Gedankengut. Als Beispiel dafür, was für schwerwiegende Folgen eine einzige Gen-Mutation haben kann, wählt er das Down-Syndrom und Autismus – das ist im Kontext seiner harschen Thesen mehr als unglücklich.

Allgemein hält der Genforscher Mutationen eher für schädlich als positiv, da der Forschung nach mindestens alle zwanzig bis fünfzig Generationen eine schädliche Mutation entsteht. So schlussfolgert er, dass nach 3000 Jahren Menschheit oder rund 120 Generationen jeder von uns mindestens zwei schädliche Gen-Mutationen abbekommen haben muss, die unserem Intellekt oder geregeltem Gefühlsleben schaden. Das ist fast der komplette theoretische Unterbau, den uns Crabtree liefert – und der steht wahrlich auf wackligen Beinen. Obwohl Crabtree nicht der strengen Schule des genetischen Determinismus folgt, definiert er Intelligenz ausschließlich über unsere Gene. Dass diese auch maßgeblich von Erziehung und Sozialisation geprägt wird, unterschlägt der Forscher.

Würden wir es überhaupt merken, wenn wir immer dümmer werden?

Trotzdem wirft die provokative Arbeit aus Stanford, die sich eher wie eine verrückte Erzählung als wie eine wissenschaftliche Abhandlung liest, interessante Fragen auf. Gesetzt, die Menschheit würde wirklich immer dümmer – würden wir das überhaupt merken können und woran? Was überhaupt bedeutet der Begriff der Intelligenz?

Wenn Crabtree Recht hat, stellt sich auch die Frage, wie eine Gesellschaft aussieht, die wirklich Intelligenz fördert – und ob wir überhaupt unter solchen Bedingungen leben wollen würden. Unzählbare Millionen von Menschen mussten im Kindesalter sterben, bis die medizinische Versorgung eingerichtet wurde. Und genau das ist es doch, was Selektion meint, also laut Crabtree in einer intelligenten Gesellschaft greifen müsse. Verglichen mit jedem anderen Zeitalter geht es uns heute aber verdammt gut, oder?

Was ist uns Intelligenz wert?

Um auf Crabtrees Gedankenexperiment zurückzukommen: Der Zeitreisende aus Athen wäre vielleicht einer der schlauesten Köpfe, aber er wäre sicherlich auch begeistert von modernen Institutionen wie der Polizei und dem Gericht. Ob er dann noch zu seinen ach so schlauen Griechen zurückkehren wollen würde, wo Mord und Totschlag an der Tagesordnung und eine Frage der Familienehre waren?

Bevor wir uns allerdings in diesen hochphilosophischen Gefilden verlieren, freuen wir uns lieber darüber, bald so dumm zu sein, uns gar nicht mehr mit solch abstraktem Kram abmühen zu können. Auch der kritische Forscher selbst bemerkt zum Abschluss seines nachdenklich stimmenden Papiers, er würde nun ein paar Bier trinken gehen und dann versuchen, Baseball zu gucken, sollte er die Fernbedienung endlich wieder zum Laufen bringen…



Können Sie gut im Job kommunizieren?

Machen Sie mit den 10 Praxissituationen unseres kostenlosen eBooks den Selbst-Test und erhalten Sie wertvolle Tipps zu:

Feedback geben und annehmen

Körpersprache

Typische Fehler und Fallen bei der Kommunikation

        EBOOK ANFORDERN        
Nein, danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

2 Gedanken zu „Wird die Menschheit immer dümmer?

  • eva sommerhoff

    in der jäger und sammlerkultur gab es kein privat Eigentum es war so geregelt vergriff sich einer daran und störte das Gemeinwesen musste er alleine in der wildniss überleben das war das Todesurteil mit anderen worten man hat das negative gleich ausgemerzt alles verlief friedlich erst die Entwicklung von Privateigentum und Arbeitsteilung veränderte sich alles bis in die heutige zeit .

    1. Müller

      Wenn man hier schon kommunistisches Gedankengut verbreiten will, dann würde ich zumindest empfehlen, Satzzeichen zu Hilfe zu nehmen. Stimmt auch noch die Orthografie kann man sich im nächsten Schritt Gedanken über den Inhalt des Geschriebenen machen. In welchem Zusammenhang das jetzt wieder mit dem Beitrag steht muss ich nicht erklären, oder?