Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten einiges rund um das Thema Homosexualität getan hat, gibt es noch Bereiche des Alltags, in denen ein Coming-Out noch immer nicht für alle Homosexuelle selbstverständlich ist. Gerade im Berufsleben fürchten sich einige noch, offen mit ihrer sexuellen Orientierung umzugehen. Dabei gibt es genug Gründe, wieso ein Coming-Out in jedem Fall besser ist als Schweigen.
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Bild: “Love” von Andrea. Lizenz: CC BY-SA 2.0

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Normalität und Alltag?

Das Thema Homosexualität ist schon seit einigen Jahren salonfähig. Sowohl die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen in einigen europäischen Staaten und in den USA, als auch die aktuelle Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zugunsten der Legalität gleichgeschlechtlicher Partnerschaften lassen keinen Zweifel daran bestehen.

Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn Betroffene jenseits großer Debatten über Gleichberechtigung und Vielfalt nach dem Umgang mit ihrer sexuellen Orientierung im Berufsalltag gefragt werden? Eine Umfrage des psychologischen Instituts Köln gibt Aufschluss darüber, dass es für einige Homosexuelle wohl immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, im Beruf offen mit der eigenen Sexualität umzugehen.

Für einige immer noch ein Versteckspiel

Für immerhin 10,1 % der Befragten kommt ein offenes Ansprechen ihrer Sexualität bei der Arbeit nicht in Frage, weitere 41,8 % trauen sich zumindest, mit einigen wenigen darüber zu sprechen. Es scheint, als sei die Befürchtung einer Benachteiligung und Diskriminierung noch immer in den Köpfen. Dabei hat sich die Gesellschaft in den letzten Jahren sehr geöffnet.

Das Outing am Arbeitsplatz verläuft für viele um einiges besser, als es noch vor 20 Jahren der Fall gewesen wäre. Für 85,6 % beziehungsweise 91,7 % der Befragten, die sich getraut haben mit mindestens der Hälfte ihrer Kollegen und Chefs offen zu sprechen, kamen überwiegend positive Reaktionen. Das sollte Outing-willigen Mut machen.

Die inzwischen relativ hohe Wahrscheinlichkeit auf positive Reaktionen zu treffen, ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb ein Outing die bessere Entscheidung ist. Die eigene sexuelle Orientierung zu verbergen, erweist sich für viele sehr oft als ein unglaublich kräftezehrendes und nervenaufreibendes Unterfangen. Soll man behaupten, man sei dauersingle oder den Partner ganz verleugnen? Oder wird aus dem Partner plötzlich eine gute Freundin oder der Bruder?

Wer sich verstellt und permanent darüber nachdenkt keine Fehler zu machen, um nicht aufzufliegen, wird schließlich auch im privaten Alltag damit anfangen, sich zu verstecken. Was, wenn nicht doch ein Kollege plötzlich um die Ecke kommt? Dies wäre ein großer Einschnitt in die persönliche Freiheit, den man sich selbst auferlegt.

Geoutete Menschen müssen sich darüber keine Sorgen machen. Sie leben ihre Freizeit entspannter und können sich bei der Arbeit auf das Wesentliche konzentrieren, ohne zu überlegen, was sie über das letzte Wochenende mit dem „Partner“ erzählen dürfen.

Also Outing! Und wie?

Wie also vorgehen? Möchte man zum Beispiel beim Bewerbungsgespräch von vorneherein mit offenen Karten spielen, muss man jedoch nicht mit der Tür ins Haus fallen und Personaler völlig kontextlos mit einem „Ich bin übrigens lesbisch!“ konfrontieren.

Die elegant eingebaute und beiläufig erwähnte Information, dass Sie und Ihre Lebensgefährtin beispielsweise neulich auf einem interessanten Kongress waren, gibt Ihnen einerseits die Möglichkeit, offen zu bleiben und Personaler haben die Chance, diese Information zur Kenntnis zu nehmen, ohne jedoch zwangsläufig ein direktes Statement dazu abgeben zu müssen.

Ihre Homosexualität darf bekannt sein und sollte für niemanden ein Problem darstellen. Dennoch dürfen Sie es dabei belassen und sollten akzeptieren, wenn Ihr Gegenüber nicht weiter darauf eingeht. Schließlich sollte die sexuelle Orientierung im Allgemeinen keine wirklich große Rolle bei der Arbeit spielen, solange jeder so bleiben darf, wie er ist.

Entscheiden Sie sich auch für einen toleranten Arbeitsplatz

Obwohl es seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gibt, befürchten einige, dass Sie eine begehrte Stelle aufgrund Ihrer Homosexualität nicht bekommen würden. Natürlich lässt sich Diskriminierung leider nicht immer verhindern und in einigen Fällen auch nur sehr schwer nachweisen.

Bevor Sie mit dem Outing jedoch zögern, sollten Sie sich fragen, ob Sie denn auch wirklich mit intoleranten Menschen zusammenarbeiten wollen. Im Zweifelsfall ist es doch besser, offen zu bleiben und dort zu arbeiten, wo man akzeptiert wird.

Für diejenigen, die sich die Suche nach einem toleranten und offenen Arbeitgeber einfacher gestalten wollen, gibt es die Karrieremesse Sticks and Stones (früher Milk), die ein Siegel an Unternehmen vergibt, bei denen sich Homosexuelle nicht verstellen müssen und willkommen sind.

Coming-Out gegenüber langjährigen Kollegen und Chefs

Wer sich von vorneherein outet, hat es eventuell leichter, als diejenigen, die sich erst nach Jahren öffnen können. Nichtsdestotrotz ist ein Coming-Out immer befreiend und kann für Klarheit sorgen. Dbna (Du bist nicht allein), eine Internetplattform rund um das Thema Coming-Out, rät dazu, sich allmählich an das Thema heranzutasten.

So könnte man entweder allgemein das Thema Homosexualität anhand einer Alltagssituation ins Gespräch bringen oder bei einem Kollegen anfangen, mit dem man sich sehr gut versteht und sich dann so langsam herantasten. In jedem Fall ist Geduld und auch Rücksicht Ihrerseits gefragt.

Fordern Sie besser nicht sofort eine Reaktion und führen Sie sich vor Augen, dass manche etwas Zeit brauchen, um nachzudenken und sich an die neue Situation zu gewöhnen. Das hat nichts mit ihrer grundsätzlichen Einstellung zu Ihnen oder Ihrer Lebensweise zu tun. Im besten Fall jedoch freuen sich Ihre Kollegen sogar für Sie und sind froh über Ihre Offenheit.

Was also tun?

Es gibt für keinen ein Patentrezept und jeder Mensch muss für sich selbst entscheiden, wie offen mit der eigenen sexuellen Orientierung umgegangen wird und auf welche Art man dies tun möchte. Wer sich jedoch so zeigt, wie er ist, lebt unbeschwerter und erlebt sehr wahrscheinlich mehr positive Überraschungen, was die Offenheit der Mitmenschen anbelangt. Sich zu trauen, lohnt sich im Grunde in jedem Fall.

Quellen

Umfrage des psychologischen Instituts Köln: Out im Office?! – Sexuelle Identität, (Anti-)Diskriminierung und Diversity am Arbeitsplatz

Karriermesse Sticks and Stones

Tipps zum Coming-out über Dbna

 

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