22 Prozent lautet die offizielle Zahl, die den Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern in Deutschland beschreibt. Jedoch zeigt ein Blick in die Statistiken, dass die Zahlen zum Teil drastischer klingen, als es in Wahrheit der Fall ist. Die Infografik zeigt die offiziellen Zahlen des Statistischen  Bundesamtes für 2013. Lesen Sie im Beitrag, warum es dennoch schwierig ist, den wahren Grad der Diskriminierung zu ermitteln.  
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Bild: “Untitled” von Giuseppe Milo. Lizenz: CC BY 2.0


Was ist der Equal Pay Day?

Der Equal Pay Day ist ein symbolischer Tag, der jedes Jahr neu, auf Basis des offiziellen Verdienstabstandes, festgesetzt wird. Symbolisch bedeutet, dass Frauen bis zu diesem Tag praktisch umsonst arbeiten. Deswegen ist es als Erfolg zu werten, wenn der Aktionstag früher als im Vorjahr stattfindet. In 2013 betrug der Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern 22%, die auf das Arbeitsjahr bzw. das Jahr gerechnet werden. Es ergaben sich 57 Arbeitstage bzw. 80 Kalendertage, in denen Frauen symbolisch nichts verdienten.

Somit fand in Deutschland der Equal Pay Day zuletzt am 21. März  2014 statt. Er wird regelmäßig seit 2008 durch das Frauenberufsnetzwerk BPW Germany e.V. organisiert. Für 2015 ist der Aktionstag auf den 20. März festgesetzt, was der Berechnung widerspricht! Hat sich der Organisator hier etwa verrechnet?

Übrigens, in anderen Ländern gelten andere Logiken, da der Equal Pay Day national organisiert wird. In Österreich findet der Aktionstag in der zweiten Jahreshälfte statt und markiert symbolisch jenen Tag, ab dem Frauen umsonst arbeiten. 2014 ist dies der 8. Oktober, was 23,2% Verdienstunterschied entspricht.

Seinen Ursprung hat der Tag jedoch in den USA, wo der Equal Pay Day seit 1966 verantaltet wird. Der Lohnunterschied damals: 41%.

3 Gründe, warum 22% Gehaltsunterschied mit Vorsicht zu genießen sind

Bei einer plakativen Zahl von „22% Gehaltsunterschied“ stellt sich die Frage nach den Ursachen. Ist es einzig und allein Diskriminierung oder gibt es andere Gründe, die zu diesem deutlichen Unterschied führen? Dass nicht jeder Unterschied automatisch auf Diskriminierung zurückzuführen ist, zeigt folgendes Beispiel: Betrachtet man den Verdienstabstand zwischen unter 18-jährigen und Erwachsenen, so liegt es auf der Hand, dass der Verdienstunterschied riesig ist. Ebenso liegt es auf der Hand, dass man dadurch nicht zwangsläufig eine Diskriminierung der Minderjährigen schlussfolgern kann.

Auch beim Verdienstunterschied der Geschlechter wurden kritische Stimmen zu den Daten des Statistischen Bundesamtes laut, die zumindest teilweise andere Gründe als Diskriminierung für den Gehaltsunterschied verantwortlich machen.

1. Frauen wählen öfter schlechter bezahlte Berufe

Ein genauer Blick in die Zahlen zeigt, dass mit zunehmendem Bildungsgrad der Einkommensunterschied von 13% (ohne Berufsausbildung) auf 28% (mit Fachhochschulabschluss) ansteigt.

Diese Zahlen werden regelmäßig erhoben. Ein tiefergehender Blick, der die Berufswahl berücksichtigt, erfolgt hingegen nicht regelmäßig. Es sind vorwiegend internationale Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Vorurteile die Berufswahl von Frauen beeinflussen. So ist bekannt, dass Männer in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern ihre Leistung auch dann besser einschätzen, wenn die erbrachten Leistungen objektiv gleich sind. Daraus entstehen Wertvorstellungen und Lebensstile, die zu typisch männlichen und weiblichen Berufsbildern führen. So zeigt der OECD-Bericht von 2009 (Geschlechtsbezogene Vorurteile beeinflussen die Bildungsergebnisse von Jungen und Mädchen), dass neben den Fähigkeiten und Neigungen vor allem Stereotypen, wie „Lesen ist nichts für Jungs“ und „Rechnen ist nichts für Mädchen“, die Berufswahl beeinflussen.

In der Folge wählen Frauen überwiegend Berufe, die im Schnitt schlechter bezahlt sind, obwohl der Zugang zu allen Bildungsgraden Frauen und Männern gleichermaßen offensteht. Stereotypen beeinflussen jedoch nicht nur die Berufswahl, sondern auch die tatsächliche Leistungsfähigkeit von Männern und Frauen. So wurde der negative Einfluss von Vorurteilen in Leistungstests nachgewiesen.

2. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit

Frauen stehen vor der Herausforderung, den Spagat zwischen Familie und Beruf meistern zu müssen. In Teilzeit zu arbeiten ist daher für Frauen ein attraktives Modell. Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in Teilzeit beträgt zwar lediglich 11%, jedoch ist der Verdienst in Teilzeit generell schlechter. Das durchschnittliche Einkommensniveau pro Stunde der Teilzeitbeschäftigung liegt rund 4€ unterhalb dem der Vollzeitbeschäftigung, wie folgende Tabelle zeigt:

arbeitszeitmodelle

Quelle: Website des Statistischen Bundesamtes

Weil Frauen öfter in Teilzeit arbeiten und damit auf monatlicher Basis weniger verdienen, hat dies einen starken Effekt auf die durchschnittliche Entgeltdifferenz von 22%. Für die Messung des Bruttostundenverdienstabstandes ist es deshalb nicht sinnvoll, Vollzeit und Teilzeit miteinander zu mischen. Aussagekräftiger wäre es, sowohl eine offizielle Berechnung für Teilzeit als auch für Vollzeit zu machen.

Ein weiterer schwer berechenbarer Effekt der traditionellen häuslichen Rollenverteilung ist, dass Väter, deren Frauen sich freiwillig in die unbezahlte Hausarbeit begeben, stärker die finanzielle Verantwortung übernehmen. Dies führt wiederum dazu, dass Väter öfter in Vollzeit arbeiten.

Männer verhandeln ihr Gehalt aggressiver

Frauen pokern etwa 25% unter dem, was ihre männlichen Wettbewerber vom Arbeitgeber verlangen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Gehaltsstrukturen intransparent sind. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat nachgewiesen, dass mit steigender Bekanntheit der Entlohnungssysteme, auch Frauen zu höheren Gehaltswünschen neigen. Da in der Praxis die Entlohnungssysteme tendeziell nicht bekannt sind, schneiden Frauen im Verhandlungspoker insgesamt schlechter ab als Männer.

Der bereinigte Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern – wie stark werden Frauen tatsächlich benachteiligt?

Auch an den Statistikern sind diese Tatsachen nicht vorbei gegangen. Sie versuchen einen bereinigten Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern (kürzer in Englisch: Gender Wage Gap) zu ermitteln, der den Anteil der Diskriminierung von Frauen in Form ungleicher Bezahlung wiedergibt.

Diese Zahl ist jedoch umstritten. Einigkeit besteht lediglich darin, dass sie kleiner sein muss als 22%. In Abhängigkeit von Qualität und Quantität der erhobenen Daten, aber auch in Abhängigkeit vom Forschungsdesign sind seit 2005 sehr unterschiedliche Zahlen präsentiert worden:

  • Studie der Bundesagentur für Arbeit (2005): Untersucht wurde die Entgeltdifferenz zwischen Frauen und Männern in Abhängigkeit von Branche, Beruf und Betrieb bei gleicher Ausbildung und Berufserfahrung. Der unbereinigte Gender Wage Gap lag hier bei 12%. Der bereinigte Gender Wage Gap wurde mit 5% angegeben.
  • Studie der Vereinigung der Deutschen Wirtschaft (2010): Sie ermittelte einen bereinigten Gender Wage Gap von 11%.
  • Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (2013): In dieser Studie wurden nur Frauen betrachtet, die nach der Schwangerschaft höchstens 18 Monate Familienpause nahmen. Der bereinigte Gender Wage Gap beträgt in dieser Gruppe demnach lediglich 2%.
  • Studie des Statistischen Bundesamts (2013): In einer groß angelegten Studie mit über 1,9 Millionen Datensätzen errechnete die Bundesbehörde einen bereinigten Gender Wage Gap von 7% und gilt, aufgrund der Datenbasis, als das am besten fundierte Forschungsergebnis.

Fazit

Der durch Diskriminierung bedingte Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern ist bei einer differenzierten Betrachtung deutlich kleiner als 22%. Die freie Berufswahl, Stereotypen und der Wunsch nach Familie führen zu einer unterschiedlichen Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern und stellen nicht automatisch eine starke Diskriminierung dar, die durch die offiziellen 22% Gehaltsunterschied suggeriert werden.

Gleichwohl ist es Aufgabe von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft die Rahmenbedingungen zu verbessern, um den Lohnabstand zu verringern. Dazu gehören der Abbau von Stereotypen, die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und transparentere Entlohnungssysteme insbesondere in den Branchen, wo die Gehaltsabstände am größten sind.

Daten der Infografik: Statistisches Bundesamt



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