Inkompetent sind immer nur die anderen! Wer das denkt, unterliegt möglicherweise einem kognitiven Effekt, der zu einer nicht ganz realistischen Wahrnehmung von sich selbst und anderen führt. Wie Sie bewusste von unbewusster Inkompetenz unterscheiden können und was der Dunning-Kruger-Effekt besagt, erklären wir Ihnen in diesem Artikel.
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Bild: “Self portrait – Me first, safety last” von Mattys Flicks. Lizenz: CC BY 2.0


Inkompetenz an vielen Stellen unseres Lebens

Entwicklungspsychologisch betrachtet kommen alle Menschen hochgradig inkompetent zur Welt. Wir können zu Beginn unseres Lebens gar nichts. Schreien können wir – das ist schon eine kleine Kompetenz, denn wir machen auf uns aufmerksam und drücken Unwohlsein aus. Danach entwickeln wir weitere Fähigkeiten. Auf der Gefühlsebene (Trauer, Freude, Anspannung, Nervosität, Glück usw.) und in motorischer Hinsicht (laufen, greifen, anfassen, bewegen, hüpfen usw.) lernen wir im Laufe unseres Daseins mächtig dazu.

Intellektuell entwickeln wir uns ebenfalls weiter. In den Institutionen wie Kindergarten, Schule, Universität und im Arbeitsleben werden unsere Fähigkeiten geschult und unsere Fertigkeiten trainiert. Auf jeder Ebene unseres Tuns und an jedem Tag unseres Lebens drohen wir damit ebenso zu scheitern. Wir können Lernerfolge verpassen und Abneigungen gegen Lerninhalte oder Fächer entwickeln. Mit jeder Lebenssituation geraten wir daher mehr oder weniger nah an die Grenzen unseres Könnens, diese Herausforderung auch zu bewältigen.

Von der Selbstüberschätzung zur Selbsteinschätzung

Um Aufgaben meistern zu können, brauchen wir eine ungefähre Vorstellung davon, was sie herausfordernd macht. An einer Spielkonsole ein virtuelles Auto zu steuern bedeutet nicht, sich mit einem realen Vehikel im Straßenverkehr unfallfrei bewegen zu können. Kompetenz hat also viel mit der Fähigkeit zu tun, Situationen sehr realitätsnah wahrzunehmen, die darin liegenden Möglichkeiten und Risiken zu erkennen und Problemlösungen zu entwickeln und vorrätig zu haben.

Denken Sie dabei beispielsweise an die Entwicklungsphasen kleiner Kinder. Wenn die Selbstständigkeit beginnt, wollen Kleinkinder ihre Fähigkeiten ausprobieren. Für Eltern und Umfeld ist das oft eine herausfordernde Situation, denn die zunehmende Freiheit und der Bewegungsdrang gehen auch mit unschönen Erfahrungen einher. Das Bedeutsame daran ist, dass durch die Übung und die Lerneffekte die Kompetenz gesteigert wird. Weiterhin wird durch das „Versuch-Irrtum“-Lernen eine differenzierte Einschätzung der eigenen Fähigkeiten ausgebildet.

Dunning, Kruger und der Inkompetenzeffekt

Der Inkompetenz auf der einen Seite steht die Kompetenzentwicklung auf der anderen Seite gegenüber – frei nach Odo Marquart ausgedrückt: eine Inkompetenzkompensationskompetenz. Ende des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich die beiden US-amerikanischen Forscher David Dunning und Justin Kruger mit der Inkompetenz und der Selbsteinschätzung bei Erwachsenen. Sie bauten auf der Kompetenzforschung auf, welche die Kompetenzentwicklung in vier verschiedene Stadien einteilte.

Die Kompetenzstufen

Kompetenzentwicklung ist dynamisch und reflexiv. Die niedrigste der Kompetenzstufen ist die „Unbewusste Inkompetenz“, bei der der Betroffene um sein Unvermögen nicht weiß. Zusätzlich versteht er nicht, welche Kompetenzen für die Problemlösung benötigt werden und wie diese Fähigkeiten zu erlangen sind.

Eine vergleichbare Aussage könnte bei Kleinkindern folgendermaßen lauten: „Das kannst du noch nicht, dafür bist du noch zu klein!“ Für den Betroffenen ist diese Situation unbefriedigend, denn er erkennt die eigene Unzulänglichkeit nicht und weiß auch nicht, wie er sie beheben kann. Wachsen und schnelle Reifeentwicklung hilft in diesem Moment nicht weiter, weil dies zu lange dauert. Tritt dann eine Erkenntnis über die eigene Untauglichkeit ein, wird in der zweiten Stufe von „Bewusster Inkompetenz“ gesprochen.

Als Drittes bildet sich eine „Bewusste Kompetenz“ heraus, die wiederum an andere vermittelbar ist. An vierter Stelle folgt erneut eine unbewusste Phase, nämlich die „Unbewusste Kompetenz“. Hier ist die Problemlösungsfähigkeit aufgrund von Erfahrungen und realitätsnaher Einschätzung bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, dass die Aufgabenbewältigung gelingt und die Person in ihrer Lösungsstrategie nicht scheitert.

Stattdessen besitzt sie ein Bewusstsein über die noch fehlenden Kompetenzen und Fähigkeiten, und kann sich diese aneignen. Der Dunning-Kruger-Effekt bezieht sich somit nur auf Personen, die in ihrem Lern- und Problemlösungsverhalten auf der ersten Kompetenzstufe einzuordnen sind.

Hybris: Symptome unbewusster Inkompetenz

Dunning und Kruger konnten in ihren Studien einige wesentliche Merkmale herauskristallisieren, die bei Menschen mit unbewusster Inkompetenz regelmäßig zu finden sind. Dazu gehören:

  • die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten
  • mangelndes Vermögen, die eigenen Kompetenzdefizite zu erkennen.

Diese Personen vertreten die Auffassung, dass gerade die anderen (Mitmenschen, Arbeitskollegen, Vorgesetzte) über fehlende Kenntnisse und Kompetenzen verfügen. D. h., die Problemlösungskompetenz anderer wird zum einen nicht wahrgenommen, zum anderen werden deren Fähigkeiten und Können unterschätzt.

Ein weiteres Wort für dieses Zusammenspiel an Persönlichkeitsmerkmalen stammt aus der griechischen Antike und war dort in Literatur und Theater ein Wesenszug des tragischen Helden: die Hybris (Hochmut, Überheblichkeit, Vermessenheit).

Moderne Managementforschung setzt die Wesenszüge der unbewussten Inkompetenz (oder der Hybris) deshalb nicht mit niedrigem Intellekt gleich. Vielmehr liegt der Kern der verzerrten Selbstwahrnehmung in der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, ohne tatsächlich über die erforderlichen Kompetenzen zu verfügen. So kann der Dunning-Kruger-Effekt beispielsweise auf allen Unternehmensebenen vorhanden sein.

Natürliche Grenzen und bewusste Abgrenzung

Mit dem Konzept der „Blasiertheit“ behandelte der Soziologe Georg Simmel zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Abgrenzung und Abneigung des Großstädters gegenüber Reizüberflutungen.
Aufgrund der Vielzahl an Anforderungen ist es dem modernen Menschen unmöglich geworden, sich in allen Bereichen fortzubilden und seine Fertigkeiten umfassend zu entwickeln. Der Aneignung sind natürliche Grenzen gesetzt.

Das bedeutet, jeder Einzelne muss bewusste Abgrenzungen des zu erreichenden Wissens vornehmen, da ein unbegrenzter Wissenserwerb nicht möglich ist.
Ebenfalls lassen Formen der differenzierten Arbeitsteilung eine Einschätzung der Entscheidungsbereiche und Kompetenzen anderer Menschen teilweise nicht zu. Die unbewusste Inkompetenz nach Dunning-Kruger ist deshalb von der bewussten Entscheidung gegen den Kompetenzerwerb in einem bestimmten Teilgebiet abzugrenzen.

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