In meinem Aufsatz Trainieren für die mündliche Prüfung - Trainingsphasen, -tipps und -material in der JuS (2011/04) beschäftige ich mich ausführlich mit der Frage, wie man sich am besten auf die mündliche Prüfung im ersten Examen vorbereitet.
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Der elementare Tipp lautet: die Prüfungssimulation. Setze dich mit deinen Kommilitonen zusammen und simuliere eine Prüfung.

Die Sache ist eigentlich ganz einfach:

  • Ein Mitglied eurer Lerngruppe schlüpft in die Rolle des Prüfers,
  • sucht aus Zeitschriften aktuelle Fälle mit Lösungen heraus (dazu eignen sich die in den Ausbildungszeitschriften z.B. JuS, NRÜ, , RA besprochenen und oftmals im Gutachtenstil gelösten Fälle).
  • Die Lösung dieses Falles bildet den großen Rahmen der Prüfung.
  • Vermengt werden sollte er mit zahlreichen allgemeiner gehaltenen „Exkurs-Fragen“.

Anregungen und Literatur zur Vertiefung findest du im erwähnten Aufsatz.

Optimale Prüfungsvorbereitung

Beispiel für eine Prüfungssimulation

An dieser Stelle soll anhand eines kleinen Beispielsfalls der Einstieg in eine selbstgestaltete Prüfungssimulation erleichtert werden:

Prüfer: Guten Morgen. Willkommen zur heutigen mündlichen Prüfung. Wie mit Ihnen besprochen werden wir zunächst Zivilrecht prüfen, anschließend prüft Herr Kollege Hass das Strafrecht und zu guter letzt prüft Dr. Hörde das Öffentliche Recht.
Dann legen wir mal los! Ich habe Ihnen folgenden kleinen Sachverhalt mitgebracht: A ist, nachdem B sich von ihm getrennt hat verzweifelt. Daher öffnet er die Gasleitung in seiner Wohnung, um sich zu vergiften. Seinen Hamster trägt er in den Flur und dichtet die Tür mit einem Handtuch ab, damit das Tier überlebt. Nach 15 Minuten findet er durch ein Telefongespräch mit einer Freundin Trost und schließt den Gashahn wieder. Unerwartet klingelt die Ex-Freundin B, um ihre restlichen Sachen abzuholen. Es kommt zu einer heftigen Aussprache. B zieht eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug aus der Tasche. Der A erkennt, dass es beim Anzünden der Zigarette zu einer Explosion des Luft-Gas-Gemisches in der Wohnung kommen kann, mit tödlichen Folgen für ihn, B und die anderen Bewohner des Mehrfamilienhauses. Dennoch greift er nicht ein, sondern nimmt die Folgen in Kauf. B zündet das Feuerzeug an, es kommt zur Explosion und das gesamte Haus stürzt ein. A und B erleiden schwere Verletzungen, der Mitbewohner C wird von Trümmern erschlagen.

Prüfer: Frau A, haben Sie alles verstanden?

Frau A: Ja.

Prüfer: Sehr schön. Wenn Sie dann so nett wären, uns den Sachverhalt einmal zusammenzufassen.

Frau A: Also, A ist unglücklich, weil die B sich von ihm getrennt hat. Er beschließt sich umzubringen, indem er die Gasleitung in seiner Wohnung öffnet. Vorher bringt er noch sein Haustier in Sicherheit. Dann führt er ein Telefongespräch und dreht die Gasleitung wieder ab. Daraufhin erscheint die B in der Wohnung um noch Sachen abzuholen. A vergisst kurze Zeit die Gasleitung. B zündet sich eine Zigarette an, daraufhin explodiert das Gas. Das Haus stürzt ein. B wird schwer verletzt und der Nachbar C stirbt.

Prüfer: Gut, vielen Dank. Herr B haben Sie noch etwas zu ergänzen?

Herr B: Hmm… ich würde noch erwähnen, dass der A bemerkt, wie B sich langsam die Zigarette anzünden will, wieder an das Gasgemisch erinnert wird, sich der Gefahr bewusst ist, aber dennoch nicht einschreitet.

Prüfer: In Ordnung. Welche Rolle das spielt werden wir im Laufe des Prüfungsgesprächs noch merken. Wenn dann keine weiteren Fragen mehr sind…

[Hier ist nun die Gelegenheit noch weitere Fragen zu stellen. Die Chance sollte nicht verpasst werden!]

Prüfer: … legen wir los. Frau C, an welche Tatbestände denken Sie?

Frau C: Nun, bezüglich der B, die schwere Verletzungen davon getragen hat an §§ 223, 224 StGB. Bezüglich C an § 212 StGB.

Prüfer: Sonst noch etwas?

Frau C: Ah ja, bezüglich der B auch noch an versuchten Totschlag.

[Achten Sie darauf auch die Paragraphen zu nennen, nur so kann den Prüfern gezeigt werden, dass man genaues Arbeiten beherrscht.]

Prüfer: Herr D. Was fällt Ihnen noch ein?

Herr D: Es könnte auch Mord nach § 211 StGB sein.

Prüfer: Danke. Nun haben wir alle Tatbestände, die sich gegen den Körper und das Leben richten. Fällt noch irgendjemanden etwas anderes ein?

[Die Frage ist freigegeben. Nun haben alle Prüflinge die Möglichkeit dem Prüfer zu signalisieren, dass sie die Frage beantworten wollen. Dezentes Melden ist in dem Fall erlaubt.]

Prüfer: Ja, Frau A. [Frau A hat mit wissenden Blickkontakt die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.]

Frau A: § 308, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion.

Prüfer: Sehr schön. Herr B, prüfen Sie einmal den § 308 StGB.

[An dieser Stelle dürfen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Kein Prüfer erwartet von Ihnen, dass Sie einen so unbekannten Paragraphen wie den § 308 StGB beherrschen. Jetzt heißt es: dogmatisch sauber vorgehen!]

Herr B: Natürlich. Ich muss erst einmal blättern. § 308 Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion. „Wer anders als durch Freisetzen von Kernenergie, namentlich durch Sprengstoff, eine Explosion herbeiführt und dadurch Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.“ Erste Voraussetzung ist also die Herbeiführung einer Explosion durch Sprengstoff. Zweifel habe ich schon am Wortlaut „Sprengstoff“. Hier liegt eine Gasexplosion vor. Nach Sinn und Zweck allerdings dürfte auch das darunter fallen.

[Wie in § 14 Hess. JAG genannt soll der Prüfling sein dogmatisches Verständnis und Fähigkeiten unter Beweis stellen. Durch systematisches Vorgehen unter Zugrundelegung der Auslegungskriterien auch bei völlig unbekannten Tatbeständen zeigt er dies.]

Prüfer: Ja, dem kann ich zustimmen. Ich sehe aber schon gar keinen Grund, dass Sie am Wortlaut zweifeln. 

Herr B: Ah, richtig. § 308 umfasst alle Arten der Explosion, außer die durch § 307 StGB erfasste Explosion aufgrund von Kernenergie. Sprengstoff ist nur beispielhaft aufgezählt, wie das „namentlich“ signalisiert.

Prüfer: Frau C, prüfen Sie bitte weiter.

Frau C: Zunächst einmal ist fraglich, ob der A die Explosion durch Tun oder Unterlassen herbeigeführt hat. Wir könnten nämlich an das Öffnen der Gasleitung – also an ein Tun anknüpfen oder aber an das Untätigbleiben, obwohl A genau gesehen hat, dass B sich eine Zigarette anstecken wird.

Prüfer: Richtig. Herr D, wie grenzen wir denn Tun von Unterlassen ab?

Herr D: Maßgeblich ist der Schwerpunkt der Vorwerfbarkeit. Hier würde ich ihn im Unterlassen sehen, da sich zu diesem Zeitpunkt die Gefahrenlage dramatisch verschärft hat und A das auch wusste. Entscheidend ist beim Unterlassungsdelikt stets die Garantenstellung gem. § 13 Abs. 1 StGB. Diese kann sich hier aus Ingerenz, also pflichtwidrigem Vorverhalten ergeben. A hat die Gasleitung aufgedreht und damit pflichtwidrig eine Gefahr geschaffen. Eine Sprengstoffexplosion durch Unterlassen gem. §§ 308, 13 StGB ist zu bejahen. Zudem ist die Erfolgsqualifikation des Absatzes 3 verwirklicht, da A wenigstens leichtfertig den Tod des C verursacht hat.

Prüfer: Gut. Nun, Frau C, prüfen Sie doch mal den nächsten Tatbestand.

[Aufmerksames Zuhören und knappe Notizen helfen auf den plötzlichen Wechsel gefasst zu sein.]

Frau C: Dann würde ich nun direkt mit dem Totschlag bzw. Mord weitermachen.

[Auf §§ 223, 224 StGB geht Frau C bewusst nicht ein, da sie weiß, dass es da wenig Punkte zu holen gibt.]

Frau C: Das Öffnen der Gasleitung scheidet dabei als Anknüpfungspunkt aus, denn zu diesem Zeitpunkt fehlte ihm der Vorsatz jemanden außer sich umkommen zu lassen, geschweige denn eine Explosion hervorzurufen. Er bringt sein Haustier in Sicherheit, in den Nebenraum, da er sich durch das Gas vergiften, nicht aber das ganze Haus in die Luft jagen wollte. Als B sich dann die Zigarette anzünden wollte, erkannte er die Gefahr für andere und nahm dennoch keine Handlung mehr vor. Daher ist eine Strafbarkeit wegen Unterlassens zu prüfen.

Prüfer: Frau A, wie prüft man denn solch ein Unterlassungsdelikt?

Frau A: Wie beim Begehungsdelikt muss der tatbestandliche Erfolg eintreten. Hier der Tod. Der Erfolg beruht auf der Nichtvornahme einer zur Abwendung des Erfolges gebotenen Handlung. A hat es gerade unterlassen, die B abzuhalten in der mit Gas gefüllten Wohnung ihr Feuerzeug zu zünden. A hat auch die Möglichkeit zur Vornahme dieser Handlung gehabt. Das Unterlassen war ursächlich für den Erfolgseintritt, denn die Vornahme der Rettungshandlung kann nicht hinzugedacht werden, ohne dass hier der Erfolg in Gestalt des Todes des C entfallen würde, ist also quasi-kausal. Die Garantenstellung besteht aus Ingerenz aufgrund des pflichtwidrigen Vorverhaltens. Entsprechensklausel und Zumutbarkeit der Vornahme der gebotenen Handlung sind ebenfalls erfüllt.

(…)

Prüfer: Vielen Dank, damit schließen wir die erste Prüfung.

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