Wirft man aktuell einen Blick auf die Schlagzeilen diverser Medien, so kommt man um den Eindruck einer immer krimineller werdenden weiblichen Jugend nicht herum. Immer krimineller, gewalttätiger und brutaler scheinen die Mädchen zu sein. Doch entspricht dies der Realität? Und wo könnten die Ursachen liegen? Wir haben die Mädchenkriminalität unter die Lupe genommen.
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Bild: “Destruction” von Alyssa L. Miller. Lizenz: CC BY 2.0


Verbreitung der Mädchenkriminalität

Zur Verbreitung der Mädchenkriminalität stehen in erster Linie die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik zur Verfügung. Trotz ihrer mannigfaltigen Fehlerquellen kann sie einen vorsichtigen Eindruck vom Erscheinungsbild Mädchenkriminalität vermitteln.

Zwischen den Jahren 1993 bis 2001 kann bei den 14-18 Jährigen Tatverdächtigen weiblichen Geschlechts durchaus ein Anstieg der Kriminalität festgestellt werden. Innerhalb dieser Zeitspanne ist ein Zuwachs von 70 % zu verzeichnen. Ein ähnliches Bild zeichnen die Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) aus diesem Zeitraum.

Die TVBZ ist die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen errechnet auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteils. Auch hier ist ein Anstieg um rund 1/5 zu sehen. Diese Zahl ist deshalb sehr brauchbar, weil sie nicht anfällig für demographische Einflüsse ist.

Dabei besteht zu den männlichen Tatverdächtigen ein Verhältnis von 1:3, was in etwa der öffentlichen Wahrnehmung entspricht. Insgesamt ist seit einigen Jahren eine Abnahme der Jugendkriminalität und auch damit auch der Mädchenkriminalität in der PKS zu erkennen. Es bleibt mithin festzuhalten, dass zumindest die Zahlen der PKS den allgemeinen öffentlichen Eindruck nicht widerspiegeln.

Welche Delikte begehen Mädchen?

Rein quantitativ am häufigsten verwirklicht wird von Mädchen mit Abstand der einfache Diebstahl mit einem Anteil von 42,2 %. Dieses Delikt lässt sich sogar zum Großteil als weibliches Delikt bezeichnen. Hierbei wiederum den Schwerpunkt bilden die Ladendiebstahlsdelikte, bei denen das Motiv häufig einfach nur Langeweile ist.

Im Vergleich zu den Jungen überproportional häufig vertreten sind zudem Beleidigungen (9,2 %) und Betrug (16,6 %).

Mädchengewalt

Vermehrt rückt nicht nur die grundsätzliche Kriminalität von Mädchen, sondern in erhöhtem Maße auch ihre (angebliche) Gewalttätigkeit in den Fokus. Begründet wird die allgemeine Bestürzung über Gewalt bei Mädchen vor allem damit, dass solche Verhaltensweisen klassischerweise dem männlichen Geschlecht zugeschrieben werden.

Nach der PKS ist die Anwendung von Gewalt bei Mädchen in den letzten fünf Jahren leicht rückgängig. Dennoch machten 2013 von der leichten Körperverletzung durch Jugendliche immerhin 25, 3 % die Taten von Mädchen aus. Gerade mit Blick darauf, dass die Mädchen bei schwereren Delikten noch deutlicher unterrepräsentiert sind, lässt sich aber jedenfalls feststellen, dass es für die Annahme einer immer größer werdenden Brutalisierung von Mädchen keinerlei sachliche Anhaltspunkte gibt.

Für die teilweise dennoch erhöhten Zahlen in der PKS können andere Erklärungen herangezogen werden. So könnte ein Wandel im Umgang mit jugendlicher Kriminalität zugrunde liegen, also eine erhöhte Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema. Raufereien und kleinere Schlägereien werden nicht mehr als harmlos und unbedenklich empfunden.

Gerade im Bereich der Mädchenkriminalität führt die erhöhte Sensibilisierung zu einer steigenden Anzeigebereitschaft und dem daraus resultierenden Anstieg der Zahlen. Insgesamt kann bezüglich Mädchen im Vergleich zu Jungen immer noch von einer geringeren Anzeigebereitschaft ausgegangen werden, zum einen weil die Delikte nicht so schwer eingestuft werden, zum anderen da gerade viele Jungen sich nicht trauen, zuzugeben Opfer eines Mädchens geworden zu sein.

Nicht gezeigt hat sich hingegen, dass die Gewaltbereitschaft einzelner Mädchen mit einem Verlust ihrer eigenen Weiblichkeit und einer Annäherung zu männlichen Verhaltensmustern einhergeht. Zwar grenzen sich einige dieser Mädchen von Teilen des „Weiblichkeitskonzeptes“ ab, welches für sie Schwäche und Opferstatus bedeutet. Jedoch unterstreichen sie zeitgleich mit einem betont weiblichen (äußerlichen) Auftreten, dass sie als junge Frauen wahrgenommen werden wollen.

Insgesamt durchleben diese jungen Frauen also einen Prozess, in dem sie sich einerseits von der typischen Frauenrolle ablösen, auf der anderen Seite aber den Unterschied zwischen den Geschlechtern deutlich aufrecht erhalten wollen.

Wann wenden Mädchen Gewalt an?

Wann ein Mädchen Gewalt anwendet ist individuell und situativ zu beurteilen. Jedoch lassen sich gewisse Bedingungen hervorheben, die nicht unabhängig voneinander bestehen, sondern miteinander verknüpft sind. So begünstigen eine geringe emotionale und soziale Kompetenz und schlechte familiäre Bedingungen die Anwendung von Gewalt.

Besonders Mädchen, die innerhalb der eigenen Familie in Kontakt mit Misshandlungen, Abwertung und Unterordnung gekommen sind und dieses Bild an die Weiblichkeit knüpfen, versuchen sich durch die Flucht nach vorne aus dem Opferstatus zu helfen.

Dabei ist zu sehen, dass im Unterschied zu nicht gewalttätigen Mädchen die weiblichen Jugendlichen in gewaltauffälligen Jugendgruppen seltener auf psychische und soziale Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld zurückgreifen können.

Dazu kommt der Faktor Schule, in dem die Schülerinnen durchaus von sozialen Etikettierungen durch Lehrkräfte berichten. Leistungsprobleme sowie häufiges Schulschwänzen seien weiterhin zur Entstehung einer gesteigerten Gewaltbereitschaft fördernd. Hinzu kommen situative Bedingungen wie fehlende soziale Kontrolle, die Möglichkeit der Anonymität und situative Befindlichkeiten.

Allerdings sind es auch solche Einflüsse, denen die Jungen im gleichen Maße ausgesetzt sind. Die Bedingungen alleine sind somit nicht in der Lage die Unterschiede in der Gewaltbereitschaft zwischen den Geschlechtern zu erklären. Dabei muss vor allem auf den unterschiedlichen Umgang mit Stresssituationen und Aggressionsbewältigung eingegangen werden.

Anlässe zur Gewalt

Wenn Mädchen zuschlagen, dann sind die Opfer in der Regel selbst Mädchen. Nur selten kommt es vor, dass Jungen der Gewalt von Mädchen zum Opfer fallen. Wie oben schon angedeutet mag hier das Dunkelfeld aber recht erheblich sein.

Die Anwendung von Gewalt dient bei Mädchen letztlich der Stärkung ihrer Rolle in der Gruppe, der Verschaffung von Respekt auch von Jungen innerhalb der Gruppe. Regelmäßig entsteht eine Situation in der Mädchen bei Kämpfen zwischen Jungen eine passive Rolle einnehmen, indem sie beispielsweise einen Jungen für sich kämpfen lassen. Die Anwendung von Gewalt erfolgt also bei Mädchen kalkuliert, wohingegen sie bei den Jungen zumeist situativ erfolgt.

Als Motiv der Mädchengewalt dienen dabei vor allem Ehrverletzungen gegenüber ihnen, ihren Familien oder Freunden. Gerade der Verzicht auf Gewalt wird dabei häufig als hilflos gedeutet und signalisiert Schwäche an die Gruppe.

Psychische Gewalt

Gewalt kann auch auf psychischer Ebene stattfinden. Studien belegen, dass Mädchen indirekte Aggressivität einer offenen vorziehen, also diese vermehrt nach innen und nicht körperlich ausleben. Dies zeigt sich insbesondere in der Vielzahl der Mobbingfälle, in denen Mädchen deutlich häufiger als Jungen als Täterinnen auftreten.

Diese Form der Gewalt ist teilweise unterschwellig, wird vom Opfer manchmal selbst kaum wahrgenommen und lässt zudem auch keine äußeren Schäden entstehen, an denen man ihre direkte Einwirkung erkennen würde, sodass die Fälle nur selten zur Anzeige gebracht werden.

Erst in den letzten Jahren ist eine gestiegene Sensibilisierung bezüglich Mobbing und leichter Gewaltdelikte in den Schulen zu verzeichnen. Schulen werden teilweise verpflichtet auf solche Handlungen mit Anzeigen zu reagieren und Lehrer werden besser ausgebildet um darauf aufmerksam zu machen.

Jugendgruppen

Mädchen als Bestandteil von Jugendgruppen sind ein entscheidender Faktor bezüglich der Erklärung von Gewalt. So existiert meist ein weibliches Netzwerk, autonom und von den Jungen akzeptiert, und durch den Rückhalt der weiblichen Subgruppen gestärkt. Sie bauen innerhalb der Gruppe eine Untergruppe auf, die jedoch nicht untergeordnet ist, zugleich aber auch vor männlichen Dominanzansprüchen schützt.

Die Mädchen nehmen in der Regel eine stabilisierende Funktion ein und vermitteln ein „Wir-Gefühl“ der Gruppe. Anders als die Jungen gehen sie jedoch mit Schilderungen von Gewalt um. So erzählen sie sehr detailliert, heben ihre Gewaltbereitschaft und Kompromisslosigkeit hervor. Diese Art der Selbstdarstellung unterstreicht den Anspruch nach Anerkennung und der Erlangung eines höheren Status.

In Zusammenhang mit der Ausübung von Gewalt zeigt sich, dass besonders Mädchen, die einer handfesten Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gehen und vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschrecken, innerhalb der Gruppe einen besseren Ruf genießen und angesehener sind als jene, die sich im Gewaltdiskurs zurückhalten. Letztere Mädchen können zwar auch beliebt sein, erlangen aber keinen höheren Status.

Fazit

Unter Betrachtung der statistisch erfassten weiblichen Tatverdächtigen der letzten fünf Jahre und der Hinzunahme diverser Dunkelfeldforschungen lässt sich das aktuelle Bild der steigenden Mädchenkriminalität nicht bestätigen. Vielmehr nahmen die im Hellfeld tatsächlich erfassten Zahlen der Tatverdächtigen ab, was zugleich mit der Abnahme der Jugendkriminalität an sich einhergeht. Die gleiche Tendenz lässt sich im Dunkelfeld erahnen, mit jedoch einer deutlicher höheren Tatbegehung.

Literaturtipps:

Brökling, Frauenkriminalität, Stuttgart 1980.

Franke, Frauen und Kriminalität, Konstanz 2000.

Raithel/Mansel, Kriminalität und Gewalt im Jugendalter: Hell- und Dunkelfeldbefunde im Vergleich, München 2003.

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