Kriminalität wird von vielen Faktoren beeinflusst. Immer wieder spielt in diesem Zusammenhang auch die Wirkung von berichterstattenden und anderen Medien eine entscheidende Rolle auf Verbrechen. Wie, warum und in welchem Maße Medien an der Entstehung und Ausgestaltung von Kriminalität nach dem aktuellen Stand der Forschung beteiligt sind, erfahren Sie hier.
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Bild: “Weekend” von Daniel Oines. Lizenz: CC BY 2.0


Medien als Ursache und Einfluss auf kriminelle Verhaltensweisen zu sehen, liegt nicht unmittelbar ersichtlich auf der Hand. Es stellt sich somit zunächst die Frage, warum und in welchem Maße überhaupt ein kriminologisches Interesse an Medien gegeben ist.

Medien als kriminologischer Forschungsgegenstand

Die Rolle der Medien kann in vielerlei Weise eine Rolle beim Einfluss auf Kriminalität haben. Erste und provokativste Form des Einflusses ist die Annahme, dass bestimmte Medien sogar die Ursache von Kriminalität sein können.

Insbesondere relevant ist hier die Betrachtung der Wirkung von gewaltdarstellenden Medien auf einige, möglicherweise persönlich bereits vorbelastete Gewaltverbrecher. Darüber hinaus kann in Wechselwirkung mit dem Konsum gewaltdarstellender Medien durch die mediale Berichterstattung auch erst ein Anreiz für Taten geliefert werden. Besonders Nachahmungstaten und die Taten von Trittbrettfahrern rücken hierbei in den Fokus.

Ein weiterer interessanter Erkenntnisgegenstand ist die mögliche Entstehung ganz neuer Zweige und Formen von Kriminalität, die sich im Dunstkreis von Medien abspielt. Beispielsweise sind hier nur die neuartigen Formen von Internetkriminalität („Cyber-Crime“) oder Cyber-Mobbing, sowie Sexting zu nennen.

Die Forschung beschäftigt sich auch mit der Wirkung von Massenmedien auf die Wahrnehmung von Kriminalität. Durch stets wiederholte Darstellungen kann die Einstellung einer Öffentlichkeit und letztlich auch einer Kriminalpolitik nachhaltig (bewusst oder unbewusst) beeinflusst werden.

Warum sind mediale Darstellungen so, wie sie sind?

Nimmt man an, Medien stellten tatsächlich in erhöhtem Maße Gewalt oder andere Kriminalität dar, liegt die Frage nahe, warum dem so ist. Auch dieser Frage ist die kriminologische Forschung nachgegangen.

Als erstes und einleuchtendes Argument ist der erhebliche Wettbewerbsdruck zu nennen, unter dem die meisten Medienkonzerne stehen. Gerade bei den privaten Fernsehmedien besteht geradezu ein Diktat der Einschaltquote, das die Prioritätenliste vor den Inhalten der Beiträge bestimmt. Doch auch für öffentlich-rechtliche Medien ist die Auflage, beziehungsweise die Einschaltquote, ein entscheidendes Kriterium für die Sendungsgestaltung.

Durch diesen ständig schwelenden Konkurrenzkampf kommt es zu einer Spirale an Sensationsdarstellungen. Das Interesse an „schnöder Normalität“ nimmt auf dem Markt ab. Sendungen werden nur geschaut, wenn sie einen erhöhten Aufmerksamkeitswert haben, möglichst „brandaktuell“ sind und eine gewisse „Eskalationsneugierde“ befriedigen.

Dabei wird immer mehr Wert auf einfache und verständliche Botschaften gelegt, die dem Publikum ermöglichen sollen, möglichst schnell und reibungslos eine (scheinbar) eigene Meinung zu erzeugen. Auf der Strecke bleiben dabei Umfang, Hintergründe und Komplexität von Informationen.

Attraktivität der Kriminalität

Wenn man den oberen Absatz liest, kann man einen ersten Eindruck davon bekommen, warum gerade Kriminalität einen solch enormen Attraktivitätsgrad für Medien genießt.

Zunächst einmal hat Kriminalität immer den Charme, in gewisser Weise außergewöhnliche Geschehnisse als „reality tv“ erscheinen zu lassen. Dadurch entwickelt sich beim Zuschauer der viel zitierte „Kick“, da einem das gezeigte schließlich jederzeit selbst widerfahren könnte. Davon bedient wird die ohnehin schon seit Menschengedenken bestehende Faszination für das Böse. In vielen Filmen und Büchern ist der interessante Charakter in der Regel nicht der strahlende Held, sondern der vielschichtige und manchmal sogar geniale Bösewicht.

Letztlich ist Kriminalität in ihrer Plakativität ein Vorkommen, das sich jeder, zumindest in groben Zügen, auch ohne irgendeine Fachkenntnis, vorstellen kann. Dies verleitet weiterführend dazu, dass jeder sich berufen und befähigt fühlt, eine Meinung zum Thema haben zu dürfen. Die Dramatik der Geschehnisse provoziert oft geradezu Stellungnahmen und öffentliche Bekenntnisse.

„Wegsperren! Und zwar für immer!“, war beispielsweise eine solche Aussage des Schauspielers Til Schweiger in einer Talkshow zum Thema Sexualstraftäter.

Schwerpunkte und Kennzeichen medialer Kriminalitätsdarstellungen

Mediale Kriminalitätsdarstellungen sind durch eine hohe Selektivität gekennzeichnet. Nicht jedes Verbrechen ist in seiner Wirkung tauglich, eine hohe Einschaltquote zu gewährleisten. Nicht überraschend liegt also eine starke Konzentration auf Sexual- und Gewaltdelikte („sex and crime“) vor.

Auch spektakuläre Einzelfälle, vor allem wenn eine Beteiligung von Prominenten gegeben ist, sind immer wieder gern gesehenes „Futter“. Generell liegt eine Fokussierung auf Skandale, Pannen und negative Entwicklungen, also sogenannte „bad news“ vor. Dabei werden gerade im Internet häufig Parallelen zu älteren oder mehreren Taten gezogen, die das Geschehen in zusätzlich dramatischem Licht erscheinen lassen.

Weniger Beachtung finden in den Medien tatsächliches Tatgeschehen, der Täter, die Hintergründe, sowie Folgeprobleme.

In dieser Hinsicht ist im Grunde kein Unterschied zwischen Boulevard- und seriösen Medien zu finden, die es jedoch oft verstehen, die „Stories“ weniger reißerisch erscheinen zu lassen.

Dabei stellen sie die Berichterstattungen in ihren Konsequenzen nicht immer auf einer Linie dar. Eine der beliebtesten Forderungen der breiten Medienlandschaft ist eine wir auch immer geartete Verschärfung der Strafe für Verbrecher. Auf der anderen Seite wird auch immer wieder über katastrophale Zustände in Justizvollzugsanstalten berichtet. Eine einheitliche Linie ist also nicht zu erkennen.

Zum Teil wird die selektive Darstellung der Medien auch bewusst durch eine bereits selektive Öffentlichkeitsarbeit von Polizei und Justiz gefördert. Damit wird in der Regel versucht, Druck auf politische Entscheidungsträger auszuüben.

Interessant ist dabei auch ein Vergleich der Berichtshäufigkeit über einzelne Straftaten und ihre tatsächliche Häufigkeitsentwicklung. So hat sich in den letzten Jahrzenten die Häufigkeit der Berichterstattung über sexuellen Missbrauch an Kindern extrem vermehrt, wohingegen die tatsächlichen Fallzahlen deutlich zurückgegangen sind (sogenanntes „agenda setting“).

Eine besonders gefährliche Entwicklung stellt es dar, wenn immer mehr Medien aus dem Zusammenhang gerissen und unreflektiert scheinbar harte kriminalstatistische Daten benutzen, um reißerische Ansichten zu untermauern.

Wirkungen

Durch die in den letzten Jahren durch das Internet zunehmende Bedeutung berichterstattender Medien, haben diese mittlerweile einen unmittelbaren Einfluss auf die Empfindungen der Bevölkerung zur tatsächlichen Kriminalitätssituation. In der Regel geschieht dies in einer erhöhten Kriminalitätsfurcht durch oben beschriebene Verallgemeinerungen und selektive Berichterstattung.

Häufige Folge davon ist in der Regel der Ruf nach einem harten und kompromisslosen Durchgreifen jenseits aller kriminologischen Erkenntnisse. Dies setzt wiederum den Gesetzgeber derart unter Druck, dass dadurch unnötige aber extreme Verschärfungen der Strafgesetze hervorgehen können. Das beste Beispiel dafür war die stufenweise Verschärfung der Regelungen zur Sicherungsverwahrung bis zum Jahre 2008 völlig jenseits irgendeiner empirischen Notwendigkeit. Die Politik ließ sich von den Medien sprichwörtlich „wie die Sau durchs Dorf“ treiben. Die Medien agieren also gleichsam als eine weitere gesetzgeberische Instanz.

Schlussfolgerungen

Um solche Zustände nachhaltig verändern zu können, muss immer wieder für den Erwerb von Medienkompetenz in breiten Gesellschaftsschichten geworben werden. Insbesondere Jurastudenten sollten auf diesem Gebiet in der Lage sein, Informationen kritisch zu hinterfragen. Die Einflussmöglichkeit wissenschaftlicher Kriminologie ist dabei freilich begrenzt. Zeigen Sie also dem Prüfer in der Kriminologie-Klausur, dass zumindest Sie schon einmal das Problem verstanden haben und wenig anfällig für mediale Meinungsmache sind.

Tipps zur vertiefenden Literatur

  • Kaiser, ZRP 2002, 30-34.
  • Pfeiffer/Windzio/Kleimann, MschKrim 2004, 415-435.
  • Schwind, Kriminologie, § 14.
  • Walter, MschKrim 1998, 433-440.
  • Walter/Neubacher, Jugendkriminalität, S. 311 ff.





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