Neben den biologischen Kriminalitätstheorien und den Mehrfaktorenansätzen, stellen die gesellschaftsbezogenen Kriminalitätstheorien den wichtigsten und einflussreichsten Ansatz für die Erklärung von Kriminalität dar. Dabei sind sie absolutes Standardwissen für jeden Kriminologen und ebenso prüfungsrelevant für Jurastudenten im Schwerpunkt Kriminalwissenschaften. Hier erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten gesellschaftsbezogenen Kriminalitätstheorien.
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Bild: “Late for Work / Tarde pa’l trabajo” von Eneas De Troya. Lizenz: CC BY 2.0


Auch wenn die meisten gesellschaftsbezogenen Kriminalitätstheorien moderneren Datums sind, sind schon in den Anfangszeiten der Kriminologie Wissenschaftler auf die Idee gekommen Kriminalität in einen Kontext mit der gesellschaftlichen Realität zu setzen. So z.B. die herausragenden Köpfe der sogeannten Französischen Schule des 19. Jahrhunderts Lacassagne und Tarde . Diese Schule stand im historischen Schulenstreit zur Italienischen Schule.

Heute haben sich die USA zum Mutterland der gesellschaftsbezogenen Kriminalitätstheorien in den unterschiedlichsten Formen entwickelt. Die grundsätzlichen Ideen auch der aktuellen Forschung basieren jedoch immer noch auf denen ihrer europäischen Vorreitern.

Sozialpsychologische Theorien

Theorie der differentiellen Assoziation

Der Amerikaner Sutherland entwickelte 1924 die sogenannte Theorie der differentiellen Assoziation. 1974 von Cressey fortgeführt, stellt sie eine sozialpsychologische Lerntheorie dar.

Ähnlich wie die allgemeinen Lerntheorien geht sie davon aus, dass kriminelles Verhalten antrainiert ist. Das Erlernen der Verhaltensweisen erfolgt demnach meist in kleinen Gruppen durch Interaktion mit anderen Personen. Es werden sowohl die Motive, als auch die Techniken des kriminellen Verhaltens erlernt.

Nach dieser Schule spielen biologische Faktoren bei den Ursachen der Kriminalität keine Rolle. Nach diesen Theorien soll jeder Mensch in gleicher Weise durch seine Umwelt betroffen sein.

Kritik an der Theorie betrifft ihre Weite, da sie sich letztlich kaum empirisch nachweisen lässt. Auch Trieb- oder Affekttaten vermag die Theorie nicht hinlänglich zu erklären.

Theorie der differentiellen Identifikation

Wie der Name schon vermuten lässt, stellt diese Theorie eine Modifikation der differentiellen Assoziation dar. Demnach solle kriminelles Verhalten nicht nur durch Gruppenkontakte, sondern auch durch die Imitation von Einzelpersonen erlernt werden. Offensichtlich muss sich aber diese Theorie den gleichen kritischen Fragen stellen wie Sutherlands Theorie.

Neutralisierungstechniken

Eine bedeutende Theorie hoben Sykes und Matza 1957 aus der Taufe. Sie gingen davon aus, dass die Täter grundsätzlich wissen, dass ihr Verhalten nicht normgerecht ist und sie die gesellschaftlichen Normen auch grundsätzlich bejahen. Durch bestimmte (Neutralisierungs-) Techniken schaffen sie es aber, die Tat vor sich selbst zu rechtfertigen, und sich dadurch nicht in den Kontext zu Kriminellen stellen.

Sykes und Matza legten folgende Neutralisierungstechniken zugrunde:

  • Die Täter machen ihr ungünstiges soziales Umfeld für die Tat verantwortlich
  • Die Täter negieren das Vorliegen eines wirklichen Opfers ihrer Tat (klassischer Fall: da die Versicherung für die Sachbeschädigung zahlt, redet sich der Täter ein, es gäbe gar keinen Schaden)
  • Die Täter sehen das Opfer als eigentlich Schuldigen, sie selbst stellen nur eine Art Rächer dar, der das Opfer seiner gerechten Strafe zuführt
  • Dem Opfer wird durch die Täter das „Menschsein“ abgesprochen (sog. Dehumanisierung, wie geschehen im 3. Reich mit der Kategorisierung einiger Teile der Bevölkerung in „Untermenschen“)
  • Die Täter berufen sich auf höhere Werte (beispielsweise die „Omerta“ bei mafiösen Strukturen oder bei religiös motivierten Taten)

Wie angedeutet, ist diese Theorie besonders spannend bei dem Versuch kollektive Gewalt zu erklären, beispielsweise im Nationalsozialismus oder aktuell durch den IS-Terror. Die Dehumanisierung der Opfer spielt in beiden Fällen eine zentrale Rolle.

Wichtig ist diese Theorie auch dafür, Sinn und Zweck der Durchführung eines Täter-Opfer-Ausgleichs zu begründen. Wenn das Opfer Auge in Auge dem Täter gegenüber sitzt, fällt es diesem naturgemäß viel schwerer seiner Verantwortung aus dem Weg zu gehen.

Keine Erklärung liefert die Theorie freilich dafür, auf welcher Motivation die kriminellen Handlungen beruhen. Auch wie es zu den Neutralisierungstechniken kommt und wann welche Technik greift, ist nicht ohne weiteres ersichtlich. Dennoch kann diese Theorie bezogen auf viele Fälle von vor allem scheinbar unbegreiflicher Kriminalität einleuchtende Ansätze bieten.

Halt- und Kontrolltheorien

Nicht weniger einflussreich sind die sogenannten Halt-und Kontrolltheorien, vor allem prominent vertreten von Gottfredson und Hirschi.

Grundsätzlich drehen diese Theorien den Spieß genau auf die andere Seite. Sie fragen sich nicht, warum ein Mensch kriminell wird, sondern im Gegenteil, warum sich die meisten Menschen normgerecht verhalten.

Um dies zu beantworten, wurden bestimmte Faktoren ermittelt, die nach Ansicht der Vertreter der Kontroll- und Halttheorien kriminalitätshemmendwirken. Diese sind namentlich:

  • Emotionale Bindungen (vor allem innerfamiliär)
  • Rationale Kalkulation
  • Einbindung in normkonforme Aktivitäten (z. B. Hobbies)
  • Glauben an die moralische Gültigkeit der sozialen Normen

Im Grunde kann man dieser Theorie ihren Geltungsbereich nicht absprechen. Als Beispiel für ihre Stichhaltigkeit kann der Anstieg der Kriminalität in Ostdeutschland nach der deutschen Wiedervereinigung genannt werden, der sicherlich auch durch den Wegfall eines über lange Jahre existierenden sozialen Gefüges erklärbar ist.

Nicht erklärbar mit dieser Theorie sind die Fälle, in denen Menschen trotz fester Bindungen in Gesellschaft und Familie strafbar werden.

Der Labeling-Approach

Für Empörung sorgte der aus den USA stammende Labeling-Approach oder Etikettierungsansatz. Die Grundthese dieses Ansatzes ist, dass Kriminalität grundsätzlich gleich zwischen allen gesellschaftlichen Schichten verteilt ist (sogenannte Ubiquitätsthese).

Im Ergebnis seien die unteren sozialen Schichten durch eine Selektion der Justiz einer stärkeren Strafverfolgung ausgesetzt, sodass es zu einem verzerrten Bild der Kriminalität zuungunsten unterer Schichten käme.

Diese Ungleichbehandlung befürchteten die Vertreter der Theorie bereits beim Vorgang der Gesetzgebung. Als Beispiel dafür konnte die Steuerhinterziehung herhalten, die naturgemäß ein „Reichen-Delikt“ ist und unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt. Es wurde insoweit von „Klassengesetzgebung“ gesprochen.

Insbesondere diese Einwände können auch aktuell noch zu einer gerechtfertigten Diskussion anhalten. Denn letztlich bestimmt zu einem großen Teil auch das Anzeigeverhalten der Bürger die Kriminalitätsstatistiken. Und dieses mag gegenüber verschiedenen Bevölkerungsteilen sehr unterschiedlich sein.

Bezüglich ihrer anderen Thesen, muss man den Etikettierungsansatz heute jedoch als widerlegt betrachten. Allenfalls ist die Kriminalität im Bagatellbereich annähernd in allen sozialen Schichten gleich verteilt. Bezüglich anderer Delikte ist eine Höherbelastung unterer sozialer Schichten auch bei Betrachtung des Dunkelfeldes der Fall.

Dennoch kann die höhere Belastung der Unterschicht Gründe haben, für die die oberen Schichten mitverantwortlich sind. An einer unterschiedlichen Verfolgung und Behandlung durch die Justiz liegt der Unterschied jedoch nachweislich nicht.

Theorie der sekundären Abweichung

Die Theorie der sekundären Abweichung geht von einer Stigmatisierung durch Strafverfolgung im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ aus. Durch die Verurteilung und Stigmatisierung des Täters nach seiner ersten Tat (primäre Abweichung), kommt es erst zur nächsten Tat (also der sekundären Abweichung), weil der Täter seine Stigmatisierung als Krimineller akzeptiert und nunmehr in dieser Rolle verfangen ist.

Die weitere Bestrafung führt dann im Sinne eines Verstärkerkreislaufs zu immer häufigeren Abweichungen.

Auch wenn die Theorie sicher einen relevanten Kern beinhaltet, beachtet sie nicht, dass neben Strafe mitunter auch Hilfe eine soziale Reaktion auf Straftaten ist. Auch die Frage nach der Ursache der ersten Abweichungen wird nicht beantwortet.

Soziologische Theorien

Anomietheorie im weiteren Sinne

Die gleichermaßen radikale wie provokante Ansicht, dass Kriminalität nicht nur eine normale, sondern auch eine nützliche gesellschaftliche Erscheinung ist, vertrat Emile Durkheim in seiner Theorie der strukturell funktionalen Bedingtheit von Kriminalität (oder Anomietheorie i.w.S.).

Die nützliche Bedeutung der Kriminalität sah Durkheim darin, dass die Bevölkerung durch die Bestrafung des Täters in ihrem Normbewusstsein bestärkt würde. Er sah eine Entwicklung erst dann als bedenklich an, wenn sich gesellschaftliche Normen und Werte durch ein krass gesteigertes kriminelles Verhalten in der Bevölkerung auflösten.

An ihre Stelle würde dann die Normlosigkeit treten, ein Zustand den Durkheim als „Anomie“ bezeichnete. Damit meinte er insbesondere krasse gesellschaftliche Umbrüche, also beispielsweise Revolutionen. Die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen sei dann auf legale Weise nicht mehr möglich.

Erkennbar ist dieser alte Ansatz ein Erklärungsversuch für Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen. Eine Einzeltat lässt sich zumeist nur schwer auf diese Art und Weise erklären. Was Durkheim noch nicht wissen konnte ist, dass seine erwartete positive Wirkung der Strafe auf die Bevölkerung (sogenannte positive Generalprävention), empirisch nachweisbar kaum existiert.

Anomietheorie im engeren Sinne

Merton entwickelte eine eigene Anomietheorie auf der Grundlage der Erkenntnisse Durkheims, begrenzt auf nordamerikanische Einwanderungsbevölkerung. Nach Merton liegt der Zustand der Anomie darin, dass die angestrebten Ziele (beispielsweise Anerkennung und Wohlstand) immer weiter von den zur Verfügung stehenden Mitteln wegdriften (also niedriges Einkommen, keine Aufstiegschancen).

Dazu arbeitete Merton mehrere Typen heraus, wie Menschen auf eine solche Realität reagieren:

  • Konformität (Ziele werden weiterhin verfolgt und versucht auf irgendeine Art und Weise mit legalen Mitteln zu erreichen)
  • Ritualismus (Herunterschrauben der Ziele, Beibehaltung legaler Mittel)
  • Rebellion (Bekämpfung der von der Gesellschaft vorausgesetzten Ziele und Mittel, z.B. durch Terrorismus)
  • Rückzug (Ziele und Mittel werden aufgegeben, Folge oft Drogen- oder Alkoholkonsum o.Ä.)
  • Innovation (Die Ziele werden weiterhin verfolgt, nunmehr aber mit illegalen Mitteln)

Nicht zu erklären vermag die Theorie aber, warum die meisten Menschen trotz Nicht-Erreichens mancher Ziele nicht zu illegalen Mitteln greifen. Auch die Erklärung von beispielsweise Gewaltkriminalität, die häufig kein gesellschaftliches Ziel zur Motivation hat, bleibt offen.

Ökologische Theorien

Die unter Kriminologen berühmte Chicagoer Schule prägte das Erscheinungsbild der ökologischen Theorien. Diese machten einen Großteil der Kriminalität von der Wohnumgebung abhängig.

Insbesondere jugendliche Bandenkriminalität sollte durch Gegenden mit ungünstiger sozialer Struktur gefördert werden (delinquency areas). Teilweise reagierte sogar die Politik auf diese Theorien mit der Renovierung ganzer Stadtviertel.

Subkulturtheorien

In gewisser Weise knüpfen die Subkulturtheorien an die Neutralisierungstechniken an. Demnach benehmen sich Bandenmitglieder (also Teile einer bestimmten Subkultur) innerhalb ihrer Gruppierung durchaus normkonform. Die Verhaltensweisen können auch als eine kollektive Reaktion auf Anpassungsprobleme in der Gesellschaft gesehen werden.

Fraglich bleibt auch hier wieder, warum sich der Großteil auch der Unterschicht dann überhaupt noch normkonform verhält, wenn die Theorie Allgemeingültigkeit beansprucht.

Kulturkonfliktstheorie

Eine insbesondere für die Untersuchung von Ausländerkriminalität interessante Theorie ist die Kulturkonfliktstheorie. Demnach entsteht die Kriminalität durch einen Widerspruch zwischen Wert- und Normsystem des Herkunftslandes und der neuen Heimat.

Interessant zu sehen ist hier, dass sich diese Theorie gerade bei den ersten Gastarbeitergenerationen in Deutschland nicht bestätigt hat. Diese wiesen im Vergleich zu Deutschen keine höhere Belastung auf.

Demgegenüber weist die zweite Generation, also die Kinder der damaligen Gastarbeiter eine überproportional höhere Belastung auf. Dies wird teilweise dadurch erklärt, dass diese hin- und hergerissen zwischen dem kulturellen Hintergrund ihres Elternhauses und ihrem sonstigen sozialen Umfeld sind. Diese Orientierungslosigkeit wird als „innerer Kulturkonflikt“ bezeichnet.

Fazit

Es wird deutlich, dass letztlich keine der genannten Theorien endgültig für sich beanspruchen kann, den „Stein der Weisen“ gefunden zu haben. Viele Theorien bieten aber spannende Ansätze zu einzelnen Phänomenen von Kriminalität, die in Kombination mit anderen Theorien auch ein großes Bild ergeben können.

Wichtig für den Prüfling ist es, jede Theorie in wenigen Sätzen erklären und in Verbindung mit aktuellen kriminologischen Erkenntnissen zu setzen, dabei aber nie den kritischen Blick auf die Theorien zu verlieren.

Quellen

Kaiser/Schöch, Kriminologie – Jugendstrafrecht – Strafvollzug, Fall 1

Schwind, Kriminologie, § 8

 

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