Kriminalität tritt in den unterschiedlichsten Formen auf. Dabei haben ganz verschiedene Arten von Kriminalität auch ganz verschiedene Ursachen und bieten unterschiedlichste kriminologische Erkenntnisse. Hier erhalten Sie einen Überblick über die Ergebnisse der Forschung zu den wichtigsten Kriminalitätsarten.
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Bild: “senza titolo” von gianluca. Lizenz: CC BY 2.0


Gewaltkriminalität

Ein gleichermaßen großer wie interessanter und erkenntnisreicher Bereich der Kriminalität ist die Gewaltkriminalität. Diese kann unterschiedlichste Ursachen und Erklärungsmuster haben. Im Folgenden geben wir einen Überblick über den Stand der Forschung zum Thema Gewaltkriminalität.

Begriff Gewaltkriminalität

Die Kriminologie hat im Laufe der Zeit einen eigenen Gewaltbegriff entwickelt. Demnach ist Gewalt primär die vorsätzliche Kraftanwendung gegenüber Personen.

Davon in erster Linie umfasst sind die Körperverletzungs- und Tötungsdelikte, sowie Raub, Erpressung, Sexualdelikte und Delikte gegen die persönliche Freiheit. Ausdrücklich nicht umfasst ist die Ausübung von Gewalt gegen Sachen.

Umfang der Gewaltkriminalität

Entgegen der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung macht die Gewaltkriminalität nur einen vergleichbar kleinen Teil der jährlichen Kriminalität aus. Im Durchschnitt liegt diese in der Regel in einem Bereich von etwa 3 % der jährlichen Kriminalität. Seit 2007 sind die Zahlen dabei leicht rückläufig. Im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil sind im Hinblick auf Gewaltdelikte Jugendliche und Heranwachsende überproportional belastet.

Ursachen der Gewaltkriminalität

Wie bei allen Arten von Kriminalität kann man sich insbesondere bei der Gewaltkriminalität fragen, wie es dazu kommt, dass Menschen zu teilweise heftigen Taten fähig sind.

  • Der bedeutende Kriminologe des 20. Jahrhunderts, Konrad Lorenz, ging in seinem ethologischen Modell davon aus, dass jeder Mensch mit einem natürlichen, angeborenen, Aggressionstrieb ausgestattet ist. Auch relevant wird in diesem Bereich die Frustrations-Aggressions-Hypothese. Beide Ansätze bergen die Gefahr einer monokausalen Erklärung und sie somit höchstens in Kombination mit anderen Erklärungsversuchen anzuwenden.
  • Eine Ausbreitung der Kriminalität in manchen modernen Gesellschaften wird teilweise versucht mit einem sozialen Wandel zu begründen (vergleiche beispielsweise Günther Kaiser). Das hieße, dass eine gesteigerte Gewaltbereitschaft aus einer größeren Belastungssituation für die Täter entspringt. Diese könnte bedingt sein durch veränderte Familien-, Arbeits- und Wertestrukturen in einer Gesellschaft.

Eine Schwäche monokausaler Ansätze liegt darin, dass Gewalt in den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens auftaucht und dabei jeweils verschiedene Gesichter zeigt. Gewalt in Familien, am Arbeitsplatz, in der Schule, in den Medien oder gegen Ausländer kann ersichtlich auf sehr heterogenen Ursachen beruhen, die nichts miteinander zu tun haben.

Kindesmisshandlung, § 225 StGB

Wie schon erwähnt, ist natürlich leider auch die Familie ein Ort, an dem in Deutschland tagtäglich Gewalt stattfindet. Da sich Täter häufig das schwächste Glied aus der Gruppe der möglichen Opfer „rauspicken“, werden auch Kinder Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt.

Umfang  von Kindesmisshandlung

Der Umfang der Gewalt gegenüber Kindern ist ganz außergewöhnlich schwer festzustellen oder abzuschätzen. Im Jahr werden in Deutschland ungefähr 2000 Fälle von Gewalt an Kindern in der eigenen Familie registriert. Klar muss aber sein, dass kaum zu ermitteln ist, wie hoch die Zahl im Dunkelfeld ist. Denn die registrierten Taten sind sehr abhängig vom Anzeigeverhalten und es ist naheliegend, dass Kinder in den seltensten Fällen selbst die Initiative der Anzeige ergreifen. Sie sind daher bei der Anzeige auf Dritte angewiesen. Innerhalb der Familien wird eine Anzeige, zum Beispiel des Ehe- oder Lebenspartners, meist nicht erfolgen, um das Familienleben nicht zu zerstören. Teilweise wird sich natürlich auch davor gefürchtet, Nachbarn und Freunde könnten von einer Anzeige erfahren und die Familie gesellschaftlich ächten.

Selbst bei Nachbarn oder Ärzten wird die Hemmschwelle recht hoch sein, einen Verdacht lediglich zu äußern. Denn immerhin handelt es sich um eine äußerst schwerwiegende Anschuldigung und selten wird ein Unfall, der zu Verletzungen des Kindes geführt haben könnte, gänzlich ausgeschlossen werden können.

Obwohl die Anzeigebereitschaft und die Sensibilität gegenüber solchen Taten in den vergangenen Jahren in unserer Gesellschaft sehr angestiegen ist, gehen Kriminologen immer noch von einer Dunkelzifferrelation von  ca. 1:20 aus.

Täterkreis bei Kindesmissbrauch

Der Täterkreis bei Kindesmissbrauch ist relativ klein. Fast ohne Ausnahmen sind die Eltern oder nahe Verwandte diejenigen, die den Kindern Gewalt zufügen. Interessant ist dabei, dass selten beide Elternteile zugleich Gewalt über das Kind ausüben. In der Regel wird nur ein Elternteil gewalttätig, wohingegen der andere Elternteil „lediglich“ passiv die Gewaltanwendung unterstützt.

Erklärungsansätze

Eine kriminologische Erkenntnis ist mittlerweile zum großen Teil auch in die öffentliche Wahrnehmung vorgedrungen: Selten handeln die Täter in bloßer böswilliger Absicht. In aller Regel liegt eine völlige Überforderung mit dem Kind und mit der allgemeinen Lebenssituation vor.

Der psychoanalytische Ansatz zur Erklärung der Gewalt an Kindern geht auf Sigmund Freud zurück. Er beschreibt den sogenannten „neurotischen Konflikttäter“, der selbst einen unbewältigten frühkindlichen Konflikt erlebt hat, welcher in emotionalen Defiziten auch sein Verhalten im Erwachsenenalter bestimmt. Die Täter handeln dann besonders aggressiv, wenn sie sich in ihrem eigenen Bedürfnis nach Zuneigung durch das Kind enttäuscht fühlen.

Auch die oben bereits erwähnte Frustrations- und Aggressionshypothese kann in diesem Kontext eine Rolle spielen. Dabei baut der Täter Aggressionen, die nicht einmal vom Kinde selbst erzeugt worden sein müssen, am schwächsten Glied der Kette ab.

Lerntheoretische Ansätze wurden durch die allseits bekannte These, dass „Kindesmisshandler selbst einmal misshandelte Kinder waren“, auch in der Öffentlichkeit viel diskutiert. Insbesondere die Zyklusthese konnte diesen Zusammenhang bestärken. Denn danach lernt der Mensch am Modell, um dieses Erlernte dann in einer bestimmten Situation wiederzugeben.

Rechtsextremistische Gewalt

Unter rechtsextremistischer Gewalt ist eine Einwirkung auf einen anderen Menschen oder eine andere Sache durch Entfaltung körperlicher Gewalt zu verstehen, die auf der Ideologie der Ungleichheit von Menschen basiert, wobei diese auf die Abwertung bestimmter Personen und Gruppen anderer Nationalität oder Rasse und deren Abgrenzung abzielt.

Erklärungsansätze

Ein naheliegender Faktor zur Erklärung fremdenfeindlicher Gewalt ist, dass diese in besonders hohem Maß situationsgebunden und gruppendynamisch geprägt ist. Gerade Situationen mit hohem Alkoholeinfluss und einer aggressiven Stimmung in der Gruppe können dabei tatauslösend wirken, wie z.B. die Proteste von HoGeSa in Köln im Oktober 2014 gezeigt haben.

Eine solche Gruppe besteht zum Großteil aus 13 bis 25-Jährigen. Zur Erklärung rechtsextremistische Gewalt haben sich in der Kriminologie einige Spezialansätze herausgebildet.

Vor allem bekannt wurden dabei die Arbeiten von Wilhelm Reich, der sich intensiv mit der Massenpsychologie des Faschismus auseinandersetzte. Im Ergebnis sieht er den Grund für Rechtsextremismus in einer Charakterschwäche derjenigen Menschen, die ihre eigene Unzufriedenheit in der Überhöhung einer Gemeinschaft, der sie zugehören, zu überwinden suchen. Allein eine Erklärung dafür, dass diese Suche sich im Ergebnis häufig in Gewalt äußert, kann Reich mit seiner These nicht liefern.

Einen anderen Ansatz wählte Wilhelm Heitmeyer, der rechtsextremistische Gewalt als das Ergebnis von Erfahrungen der Desintegration ansah. Die Attraktivität der Gruppe wächst dann für Jugendliche, die in der immer konkurrenzbehafteteren Gesellschaft keinen Anschluss mehr finden. Die Gewalteskalation kann dann durch die gruppendynamischen Prozesse erklärt werden.

Als Legitimation für die Gewalthandlungen kann wiederum auf die Neutralisationstechniken verwiesen werden. Indem die Ausländer in der Vorstellung der Rechtsextremen Arbeitsplätze wegnehmen und damit Deutschen schaden, sind sie nach rechtsextremer Vorstellung selbst Schuld an dem Schaden, den sie durch die Gewalttätigkeiten davontragen.

Tipps zur vertiefenden Literatur:

Eisenberg, Kriminologie, § 45.
Göppinger, Kriminologie, S. 509 ff.
Kaiser, Kriminologie, S. 425 ff.
Kaiser/Schöch, Fall 10.
Schwind, Kriminologie, § 2, Rn. 26.

 

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