Herbstzeit ist Grippezeit! Ein Grund für viele Mediziner sich impfen zu lassen und bei der Gelegenheit einen Blick in ihren Impfausweis zu werfen. Doch was wissen Sie noch über Tetanus, Diphtherie und Co? Und wie unterscheiden sich die unterschiedlichen Impfstoffe in ihrer Art und Aufbereitung? Wir impfen Sie mit frischem Wissen.
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Bild: „little sister ADAM syringe“ von Robert Couse-Baker. Lizenz: CC BY 2.0


Aktive Immunisierung

Die aktive Immunisierung beinhaltet die Erzeugung einer erworbenen Immunität durch die Applikation von Antigenen in Form von

  • inaktivierten Erregern bzw. deren Bestandteilen (Totimpfstoff) oder
  • in ihrer krankmachenden Wirkung (Virulenz) abgeschwächten, aber dennoch vermehrungsfähigen Erregern (Lebendimpfstoffe)

Totimpfstoffe

Totimpfstoffe wirken schwach immunogen, weshalb mehrfache Applikationen des Impfstoffes, sowie regelmäßige Auffrischimpfungen nach erfolgter Grundimmunisierung erforderlich sind, um einen ausreichenden Impfschutz zu erzielen. Darüber hinaus sind sie nebenwirkungsarm. Unerwünschte Begleitreaktionen beruhen maßgeblich auf den zugefügten Adjuvanzien (s.u.).

  • Vollimpfstoffe

Die einfachste Art der Herstellung von Totimpfstoffen stellt die Anzucht der Erreger auf speziellen Nährböden (Bakterien) oder innerhalb von Zellkulturen bzw. bebrüteten Hühnereiern (Viren) dar, der sich in weiteren Schritten die physikalisch- chemische Aufreinigung und Inaktivierung durch Hitze oder Formaldehyd anschließt. Die auf diese Art gewonnenen Vollimpfstoffe besitzen alle antigenen Strukturen des Erregers (z.B. Tollwut- Impfstoff HDC, Cholera).

  • Subunit- Impfstoffe

Im Gegensatz zu Vollimpfstoffen enthalten Subunit- Impfstoffe Erregerantigene, die durch Aufreinigungsverfahren aus Kulturen isoliert oder mit Hilfe der DNA- Rekombinationstechnologie gezielt hergestellt werden können (z.B. Kapselpolysaccharide von Haemophilus influenzae Typ B, Pneumokokken, Meningokokken, Typhus).

  • Toxoidimpfstoffe

Aufgereinigte Toxine, die zu Impfzwecken (formalin-)inaktiviert werden (Toxoide), bezeichnet man als Toxoidimpfstoffe. Beispiele sind die Impfstoffe gegen Tetanus und Diphtherie.

  • Konjugatimpfstoffe

Polysaccharide erzeugen eine schwache Immunologische Reaktion, die auf der T-Zell- unabhängigen Aktivierung von B- Zellen beruht. Um eine dauerhafte Immunität unter Ausbildung von IgG und immunologischer Gedächtniszellen zu gewährleisten, wurden daher Impfstoffe entwickelt, die durch die Kopplung von Polysacchariden an Proteine eine T- Zell- abhängige B-Zellaktivierung hervorrufen (sog. Konjugat- Impfstoffe). Konjugatimpfstoffe sind gegen Pneumokken (Prevenar®), Meningokokken der Gruppe C und Haemophilus influenzae Typ b (Hib) erhältlich.

  • Adjuvanzien

Aufgrund der geringen immunogenen Potenz vieler Totimpfstoffe (z.B. Toxoidimpfstoffe), werden den aufgereinigten Erregerantigenen Wirkverstärker (z.B. Aluminiumhydroxid) zugesetzt, die die Immunreaktion unspezifisch verstärken. Dies geschieht im Wesentlichen über eine lokal induzierte Entzündungsreaktion, die eine vermehrte Migration von Makrophagen, T- und B- Lymphozyten an den Ort der Erregerapplikation zur Folge hat.

 

Beispiele von Totimpfstoffen
Diphtherie Toxoidimpfstoff aus inaktiviertem Diphtherietoxin, enthält Adjuvans
Tetanus Toxoidimpfstoff aus inaktiviertem Tetanustoxin, enthält Adjuvans
Pertussis Azellulärer Impfstoff aus verschiedenen Antigenen
Poliomyelitis Impfstoff nach Salk: Trivalenter Impfstoff, der abgetötete Polioviren aus 3 unterschiedlichen Stämmen enthält
Hepatitis B Gentechnologisch hergestellter Impfstoff, der das Surface-Antigen (Hbs-Ag) enthält
Hepatitis A Inaktivierte Viren
Haemophilus influenzae Typ b (Hib) Konjugatimpfstoff, der aufgereinigte Kapselpolysaccharide enthält
Pneumokokken Konjugatimpfstoff, der aufgereinigte Kapselpolysaccharide enthält
Meningokokken Konjugatimpfstoff gegen die Serotypen A und C, der aufgereinigte Kapselpolysaccharide enthält
Typhus Impfstoff aus aufgereinigten Kapselpolysacchariden
Cholera Vollimpfstoff aus abgetöteten Erregern zur intravenösen Verabreichung
FSME Vollimpfstoff aus abgetöteten Viren
Tollwut Vollimpfstoff aus abgetöteten Viren
Influenza Spaltvakzine aus aufgereinigten Antigenen (Hämagglutinin, Neuraminidase)

Lebendimpfstoffe

Lebendimpfstoffe  sind in ihrer pathogenen Wirkung (Virulenz) abgeschwächte (attenuierte) Erreger. Die meisten Lebend-Impfstämme sind schon lange bekannt. Ihr Pathogenitätsverlust beruht auf spontanen Mutationen, die sich unter der wiederholten Passage tierischer Wirtsorganismen oder geeigneter Zelllinien entwickelt hat.

Durch den biotechnologischen Fortschritt ist in neuerer Zeit eine Herstellung gentechnologisch veränderter attenuierter Erreger (z.B. Deletion von Virulenzgenen) ebenfalls möglich.

Die Vermehrungsfähigkeit der apathogenen Erreger im Impfling bewirkt eine ausgeprägte Immunreaktion mit Ausbildung einer lang anhaltenden Immunität. Voraussetzung ist ein funktionierendes Immunsystem, da es andernfalls zu einer ungebremsten Vermehrung des Erregers mit Ausbildung möglicher Impfkomplikationen kommen kann. Lebendimpfungen sollten daher nicht vorgenommen werden bei:

  • Impflingen mit Defekten der humoralen Immunabwehr (B-Zell-Defekte)
  • Patienten mit T-Zelldefekten
  • Patienten unter Chemotherapie
  • immunkompromittierten Patienten unter immunsuppressiver Therapie (ausgenommen lokale bzw. niedrig dosierte Kortisontherapie)
  • Patienten nach Knochenmarks- oder Stammzelltransplantation (frühestens 2 Jahre postinterventionell bei ausreichendem Immunstatus)

Für HIV gilt eine Impfempfehlung für Lebendimpfungen, solange keine schwere Immunsuppression, gemessen an der CD4+- Zellzahl besteht (nähere Angaben siehe Internetseite des Robert-Koch- Institutes).

Beispiele von Lebendimpfstoffen
Masern,Mumps,Röteln,Varizellen Impfstoffe aus attenuierten Viren
Typhus Attenuierte Bakterien zur oralen Einnahme (Typhoral)
Cholera Attenuierte Bakterien zur oralen Einnahme

Passive Immunisierung

Die passive Immunisierung beinhaltet die Gabe von Immunglobulinen zum schnellen Aufbau einer ausreichend hohen humoralen Immunität. Anders als bei der aktiven Immunisierung wird hierbei keine immunologische Reaktion und auch keine dauerhafte Immunität auf Seiten des Impflings erzeugt. Vielmehr dient die passive Immunisierung der Prophylaxe einer Infektion nach stattgehabter Erregerexposition (Postexpositionsprophylaxe/PEP), wobei wenn möglich eine Simultanimpfung mit gleichzeitiger Aktiver Immunisierung erfolgen sollte (z.B. Tetanus-Prophylaxe bei ungeimpften Verletzten).

Verwendete Antikörper entstammen menschlichen (homologe Antikörper) oder tierischen (heterologe Antikörper) Spendern:

  • Homologe Immunglobulinpräparate enthalten überwiegend IgG. Entsprechend ihrer Gewinnung unterscheidet man Standard- Immunglobuline (aus einem Pool verschiedener Spender) und Hyperimmunglobuline (aus dem Plasma von Spendern mit hohen Ak-Titern). Ihre Halbwertszeit beträgt im Mittel 21 Tage.
  • Heterologe Antikörper bestehen aus tierischen Proteinen und können Sensibilisierungsreaktionen hervorrufen, deren Vollbild die Serumkrankheit darstellt: Durch die Bildung zirkulierender Immunkomplexe kann es zu Fieber, Urtikaria, Arthritiden, Konjunktivitis und Proteinurie kommen. Darüberhinaus sind allergische Reaktionen bis hin zur Anaphylaxie beschrieben. Aus diesem Grunde sollten heterologe Antiseren ausschließlich i.m. verabreicht werden.
Humane Immunglobuline zur passiven Immunisierung
Erkrankung Immunglobuline Indikation
Masern Humanes Standard-Immunglobulin Immundefizienz bei Kindern
Hepatitis A Humanes Standard-Immunglobulin Kontakt mit infizierter Person
Hepatitis B Humanes Hyperimmunglobulin Erregerinokulation durch Nadelstichverletzung, sofern kein ausreichender Hbs- Titer (< 10IE/l) vorliegtpostnatal bei Neugeborenen infizierter Mütter
Varizella zoster Humanes Hyperimmunglobulin Schutz des ungeborenen Kindes bei Infektion unter der Schwangerschaft; Immungeschwächte Personen nach stattgehabter Exposition
Röteln Humanes Hyperimmunglobulin Erregerexponierte ungeimpfte Schwangere
Rh- Unverträglichkeit(Anti D- Prophylaxe) Humanes Hyperimmunglobulin Postpartal (bis 72h) bei Rhesusnegativer Mutter bei der Geburt eines rhesuspositiven Kindes
Tetanus Humanes Hyperimmonglobuline fehlender/unbekannter Impfschutz bei Verletzen, simultan mit aktiver Immunisierung
CMV Humanes Hyperimmunglobulin Immunkompromittierte Patienten
Tollwut Humanes Hyperimmunglobulin Nach Bissverletzungen durch infizierte Tiere
Diphtherie Tierisches Antitoxin v.a. Diphtherie
Botulismus Tierisches Antitoxin v.a. Botulismus

Nebenwirkungen bei Schutzimpfungen

Unabhängig vom verwendeten Impfstoff kann es als Folge der immunologischen Reaktion des Impflings zu unangenehmen, aber harmlosen Impfreaktionen kommen, die sich typischerweise innerhalb der ersten drei Tage nach erfolgter Impfung entwickeln. Häufig auftretende Beschwerden sind lokale Entzündungsreaktionen (Rötung,Schwellung, Schmerzen) im Bereich des Stichkanals. Seltener kommt es zu Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen, Abgeschlagenheit und/oder grippeähnlichen Symptomen.

Möglich ist bei Lebendimpfungen auch eine abgeschwächte Form der Erkrankung (z.B. Impfmasern, Arthralgien bei Röteln-Impfung).

Impfkomplikationen

Impfkomplikationen sind Impfstoffspezifische Nebenwirkungen, die über das Maß der normalen und zu erwartenden Impfreaktionen hinausgehen. Ihre Auftretenswahrscheinlichkeit ist äußerst gering, Angaben darüber beruhen häufig auf Einzelfallberichten. Aus Sicht der Aufklärungspflicht des Arztes sind sie dennoch bedeutsam.

  • anaphylaktische Reaktionen (bei verschiedenen Impfstoffen berichtet)
  • Neuritiden, Neuropathien (Diphtherie, Tetanus)
  • Fieberkrämpfe bei Säuglingen (DPT- Kombinationsimpfung, Masern, Mumps, Meningokokken,Pertussis, Pneumokokken- Konjugat- Impfstoff, Röteln)
  • Guillain- Barré- Syndrom (FSME, Haemophilus influenzae b, Tetanus)
  • Enzephalitis (FSME, Masern)
  • Meningitis (Mumps)
  • Krämpfe (Hib)
  • Arthritiden (MMR- Impfung, Röteln)
  • Thrombozytopenie (Pneumokokken-Polysaccharid- Impfstoff, MMR-V, MMR, MM, Influenza, DTaP)

Hühnereiweißallergie

Durch Anzucht verschiedener Impfstoffe in bebrüteten Hühnereiern (Masern, Mumps, Influenza, Gelbfieber) können Spuren des Eiweißes innerhalb der Impfstoffe vorhanden sein. Diese sind durch die Aufreinigung in der Regel aber so marginal, dass keine Bedenklichkeit hinsichtlich einer Verabreichung bei Patienten mit Hühnereiweißallergie besteht. Laut STIKO- Empfehlung (2007) gilt eine Kontraindikation lediglich für die Influenza- und die Gelbfieberimpfung.

 

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