Die Läsion peripherer Nerven verursachen motorische Ausfälle, Reflexstörungen, Sensibilitätsstörungen, vegetative Ausfälle, Störungen der Trophik, Schmerz- und Irritationssyndrome und vieles mehr. Im folgenden Artikel erhalten Sie einen Überblick über den N. ischiadicus und erfahren, welche Ursachen für Läsionen verantworlich sind, wie sie diagnostiziert und behandelt werden, auf welche Differenzialdiagnosen geachtet werden muss und welche Therapie geeignet ist.

Hier finden Sie den Artikel zu den Läsionen des N. femoralis.

Dieser Artikel berücksichtigt die Leitlinien, welche auf AWMF einsehbar sind. Die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels vorliegende Leitlinien-Version können Sie einsehen.
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N. ischiadicus

Bild: “Sciatic nerve” von Anatomist90. Lizenz: CC BY SA 3.0


Definition

Definition der N. ischiadicus-Läsion

Nervus ischiadicus

Bild: “Nervus ischiadicus” von Uwe Gille. Lizenz: Public Domain

Der N. ischiadicus ist ein aus den Rückenmarkssegmenten L4 bis S3 austretender peripherer Nerv, der als stärkster Nerv des Organismus definiert wird und aus sämtlichen ventralen Ästen des Plexus ischiadicus gebildet wird.

Motorisch innerviert er die ischiocrurale Muskulatur und sämtliche Muskeln des Unterschenkels und des Fußes. Ein großer Teil der Haut an der lateralen und der dorsalen Fläche des Unterschenkels sowie die Haut des Fußes wird sensibel vom N. ischiadicus versorgt. Ausnahmen bilden dabei nur die mediale Knöchelregion sowie ein schmaler Streifen am medialen Fußrand, die vom N. saphenus innerviert werden.

Er verlässt das kleine Becken durch das Foramen infrapiriforme und läuft bedeckt vom M. gluteus maximus über den M. obturatorius internus, die Mm. gemelli und über den M. quadratus femoris hinweg. Distal verlaufend zieht er zwischen den tibialen und den fibularen Flexoren des Oberschenkels unter dem langen Kopf des M. biceps femoris entlang.

Spätestens vor dem Übertritt in die Fossa poplitea spaltet sich der N. ischiadicus am Übergang vom mittleren zum distalen Drittel des Oberschenkel in den N. tibialis und den N. fibularis communis.

Ätiologie

Ursachen der N. ischiadicus-Läsion

Die Läsionsursachen des N. ischiadicus sind vielfältig. Folgende Ursachen wurden bereits diagnostiziert:

  • Nach Implantation einer Hüftprothese
  • Durch äußeren Druck
  • Durchblutungsstörung
  • Schussverletzung
  • Fraktur des Beckens
  • Oberschenkelfraktur
  • Tumore
  • Injektionsschäden
  • Infekte

Durch intramuskuläre Injektionen ist die Ischiadicusläsion die Häufigste unter den Schädigungen, wo es zu einer intensiven Fremdkörperreaktion um den Nerv herum kommt und der Nerv durch das dichte, narbige Bindegewebe stranguliert wird.

Ca. 20 % aller N. ischiadicus Läsionen entstehen bei Hüftgelenkstotalendoprothesen, wo es neben Durchtrennungen bei der Ablösung der Außenrotatoren zu Druckschäden durch OP-Instrumente und abgesplitterte Knochenfragmente kommt. Außerdem sind mechanische Schädigungen durch Bohrer, Sägen etc. beobachtet wurden.

Durch äußeren Druck infolge von Dehnung und Zerrung bei Flexion von Hüftgelenk nach distal wurden in ca. 14 % aller Fälle Schädigungen des N. femoralis nachgewiesen. Bei einer Längenzunahme von mehr als 3 cm durch Verlängerungsosteotomien des Femurs kommt es regelmäßig zu Nervendehnungsschäden, sofern diese einseitig erfolgen.

Des Weiteren kann durch exogene Druckeinwirkung und Lagerung eine Ischiadicusparese verursacht werden. Besonders bei Kindern und mageren Menschen kann ein Kompressionsschaden durch längeres Sitzen auf einer harten Unterlage ausgelöst werden.

Eine Durchblutungsstörung infolge einer arteriosklerotischen Stenose der A. iliaca communis führt zu einer einseitigen schmerzhaften Ischialgie mit undeutlich und nicht klar abgegrenzter Atrophie der Beinmuskulatur. Es führt dann in der Regel zu einer Ischiadicuskompression mit Schmerzen und Parese.

Größtenteils kommen Tumore in Nervennähe vor und in diesem Fall, obgleich selten, im Ischiadicusstamm, nachgewiesen jeweils durch MRT oder CT. Auch schon vor dem Verlassen des Beckens kann ein Tumor den Ischiadicus beeinträchtigen.

Infekte sind eher eine Seltenheit, dennoch führte ein Staphylococcus-aureus-Abszess im M. piriformis bereits zu einer schweren Ischialgie.

Symptome und Klinik

Symptome der N. ischiadicus-Läsion

Eine Symptomatologie bei einer N. ischiadicus-Läsion ist abhängig vom Läsionsort. Folgende Symptome in Bezug zum Läsionsort können auftreten:

Beckenausgang

Eine aktive Flexion des Knies bei Schädigung des N. ischiadicus beim Beckenausgang ist nicht mehr möglich.

Fibularis communis (Kniekehle oder Fibulaköpfchen)

Bei Schädigungen in diesem Gebiet erleidet der Patient eine vollständige Lähmung für Dorsalextension des Fußes und der Zehen sowie eine Schwäche für Pronation des Fußes. Es kommt außerdem zu sensiblen Störungen lateral des Unterschenkels und des Fußrückens sowie zu einem Fallfuß.

Supination und Pronation des Fußes

Bild: “An anatomical illustration from the 1921 German edition of Anatomie des Menschen: ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte with latin terminology.” von Hermann Braus. Lizenz: Public Domain {{PD-US}}

Fibularis profundus

Der Patient zeigt die gleichen Symptome wie bei der Schädigung des N. fibularis communis. Bei einer Schädigung des N. fibularis profundus ist das Anheben des lateralen Fußrandes aber noch möglich. Die Sensibilität ist auch „nur“ dorsal am Fußrücken gestört.

Tibialis proximal (z.B. Kniekehle)

Bei Schädigung des N. tibialis proximal kann der Patient den Fuß und die Zehen aktiv nicht mehr flektieren, den Fuß nicht supinieren sowie die Zehen nicht spreizen. Sensibilitätsstörungen sind dorsal am Unterschenkel sowie an der Fußsohle zu finden.

Tibialis Mitte Unterschenkel

Bei einer Schädigung in diesem Läsionsort ist eine Krallenstellung der Zehen bei den Patienten zu beobachten. Der Funktionsausfall äußert sich durch eine geringfügige Plantarflexionsschwäche des Fußes, mit einer eventuellen Supinationsschwäche sowie einer Plantarflexionsschwäche der Zehen. Auf der ganzen Fußsohle ist ein Sensibilitätsausfall zu sehen.

Tibialis hinter Malleolus internus

Eine N. tibialis-Schädigung hinter dem Innenknöchel führt zu Paresen für das Spreizen der Zehen, oftmals verbunden mit einer Schmerzsymptomatik und trockenen Fußsohlen. Ein Sensibilitätsausfall an der Fußsohle wird außerdem diagnostiziert.

Injektionen

Auffällig sind Schädigungen des N. ischiadicus durch Injektionen in der Gesäßgegend. Es kann zu Spritzenlähmungen kommen, die meist einen ausstrahlenden Sofortschmerz im Bein verursachen sowie sensible und motorische Ausfallerscheinungen zur Folge haben. Bei einigen Patienten stellen sich aber auch nach Stunden bis Tage Paresen an Fuß- und Zehenstrecker ein. Es hängt vom Schweregrad der Schädigung ab, ob Reiz- oder Ausfallserscheinungen das Krankheitsbild prägen.

Diagnostik

Diagnose der N. ischiadicus-Läsion

Wie bereits erwähnt können mit Hilfe von CT und MRT Tumore, Frakturen und Hämatome festgestellt werden, die für eine Schädigung des N. ischiadicus verantwortlich sind.

Eine Diagnose einer N. ischiadicus-Läsion ist neben sichtbaren Bewegungseinschränkungen, pathologische Fehlstellungen der Füße, Paresen, Schmerzsymptomen, etc. unter anderem auch durch klinische Funktionstest möglich. Dabei kann der Untersucher die Funktion der Kniebeuger prüfen, um eine Läsion zu diagnostizieren.

Idealerweise testet man die Funktion der Kniebeuger beim auf dem Bauch liegenden Patienten. Der Patient beugt zu ca. 60 % sein Knie an und der Testdruck des Untersuchers am distalen Unterschenkel geht in Richtung Extension. Bei Anspannung sind auch die Sehnen tastbar, die medial (Mm. semitendinosus und semimembranosus) bzw. lateral (M. biceps femoris) die Begrenzung der Kniekehle bilden.

Differentialdiagnosen

Ähnliche Krankheitsbilder der N. ischiadicus-Läsion

Bei sorgfältiger Untersuchung kann kaum eine andere Monoparese eines Beines mit einer N. ischiadicus-Läsion verwechselt werden, dennoch kann eine beginnende myatrophische Lateralsklerose eine Ischiadicusparese oberflächlich betrachtet vortäuschen. Sensibilitätsstörungen fehlen dann allerdings.

Therapie

Behandlung des N. ischiadicus

Ischiadicusverletzungen werden operativ versorgt.

Bei leichter Beugung des Kniegelenks werden glatte Durchtrennungen und kleinere Defekte durch End-zu-End-Neurorrhaphie (Nervennaht) behandelt. Diese entstehen meist am Oberschenkel bis zur Teilungsstelle oberhalb der Kniekehle, die am meisten durch Schnitt- oder Schussverletzungen hervorgerufen werden.

Die Durchführung einer Nerventransplantation ist erst bei einem größeren Defekt erforderlich. Bei kompletter Schädigung des N. ischiadicus ist das Ausbleiben der Schutzsensibilität an der Fußsohle möglich. Eine ausreichende Schutzfunktion wird deswegen meist als Erfolg bezeichnet. Ein besonderes Regenerationsergebnis ist auch die Wiederherstellung der Plantarflexion und Dorsalextension in nützlichem Umfang.

Beliebte Prüfungsfragen zu den Läsionen wichtiger Beinnerven

Die Antworten sind unterhalb der Quellenangaben angegeben.

1. Welche 3 Muskeln sind für den diagnostischen Muskelfunktionstest zur Prüfung einer N. femoralis-Läsion entscheidend?

  1. M. ileopsoas, Hamstrings und M. rectus femoris
  2. M. Tibialis anterior, M. Sartorius und M. rectus femoris
  3. M. Tibialis anterior, M. Sartorius und Hamstrings
  4. M. ileopsoas, M. Sartorius und M. rectus femoris
  5. M. ileopsoas, Tibialis anterior und Hamstrings

2. Welche Ursache einer N. Ischiadicus Läsionen zählt man zu den „selten Auftretenden“?

  1. Nach Implantation einer Hüftprothese
  2. Infekte
  3. Durch äußeren Druck
  4. Durchblutungsstörungen
  5. Injektionsschäden

3. Welche beginnende Erkrankung kann oberflächlich betrachtet eine Ischiadicusparese vortäuschen?

  1. Polymyositis
  2. Myatrophische Lateralsklerose
  3. Multiple Sklerose
  4. Parkinson
  5. Myasthenia gravis

Quellen

G.J. Tortora und B.H. Derrickson, Anatomie und Physiologie, Wiley-VCH Verlag

Mumenthaler, M. Stöhr, H. Müller- Vahl, Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome, Georg Thieme Verlag

Mumenthaler, M. Stöhr, H. Müller- Vahl, Kompendium der Läsionen des peripheren Nervensystems, Georg Thieme Verlag

Schiebler, Schmidt, Zilles, Anatomie 8. Auflage, Springer

Gerz, Lehrbuch der Applied Kinesiology (AK) in der naturheilkundlichen Praxis, AKSE Verlag

Antworten zu den Prüfungsfragen: 1D, 2B, 3B



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Ein Gedanke zu „Die Nervus Ischiadicus-Läsion

  • M. Stöber

    Die Überschrift des Beitrages Ischiadicus-Liäson sollte zu Ischiadicus-Läsion korrigiert werden