Vor gut 50 Jahren hat der Physiker und Nobelpreisträger Linus Pauling postuliert, dass man nur genügend Vitamin C zu sich nehmen bräuchte und Krankheiten wie Krebs könnten gestoppt werden. In einer hohen Supplementierung von Antioxidantien läge das Geheimnis ewiger Jugend, da der Körper kaum altere. Ironischerweise starb Pauling selbst an Krebs, wurde vielfach behauptet. Was ist dran am hohen Konsum von Antioxidantien? Können sie unser Leben wirklich verlängern?
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Bild: “Grapes” von tribp. Lizenz: CC BY 2.0


Kämpfer für die Vitamine

Erst im Alter von 65 Jahren begann Linus Pauling seinen Vitamin-Kampf. Dabei begann er, jeden Tag 18 Gramm Vitamin C zu sich zu nehmen, das ihn gegen Erkältungen schützen sollte. Zum Vergleich: Die Tagesdosis liegt bei rund 0,09 Gramm.

Im Laufe der Jahre weitete Pauling seine Idee aus: Vitamine würden gegen viele Krankheiten schützen, darunter auch Krebs. Der zweifache Nobelpreisträger wurde belächelt, als er nach seinem Ruhestand das Institut für Orthomolekulare Medizin gründete.

Immerhin, viele seiner Ansätze haben sich bestätigt. Und er selbst ist durchaus alt geworden. Auch wenn es manche als Ironie betrachten, dass er selbst im hohen Alter an Prostatakrebs litt. Mit 93 Jahren ist das Vorhandensein von Krebszellen im Körper nichts Außergewöhnliches. Er starb nicht am Krebs, sondern ganz einfach an Altersschwäche.

Linus Pauling
(1901-1994)

  • Nobelpreis für Chemie (zur Proteinstruktur)
  • Friedensnobelpreis für den Einsatz gegen Atomwaffen
  • Begründer der „Orthomolekularen Medizin“

(Informationen der Freien Universität Berlin)

Stress im Körper

Wir nehmen jeden Tag mit unserer Nahrung Stoffe zu uns, die keiner lebenswichtigen Funktion dienen. Diese Fremdstoffe enthalten weder verwertbare Energie noch sind sie für den Stoffwechsel von Bedeutung. Um nicht lebenslang unbrauchbare Substanzen anzureichern, müssen die Stoffe aktiv umgewandelt und der Ausscheidung (z. B. durch die Niere) zugeführt werden.

Normalerweise verfügt unser Körper über genügend Regulationsmechanismen, um dies zu gewährleisten. Tatsache ist aber, dass mentaler Stress und Fehlernährung sich auch in biochemischen Verschiebungen zeigen.

Das Gleichgewicht zwischen Entstehung und Abbau verschiedener dieser reaktionsfreudigen Stoffwechselprodukte (Metaboliten) stimmt nicht mehr. Es kommt zur Anhäufung von sogenannten Radikalen bzw. Oxidanzien im Körper.

Radikale:

    Chemische Verbindungen oder Atome mit freiem Elektron

Sauerstoffradikale:

    Auch ROS (reactive oxygen species), hochreaktive Sauerstoffmoleküle, die andere Verbindungen schnell oxidieren und damit den Alterungsprozess beschleunigen. Bekannteste Vertreter sind Wasserstoffperoxid, Hyperoxid-Anionen, Hydroxyl-Radikale und das Ozon.

Angereichert werden gerade die Sauerstoffradikale durch die mitochondriale Atmungskette, Zigarettenrauch, Umweltgifte und entzündliche Prozesse.

Der Name für dieses Phänomen lautet nicht zu Unrecht „oxidativer Stress“. Die Ernährungsmediziner um Biesalski et al. sprechen hier von der „oxidativen Balance“, die der Körper finden muss.

Feind des Sauerstoffs

Antioxidantien sind chemisch gesehen keine einheitliche Gruppe. Allgemein lässt sich nur sagen, dass Oxidationsreaktionen durch Antioxidantien verlangsamt oder verhindert werden. Grob sind sie in zwei Klassen zu teilen:

  • Radikalfänger: Diese meist fettlöslichen Stoffe unterbrechen eine Kettenreaktion, indem sie selbst mit den Radikalen reagieren. Es entstehen stabilere Verbindungen, die weniger schädigend wirken. Zu ihnen gehört zum Beispiel Tocopherol (Vitamin E) und Koenzym Q (Ubichinon).
  • Reduktionsmittel: Die wasserlöslichen Antioxidantien wirken, indem sie ein so niedriges Redox-Potenzial aufweisen, dass sie am ehesten oxidiert werden. Hier hat sich das Vitamin C einen Namen gemacht.

Meist handelt es sich um Enzyme bzw. Kofaktoren. Zu den wichtigsten Antioxidantien zählen:

  • Vitamin E
  • Vitamin C
  • Vitamin A
  • Ubichinon
  • Harnsäure
  • Selen
  • Polyphenole
  • Carotinoide (darunter Beta-Carotin)
  • Anthocyane

Die letzten beiden sind Farbstoffe aus Pflanzen und werden auch als sekundäre Pflanzenstoffe bezeichnet. So färben Carotinoide Möhren und Paprika rot-gelb, Anthocyane bilden die Blütenfarben.

Positive Wirkungen

Linus Pauling hatte bedingt recht. Antioxidantien können tatsächlich in Zeiten des Stoffwechselstresses die Balance des Körpers positiv beeinflussen. So verhindert beispielsweise Vitamin E, dass es durch Oxidanzien zu einer Schädigung der Lipidmembran kommt.

Bei oxidativem Stress erfolgt sehr schnell eine Lipidperoxidation, in der an erster Stelle die wichtigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren umgewandelt werden. Sind die Membranen Vitamin-E-gesättigt, kann dies die Reaktion abfangen.

Zum Schutz vor Oxidanzien gehört aber weit mehr. Der Körper stellt das Gleichgewicht mit einem komplexen Wechselwirken verschiedenster Enzymketten wieder her. Biesalski et al. haben die wichtigsten Reaktionen schematisch dargestellt:

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Schema nach Biesalski et al., S. 984.

Kein Wundermittel

Leider ist das Leben kein Reagenzglas. Und so kommt es, dass man die positiven Wirkungen von Vitamin C, wie von Pauling postuliert, nicht komplett ausschöpfen kann.

Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass eine erhöhte Antioxidans-Aufnahme zu einer Verkürzung der Lebensdauer führen kann. Das Deutsche Ärzteblatt berichtet von einer Meta-Analyse, nach der die zusätzlichen Einnahmen der Vitamine A und E sowie Beta-Carotin die Lebensspanne statistisch verkürzen würden. (Für Vitamin C wurde dies nicht nachgewiesen.)

Was lässt sich mit diesem Wissen anfangen? Wie soll man essen, um sich nicht zu schädigen?

Ganz einfach: Im Normalfall genügt eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit täglichem Obst und Gemüse. Die Jahrtausende haben für eine Anpassung des Menschen an die Ernährung gesorgt. Der Gehalt an Antioxidantien in Obst und Gemüse entspricht einem guten und gesundheitsförderlichen Maß.

Von einer zusätzlichen Supplementierung bei gesunden Menschen sollte abgesehen werden. Die Vitamin-C-Gabe bei einer Erkältung ist sicher nicht dramatisch. Jedoch ist das tägliche Einnehmen von Vitamin-Brausetabletten und Co. eher kontraproduktiv.

Hier kann man der Aufschrift auf den Nahrungsergänzungsmitteln ruhig trauen: Sie ersetzen nicht die ausgewogene Ernährung! Also heißt es: Abstand nehmen von künstlichen Produkten, hin zur natürlichen Balance. Das Wundermittel gegen Krebs und Alter gibt es nach wie vor nicht in Tablettenform zu kaufen.

Literatur

 



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