Es gibt viele Namen für das Konzept, das wir heutzutage mit dem Terminus des autonomen Nervensystems verbinden. Nicht nur Mediziner bedienen den Begriff, auch in der Hobby-Psychologie wird gern damit argumentiert. Doch wie viel lässt sich heute noch aufrecht erhalten von diesem Konzept? Handelt es sich um eine anatomische Struktur oder um einen aufgesetzten Begriff?
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Bild: “Birth Into Being” von Neurons. Lizenz: CC BY 2.0


Ein etabliertes Konzept

Das Konzept des autonomen Systems umfasst neuronale Strukturen, die unser inneres Milieu beeinflussen. Gegenübergestellt werden ihnen die willentlichen und bewussten Bewegungen, Gedanken und Empfindungen des somatischen Nervensystems.

autonom
viszeral
vegetativ
idiotrop

somatisch
animal
willkürlich
cerebrospinal

John Langley prägte 1921 den Begriff des autonomen Systems und verwendete ihn für efferente periphere Nervenbahnen. Er führte auch die Unterteilung in Sympathikus, Parasympathikus und Darmnervensystem (enterisches Nervensystem) ein. Später wurde diese Betrachtung erweitert und bezog auch zentrale Teile des Nervensystems mit ein.

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Abbildung: Das autonome Nervensystem (ANS) auf verschiedenen Organisationsebenen (verändert nach Schandry 2011). Die Anteile des ANS im ZNS sind hier nicht explizit benannt. Sympathikus und Parasympathikus laufen hier z. T. in dieselben Steuerzentren ein und lassen sich zentral nicht mehr differenzieren.

Einfluss auf das Unbewusste

Die aktuelle Begriffsgebung betont die Eigenständigkeit des Körpers und seiner Lebensfunktionen, ohne dass die Prozesse seinem Besitzer bewusst werden.

Als Abgrenzung zum somatischen Nervensystem ist dies nicht unbedingt geschickt, denn es werden uns längst nicht alle somatischen Prozesse bewusst, man denke an motorische Reflexbögen.

Weiterhin ist die Autonomie nur relativ, denn das vegetative Nervensystem ist keineswegs unabhängig von bewusster Wahrnehmung. Es gäbe keine Eingeweideschmerzen, ließe sich die Physiologie ins Unbewusste verdrängen.

Aktuelle Studien verkomplizieren den Sachverhalt, indem sie zeigen, dass auch die bewusste efferente Einflussnahme auf Eingeweide durch Methoden wie Biofeedbackübungen möglich ist.

Das autonome Nervensystem ist weder komplett unbewusst und unwillkürlich, noch ist das somatische Nervensystem immer willentlich oder bewusst beeinflusst!

Nach wie vor gültig ist, dass das autonome Nervensystem von zentraler Bedeutung für unser tägliches Überleben ist. Es steuert wichtige Körperfunktionen und gewährleistet die Homöostase des Körpers.
Von Stoffwechselprozessen und hormoneller Steuerung über die Regulation von Herzschlag und Atmung bis hin zu Antworten auf Stressreize sichert das ANS an die Umgebung angepasste körperliche Reaktionen.

Anatomische Differenzierung

Autonomes und somatisches Nervensystem lassen sich nicht eindeutig dem ZNS oder der Peripherie zuordnen. Beide haben überlappende Anteile an beiden Systemen. Eine exakte neuroanatomische Differenzierung ist kaum möglich, da weder Funktion noch Aufbau eindeutig voneinander trennbar sind.
Die strikte Trennung wird spätestens auf Ebene des Cortex ad absurdum geführt.

Abbildung: Autonomes vs. somatisches Nervensystem. Es wird ersichtlich, dass die Polarität lediglich in der Peripherie aufrechtzuerhalten ist. Auf zentraler Ebene sind die Systeme kaum, auf kortikaler Ebene gar nicht mehr trennbar.

Abbildung: Autonomes vs. somatisches Nervensystem. Es wird ersichtlich, dass die Polarität lediglich in der Peripherie aufrechtzuerhalten ist. Auf zentraler Ebene sind die Systeme kaum, auf kortikaler Ebene gar nicht mehr trennbar.

Am ehesten gelingt die Differenzierung in den peripheren Bereichen, wo das vegetative Nervensystem deutlicher in drei Untereinheiten (Sympathikus und Parasympathikus, enterisches System) gegliedert ist und nicht bzw. kaum mit der somatischen Peripherie interagiert.

Interessanterweise ist es ein neuroanatomisches Detail, das die Trennung von somatischem und autonomen System stützt, ohne auf die Funktionsbereiche oder Bewusstseinsprozesse zurückgreifen zu müssen: Die Verschaltung der efferenten Neuronen erfolgt auf unterschiedliche Art und Weise.

Während die somatischen Neuronen direkt vom ZNS in die Zielorgane ziehen, werden die autonomen Efferenzen über zwei Neuronen geleitet. Die Neuronen, welche im Zielorgan münden, haben ihren Ursprung außerhalb des ZNS in Ganglien. Diese unmyelinisierten Zellen werden deshalb als postganglionäre Neuronen bezeichnet.

Somatische Efferenzen ziehen ohne Verschaltung zum Zielorgan. Autonome Efferenzen verlaufen stets über zwei Neurone – präganglionäre und die unmyelinisierten postganglionären Neurone.

Komplexität eines Konzepts

So scheint es, als hätte es für John Langley seinerzeit gute Gründe für die begriffliche Differenzierung in das autonome und das somatische Nervensystem gegeben. Es war ein wichtiger Schritt zum Verständnis des Denkens. Wer als Mediziner heutzutage die Begriffe unreflektiert verwendet, ohne die Limitationen zu kennen, zeigt jedoch, dass er die Komplexität der menschlichen Nervensysteme nicht verinnerlicht hat.

Zum Weiterlesen:

  • Schandry (2011): Biologische Psychologie. Beltz
  • Haensch, Jost (2009): Das autonome Nervensystem. Kohlhammer


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