Die moderne Medizin kann viele Menschenleben retten. Umso verwunderlicher wirkt es, wenn die Geretteten im Anschluss so wenig dankbar wirken. Vielleicht sogar fahrig oder ungehalten. Manche verdächtigen gerade diejenigen, denen sie ihr Leben verdanken. Das ist nicht ungewöhnlich, bestätigen neuere Untersuchungen. Notfallmedizinische Eingriffe, lange Klinikaufenthalte, gerade auf Intensivstationen, führen häufig zu posttraumatischen Belastungsstörungen. Was sind die Ursachen? Und wie kann das verhindert werden?

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Intensivstation

Bild: “100614-A-2082K-007” von US Army Corps of Engineering. Lizenz: CC BY 2.0


Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?

Ursprünglich galt die posttraumatische Belastungsstörung (kurz: PTBS) als eine psychische Störung, die Veteranen aus dem Krieg mitbrachten. Daher hieß sie früher „Kriegsneurose“. Im Lauf der Zeit erkannte man, dass ganz unterschiedliche negative Szenarien eine PTBS auslösen können: Vergewaltigungen, Naturkatastrophen, der Tod Angehöriger oder schwere Unfälle. Was erst in den letzten Jahren diskutiert wird, ist eine PTBS als Reaktion auf einen schwerwiegenden medizinischen Eingriff, eine Krebserkrankung oder Herzinfarkte.

Die Symptome ähneln sich: Betroffene erleben die Situation vor ihrem geistigen Auge immer wieder (sog. Flashbacks), sowohl tagsüber als auch in der Nacht (Albträume). Ängste und Vermeidungsstrategien bestimmen ihr Verhalten, ebenso wie Reizbarkeit und Überforderungsgefühle. PTBS-Patienten können einerseits völlig teilnahmslos wirken, andererseits zu Übererregungszuständen, ständiger Wachheit und „aufgekratztem Verhalten“ neigen.

PTBS Kriterien nach ICD-10 (F34.1)

Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung

PTBS nach Intensivstation

Eine Intensivstation (Intensivtherapiestation, kurz ITS) hat ihren Namen nicht umsonst. Die hier ergriffenen Maßnahmen sind intensiv und drastisch. Was auf den Laien brachial wirken mag, ist oft notwendiges medizinisches Handwerk, um Leben zu retten: Spritzenpumpen, Beatmungsgeräte und andere technische Apparaturen gehören zum Standardequipment. Hinzu kommen Überwachungsmonitore, die die Vitalparameter des Patienten rund um die Uhr überwachen und bei geringstem Überschreiten der Grenzwerte Alarm geben. Die Geräuschemission ist entsprechend hoch. Momente der Ruhe sind selten.

In verschiedenen Studien stellte sich nun heraus, dass etwa ein Drittel der ITS-Patienten eine Belastungsstörung ausbildet (z. B. Bienvenu et al.). Untersucht wurden hunderte von Patienten, die alle eine Reanimation, eine Beatmung nach Lungenversagen oder einen Herzinfarkte erfolgreich überlebt hatten. Bereits nach drei Monaten zeigten 35 Prozent der Betroffenen die Symptome einer PTBS. Auch nach zwei Jahren litten noch viele Patienten darunter.

Ursachen nicht immer vermeidbar

Die Studien zeigen eine Vielzahl von Einflussfaktoren auf. Dazu gehören:

  • Störungen des Biorhythmus
  • Lärm
  • steriles Umfeld und
  • Schlafmangel.

An diesen Faktoren ließe sich laut Presseabteilung der Charité arbeiten. Andere Ursachen seien jedoch nicht oder nur bedingt vermeidbar. So kann ein psychisches Trauma auch entstehen durch:

  • starke Schmerzen
  • Sauerstoffmangel
  • Infektionen und Fieber (insbesondere Sepsis)
  • Dehydrierung
  • Medikamentennebenwirkungen (insbesondere Sedierung)

Auch die Länge des Intensivaufenthaltes begünstigt nach Auffassung der Forscher die Entstehung eines PTBS. Ebenso stellt die Neigung zu depressiven Störungen einen Risikofaktor dar.

Ändern oder hinnehmen?

Die Resultate stellen Mediziner vor einige schwierige Entscheidungen. Selbstverständlich ist es möglich Änderungen vorzunehmen. Die Charité zum Beispiel hat im Jahr 2013 eine neue Form der Intensivstation eröffnet. Damit hat sie frühzeitig auf die Studienlage reagiert. Die Räume wurden so umgestaltet, dass …

  • … die Privatsphäre maximiert ist
  • … technische Geräte möglichst außer Sicht sind
  • … der Geräuschpegel minimiert ist und
  • … Licht und Temperatur nach Biorhythmus und Bedürfnissen reguliert werden können.

Weitere Maßnahmen sind die Projektion entspannender Bilder an die Lichtdecke und die Anschaffung eines Speziallifters mit dem Patienten früher mobilisiert werden können. Dies sei laut Prof. Dr. Spies ein „Meilenstein in der Intensivmedizin“.

Allerdings können bestimmte Änderungen auch das schnelle und zügige Eingreifen des medizinischen Personals erschweren. Auch die meist restriktiv gehandhabten Besuchszeiten für Verwandte haben ihren Sinn: So kann die Gefahr der Einschleppung von Infektionserregern minimiert und eine Ruhestörung für andere Patienten verhindert werden.

Insgesamt gesehen bleibt es ein Drahtseilakt, den Patientenaufenthalt auf der Intensivstation so angenehm wie möglich zu gestalten und andererseits die erforderliche medizinische Versorgung zu gewährleisten. Prinzipiell ist aber den überlebenswichtigen Maßnahmen stets der Vorrang einzuräumen und eine mögliche posttraumatische Belastungsstörung in Kauf zu nehmen. Unter dem Wissen des erhöhten Risikos sollte eine nachfolgende psychologische Betreuung jedoch obligat werden.

Therapeutische Ansätze

Derzeit werden verschiedene psychotherapeutische Methoden bei PTBS-Patienten angewendet. Bei sehr schweren Fällen muss zunächst eine Kombination aus Psychotherapie und symptombezogener Pharmakotherapie erfolgen. Vor einer Gesprächstherapie muss in jedem Falle geklärt werden, ob der Betroffene stabil genug ist. So kann es sein, dass vorrangig depressive Aspekte behandelt werden müssen, um Suizidversuche zu verhindern.

PBTS Therapien Übersicht

Wichtige Therapien bei einer posttraumatischen Belastungsstörung

Diskutiert werden Ansätze für standardisierte Kurzzeittherapien nach schweren Eingriffen wie Reanimationen. Dies kann helfen, eine posttraumatische Belastungsstörung im Ansatz zu verhindern.

 

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2 Gedanken zu „Trauma nach dem Überleben: Wieso die Intensivstation krank macht

  • Lorek

    Was vergessen bei den Therapien wurde, ist die sehr wirksame Traumaverarbeitung nach Levine: kurz SE genannt.

    1. Maria Jaehne

      Hallo, vielen Dank für die Ergänzung.
      Freundliche Grüße,
      Maria von Lecturio.