Zu jeder vollständigen Anamnese und Statuserhebung gehört die neurologische Untersuchung. Motorik, Sensibilität, Reflexantwort und Hirnnerventests sind die größten Gebiete, über die Sie sich einen Überblick beim Patienten verschaffen sollten. So versuchen Sie Ort und Art einer möglichen Läsion im Nervensystem zu lokalisieren. Eine strukturierte Vorgehensweise erleichtert dies enorm und hilft, nichts Wichtiges zu vergessen. Im Folgenden lesen Sie eine praktische Anleitung für den klinischen Alltag, teilweise mit kurzen Interpretationen und Tipps zur Durchführung.
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Bild: fmatte: “Arzt.” Quelle: Photocase


Skelett und Meningen

Meningismus: Beim liegenden Patienten beugen Sie passiv den Kopf – bei Reizung wird eine weitere Beugung durch reflektorische Anspannung der Muskulatur behindert.

Lhermitte: Pathologische Parästhesien („Elektrisieren“) entlang des Rückens treten bei Beugen des Kopfes nach vorn auf.

Lasègue: Beim liegenden Patienten beugen Sie (langsam!) passiv das gestreckte Bein im Hüftgelenk. Bei Dehnungsschmerz des N. ischiadicus oder anderen Spinalnerven kann nicht bis zu den physiologischen 70° gebeugt werden.

Schober: Funktionstest für die Beweglichkeit der LWS. Tragen Sie auf Höhe SWK 1 und 10 cm kranial Hautmarken auf. Bei maximaler Flexion sollten diese Marken weitere 5 cm auseinander divergieren.

Ott: Funktionstest für die Beweglichkeit der HWS. Tragen Sie auf Höhe HWK 7 und 30 cm kaudal Hautmarken auf. Bei maximaler Flexion sollten diese Marken ca. 3-4 cm auseinander divergieren.

Finger-Boden-Abstand: Abstand zwischen Fingerspitzen und Boden bei maximaler Flexion nach vorn bei durchgestreckten Knien.

Hirnnerven

Riechfunktion: Fragen Sie den Patienten, ob Veränderungen beim Geschmackssinn bemerkt wurden. Verwenden Sie standardisierte Geruchsproben.

Visus: Verwenden Sie eine Landolt-Ringe-Tafel.

Gesichtsfeldperimetrie: In einem Halbkreis folgt der Patient ihrem Finger bei fixierter Kopfhaltung und gibt an, ab wann er der Finger nicht mehr sehen kann.

Pupillomotorik: Bei Lichteinfall (Lampe) auf Größe und Form sowie Licht- und Konvergenzreaktion achten.

Okulomotorik: Bei fixierter Kopfhaltung folgt der Patient ihrem Finger mit den Augen in alle Vertikalen, Horizontalen und Diagonalen.

N.oculomotorius

Bild: „Deficit of elevation in adduction of the LE. “ von Openi. Lizenz: CC BY 2.0

Augenmuskel- und Blickparesen, Blickfolge, Konvergenz, Sakkaden, Nystagmus: Inspektion, ggfs. länger in eine Richtung schauen lassen und versuchen, Blick halten zu lassen.

Vestibulookulärer Reflex: Testung durch ruckartige Drehbewegung des Kopfes nach beiden Seiten oder kalorische Spülung des Gehörgangs. Pathologisch wären Sakkaden (Puppenkopfphänomen), eine rasche konversive Augenbewegung wäre also nicht möglich.

Trigeminusfunktion: Sensibilität: Streichen Sie den Versorgungsgebieten des N. ophtalmicus, N. maxillaris und N. mandibularis entsprechend mit den Fingerspitzen über das Gesicht des Patienten. Begleitend ist immer die Frage „Fühlen Sie das auf beiden Seiten gleich stark?“

Kaumuskulatur: Patienten fest (auf einen Holzspatel) zubeißen lassen, Tonus des M. masseter fühlen.

Kornealreflex: Lassen Sie einige Tropfen NaCl in das Auge des Patienten tropfen.

Facialisprüfung: Lassen Sie den Patienten die Stirn runzeln, Backen aufblasen, Zähne zeigen und pfeifen! Achten Sie auf Asymmetrie und evtl. dezente Paresen!

Hörvermögen: Rascheln Sie mit den Fingern an beiden Ohren des Patienten zur oberflächlichen Prüfung. Genauer: Weber/Rinne-Test.

Gaumensegel: Achten Sie auf Symmetrie: Ist die Uvula mittig? Hängt ein Gaumensegel tiefer?

Würgreflex: Tippen Sie mit einem Holzspatel an Gaumen und Uvula.

Schluckakt: Bitten Sie den Patienten einen Schluck Wasser zu trinken.

Zungenmotilität: Lassen Sie den Patienten die Zunge herausstrecken und in alle Richtungen bewegen.

Reflexe

Besonders wichtig ist es hier, immer auf die Seitengleichheit zu achten!

Eigenreflexe Fremdreflexe
Bicepssehnenreflex C6 Bauchhautrefflex Th10-12
Tricepssehnenreflex C7 Analreflex S4/5
Radiusperiostreflex C6 (Musculus brachioradialis) Cremasterreflex L1
Bauchdeckenreflex
Patellarsehnenreflex L3/L4 (M.quadriceps femoris)
Tibialis posterior Reflex L5 (M. extensor hallucis longus)
Achillessehnenreflex S1 (M. triceps surae)
Merke: Es lohnt sich, die Kennmuskeln und die dazu gehörigen Nervenwurzeln zu lernen, da das IMPP diese sehr gerne abfragt.

Pathologische Reflexe

Babinski: Bestreichen Sie den lateralen Fußrand – eine Pathologie besteht, wenn die Großzehe streckt und die kleinen Zehen beugen.

Trömnerreflex: Schlagen Sie die Fingerendglieder leicht von unten an oder knipsen Sie leicht die Nägel – eine Pathologie besteht, wenn der Daumen flektiert.

Motorik und Sensibilität

Vor allem die Inspektion gibt Ihnen einen ersten Überblick über die motorischen Fähigkeiten und die Koordination des Patienten. Testen Sie die Kraft durch Drücken/Ziehen/Gegenhalten/Senken/Heben gegen Ihre eigene und teilen Sie in die Grade 1-5 ein. Achten Sie auf Faszikulationen, Trophik und Tonus der Muskulatur.

Arm-/Beinhalteversuch: Lassen Sie den Patienten die Arme und Beine auf gleiche Höhe anheben und halten und beobachten Sie, ob und welche Extremität zuerst sinkt.

Tremor: Bitten Sie den Patienten, die Hände auf die Knie zu legen und beobachten Sie genau. Legen Sie Ihre Hände auf die Hände des Patienten.

Tipp: Eine gute „Hilfe“, um auch als Student bereits gut die neurologische Untersuchung zu trainieren, sind neben willigen Kommilitonen auch die spezialisierten Anamnesebögen auf Station. Und klären Sie den Patienten immer über ihre Vorgehensweise auf! Vermeiden Sie es, ohne Vorwarnung Ihren Patienten einfach passiv zu bewegen oder anzufassen.

Funktionell prüfen Sie durch den Faustschluss, Kniebeugen, Fersengang, Zehengang.

Bei den koordinatorischen Prüfungen achten Sie vor allem auf Geschwindigkeit und Treffsicherheit.

Finger-Nase-Versuch: Der Patient führt seinen Finger mit geschlossenen Augen aus gestrecktem Arm heraus zur Nase.

Knie-Hacke-Versuch: Der Patient streicht mit der Hacke am kontralateralen Bein vom Knie an abwärts.

Romberg-Stehversuch: Der stehende Patient hält die gestreckten Arme vor der Brust horizontal. Führen Sie diesen Versuch mit geschlossenen und geöffneten Augen durch. Achten Sie auf Fallneigung und das Absinken der Arme.

Unterberger-Tretversuch: Lassen Sie den Patienten auf der Stelle treten. Bewegt der Patient sich dabei drehend von der Ausgangsposition ab?

Seiltänzergang, Blindgang: Lassen Sie den Patienten entsprechend auf einer imaginären Linie durch den Raum auf Sie zu gehen.

Zum Abschluss oder parallel zur motorischen Prüfung testen Sie die Sensibilität auf die zwei Hauptkriterien:

Epikritik: Testen Sie durch oberflächliche Berührung, mittels Stimmgabel oder 2-Punkt-Abstandsmesser.

Protopathik: Wärme/Kälte (Nutzen Sie ein Desinfektionsspray als Trigger!), gestaffelte Schmerzreize setzen.

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Bild: „Präsentation der spinalen Dermatome auf der Hautoberfläche. Achtung: lediglich sehr approximative Darstellung, die vom tatsächlichen Verlauf der Dermatome beim Menschen erheblich abweicht.“ von Ralf Stephan. Lizenz: Public Domain

Merke: Das IMPP fragt gern nach der sensorischen Versorgung des großen Zehs: L5

Beliebte Prüfungsfragen zur neurologischen Untersuchung

Die Lösungen finden Sie unter den Fragen.

1. Welcher Test eignet sich gut zur Feststellung einer Adiadochokinese?

  1. Unterberger-Tretversuch
  2. Beklopfen des Processus styloideus radii.
  3. Bewegung, als würde man mit beiden Händen je eine Glühlampe eindrehen.
  4. Finger-Nase-Versuch
  5. Angeschlagene Stimmgabel auf das Mastoid setzen.

2. Ein ausbleibender Tricepssehnenreflex gibt Hinweis auf eine Pathologie welcher Nervenwurzel?

  1. C5
  2. C6
  3. C7
  4. C8
  5. Th1

3. Der Masseterreflex entspricht welchem Hirnnerven?

  1. N. hypoglossus
  2. N. trigeminus
  3. N. glossopharyngeus
  4. N. facialis
  5. N. vagus

Lösungen: 1C, 2C, 3B

Zum Weiterlesen

F. Schnorrpfeil, W. Reuter (Elsevier 2010): Neurologische Untersuchung.



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