„Was denkst du, wird Schumi wieder ganz der Alte? Schließlich war er so lange im Koma ...“

Nicht nur Medizinern ist diese Frage in jüngster Vergangenheit gestellt worden. Wer angesichts der Sensationsgier aufseufzt und mit den Achseln zuckt, dem sei das nicht verübelt. Besser aber: Nutzen Sie die nervige Smalltalk-Frage, um die Begriffe für Ihr Examen noch einmal zu rekapitulieren.

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Jenseits des Bewusstseins

Einmal täglich fallen wir alle in die Bewusstlosigkeit. Wenn wir nachts einschlafen, schaltet das bewusste Erleben ab. Am Morgen ist es frisch wieder am Werk. Dabei steuern verschiedene Bereiche unseres Nervensystems gemeinsam den Grad unseres Bewusstseins:

Wachheit/Vigilanz: ARAS-Region (aktivierendes retikuläres aufsteigendes System in der Formatio reticularis)

Bewusstwerdung: Thalamus im Dienzephalon

Selbstreflexion: Default Mode Network (DMN, mit Beteiligung von Insel, zingulärem Kortex, Präfrontalkortex)

Selbst-Verortung/Ich-Wahrnehmung: Sitz im Parietallappen

Kommunizieren die Nervenzellen dieser Zentren nicht oder sind die verbindenden Nervenbahnen geschädigt, kommt es zur Fehlregulation des Bewusstseins.

Der Fall ins Koma

Dem Altgriechischen folgend ist ein Koma nichts anderes als ein „tiefer Schlaf“. Erkennbar ist das Koma für den Mediziner an den geschlossenen Augen, der Unmöglichkeit, den Patienten zu erwecken und daran, dass er auf Schmerzreize nicht reagiert. Ein Koma kann krankhafte Ursachen haben oder künstlich initiiert werden. Jede Form von Koma ist lebensbedrohlich. Darüber hinaus gibt es kein einheitliches Konzept dieses Syndroms.

Die Ursachen des „echten“ Komas im Rahmen krankhafter Störungen sind vielfältig. In Frage kommen alle Beeinträchtigungen der Vitalfunktionen. Wenn die Ursachen nicht offenkundig sind, sollte man an Verletzungen oder Erkrankungen des Gehirns denken und Vergiftungen oder Stoffwechselstörungen in Betracht ziehen.

Ursachen koma

Es können zelebrale, exogene und metabolische Koma-Ursachen unterschieden werden

Obwohl die Ursachensuche wichtig ist, gilt es in erster Linie, die tiefe Bewusstlosigkeit ernst zu nehmen. Ein Koma gefährdet den Körper durch den Ausfall wichtiger Schutzreflexe und die mangelhafte Regulationsfähigkeit der Vitalfunktionen. Erste Maßnahmen beim Auffinden eines Koma-Patienten gelten daher immer dem Sichern und Freihalten der Atemwege sowie der Kontrolle des Kreislaufs.

Die Tiefe des Komas schätzen

Das Bewusstsein ist kein Lichtschalter, den man ein- und ausschalten kann. Eher gleicht es einem Dimmer, über den die Helligkeit stufenlos regulierbar ist. Bevor Menschen ins Koma fallen, gehen meist die Phasen der Somnolenz, einer ausgeprägten Schläfrigkeit, und des Sopors voran. In letzterem sind die Patienten nur durch sehr starke Reize erweckbar.

Um einschätzen zu können, wie tief ein Patient ins Koma gefallen ist, eignen sich Tests auf Schmerzreaktionen. Der Druck auf den Fingernagel stellt eine gängige Methode dar und kann zur groben Koma-Einschätzung genügen:

Grad I: sofortige und gerichtete Reaktion

Grad II: verzögerte, aber gerichtete Reaktion

Grad III: keine zielgerichtete Reaktion

Grad IV: keine Reaktion

Etabliert ist in der klinischen Fachwelt weiterhin die Verwendung der Glasgow-Koma-Skala, die bereits in den 70er Jahren entwickelt wurde.

Glasgow-Koma-Skala

Mit der Glasgow-Koma-Skala lässt sich die Tiefe des Komas bestimmen

Es ist leicht zu errechnen, dass die Punktsummen zwischen 3 und 15 liegen müssen. Eine Zahl unter 8 Punkten deutet auf eine schwere Hirnstörung hin, die eine Intubation notwendig macht.

Künstliches Koma

Ein künstliches Koma, in das auch der Formel-1-Star Michael Schumacher gelegt wurde, gestaltet sich ganz anders. Eher entspricht es einer langen Narkose, in die ein Patient zum Schutz seiner selbst gelegt wird. Das künstliche Koma beinhaltet zwei Komponenten – die Sedierung durch Narkosemittel und die Analgesie durch Schmerzmittel. Werden beide Komponenten angewendet, spricht man von Analgosedierung.

Nach schweren Hirnschädigungen soll das künstliche Koma verhindern, dass die neuronale Aktivität und der intrakranielle Druck zunehmen und Nervenzellen absterben. Der Blutdruck wird gesenkt, der Stoffwechsel heruntergefahren. Auch können Ängste und emotionale Stresssituationen unterbunden werden, die den Behandlungserfolg stark beeinträchtigen würden.

Die Zeitspanne eines künstlichen Komas sollte so kurz wie möglich gehalten werden, da es zu Nebenwirkungen kommen kann:

  • Störungen von Herz-Kreislauf und Atmung
  • Störung der Magen-Darm-Regulation
  • Medikamentenabhängigkeit
  • Störungen des Immunsystems
  • Infektionsgefahr, z.B. Lungenentzündung
  • Gerinnungsstörungen, z.B. Thrombose

Trotzdem: Die Dauer eines künstlichen Komas sagt nichts über den geistigen Zustand nach dem Erwachen aus. Es ist also denkbar, dass eine lange Zeit im künstlichen Koma ohne neurologische Beeinträchtigungen überstanden wird.

Zeit des Erwachens

Nach schweren Hirnschädigungen kann es dazu kommen, dass der Patient zwar aus dem Koma erwacht, sein Großhirn aber noch nicht oder nicht mehr aktivierbar ist. Die vegetative Steuerung ist im Wesentlichen funktionsfähig. Aber für die Umwelt scheinen die Bewusstseinsprozesse auf ein Minimum reduziert zu sein. Dieses „Wachkoma“ kann monatelang andauern oder ein ganzes Leben. Das sogenannte apallische Syndrom beschreibt diesen Zustand, in dem Hirnstamm, Zwischenhirn und Rückenmark das Leben eines Menschen aufrechterhalten, während höhere Denkprozesse nicht mehr vorhanden sind.

In seinem Buch „Zeit des Erwachens“ hat der Neurologe Oliver Sacks beschrieben, wie er Patienten für kurze Dauer aus dem Wachkoma erwecken konnte. Nach jahrzehntelanger scheinbarer Teilnahmslosigkeit sprühten die Patienten vor Lebensfreude und Ideen. Kaum vorstellbar bei einem kompletten Ausfall des Großhirns. Ein echtes apallisches Syndrom ist in der Praxis also schwer zu diagnostizieren. Niemand kann wissen, ob das Großhirn dieser Patienten tatsächlich ausgefallen ist – oder ob es schlicht nicht mit der Außenwelt kommuniziert.

Fazit: Realistisch bleiben

Über die Aussichten für Michael Schumacher zu spekulieren, kann man als Sensationsgier abtun – oder als Mitgefühl und Anteilnahme am Leben eines Menschen interpretieren. Positives Denken fördert zwar Heilungschancen, für Angehörige ist es günstiger, realistisch zu bleiben. Im medizinischen Sinne sollte die Antwort auf die eingangs gestellte Frage daher zurückhaltend ausfallen:

„Eine komplette Wiederherstellung des Rennfahrers ist denkbar, aber nach so langer Zeit wäre es ein Wunder.“

Beliebte Prüfungsfragen

1) Wo sitzt die Ich-Wahrnehmung?

  1. im Parietallappen
  2. im Frontallappen
  3. im Temporallappen
  4. im Okzipitallappen
  5. kann nicht genau lokalisiert werden

2) Sie kommen zu einem Unfallort und finden einen Patienten vor, der spontan die Augen öffnet, unkoordiniert und wirr auf Ihre Fragen antwortet, auf einen Schmerzreiz hin Bewegungen aber gerichtet ausführt. Wie vielen Punkten auf der Glasgow Coma Scale entspricht das?

  1. 3
  2. 6
  3. 8
  4. 10
  5. 13

3) Was zählt nicht zu den Nebenwirkungen des künstlichen Komas?

  1. Störungen von Herz-Kreislauf und Atmung
  2. Kopfschmerzen
  3. Störung der Magen-Darm-Regulation
  4. Störungen des Immunsystems
  5. Medikamentenabhängigkeit

Quellen

Duale Reihe Anamnese und klinische Untersuchung, 4. überarbeitete und erweiterte Auflage – Thieme 2010

Duale Reihe Neurologie, 7. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage – Thieme 2013

Glasgow Coma Scale

Lösungen: 1a, 2e, 3b

 

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