Mit der Fragestellung, ob Milchprodukte produktiv oder kontraproduktiv für die Calciumaufnahme sind, werden Sie im praktischen Alltag häufig konfrontiert. Durch Werbung in nahezu allen Medien und historische Verankerung im Denkmuster sind die meisten Menschen in Mitteleuropa der Meinung, dass der Verzicht auf Milchprodukte zwangsläufig in eine Osteoporose mündet. Wie lautet der medizinische Konsens hierzu? Was besagen neueste Studien? Wie können Sie als Mediziner eine fundierte Meinung vertreten, ohne sich auf fatalistische Allgemeinplätze zu berufen? Und vor allem: Wie beraten Sie Ihre Patienten richtig zur Osteoporoseprophylaxe und räumen mit überholten Meinungen auf?

Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann starten Sie doch einfach kostenlos unseren Online-Biochemie-Kurs.

Calcium in einem Milchglas

Bild: “Milk splash” von Benjamin Horn. Lizenz: CC BY 2.0


Osteoporose: Ätiologie und Symptome kurz und knapp

Die Verringerung der Knochenmasse ist verantwortlich für das erhöhte Vorkommen an Stürzen und Brüchen im höheren Lebensalter. Ätiologisch werden zwei Formen der Osteoporose unterschieden:

Die häufiger vorkommende primäre Osteoporose betrifft überwiegend Frauen (90 %). Sie ist in den meisten Fällen durch die hormonelle Umstellung (Östrogenmangel) während der Menopause bedingt (postmenopausale Osteoporose, Typ I- Osteoporose). Die senile Osteoporose (Typ II- Osteoporose), die ebenfalls den primären Ursachen zugerechnet wird, betrifft Frauen und Männer gleichermaßen und ist Ausdruck des Alterungsprozesses der Knochen. Risikofaktoren, die das Entstehen der primären Osteoporose begünstigen, sind Bewegungsmangel, Vitamin D- Mangel, Alkohol- und Nikotinabusus.

Die Ursachen der seltener vorkommenden sekundären Osteoporose sind  Immobilisation, endokrinologische Erkrankungen (Hypercortisolismus, Hyperthyreose, primärer Hyperparathyreoidismus u.a.) und/oder Langzeitbehandlungen mit osteoporoseinduzierenden Medikamenten (Glukokortikoide, Antiepileptika, Glitazone, Antiandrogene u.a.).

Merke: Osteoporose als Medikamentennebenwirkung wird in Prüfungen häufig gefragt. Neben Glukokortikoiden und den oben angeführten Pharmaka kann auch die Langzeitgabe von Heparin eine Osteoporose zur Folge haben.

Die Frühsymptome einer Osteoporose sind oftmals diffuse Rückenschmerzen. Bei progredientem Verlauf kann es zur Gibbus-Bildung und zu einer Abnahme der Körpergröße durch Sinterungsfrakturen kommen (Klinik: Tannenbaum-Phänomen!). Weiterhin können pathologische Frakturen insb. im Bereich der langen Röhrenknochen (z.B. Femurfrakturen, Humerusfrakturen) auftreten.

Die Diagnose der Osteoporose umfasst das Anamnesegespräch, die Bildgebung der Wirbelsäule (Röntgen in zwei Ebenen) und die Knochendichtemessung (DXA). Laborchemisch sollten der Kalzium- und der Knochenstoffwechsel (Ca, PO, AP), sowie andere im Zusammenhang mit einer sekundären Osteoporose veränderte Parameter (BB, BSG/CRP, Kreatinin, TSH, ev. Vitamin D, PH) bestimmt werden.

Merke: Eine Osteoporose ist definiert als ein T- Score von < -2,5 in der DXA.

Bei noch nicht manifester Osteoporose und zur Abwendung eines progredienten Verlaufes sind prophylaktische Calcium- und Vitamin D- Gaben sowie regelmäßige körperliche Bewegung (ev. Physiotherapie) das Mittel der Wahl. Bei manifester Osteoporose behandeln Sie medikamentös, z.B. mit Bisphosphonaten.

Welche Nahrungsmittel stellen Calcium bereit und wie kann der Körper dieses verwerten?

 „… mit der Extra-Portion Milch!“ Wirklich gesund?

Als Arzt sollten Sie versuchen eine vertrauensbasierte Arzt-Patienten-Beziehung aufzubauen. Dabei sollte sich Ihrer Behandlung nicht ausschließlich an pathogenetischen Gesichtspunkten orientieren, sondern zur Gesundheitserhaltung Ihrer Patienten beitragen. Dies beinhaltet auch die Beratung zu einem gesundheitsfördernden Lebensstil, einschließlich der Ernährungsberatung. Nutzen Sie Ihre Stellung und beseitigen Irrtümer, was z.B. ernährungsphysiologische Aspekte betrifft!

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über den Calcium-Gehalt in ausgewählten Lebensmitteln. Unbestritten ist der Gehalt in Milchprodukten höher als in pflanzlichen Produkten. Eine voreilige Interpretation wäre jedoch fehl am Platz, da die Kombination mit anderen Lebensmitteln die Aufnahme beeinflussen kann (s.u.).

Calciumgehalt in Lebensmitteln

Quelle: http://www.assmann-stiftung.de/wp-content/uploads/2013/11/Calcium-in-Lebensmitteln.png

Stoffwechsel und Aufnahme von Calcium: Was fördert, was hemmt?

Ohne detailgenau auf die molekularbiologische Ebene einzugehen, sollten Sie grundlegend über den Calcium-Stoffwechsel informiert sein und vielleicht schon etwas zurückliegend Gelerntem eine kleine Wiederholung gönnen. An der hormonellen Regulation des Calcium-Haushalts sind beteiligt:

Während Calcitriol die Calciumaufnahme steigert (Erhöhung der enteralen Caliciumresorption, Senkung der renalen Calciumausscheidung), das unter dem Einfluss von Calcitonin in den Knochen eingebaut wird (Hemmung der Osteoklasten), setzt Parathormon Calcium aus dem Knochen frei (Demineralisation des Knochens durch Osteoklastenaktivierung).

Das Verhältnis zwischen Aufnahme und Ausscheidung von Calcium ist die Calciumbilanz, diese ist abhängig vom Lebensalter. Die maximale Mineralstoffdichte des Knochens ist um das 30. Lebensjahr erreicht und nimmt ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich um 1%/Lebensjahr ab, bei Frauen verstärkt durch den veränderten Östrogenstatus nach der Menopause. Im Alter überwiegt die Tätigkeit der Osteoklasten, der Calciumabbau steigt. Gleichzeitig besteht aufgrund mangelnder Sonnenlichtexposition häufig ein Vitamin D- Mangel (verminderte endogene Calcitriolbildung), in dessen Folge die enterale Calciumresorption sinkt und die renale Calcium- Ausscheidung steigt: Es wird mehr Calcium ausgeschieden als aufgenommen. Die Calciumbilanz wird negativ.

Unabhängig von der hormonellen Regulation des Calciumstoffwechsels beeinflussen verschiedene Lebensmittel und deren Inhaltsstoffe die enterale Calciumresorption. Im medizinische Vitalstofflexikon finden sich hierzu folgende Angaben (Anm.: gekürzt durch Autorin):

Diese Faktoren hemmen die Calciumresorption, u.a. durch Komplexbildung:

  • Oxalsäure – in Rhabarber, Spinat, Sternfrüchten, Kakao etc.

    Spinat hemmt die Calciumresorption!

    Spinat hemmt die Calciumresorption! Bild: “Spinach” von Daniella Segura. Lizenz: CC BY 2.0

  • Phytinsäure – in Getreidekleie etc.
  • Phosphorsäure – in Wurstwaren, Schmelzkäse, Softdrinks etc.; ein Calcium-Phosphat-Verhältnis in der Nahrung von 1:1,0-1,2 gilt als optimal
  • Gerbsäure – in Kaffee, schwarzen Tee und einigen Kräutertees
  • Ballaststoffe mit hohem Uronsäureanteil – in Vollkornprodukten, Obst und Gemüse etc.
  • Schlecht- beziehungsweise nicht-resorbierbare Zucker und Zuckeraustauschstoffe, wie Sorbit in Senf, Mayonnaisen etc.
  • (Langkettige gesättigte) Fettsäuren, wie Stearinsäure in Tier- und Pflanzenfett

Diese Faktoren fördern die Calciumresorption:

  • Verteilung auf mehrere Einzeldosen am Tag
  • 1,25-Dihydroxylcholecalciferol (1,25-(OH)2-D3) – stimuliert die intrazelluläre Calbindinsynthese
  • Leicht resorbierbare Zucker, wie Lactose (Milchzucker)
  • Milchsäure
  • Citronensäure
  • Aminosäuren
  • Caseinphosphopeptide
  • Nicht-resorbierbare Kohlenhydrate, wie Inulin, Fructooligosaccharide und Lactulose, die im Ileum (unterer Dünndarmabschnitt) und Colon (Dickdarm) bakteriell zu kurzkettigen Fettsäuren fermentiert werden → der hierdurch bedingte Abfall des pH-Wertes im Darmlumen führt zu einer erhöhten Freisetzung von gebundenem Calcium, sodass mehr freies Calcium für die passive Resorption zur Verfügung steht

Laut VEBU 2015 sind ca. 10 % in Deutschland Vegetarier und nur 1 % Veganer. Die konventionelle, am weitesten verbreitete Ernährungsform in Deutschland beinhaltet sowohl Milchprodukte als auch Fleisch- und Wurstwaren. Phosphate sind jedoch einer der Hauptgründe, dass das Calcium aus der Milch nicht aufgenommen werden kann, sondern durch Komplexbildung ausgeschieden wird. Phosphate sind vor allem auch in industriellen Fertigprodukten mit Geschmacksverstärkern und Konservierungsstoffen enthalten.

Der „Klassiker“ zum Frühstück, Milchkaffee und Wurst/Käsebrot, sind also für eine ausreichende Calciumzufuhr für den omnivoren Konsumenten nicht suffizient.

Veganer hingegen konsumieren zwar keine Produkte mit so hohem Calciumanteil wie ihn Milchprodukte bereitstellen, die Aufnahme an Phosphaten ist jedoch ebenfalls deutlich geringer.

Sind Veganer im Vorteil? Das besagen Studien

Organic Bio Gemüse

Bild: “Organic Vegetable Boxes” von Andy Roberts. Lizenz: CC BY 2.0

Eine australische Studie des Garvan Institute of Medical Research, publiziert in Osteoporosis International von 2009, verglich die Knochendichte von vegan lebenden (strikt vegan-lebenden Nonnen) und nicht-veganen Frauen. Die empfohlene Zufuhr an Calcium beträgt 1000 mg/d. Die veganen Teilnehmerinnen nahmen nur 370 mg/d im Durchschnitt zu sich und wiesen postemenopausal die gleiche Knochendichte auf.

Das British Medical Journal veröffentlichte 2014 eine schwedische Studie mit Kohorten von je ca. 50 000 Teilnehmern zu der Fragestellung, ob Milchkonsum das Risiko von Knochenfrakturen im Alter beeinflusst. Die Studienteilnehmer wurden über 20 Jahre begleitetIn je einer weiblichen und männlichen Kohorte mit hohem Milchproduktkonsum wurde eine höhere Inzidenz an Frakturen festgestellt. Die Ursache führen die Forscher auf die chronisch erhöhte Exposition von D-Galaktose zurück, das permanenten oxidativen Stress und Entzündungsprozesse hervorruft (observiert durch bioaktive Marker 8-iso-PGF2α und Interleukin 6). Käse und fermentierten Produkten wie z.B. Sauermilch wird hierbei eine weniger bis keine schädliche Wirkung zugeschrieben.

Fazit – Schauen Sie „über den Tellerrand“!

Die drei Hauptpfeiler, um die Knochengesundheit so lange wie möglich zu erhalten, sind Bewegung, Vitamin-D und Calcium.

Die ausschließliche Fokussierung auf eine calciumreiche Ernährung ohne regelmäßige Belastung der Knochen wird Ihren Patienten wenig nützen. Keineswegs müssen für die ausreichende Calciumzufuhr jedoch Milchprodukte konsumiert werden, manche Studien empfehlen sogar das Gegenteil.

Wissenschaftliche Untersuchungen sind noch lange nicht bei einem einheitlichen Konsens angelangt, doch wird sich in den kommenden Jahren ein Wandel in den ernährungsphysiologischen Leitlinien abzeichnen, vor allem in Bezug auf die optimale Calciumzufuhr und die für den Menschen sinnvollste Aufnahmeform. Ob von Milchgenuss generell abzuraten ist (Laktose-Unverträglichkeit, Insulin-Like-Growth-Factor assoziierte Erkrankungen, …), ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht geklärt und bedarf der umfassenden Untersuchung möglicher Langzeitfolgen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *