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Alkoholabusus und Alkoholismus

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on Zuletzt aktualisiert am 8. April 2016 with 0
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Bild: von Samantha Cohen. Lizenz: CC BY 2.0

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Er darf auf keiner Party fehlen, hebt die Stimmung und tröstet die Seele – der Alkohol. Doch die akzeptierte Kulturdroge Ethanol hat leider mehr schlechte als gute Seiten. So sind mehr als ein Zehntel der Deutschen „süchtig“, oftmals ohne es sich selbst einzugestehen. Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit sind Phänomene, mit denen jeder klinisch tätige Arzt regelmäßig konfrontiert wird. Um Ihnen einen Überblick über die Erkrankungsformen und ihre Folgekomplikationen zu verschaffen, haben wir hier die wichtigsten Fakten für Sie zusammengefasst.

Dieser Artikel berücksichtigt die Leitlinien, welche auf AWMF einsehbar sind. Die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels vorliegende Leitlinien-Version können Sie einsehen.
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Definition

Vergiftung, Sucht oder Missbrauch?

Nicht jeder Patient mit einem Alkoholproblem ist auch ein Alkoholiker. Abzugrenzen sind hier im Wesentlichen drei Phänomene:

Alk_Krankheiten

Meist gehen die beiden Phänomene Sucht und Missbrauch einher, man spricht von einem chronischen Alkoholabusus. Den klassischen Alkoholismus kann man als einen über die Zeit schädigenden Abusus betrachten. Die medizinische Diagnose des Alkoholabusus wird allerdings nur vergeben, wenn keine Suchtsymptomatik vorliegt.

In der Praxis ist die Differenzierung schwierig. Die Grenzen der Begriffe sind immer fließend. Ein Spiegeltrinker braucht vielleicht nicht viel Alkohol, aber er braucht ihn täglich. Ein Phasentrinker kann monatelang trocken sein, um dann wieder dem Abusus anheimzufallen.

Im Falle einmaliger Alkoholexzesse können sowohl Abusus als auch Intoxikation vorliegen. Jugendliche sind oft Patienten mit einer dieser Diagnosen, während hier oft noch keine Abhängigkeit im physiologischen Sinne besteht. Die dauerhafte Suchtproblematik zeigt sich in der Regel nach zehn bis fünfzehn Jahren des Konsums.

Epidemiologie

Alkoholabusus und Alkoholismus in der Bevölkerung

Deutschlandweit werden laut Robert Koch-Institut schätzungsweise zehn Liter reinen Ethanols pro Bundesbürger im Jahr getrunken. Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland weisen laut Sander et al. einen behandlungsbedürftigen Alkoholkonsum auf, während ca. zwei Millionen alkoholabhängig sind:

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 1,9 Millionen Erwachsene (18 – 64 Jahre) in Deutschland die Kriterien einer Alkoholabhängigkeit erfüllen

(Quelle: S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie)

Deutlich höher ist laut Robert Koch-Institut die Zahl der Deutschen mit erhöhtem Alkoholkonsum. „Erhöht“ bedeutet, dass man Tag für Tag den kritischen Alkoholkonsum überschreitet. Je nach Altersgruppe erreicht der kritische Konsum eine maximale Prävalenz von 54 Prozent (junge Männer).

Kritischer Alkoholkonsum:

(Werte der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

 Mann: 20-24 Gramm Ethanol = 0,5l Bier oder 0,2l Wein

 Frau: 10-12 Gramm Ethanol = 0,25l Bier oder 0,1 l Wein

Ätiologie

Ursachen des Alkoholabusus und Alkoholismus

Die Ursachen für den vermehrten Konsum von Alkohol und die daraus entstehende Alkoholkrankheit sind nicht vollständig geklärt, jedoch ist sicher, dass es sich um eine multifaktorielle Genese handelt. So spielt eine genetische Veranlagung ebenso eine Rolle, wie soziale Gegebenheiten und Umweltfaktoren.

Auf neurobiologischer Ebene wird wie bei anderen Suchterkrankungen eine Störung im dopaminergen Belohnungssystem vermutet.

Ferner kann Alkoholismus sekundär im Rahmen anderer psychiatrischer Krankheitsbilder (affektive Störungen, Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom) auftreten.

Klinik

Symptomatik bei Alkoholabusus und Alkoholismus

Liegt nicht mehr nur schädigender Alkoholkonsum, sondern bereits eine Alkoholsucht vor, ist das Trinkverhalten der Patienten auffällig: Häufig beginnen sie bereits morgens nach dem Aufstehen mit dem Trinken von Alkohol, trinken heimlich und außerdem zu viel (s.o. kritischer Alkoholkonsum).

Die Betroffenen werden weiterhin häufig aggressiv und sind leicht reizbar. Es kann ferner zu Wahnvorstellungen (z.B. Eifersuchtswahn) und Distanzlosigkeit kommen.

Gesundheitsschäden bei Alkoholabusus und Alkoholismus

Unabhängig von einer möglichen Suchtproblematik steigt das Risiko von Gesundheitsschäden bei hohem Alkoholkonsum. Die Wahrscheinlichkeit für Leberzirrhose steigt signifikant bei einem regelmäßigen Alkoholabusus.

Die toxische Wirkung des Alkohols führt bei anhaltendem kritischen Konsum zur Schädigung zahlreicher Organsysteme:

Diagnostik

Selbsttest bei Alkoholabusus und Alkoholismsu

Mit der folgenden Infografik können Betroffene sich selbst auf das Vorliegen eines Alkoholproblems testen.

Alkohol_test

nach BZgA: http://www.kenn-dein-limit.de/infomaterial/

Leider ist die Einsicht im Falle von regelmäßigem Alkoholmissbrauch nicht immer gegeben. Das Leugnen des Suchtverhaltens ist Teil der Symptomatik. Beim Ausfüllen dieses oder ähnlicher Testverfahren kann es vorkommen, dass die Teilnehmenden lügen oder unbewusst Problemkreise verdrängen.

Anamnese bei Alkoholabusus und Alkoholismus

Wichtig ist daher, eine sinnvolle und sensible medizinische Anamnese. Wertungsfrei und auf Augenhöhe kann das genaue Konsumverhalten am besten erfragt werden.

Die medizinischen Kriterien für das Vorliegen einer Alkoholsucht sind nach ICD-Klassifizierung gegeben, wenn drei der folgenden Kriterien im Zeitraum der letzten 12 Monate für mindestens einen Monat vorliegen bzw. vorlagen:

Alkoholabusus_ICD-10

Eine erste Orientierung hinsichtlich einer möglichen Alkoholproblematik gelingt in der Anamnese näherungsweise mit Hilfe des CAGE-Testes:

CAGE-TEST

Körperliche Auffälligkeiten bei Alkoholabusus und Alkoholismus

Folgende körperliche Symptome können bei der klinischen Untersuchungen Anzeichen eines pathologischen Alkoholkonsums sein:

  • Leberhautzeichen als Ausdruck einer Lebererkrankung, z. B. Leberzirrhose:
    • Spider-Naevi
    • Erytheme (palmar oder plantar)
    • Lacklippen oder Lackzunge
    • Dupuytren-Kontraktur
    • Geldscheinhaut
    • Weißnägel
  • Rosazea bzw. Rhinophym: Rötungen von Nase und Stirn und Wangen
  • Verstärkte Schweißneigung
  • Gewichtsabnahme

Laboruntersuchungen bei Alkoholabusus und Alkoholismus

Laboruntersuchungen sind gängig und gerade bei dringendem Verdacht auf Verschweigen einer Alkoholsucht trotz starker Symptome sinnvoll. Sie sind ebenfalls geeignet, um Therapieerfolge sichtbar zu machen. Folgende geeignete Marker sind bei chronischem Alkoholismus erhöht:

  • γ-Glutamyltransferase (γ-GT)
  • Mittleres korpuskuläres Volumen der Erythrozyten (MCV)
  • Carbohydrat-defizientes Transferrins (CDT)
Merke: CDT stellt den spezifischsten Marker für chronischen Alkoholismus dar.

Therapie

Behandlung des Alkoholabusus und Alkoholismus

Patienten, die im klinischen Kontext durch eine Alkoholabhängigkeit auffallen, bedürfen einer engmaschigen Überwachung hinsichtlich möglicher Entzugssymptome. Niemals darf vergessen werden, dass es sich bei Alkoholismus um eine physiologische Abhängigkeit handelt. Ein sogenannter „kalter Entzug“ kann gerade bei Spiegeltrinkern tödlich sein.

Zur Alkoholentwöhnung können Acamprosat, welches durch Blockade zentraler Glutamatrezeptoren das Bedürfnis nach Alkohol reduziert, oder Disulfiram (führt zu Vergiftungssymptomatik, in Deutschland nicht mehr zugelassen!) eingesetzt werden.

Bei Verdacht auf das Vorliegen einer alkoholtoxischen Folgeerkrankung ist eine umfangreiche klinische Abklärung (von EKG bis zur Sonographie des Abdomens usw.) in die Wege zu leiten.

Langfristig ist eine stationäre Entzugsbehandlung anzustreben und die beste Chance für die Betroffenen, den Ausstieg aus der Sucht zu schaffen. Voraussetzungen hierfür sind der Wille, das Einverständnis und die Motivation des Patienten.

Komplikationen

Alkoholentzugssyndrom bei Alkoholismus

Im klinischen Kontext wird die Alkoholabhängigkeit häufig unterdiagnostiziert und dann erst im Kontext des Entzugs offensichtlich. Es kommt im Verlauf von Stunden bis Tagen zu einer Dysbalance verschiedener Transmittersysteme, deren Verschiebung in unterschiedlichsten Symptomen gipfelt:

Das Vollbild stellt dabei das Delirium tremens dar, das über Bewusstseinsstörungen bis hin zum tiefen Koma führen kann. Ein tödlicher Ausgang ist nicht selten. Unbehandelt liegt die Wahrscheinlichkeit dafür bei etwa 15 Prozent.

Wernicke-Korsakow-Syndrom

Ein häufiges Problem des Alkoholikers ist ein Vitamin-B1-Mangel (Thiamin), in dessen Folge es zunächst zu Konzentrations- und Gedächtnisstörungen kommen kann. Unbehandelt mündet die Hypovitaminose im Vollbild der Wernicke-Enzephalopathie, die auf einer Degeneration der Corpora mamillaria beruht. Betroffene leiden unter Orientierungs- und Bewusstseinsstörungen,  Augenmuskellähmungen (Ophthalmoplegien) und Gangstörungen (Ataxien).

Die Wernicke-Enzephalopathie stellt ein potentiell lebensbedrohliches Krankheitsbild dar, das durch die Gabe von Vitamin B1 mehr oder weniger reversibel ist. Nach Abklingen der Akut-Symptome kann sich eine Korsakow-Psychose mit folgenden Symptomen entwickeln:

  • Amnesien
  • Desorientiertheit (räumlich und zeitlich)
  • Gefühlsschwankungen
  • Konfabulationen (Auffüllen von Erinnerungslücken mit frei erfundenen Inhalten)

Zur Prophylaxe und Therapie sollte in jedem Falle Vitamin B1 verabreicht werden.

Beliebte Prüfungsfragen zu Alkoholabusus und Alkoholismus

Die Lösungen befinden sich unterhalb der Quellenangaben.

1) Welche Aussage ist falsch? Mögliche Folgeerkrankungen des Alkoholismus sind:

  1. Leberzirrhose
  2. Wernicke-Enzephalopathie
  3. Ösophagusvarizen
  4. Meningitis
  5. Polyneuropathie

2) Sie werden in Ihrer Hausarztpraxis von einem 54-jährigen Mann aufgesucht, der über Schmerzen im Großzehengrundgelenk und den Knien klagt. Bei der körperlichen Untersuchung stellen sie einen Tremor der Hände, sowie leichte Gangunsicherheiten fest. Das Gesicht ist gerötet und die Lippen glänzen lackartig. An Hand- und Fußrücken finden Sie Erytheme. Der Mann scheint stark zu schwitzen und bei der Untersuchung des Abdomens tasten Sie eine vergrößerte Leber mit unregelmäßiger Oberfläche. Sie haben einen Verdacht, welche Erkrankung für die Schmerzen in den Gelenken verantwortlich sein könnte. Welche Laboruntersuchung ist nun am ehesten geeignet, Ihren Verdacht zu bestätigen?

  1. Elektrolytbestimmung
  2. Bestimmung des Carbohydrat-defizienten Transferrins (CDT)
  3. Bestimmung von p-ANCA Antikörpern
  4. Bestimmung der Thrombozytenzahl
  5. Lues-Serologie

3) Der CAGE-Test dient zur ersten Orientierung einer Alkoholproblematik in der Anamnese. Was ist kein Element dieses Testes?

  1. Drosseln
  2. Augenöffner
  3. Heimlichkeit
  4. Verägert
  5. Schuldig

Quellen und Leitlinie zu Alkoholabusus und Alkoholismus

S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V. (DG-Sucht). In: AWMF online (Stand: 31.07.2014 , gültig bis 30.07.2019)

Robert-Koch-Institut: „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland – DEGS 2011“.

WelcheWzzZürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamenten-Missbrauchs: „Der Cage-Test“.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Alkohol? Kenn Dein Limit!“ Verschiedene Materialien. 

Robert Koch Institut: Faktenblatt zu GEDA 2012: Ergebnisse der Studie »Gesundheit in Deutschland aktuell 2012«

Linden, M., Hautzinger, M. (Hrsg.): Verhaltenstherapiemanual, 8. Auflage (2011) –  Springer-Verlag

Lernkarte Alkoholabhängigkeit via MIAMED AMBOSS 

Lösungen: 1D, 2B, 3C


 


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