Unter den psychischen Störungen gehört die Anorexia nervosa zu denen mit der höchsten Mortalität. Eine genaue Kenntnis des Krankheitsbildes, das vorwiegend junge Frauen betrifft, ist für die richtige Diagnose und anschließende Therapie ausschlaggebend. Patienten mit Anorexia nervosa können verschiedene Symptome aufzeigen, sind aber auch Meister darin, ihre Krankheitszeichen zu verstecken. Mithilfe dieses Beitrags diagnostizieren Mediziner die Anorexia nervosa kompetent und sicher.
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Anorexia nervosa

Bild: “Anorexia” von Benjamin Watson. Lizenz: CC BY 2.0


Essstörungen wie Anorexia nervosa und Bulimia nervosa treten gehäuft bei jungen Mädchen und Frauen auf. Waren früher vorwiegend Frauen aus den Industriestaaten betroffen, ist in den vergangenen Jahren eine dramatische Zunahme der psychischen Störung bei Asiaten und Männern zu beobachten.

Die Ursachen der Anorexia nervosa

Die Anorexia nervosa ist ein selbst herbeigeführter Gewichtsverlust, der mit einem BMI von 17,5 und niedriger beziehungsweise einem Körpergewicht, das unter 15% des normalen für Alter und Größe einhergeht. Hinzu kommt eine regelrechte Gewichtsphobie, also die Angst vor Gewichtszunahme.

Berechnung des BMI (Body-Mass-Index):
Körpergewicht in kg : Körpergröße in (m)²

Die Ursachen für die psychische Störung sind vielfältig. Das Risiko an Anorexia nervosa zu erkranken ist genetisch bedingt und tritt bei Verwandten von Anorektikern verstärkt auf. Des Weiteren tritt Anorexia n. als Begleiterkrankung bei affektiven, Zwangs- und Impulskontrollstörungen auf. Einen hohen Stellenwert haben die psychosozialen Faktoren, die mit familiärem Leistungsdruck oder gestörten Familienverhältnissen einhergehen.

Ebenso spielen individuelle Faktoren eine Rolle wie ein niedriges Selbstwertgefühl, Körperschemastörung und Ablehnung der Identität als Frau beziehungsweise Mann. Psychologische Ursachen werden im verstärkten Kontrollbedürfnis und in der euphorisierenden Wirkung von mindestens drei Tage andauernden Fastenzeiten gesehen, die die Anorexia n. den Suchterkrankungen ähnlich macht.

Die Symptome

Ausschlaggebendes Symptom, das die Anorexia nervosa von der sehr ähnlichen Bulimia nervosa abgrenzt, ist der BMI von maximal 17,5. Des Weiteren spielt das Thema Essen eine alles bestimmende Rolle im Leben der Patienten. Meist wird eine strikte Diät eingehalten, die nur eine begrenzte Kalorienaufnahme pro Tag erlaubt oder die bestimmte Lebensmittel untersagt.

Gewichtsphobie geht einher mit einer Körperschemastörung, die Patienten leben in ständiger Angst zuzunehmen und empfinden sich trotz Untergewicht als zu dick. Zudem mangelt es den Patienten an einer Krankheitseinsicht, die Compliance ist demnach besonders zu Beginn der Behandlung nur gering bis gar nicht vorhanden.

Es lassen sich zwei Arten der Anorexia nervosa unterscheiden:

  • Purging-Typ
  • Non-Purging-Typ (oder restriktiver Typus)

Beim Purging-Typ oder auch bulimischen Typ kommt es trotz strenger Diät immer wieder zu Fressattacken, die mit Erbrechen, Abführmitteln, Appetitzüglern, Hormonpräparaten wie L-Thyroxin, Diuretika und exzessivem Sport kompensiert werden. Der Non-Purging-Typ ist ebenfalls durch strenge Diät, aber auch durch motorische Hyperaktivität gekennzeichnet.

Die Untersuchung und Anamnese eines Anorektikers kann folgende Ergebnisse haben:

Untersuchung Gefährdung Akute Gefährdung
BMI < 14 < 12
Gewichtsabnahme/Woche < 0,5kg > 1kg
Hypothermie < 35°C <34,5°C
Puls, EKG < 50 < 40
QT-Zeit (frequenzkorrigiert) > 450ms
Syst. Blutdruck mmHG < 90 < 80
Diast. Blutdruck mmHg < 70 < 60
Muskelkraft „Squat Test“ (Einsatz der Arme) zur Balance zur aktiven Unterstützung

(Quelle: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de)

Differentialdiagnosen

Selten kommt es vor, dass den Symptomen einer Anorexia nervosa andere Krankheiten zugrunde liegen, dies können organische Ursachen wie Tumore, Magen-Darm-Erkrankungen wie M. Crohn oder Diabetes mellitus oder psychotische Störungen wie bei Schizophrenie sein. Eindeutiger Hinweis, dass es sich nicht um Anorexia nervosa handelt, ist der Mangel an Gewichtsphobie und Körperschemastörung.

Folgen der Mangelernährung auf den Körper

Zu den Symptomen zählen ebenfalls die Folgen, die Fehlernährung, Hyperaktivität und der Medikamentenmissbrauch auf den gesamten Organismus haben. Es kommt zu Störungen im Elektrolythaushalt mit Nierenschädigung, Beeinträchtigung des Gastrointestinaltrakts mit Karies, Obstipation, Übelkeit, Magenschmerzen und geschwollenen Ohrspeicheldrüsen, typischer Bradykardie, Arrhythmien und Hypotonie, Hypothermie, Anämie, Thrombozytopenie, Amenorrhö, Libido- und Potenzverlust, Hypoglykämie, Osteoporose, Hypogonadismus, Ödeme, Haarausfall, Lanugobeharrung, Dehydration, Dystrophie, Atrophie, Polyneuropathie und einiges mehr.

Zum Teil sind die entstandenen Schäden nicht reversibel und können bei bis zu 15% der Patienten zum Tod führen.

Eine Blutuntersuchung eines Anorektikers könnte so aussehen:

Laborwerte Gefährdung Akute Gefährdung
Albumin (g/dl) < 3,5 < 3,2
Kreatininkinase (U/l) > 190 > 250
Glukose (g/dl) < 65 < 45
Kalium (mmol/l) < 3,5 < 3,0
Natrium (mmol/l) < 135 < 130
Phosphat (mg/dl) 0,5 – 0,8 < 0,5
Harnstoff (mg/dl) > 42 > 60
Hb (g/dl) < 11 < 9
Thrombozyten (/nl) < 130 < 110
Bilirubin (mg/dl) > 1,2 > 2,3
Alkal. Phosphatase (U/l) < 110 > 200
AST (SGOT) (U/l) > 40 > 80

(Quelle: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de)

Folgen der Anorexia nervosa auf den Organismus; aus: Leucht, Förstl: Kurzlehrbuch Psychatrie und Psychotherapie, Thieme 2012

Folgen der Anorexia nervosa auf den Organismus; aus: Leucht, Förstl: Kurzlehrbuch Psychatrie und Psychotherapie, Thieme 2012

Therapeutische Ansätze

In der akuten Phase der Anorexia nervosa kann eine Zwangsernährung mittels parenteraler Elektrolytlösung und nasoduodenaler Sonde notwendig sein. Die Gewichtszunahme sollte bei 0,5 bis 1kg angestrebt werden. Bei depressiven Patienten kann kurzfristig die Gabe von Antidepressiva oder Neuroleptika sinnvoll sein, für eine Langzeittherapie sind sie jedoch nicht geeignet. Einen größeren Teil der Therapie nimmt die Psychotherapie mit Verhaltens-, Einzel-, Familien-, Körper- und Bewegungstherapie ein. Meistens ist die stationäre Aufnahme ratsam, um Patienten aus ihrem die Störung förderlichen Umfeld zu holen.

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Ein Gedanke zu „Anorexia nervosa: So erkennen Mediziner die Krankheit

  • jaja

    Man sollte nicht vergessen dass eine Anorexia auch durch spezifische Zwangs- und Angststörungen ausgelöst werden kann. Ich erinnere mich an eine Patientin, die wochenlang nur ein Lebensmittel einer bestimmter Farbe essen konnte oder verschiedene Konsistenzen nicht kombinieren konnte weil sie die Vorstellung des Zusammentreffens ( der für sie nicht passenden Lebensmittel) im Magen-Darmtrakt inklusive Verdauungsvorgang nicht ertragen konnte. Zuletzt entstand eine Bulimarexie. Unabhängig von Kalorien!
    Extrem schlimm waren rote und dunkelgrüne Lebensmittel oder das Kombinieren von Milchprodukten mit Obst oder Ä.! Die Patientin wurde lange zeit falsch behandelt und die typische “ Schublade “ gesteckt! Erst bei ihren vorletzten Klinikaufenthalt ist man auf die Zwangsstörung eingegangen ohne die daraus resultierende Anorexie in den Vordergrund zu stellen. Nun lebt die Patientin halbwegs normal. ( Nach 16 Jahren )
    Also nicht vergessen: nicht alles direkt immer in vorgegebene Schubladen einteilen!