„Einfach Leben retten!“, so wirbt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Website für die Blutspende. Eine Auffassung, die seit Jahren verbreitet und zumindest öffentlich nie hinterfragt wurde. Jetzt wendet sich das Blatt langsam. Immer mehr Studien sickern an die Öffentlichkeit, die das Gegenteil vermuten lassen. Blut ist nicht mehr uneingeschränkt gut, sondern sogar eine potenzielle Gefahr. Warum das so ist, und Sie trotzdem weiterhin Blut spenden sollten, erfahren Sie hier.
Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann lernen Sie doch einfach online. Wählen Sie hier einfach einen oder mehrere Medizin-Kurse aus und starten Sie kostenlos.

das-ist-ein-bild-von-einer-konservendose

Bild: “PICT1614” von erratic0101. Lizenz: CC BY-SA 2.0


Die Wende in der Transfusionsmedizin

Während es in der Geschichte einige eher stümperhafte Versuche der Fremdblutspende gab, etablierte sich die Blutspende, wie wir sie heute kennen, erst vor etwa 100 Jahren. Die Grundlage war die Entdeckung des AB0-Systems durch den österreichischen Pathologen Karl Landsteiner 1900.

Als er 30 Jahre später dafür den Nobelpreis für Medizin bekam, wurde seine Entdeckung schon munter genutzt. Die ersten Blutspendedienste waren ins Leben gerufen worden, und heute gibt es zahlreiche private und gemeinnützige Organisationen, bei denen man sein Blut spenden kann.

Bluttransfusionen werden seitdem weitgehend ohne Einschränkung bei Unfallopfern und Schwerstkranken eingesetzt. Lange stellten Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder HIV eine Bedrohung dar, die über die Konserven übertragen wurden.

Durch strenge Tests geht dieses Risiko mittlerweile jedoch gegen null. Auch der Bed-Side-Test hat die Sicherheit vergrößert und Verwechslungen sind nahezu ausgeschlossen. Blut an sich ist ein sicheres Produkt geworden – so dachte man.

Im November 2014 setzte die ARD-Reportage „Böses Blut“ einen ersten Warnschuss gegen den unbedachten Umgang mit Blut. Darin wurden Studien öffentlich, die die Fachwelt bis zu diesem Zeitpunkt unter Verschluss gehalten hatte.

Sie berichteten von kurzfristigen und Langzeitschäden, die durch Blutkonserven auftreten können. Das sind vor allem ein erhöhtes Infektionsrisiko, aber auch vermehrte Fälle von Nierenversagen und verminderter Lungenfunktion. Auch das Tumorrisiko erhöhe sich langfristig.

Das Problem ist unser komplexes Immunsystem

Das AB0-System lässt eine grobe Kompatibilitätsprüfung zu. Trotzdem ist eine Fremdblutspende eine Belastung für das eigene Immunsystem. Die Blutzellen unterscheiden sich nämlich nicht nur in den AB0-Oberflächenantigenen sondern in zahlreichen anderen Oberflächenmerkmalen, für die man nie eine hundertprozentige Übereinstimmung finden würde.

Allein die internationale Gesellschaft für Bluttransfusion (ISBT) führt 29 Blutgruppen. Bei der Blutspende werden nur die Systeme abgedeckt, die zu den stärksten Agglutinationsreaktionen führen, das AB0- und das Rhesussystem.

Obwohl es dadurch nicht zu akuten Unverträglichkeitsreaktionen kommt, wird das Immunsystem durch Fremdblut immer latent aktiviert. So fehlt ihm die Kapazität, körpereigene entartete Zellen zu bekämpfen und abzutöten. Ein Mechanismus, der langfristig zu Krebs führt.

Warum Kunstblut nicht funktioniert

Warum ist es bis jetzt nicht gelungen, künstliches Blut herzustellen? Es wäre nicht immunogen, würde also nicht das Immunsystem triggern, und wäre damit wesentlich ungefährlicher. Experten sehen in der Kunstblutforschung eine Sackgasse. Prof. Hugo van Aken, Intensivmediziner aus Münster, erklärt in der oben genannten Reportage die Gründe.

Die Forschung an Kunstblut sei so teuer, das alleine der Einstieg in ein solches Projekt mehrere Milliarden kosten würde – eine Hürde, die kein Pharmakonzern mehr nehmen möchte.

Ein anderer Ansatz steckt noch in den Kinderschuhen. Dennoch ist es laut dem Ärzteblatt dem französischen Stammzellforscher Luc Douay gelungen, aus Stammzellen Erythrozyten herzustellen, die ähnliche Eigenschaften und Überlebenszeiten wie die originalen Erythrozyten haben.

Die größte Schwierigkeit sei, eine genügend große Anzahl an Blutkörperchen zu produzieren. Ob das Konzept also praktikabel ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Patient Blood Management – ein Lösungsansatz

Um der aktuellen Situation gerecht zu werden und auf die Studien adäquat zu reagieren, haben einige deutsche Kliniken bereits gehandelt. Das Universitätsklinikum Frankfurt, Vorreiter in der ganzen Bewegung, hat im Juli 2013 ein eigenes Programm eingeführt, das zum intelligenteren Umgang mit Blut und Blutkonserven führen soll.

Die Initiative betreut Patienten vor Operationen und verbessert die eigene „Blutsituation“ beispielsweise durch die Gabe von Eisen, sodass weniger Transfusionen nötig sind. Auch die Blutentnahmeröhrchen wurden in ihrem Volumen verringert, und bei den OPs wird gezielt auf sparsame Verwendung von Konserven geachtet.

Zusammenfassung

Blut wird immer ein wichtiges Medizinprodukt bleiben, die aktuelle Studienlage sollte jedoch zu einem deutlich bewussteren Umgang damit führen. Dennoch sollte nicht das Spenden eingestellt werden, sondern die unkontrollierte Verabreichung. Der „ganz besondere Saft“, wie ihn Fausts Mephisto betitelte, sollte auch besonders bleiben, und seine Verwendung weiterhin beobachtet werden.

Während andere Länder wie die USA längst offensiv mit den Daten umgehen, liegt in Deutschland noch vieles im Verborgenen. Würde sich die Erkenntnis jedoch durchsetzen, wäre es eine der größten Veränderungen in der modernen Medizin. Es ist zu hoffen, dass Blutmanagement bald ein fester Bestandteil an den Unikliniken wird, um den schmalen Grat zwischen Schaden und Nutzen der Blutkonserven zu meistern.

Der ARD-Beitrag, der für Furore sorgte:
http://programm.ard.de/?sendung=2810613319254403


So bekommen Sie bessere Noten im Medizinstudium!

Verbessern Sie Ihre Prüfungsergebnisse! Lernen Sie mit dem kostenlosen Lerncoaching für Mediziner:

Effektive Lerntechniken

Individuelle Hilfestellungen

Anwendungsbeispiele für den Alltag

        EBOOK ANFORDERN        
Nein, danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *