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Vitamin-B12-Mangel – Damoklesschwert des Veganismus?

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on Zuletzt aktualisiert am 1. Dezember 2014 with 0
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Bild: "Korean Fried Rice" von Stephanie. Lizenz: CC BY 2.0

In diesen Tagen stolpert man bereits als Laie ständig in Zusammenhang mit veganer Ernährung über das Thema Vitamin-B12-Mangel. Nicht nur diese Ernährungsform, welche gänzlich frei von tierischen Bestandteilen ist, sondern auch andere Formen der langjährigen Mangelernährung, wie sie bei Alkoholabusus oder Anorexie auftreten, können Ursachen eines Cobalamin-Mangels sein. Dessen schwerwiegende Folgen stellen die megaloblastäre Anämie und die funikuläre Myelose dar. Im Folgenden präsentieren wir Ihnen die wichtigsten Fakten zum Vitamin-B12-Mangel.

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Ursachen

B12-Mangel kann u.a. Folge einer Mangelernährung sein. Menschen, Tiere und Pflanzen sind nicht in der Lage, das Vitamin selbst herzustellen, es entsteht im tierischen Verdauungstrakt durch symbiontisch wirksame Bakterien.

Die Speicherung von B12 findet vor allem in Leber und Niere statt. Aufgrund dessen warten diese Organe mit dem höchsten Vitamin-B12-Gehalt auf, der über tierische Nahrung aufnahmefähig wäre. Als Beispiel sei der Gehalt einer Kalbsleber mit 60 µg/100g angeführt.

Die gesunde menschliche Leber eines Erwachsenen speichert zwischen 2000–5000 µg und kann einen wachsenden Mangel über mehrere Jahre ausgleichen. Bei Säugling können hingegen nur 25–30 µg gespeichert werden. Vegan lebende, stillende Mütter können das Kind aufgrund ihrer Ernährung nur unzureichend mit Vitamin B12 versorgen und sind deshalb bereits in der Schwangerschaft durch den erhöhten Bedarf selbst gefährdet.

Ein voller menschlicher Speicher hält ohne jegliche Zufuhr von Vitamin B12 etwas zwei Jahre an.

Eine weitere Ursache können Störungen bei der Absorption sein. Für die Aufnahme von Vitamin B12 (Extrinsic Factor) aus dem Ileum ist der Intrinsic Factor nötig, welcher aus variablen Gründen zu wenig vorhanden sein kann:

  • zerstörte Parietalzellen durch Autoantikörper mit atrophischer Gastritis (Typ A Gastritis),
  • reduzierte Intrinsic Factor Produktion nach Magenresektion oder chronischer Gastritis
  • chronische Darmerkranken wie M. Crohn oder Zöliakie führen zu verminderter Aufnahme des Intrinsic-Factor-Komplexes.

Ein erhöhter Verbrauch im Darm durch den Fischbandwurm kann ebenfalls Ursache des Mangels sein

Krankheitsbilder

Funikuläre Myelose

Es handelt sich um eine neurodegenerative Erkrankung, die mit einer Demyelinisierung von Nervenzellen einhergeht. Am Anfang sind vor allem zervikale und thorakale Hinterstränge und Pyramidenbahnseitenstränge betroffen, wobei die Klinik sich in symmetrischen, aufsteigenden Hypästhesien, Parästhesien, Palläasthesien und spinaler Ataxie zeigt.

Weitere Folgen sind Ausfälle im zentralen und peripheren Nervensystem, typischerweise des N. opticus mit Visusverschlechterung.

Motorisch zeigen sich Reflexstörungen und positive Pyramidenbahnzeichen, auch psychopathologische Veränderungen wie paranoide oder depressive Symptomatiken treten auf. Erste unspezifische Anzeichen sind Kribbelgefühl in den distalen Extremitäten, Schwächegefühl und häufig Konzentrationsstörungen.

Wichtige Differentialdiagnosen sind Multiple Sklerose und bösartige Tumorerkrankungen des Rückenmarks.

Megaloblastäre Anämie

Vitamin B12 ist essentiell für die Regeneration von Folsäure und die Zellteilung aller Zellreihen, welche bei Mangel beeinträchtigt wird und zu einer Panzytopenie führt. Die makrozytäre, hyperchrome Anämie zeigt sich klinisch mit den typischen Anämiesymptomen wie Blässe und Abgeschlagenheit.

Die dysmorphen Erythrozyten werden unter Freisetzung von indirektem Bilirubin abgebaut und verursachen einen Hautikterus, auch Sklerenikterus. Weiteres Zeichen ist die Hunter-Glossitis mit entzündlich geröteter, atrophischer Zunge.

Wichtige Differentialdiagnose ist u.a. Folsäuremangel.

Testverfahren

Es kommen primär die Messung des Vitamin-B12-Serumspiegels, ein Blutbild und der sog. Schilling-Test in Frage. Der Schilling-Test ist ein Vitamin-B12-Resorptionstest, bei dem radioaktiv markiertes und nicht markiertes Vitamin B12 (um Bindungsstellen in Leber und Knochenmarkt zu sättigen) oral appliziert und die enterale Resorptionsleistung durch die Ausscheidung im 24-Stunden-Sammelurin gemessen wird.

Therapeutische Möglichkeiten und Fazit

Während in früheren Zeiten der Verzehr roher Leber als Therapie gedient hat, wird heute parenteral in Form von intramuskulären oder intravenösen Injektionen Vitamin B12 zugeführt, wenn eine Therapie der Ursache (wie z. B. Anorexie) nicht möglich ist.

Aufgrund der hohen Speicherkapazität der Leber kann bald von täglichen Injektionen auf monatliche Zufuhr umgestellt werden. In frühen Stadien kann sich das Krankheitsbild vollkommen zurückbilden, irreversibel dagegen ist die Zerstörung der Axonzylinder.

Unbehandelt führt ein Vitamin-B12-Mangel zu aggravierender Anämie, sowie einem Querschnitt und Demenz und kann letal enden. Bei langjährigen Veganismus ist auf jeden Fall ein Augenmerk auf das Vitamin B12 zu richten und sollte auch Sie als behandelten Arzt hellhörig werden lassen bei ersten Anzeichen im Blutbild des Patienten oder „Allgemeinsymptomen“ wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Konzentrationsstörungen.











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