Die Harninkontinenz wird mit Vorliebe tabuisiert und hat mit vielen Klischees zu kämpfen. Nicht nur ältere Menschen können vom ungewollten Urinabgang betroffen sein, auch jüngere Menschen gehören zum Patientenkreis. Die Tabuisierung der Miktionsstörung führt zu starker psychischer Belastung, Schamgefühl und sexuellen Problemen bis hin zur sozialen Isolation. Zur Diagnose gehören deshalb die genaue Kenntnis der verschiedenen Arten der Harninkontinenz und die anschließende zielgerichtete Therapie, um Patienten von der psychischen Belastung zu befreien.
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Harninkontinenz

Bild: “inkontinEnte” von kgbdd. Lizenz: CC BY-ND 2.0


Zu den bisher differenzierten Arten der Harninkontinenz gehören:

  • Stressinkontinenz
  • Dranginkontinenz
  • Überlaufinkontinenz
  • Reflexinkontinenz
  • Extraurethrale Inkontinenz
  • Funktionelle Inkontinenz

Die Stressinkontinenz ist mit 60 – 80% die häufigste auftretende Inkontinenzform. Von Inkontinenz spricht man bereits, wenn nur ein Tropfen Urin unwillkürlich abgeht. Um die verschiedenen Arten beim Patienten diagnostizieren zu können, ist eine ausführliche Inkontinenzanalyse und Anamnese der erste Schritt zur Identifikation.

Wenn beim Husten Urin abgeht – die Stressinkontinenz

Patienten, die unter Stressinkontinenz oder auch Belastungsinkontinenz leiden, verlieren im Anfangsstadium bereits beim Husten, Niesen, Lachen und leichten körperlichen Tätigkeiten kleine Mengen Urin. Die Ursache ist in der Regel ein defekter Sphinktermechnismus, der durch einen veränderten Winkel zwischen Blase und Harnröhre hervorgerufen wird. Sobald sich der intraabdominelle Druck erhöht, kommt es zum unwillkürlichen Urinabgang. Man unterscheidet drei Schweregrade der Stressinkontinenz:

  1. Urinabgang beim Husten, Niesen, Lachen
  2. Urinabgang bei körperlicher Arbeit, Laufen, Treppensteigen
  3. Urinabgang im Liegen

Zu den häufigsten Ursachen gehören Verletzungen durch Geburten oder Operationen, intraabdominelle Druckerhöhung durch Tumore oder Schwangerschaft, Beckenbodenschwäche und Descensus uteri (Gebärmuttersenkung).

Um eine Senkung der Gebärmutter diagnostizieren zu können, wird eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt. Der veränderte Winkel zwischen Blase und Harnröhre wird sonographisch oder radiologisch mit einem seitlichen Zystogramm sichtbar. Die Blasendruckmessung (Urodynamik) führt ebenfalls zur Diagnose.

Ist die Beckenbodenschwäche Ursache der Stressinkontinenz, hilft regelmäßig durchgeführte Beckenbodengymnastik die Beschwerden zu lindern und den Beckenboden zu stärken, ebenso kann die Magnetstimulationstherapie zum Einsatz kommen, um die Beckenbodenmuskulatur zu stärken.

Ebenso führen eine Gewichtsreduktion und Östrogengabe zum erwünschten Erfolg. Östrogene können systemisch oder lokal als Vaginaltablette appliziert werden. Weitere Medikamente sind Duloxetin, um die M. sphinkter urethrae Aktivität zu steigern, a-Sympathomimetika wie Midodrin, um den Tonus der glatten Muskulatur zu erhöhen und ß-Symathomimetika, um die Kontraktionen des quergestreiften Sphincter externus zu verstärken.

Ab Schweregrad II kann eine Operation notwendig werden, um den Winkel zwischen Blase und Harnröhre wieder zu normalisieren. Dazu stehen drei Varianten zur Verfügung:

  • Marshall-Marchetti-Operation: Fixierung von Harnröhre und Blase an der Symphyse.
  • TVT (tension free vaginal tape): Fixierung eines Kunststoffbandes an der Bauchdecke, welches unter die Harnröhre gelegt wird.
  • Artifizieller Sphinkter: Nur bei Männern induziert; Sphinkter wird durch druckregulierenden Ballon, dessen Pumpe im Skrotum platziert wird, künstlich ersetzt.

Typische Patienten, die unter Stressinkontinenz leiden, sind Frauen. Besonders nach einer Schwangerschaft, erhöhtem Gewicht (Adipositas) und in der Menopause leiden sie unter Stressinkontinenz.

Merke: Kein Harndrang vorhanden, Detrusoraktivität bleibt aus.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt – die Dranginkontinenz

Bei der Dranginkontinenz oder auch Urgeinkontinenz führt eine nur gering gefüllte Blase bereits zum Harndrang. Eine Dranginkontinenz liegt in 10 – 15% der Fälle von Harninkontinenz vor. Nach ihrer Ursache unterscheidet man drei Arten der Dranginkontinenz:

  • Motorische Dranginkontinenz
  • Sensorische Dranginkontinenz
  • Idiopathische Dranginkontinenz

Während bei der motorischen Dranginkontinenz eine Übererregbarkeit des M. detrusor vesicae mit unwillkürlichen Blasenkontraktionen durch Auslöser wie psychovegetative Belastungen, etwa Angst oder Störungen des Zentralennervensystems (Hirn, Rückenmarkstumore, M. Parkinson, M. Alzheimer, jahrelanger Alkoholabusus) die Ursache ist, führen Blasenentzündungen, -steine, Strahlenschäden oder andere Veränderungen der Blase zur sensorischen Dranginkontinenz. Da häufig keine Ursache für die Dranginkontinenz gefunden wird, spricht man auch von einer idiopathischen Dranginkontinenz.

Merke: Detrusormechanismus ist gestört, der Sphinkter aber intakt.

Die Blasenkontraktionen werden mit Urodynamik dargestellt, Harninfekte mittels Urinuntersuchung und Blasensteine mit einer Zystoskopie ausgeschlossen.

Liegt ein Harnwegsinfekt vor, werden entsprechende Medikamente verschrieben. Bei einer idiopathischen Dranginkontinenz wird zunächst gezieltes Blasentraining durchgeführt, Muskelrelaxantien, Spasmolytika oder trizyklische Antidepressiva können ebenfalls zur Linderung führen.

Kommt es zu einer Kombination von Stress- und Dranginkontinenz, spricht man von einer Mischinkontinenz.

Wenn die Blasenfunktion gestört ist – die Überlaufinkontinenz

Zur Überlaufinkontinenz oder chronischen Harnretention kommt es aufgrund einer übervollen Blase, das heißt, dass der Blasendruck den Harnröhrenverschlussdruck übersteigt. Dies ist in der Regel aufgrund einer Verengung des Blasenausgangs der Fall, die durch Tumore im kleinen Becken, Diabetes mellitus, Medikamente oder Spinalanästhesie hervorgerufen wird.

Eine unerwünschte Komplikation der Überlaufinkontinenz sind eine Blasenentzündung, da die Blase aufgrund zunehmender Blasenwandüberdehnung und infolgedessen eines hypoaktiven M. destrusor nicht vollständig entleert werden kann. Das kann bis hin zu Niereninsuffizienz und Urämie aufgrund des Rückstaus von Urin in Nieren und Harnleiter führen. Gegen die Überlaufinkontinenz hilft nach Möglichkeit die Beseitigung des Abflusshindernisses, das Legen eines suprapubischen oder transurethralen Katheters oder die medikamentöse Entspannung des Schließmuskels.

Besonders bei Männern mit Prostatahypertrophie und Menschen mit jahrelangem Diabetes mellitus kommt es zur einer Überlaufinkontinenz.

Merke: Der Harnröhrenverschlussmechanismus ist intakt, die Blasenentleerung ist gestört.

Miktion als gestörter Reflex – die Reflexinkontinenz

Von einer Reflexinkontinenz oder neurogener Detrusorhyperaktivität spricht man, wenn das Zusammenspiel zwischen Schließmuskelmechnismus, zentraler Steuerung und Harnblase gestört ist. Bereits äußere taktile Reize können dann den Miktionsreflex auslösen.

Die neurogene Störung hat ihre Ursache beispielsweise in Bandscheibenvorfällen, Querschnittslähmung, Rückenmarksentzündungen, Tumoren im Rückenmark, Fehlbildungen wie Myelomeningocele und Spina bifida. Die neurogene Detrusorhyperaktivität kann auch Begleiterscheinung bei Erkrankungen des Nervensystems wie M. Parkinson, Diabetes mellitus, Multiple Sklerose usw. sein.

Die medikamentöse Therapie mit Anticholinergika oder der Selbstkatheterismus sind Möglichkeiten der Behandlung der Reflexinkontinenz.

Wenn der Urin nicht aus der Harnröhre kommt – die extraurethrale Harninkontinenz

Bei der extraurethralen Harninkontinenz erfolgt die Miktion durch das Rectum oder die Scheide. Ursache ist in der Regel eine Fistel zwischen Blase und Scheide oder Blase und Darm. Die Fistel kann sich aufgrund von Bestrahlung bei Tumoren oder Krankheiten wie M. Crohn bilden.

Diagnostisch dargestellt, wird die Fistel mittels gynäkologischer Untersuchung, beziehungsweise Zystoskopie oder seitlichem Zystogramm mit Kontrastmittelgabe.

Nach Möglichkeit muss die Fistel operativ reseziert und eine anschließende Rekonstruktion der betroffenen Organe durchgeführt werden.

Harnabgang ohne Toilette – die funktionelle Inkontinenz

Da per Definition der unwillkürliche Abgang von Urin die Inkontinenz ausmacht, zählt auch die funktionelle Inkontinenz zur vollständigen Auflistung der Inkontinenzarten. Aufgrund starken Handrangs kommt es zum Urinabgang. Ursachen sind in diesem Fall äußere Umstände wie eine fehlende Toilette, Immobilität oder psychische Störungen.



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