Durch eine synchrone und paroxysmale Aktivierung einer Neuronengruppe kann ein epileptischer Anfall entstehen. Es gibt dabei eine heterogene Vielzahl an epileptischen Syndromen mit einer hohen Prävalenz in der Bevölkerung. Viele Menschen sind mindestens einmal im Leben von einem epileptischen Anfall betroffen, begeben sich besorgt in die Notaufnahme und suchen ärztlichen Rat. Daher ist es notwendig, sich mit dieser Krankheitsgruppe vertraut zu machen und die Therapiemöglichkeiten zu kennen.
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das ist ein zugenbiss der waehrend eines epileptischen Anfalls auftrat

Bild: “A tongue bite following a seizure” von James Heilman, MD. Lizenz: CC BY-SA 3.0


Geschichte der Epilepsie

In allen Fächern der Medizin gibt es eine immer wiederkehrende Gruppe an Krankheitsätiologien, z. B. infektiöse, autoimmune, entzündliche, neoplastische, traumatische, metabolische oder auch genetische Ursachen von Erkrankungen. Die Neurologie behält sich als einziges Fach eine ganz besondere ätiologische Gruppe vor: Die Epilepsie.

Schon früh in der Geschichte waren die Menschen von diesem oft spektakulären Krankheitsbild beeindruckt und deuteten es häufig in einem göttlichen oder allmächtigen Zusammenhang. Daher stammt auch die alte Bezeichnung M. sacer, da die Epilepsie in der griechischen Antike als „heilige Krankheit“ galt.

Später in der Zeit des Mittelalters schwand der göttliche Charakter und Epileptiker galten zunehmend als von Dämonen besessen. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus wurden Epileptiker als „unwert“ angesehen.

Definition der Epilepsie

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Bild: “Alex The Epileptic Cat” von Indi Samarajiva. Lizenz: CC BY 2.0

Ein epileptischer Anfall bedingt noch lange keine Epilepsie. Während seines Lebens erleidet jeder Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 10% irgendwann einen epileptischen Anfall.

Während eines epileptischen Anfalls kommt es im Gehirn zu einer kurzzeitigen, synchronen Entladung von Neuronen. Dabei entstehen plötzliche Symptome, die ebenso schnell verschwinden und alle neuronalen Qualitäten (z.B. Motorik, Sensorik, Vegetativum, Bewusstsein) betreffen können.

Die Epilepsie als Erkrankung ist eine dauerhafte Prädisposition des Gehirns für epileptische Anfälle, die strukturelle oder funktionelle Anomalien als Ursache haben kann. Für die Diagnosestellung einer Epilepsie bedarf es neben mindestens einem aufgetretenem epileptischen Anfall noch weitere spezifische Untersuchungsbefunde aus MRT und EEG.

Sie sollten sich dazu folgende Definitionen merken:

  • Epileptischer Anfall: Plötzliche, kurzzeitige, synchrone Entladung von Neuronengruppen; kann durch einen ausreichend starken Reiz bei jedem Menschen entstehen. Man unterscheidet je nach betroffenen Gehirnarealen fokale von generalisierten Krampfanfällen.
  • Gelegenheitsanfall: Epileptischer Anfall durch einen klaren Auslöser; bei einer Meidung dieses Auslösers tritt kein Anfall auf.
  • Status epilepticus: Länger andauernde Anfälle oder wiederholte Anfälle zwischen denen das Bewusstsein nicht wieder erlangt wird.

Kurzer Abriss zu epileptischen Anfällen:

Hier finden Sie den vollständigen Vortrag „Anfälle“ von Dr. med. Christian Roth.

Ursachen der Epilepsie

Man unterscheidet idiopathische, symptomatische und kryptogene Epilepsieformen: Bei Idiopathischen Epilepsien kann keine strukturelle oder metabolische Ursache gefunden werden.  Symptomatisch bedeutet, dass eine strukturelle, cerebrale Veränderung festgestellt werden kann, die für eine erhöhte Epileptogenität verantwortlich zu sein scheint. Als kryptogen bezeichnet man die Ursache, wenn solch eine strukturelle Veränderung stark angenommen werden muss, diese aber nicht nachweisbar ist.

Die pathophysiologischen Ätiologien sind dabei sehr heterogen: Missbildungen, Stoffwechselerkrankungen, erworbene Hirnläsionen wie Hirntumore oder Tumormetastasen, Bestrahlungen, frühkindliche Hypoxien, Enzephalitiden usw. können Ursachen erhöhter Epileptogenität sein.

Außerdem führen verschiedene Provokationsfaktoren („Trigger“) zu einer erhöhten Anfallsbereitschaft: Fieber, Elektrolytentgleisung, Urämie, Hypoglykämien, Hypoxien, Alkohol (-entzug), Medikamente (-nentzug). Der Alkoholentzug ist hierbei die häufigste substanzabhängige Ursache im Erwachsenenaltern. Oftmals entstehen spontane epileptische Anfälle aus einer Kombination von (exogenen) Stimuli, genetischen Dispositionen und Stoffwechselprozessen.

Allgemeine Symptome und klinische Relevanz epileptischer Anfälle

Die Klinik epileptischer Anfälle ist sehr komplex und umfassend. Man verbildlicht sie am besten mit der Vorstellung, dass eine anfallsartige (paroxysmale) Erregung vieler Neuronen eine überschießende Erregung in einer bestimmten Hirnregion verursacht. So äußern sich bei Fokalen Anfällen frontale Erregungen beispielsweise in Kloni – okzipitale Erregungen in visuellen Symptomen.

Generalisierte Anfälle betreffen generell beide Hemisphären und können sich zum einen tonisch (= steife Extremitätenstreckung) oder klonisch (= rhythmische Zuckungen) darstellen, zum anderen aber auch durch eine Absence äußern (= ein leerer, kontaktloser Blick) oder durch einzelne generalisierte Muskelzuckungen (=myoklonischer Anfall).

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Bild: “A tongue bite following a seizure” von James Heilman, MD. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der generalisierte Grand-Mal-Anfall ist der „klassische“ und häufigste Krampfanfall. Er ist häufig von einem Initialschrei begleitet, objektivierend findet man in der Untersuchung einen lateralen Zungenbiss, einen postiktalen Muskelkater sowie eine Enuresis oder Enkopresis. Nach einer epileptischen Entäußerung kann es zeitweise zu Paresen kommen (Todd’sche Parese).

Laborchemisch empfiehlt sich die Kontrolle der Kreatinkinase. Durch das massive und generalisierte Muskelanspannen in Verbindung mit einer Hypoxie, kommt es zu einer diffusen Muskelschädigung mit einer entsprechenden Freisetzung der Kreatinkinase. Ist dieser Wert stark erhöht, kann die Niere geschädigt werden. Entsprechend sollte bei zu hohen Werten eine Hämodilution angestrebt werden.

Sie sollten sich zur Beschreibung der Klinik folgende Bezeichnungen merken:

Begriffe: Bedeutung:
Positive Symptome Eine verstärkte Funktion
Negative Symptome Eine verminderte Funktion
Iktal Während des Anfalls
Postiktal Nach dem Anfall, die normale neuronale Funktion ist noch nicht wieder erlangt. Patienten sind in dieser Zeit sehr schläfrig und kognitiv eingeschränkt.
Interiktal Zwischen den Anfällen

Differentialdiagnostische Tipps für die klinische Praxis

Gerade in der Notaufnahme ist es wichtig zwischen epileptischen und anders verursachten Symptomen zu differenzieren; insbesondere bei schläfrigen Patienten mit Paresen (und erschwerter Anamnese) muss ein akutes ischämisches Ereignis ausgeschlossen werden.

Neben der Bildgebung hilft in diesem Fall initial auch die klinische Untersuchung: Die Blickdeviation richtet sich bei einer Ischämie zur geschädigten Seite, bei der Epilepsie entsprechend entgegen der epileptischen Seite. Besteht also eine linksseitige Hemiparese und eine Blickdeviation nach rechts, ist eine Ischämie wahrscheinlicher.

Bei bestehendem Zweifel sollte allerdings die Diagnostik im Sinne eines Schlaganfalls durchgeführt werden. Andere differentialdiagnostische Überlegungen sollten eine Migräneattacke mit Aura, eine (konvulsive) Synkope oder einen psychogenen Anfall einschließen.

Merke: Die postiktale Desorientiertheit ist der wichtigste Differenzialdiagnostische Unterschied zur Synkope. Auch Synkopen können anfallsartig wirken, die Patienten sind jedoch danach rasch wieder orientiert.

Psychogene Anfälle zeichnen sich durch eine sehr variable Dauer aus und können oft mehrere Minuten andauern. Die Anfallsart ist von wechselndem Charakter und oftmals kommt es zu sehr langen Vorgefühlen, die dem Anfall viel länger als eine epileptische Aura vorausgehen. Bei einem psychogenen Anfall werden die Augen oftmals fest verschlossen, insbesondere wenn der Untersuchende versucht sie zu öffnen. Bei einem epileptischen Anfall sind die Augen meist weit geöffnet. Nach einer langsamen Re-Orientierung stottern die Betroffenen häufig.

Syndromklassen der Epilepsie

 Bild: “Stanley is having seizures” von Wanna Be Creative. Lizenz: CC BY-SA 2.0


Bild: “Stanley is having seizures” von Wanna Be Creative. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Wie schon erkennbar wurde, ist die Gruppe der epileptischen Erkrankungen groß und vielgestaltig. Eine Einteilung in verschiedene Syndromklassen hilft der Orientierung und bedingt unterschiedliche Therapieansätze. Die unterschiedlichen diagnostischen Spezifitäten, speziell die jeweiligen EEG- Ableitungen, werden später genauer beschrieben.

Fokale Epilepsien

Ein gemeinsames Merkmal ist der epileptogene Ursprung in einer bestimmten Hirnregion mit der spezifischen Symptomatik.

Merke: Jede fokale Epilepsie kann sekundär generalisieren und sich auf das gesamte Gehirn ausbreiten. Ätiologisch kommen sämtliche regionale, strukturelle Veränderungen in Frage (Ischämienarben, Kavernome, Gefäßmalformationen etc.).

Tritt bei einem fokalen Anfall eine Bewusstseinsstörung auf, bezeichnet man ihn als komplex-fokal. Die epileptische Aura (= Sinneswahrnehmung einige Sekunden vor dem Anfall) definiert eine fokale Epilepsie. Typische Kennzeichen fokaler epileptischer Areale sind:

Areale: Kennzeichen:
Temporallappenepilepsie Die häufigste Gruppe der fokalen Epilepsien; epigastrische Aura mit folgenden automotorischen Entäußerungen: häufig eine Hippocampussklerose, pharmakologische schwer einstellbar, häufig eine neurochirurgische Therapie; der folgende Ablauf ist charakteristisch:

  1. Aura: viszeral, auch Déjà-vu oder Jamais-vu
  2. Motorische Symptome: Automatismen wie z.B. Schmatzen; stereotype Symptomatik, vegetative Symptome: Geruchs- und Geschmacks(miss)empfindungen; Bewusstseinsveränderung, motorische Unruhe (Trippeln, Umherlaufen)
  3. Stadium: Reorientierung mit Amnesie für das Anfallsgeschehen
Frontallappenepilepsie Psychische Aura, tonisch/klonische Anfälle, Jackson-Anfall (=march of convulsion): wandern der Kloni über verschiedene Körperareale, Todd’sche Parese, Versivanfälle, aphasische Anfälle
Parietallappenepilepsie Sensible Aura, sensible (auch wandernde) Anfälle, negative Symptome: Apraxie, Gleichgewichtsstörungen, Aphasie
Okzipitallappenepilepsie Visuelle Aura, komplexe Seheindrücke oder Seherinnerungen während des Anfalls, lang andauernd
Benigne fokale Epilepsie Etwa die Rolando-Epilepsie, einseitige Kloni mit starker Salivation (v.a. nachts), Sistieren der Anfälle vor der Adoleszens (darum benigne), Therapie: Sultiam, diese Epilepsieform ist idiopathisch.
Tipp: Die Temporallappen- und Okzipitallapenepilepsie werden häufig im Hammerexamen geprüft. Prägen Sie sich diese gut ein.

Generalisierte Epilepsien im Kindesalter

Im Kindesalter auftretende Epilepsien gehören zum Fachgebiet der Neuro-Pädiatrie und unterscheiden sich in ihrer Ursache und Behandlung. Bei der generalisierten Epilepsie muss von einer generalisierten Pathologie ausgegangen werden. Entsprechend betreffen die epileptischen Entäußerungen sehr schnell das gesamte Gehirn.

idiopathisch-generalisierte Epilepsieformen

Diese Gruppe repräsentiert die größte Anzahl der Epileptiker. Man unterscheidet viele Einzelerkrankungen, von denen folgende besonders praxisrelevant sind:

Krankheit: Eigenschaften:
Kindliche Absence Epilepsie (Pyknolepsie) Ab dem 5. – 8. Lebensmonat, kurze Absencen, bis zu 100 Anfälle am Tag, gute Prognose, Therapie: Ethosuximid
Juvenile Absence Epilepsie Ähnlich der kindlichen Abscence Epilepsie aber später auftretend, schlechtere Prognose (etwa 40% werden dauerhaft nicht anfallsfrei), mit tonisch-klonischen Grand-Mal Anfällen beim Aufwachen und vor allem später im Erwachsenenalter
Juvenile myoklonische Epilepsie „Janz-Syndrom“, „Impulsiv-Petit-Mal Ab dem 12. – 20. Lebensjahr, morgendliche Myoklonien (vor allem bei unsanftem Wecken), auch bilaterale Myoklonien der Extremitäten (Dinge werden plötzlich und ruckhaft weggeworfen), astatische und tonisch- klonische Anfälle

Symptomatische oder kryptogene generalisierte Epilepsieformen

Insbesondere frühkindliche Hirnschäden wie etwa Hypoxien oder metabolische Erkrankungen, sind der Hauptgrund für die symptomatischen generalisierten Epilepsien. Die Patienten sind oftmals intelligenzgemindert und schwer betroffen. Diese wichtigen Formen sollten Sie für das Hammerexamen kennen:

  • West-Syndrom: Tritt im ersten Lebensjahr, zwischen dem 3. und 8. Lebensmonat, auf. Das Anfallsbild ist ein infantiler Spasmus (= kurze tonische Verkrampfung von Armen und Beinen vor dem Körper, ehemalige Bezeichnung: „Blitz-Nick-Salaam“); schlechte Prognose; häufiger Verlauf in das Lennox-Gastaut-Syndrom; Therapie: ACTH, Steroide oder Benzodiazepine
  • Lennox-Gastaut-Syndrom = eine epileptische Enzephalopathie; tritt aus dem West-Syndrom auf oder aufgrund einer späteren generalisierten Hirnschädigung; Anfallsbild: astatische (Sturz-)anfälle, Absencen, generalisierte tonisch-klonische Entäußerungen

Diagnostik der Epilepsie

Wichtig zur Erkennung und Einschätzung ist eine ausführliche Eigen- und vor allem auch Fremdanamnese. Als apparative Untersuchungen kommen EEG, CT und MRT zum Einsatz.

Mittels EEG können Verlangsamungen oder epilepsietypische Veränderungen und Muster festgestellt werden. Generalisierte Epilepsien zeigen entsprechend häufig auch Veränderungen im gesamten Hirnbereich, fokale Epilepsien nur in einigen Ableitungen. Es werden die Amplitude und die Frequenz der Ableitungen beurteilt, um entsprechende Spikes, Spike-wave-Komplexe oder Anfallsmuster zu detektieren.

Ein EEG gut zu interpretieren, verlangt dabei viel Übung und Erfahrung. Neben einem „Ruhe EEG“ kann auch mittels Provokationsfaktoren (Flackerlicht, Hyperventilation, Schlafentzug) eine Darstellung epileptogener Potentiale versucht werden. Es folgen einige bedeutende EEG Befunde mit den entsprechenden Epilepsiesyndromen:

  • Kindliche Absence Epilepsie: 3 Hz Spike-wave-Komplexe
  • Juvenile Absence Epilepsie: 3 Hz Spike-wave-Komplexe und Polyspike Waves
  • Juvenile myoklonische Epilepsie: Generalisierte Polyspike Waves
  • West Syndrom: Hypsarrhythmie (= unregelmäßige, hochamplitude Aktivität interiktal, Abflachung iktal)
  • Lennox Gastaut Syndrom: Slow Spike-wave-Komplexe, langsamer als 2,5 Hz
  • Creutzfeldt Jakob Erkrankung: Triphasische Wellen
das sind orte von elektroden in einer EEG-Aufnahme

Orte von Elektroden in einer EEG-Aufnahme

Vor allem zur Evaluation eines ersten Anfalls mit entsprechenden differentialdiagnostischen Überlegungen sollte eine Bildgebung angestrebt werden. In Notfallsituationen ist das CT schnell verfügbar. Zur besseren Darstellung epileptogener Läsionen kann eine MRT-Untersuchung helfen.

Therapie der Epilepsieformen

Die Therapie basiert auf unterschiedlichen Ansätzen. Ein wichtiger Punkt ist die Lebensführung. Daneben gibt es Therapiemöglichkeiten auf pharmakologischer, chirurgischer und interventioneller Seite. Die Indikation zu einer Therapie ist dabei individuell zu stellen.

Lebensführung

Über eine gute Schlafhygiene oder einen Alkoholverzicht kann häufig schon eine Herabsetzung des Anfallspotentials erreicht werden. Zum anderen muss jeder Epileptiker über eine eventuell notwendig werdende Umstrukturierung alltäglicher Maßnahmen informiert werden: Kann ich meinen Beruf als Fensterputzer noch ausüben? Darf ich Auto oder Fahrrad fahren? Wie sieht es mit Schwimmen, Hecke scheren oder Arbeiten mit der Bohrmaschine aus?

Medikamentöse, antikonvulsive Therapie

Während einige Patienten kaum einschränkende epileptische Anfälle erleben und daher tendenziell ablehnend einer dauerhaften medikamentösen Einnahme gegenüber stehen, können andere nach einem Grand-Mal Anfall sehr verängstigt sein und eine dringende Therapie benötigen. Die Indikation zu einer Therapie besteht…

  • …bei der Diagnose Epilepsie.
  • …bei einem erhöhten Anfallrisiko nach einem ersten Anfall.
  • …nach einem ersten Anfall mit einem kurzfristig notwendigen Anfallschutz.
  • …nach einem zweiten Anfall mit einem mittelfristigen Anfallschutz.
  • …bei Problemanfällen (z.B. Status epilepticus).
  • …bei Wunsch des bzw. der Patienten.

Die Auswahl des notwendigen Antikonvulsivums muss gut überlegt sein und richtet sich nach Art der Epilepsie, Akuität, eventueller Komorbidität oder Schwangerschaft. Die einzelnen Antikonvulsiva sind zudem individuell verträglich. Die folgende Tabelle gibt einen groben Überblick über die Anwendungsgebiete einiger häufig eingesetzter Antikonvulsiva zur Anfallsprophylaxe:

Antikonvulsivum Tagesdosis Besonderheiten
Fokale Epilepsien
Carbamazepin 400 – 1600 mg Relativ sicher in der Schwangerschaft; viele Nebenwirkungen: Enzyminduktion, Agranulozytose, Lebertoxizität, Hyponatriämie, HRST, SIADH u.v.m.
Phenytoin 200 – 600 mg Als Notfallmittel i.v. verfügbar; schwierige Dosierung aufgrund von Autoinduktion; hohes Risiko für Entzugsanfälle; Prophylaxe mit Vitamin D und Calcium sinnvoll
Oxcarbazepin 600 – 2400 mg Hyponatriämie
Fokale und generalisierte Epilepsien
Valproat 600 – 2000 mg Breites Wirkspektrum; CYP Hemmung ⇒ verstärkt die Wirkung von z.B. Lamotrigin; Nebenwirkungen: Lebertoxizität, Teratogenität (Neuralrohrdefekte); wichtig fürs Prüfungswissen
Levetiracetam 1000 – 3000 mg Als Notfallmittel i.v. verfügbar; schnelle Wirkung; wenig Arzneimittelinteraktionen; Nebenwirkungen: Angst, Depressionen, Aggressionen
Lamotrigin 100 – 400 mg Folsäurehemmer, stimmungsaufhellend, in der Schwangerschaft möglich, Hautreaktionen (bis zum Stevens-Johnson-Syndrom) bei zu schneller Aufsättigung
Topiramat 100 – 400 mg Carboanhydrasehemmer (Nierensteine), Gewichtsverlust, kognitive Einschränkungen

Während der Therapie wird eine routinemäßige Blutspiegelkontrolle bei Phenytoin und Valproat empfohlen. Daneben sollten Sie sich noch folgende Medikamente für den klinischen Alltag merken: Ethosuximid bei Abscence-Epilepsien; Sultiam bei Rolando-Epilepsien oder als Zusatzmedikament schwerer Epilepsiesyndrome.

Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall

Ein akuter epileptischer Anfall geht meist schnell und spontan vorüber. Hierbei ist keine besondere Therapie notwendig, es sollte vor allem darauf geachtet werden, dass keine Begleitverletzungen durch herumstehende Gegenstände oder einem unkontrollierten Fall entstehen. Der epileptische Anfall endet meist schnell und spontan.

Merke: Altbekannte Maßnahmen wie der Beißkeil oder das Festhalten von Armen, Beinen oder dem Kopf sind heute obsolet.

Stellt sich spontan kein Sistieren der epileptischen Entäußerung ein, ist die folgende Stufentherapie empfohlen:

  1. Benzodiazepine i.v.: Die erste Wahl ist Lorazepam, die zweite Diazepam. Falls eine i.v. Medikation nicht möglich ist, kann Diazepam rektal oder Lorazepam intranasal verabreicht werden. Auch die intramuskuläre Anwendung ist sehr wirksam (nach einigen Studien sogar gleich wirksam) und kann insbesondere dann sehr alltagstauglich sein, wenn kein i.v. Zugang gelingt.
  2. Phenytoin i.v., alternativ: Phenobarbital oder Valproat
  3. Narkotika mit intensivmedizinischer Überwachung (Thiopental, Propofol)

Möglichkeiten der Epilepsiechirurgie

Mit chirurgischen Maßnahmen soll eine Entfernung des epileptogenen neuronalen Areals im Gehirn erreicht werden. Das ist selbstverständlich nur bei fokalen Epilepsien möglich. Eine Operation ist dann indiziert, wenn

  • …eine Pharmakoresistenz vorliegt (= weitere Anfälle nach zwei adäquaten antikonvulsiven Therapieansätzen).
  • …die Anfälle als beeinträchtigend empfunden werden und eine Erhöhung der Lebensqualität durch den Eingriff erwartet werden kann.
  • …eine entsprechende Motivation beim Patienten vorliegt.
  • …der epileptogene Herd gut operabel ist.
  • keine progressive neuronale Erkrankung vorliegt.

Neben den resektiven Verfahren gibt es entsprechend auch nicht-resektive Verfahren wie die Kallosotomie (Durchtrennung des Corpus callosum). Zunächst wird hierbei eine partielle (i.d.R. der vorderen Zweidrittel), bei einer weiteren Anfallspersistenz auch eine vollständige Durchtrennung des Corpus callosum versucht. Das Ziel ist eine Durchtrennung der interhemisphärischen Bahnen, um eine generalisierte Anfallsausbreitung zu verhindern. Dies kann verständlicherweise mit erheblichen kognitiven Defiziten einhergehen.

Interventionelle Stimulationstherapie der Epilepsie

Über ein Schrittmachersystem kann eine amygdalo-hippocampale oder anterior-thalamische Stimulation erfolgten. Hierüber kann eine fünfzigprozentige Anfallsreduktion erreicht werden.

Selbst wenn eine absolute Therapie somit nicht möglich wird, ist vielen Patienten damit oft sehr geholfen, zumal die pharmakologischen Nebenwirkungen entfallen und auch begleitende psychiatrische (z.B. depressive) Einschränkungen verbessert werden.

Therapie des Status epilepticus

Der Status Epilepticus ist ein neurologischer Notfall. Er ist definiert als ein tonisch-klonischer epileptischer Anfall, der über fünf Minuten andauert, ein mehr als 20 Minuten anhaltender fokaler Anfall oder Absence  oder als Anfallsserie, in deren Pause das Bewusstsein nicht wiedererlangt wird.

Der Status epilepticus kann demnach bei jeder epileptischen Erkrankung auftreten, so gibt es auch den non-konvulsiven Status epilepticus oder den Absence-Status. Als lebensbedrohlich gilt der Grand-Mal-Status.

Die Therapie des Status epilepticus folgt prinzipiell dem einheitlichem Stufenschema, welches oben zur Durchbrechung eines andauernden Anfalls beschrieben wurde. Lediglich bei Absencen oder Myoklonien sollte Phenytoin nicht gegeben werden. Phenytoin kann die Situation verschlechtern.

Epilepsie beim Autofahren

Die große Sorge von Epilepsie betroffener Personen ist die Fortführung des gewohnten Lebens. Viele haben große Ängste vor der Ungewissheit neuer Anfälle und den dabei entstehenden Einschränkungen. Vor allem das Autofahren ist ein relevantes Thema.

Es besteht die ärztliche Pflicht, über entsprechende Verkehrseinschränkungen zu informieren. Ebenso ist es die ärztliche Pflicht, mit den entsprechenden gesetzlichen Vorgaben vertraut zu sein: Bei Besitzern eines PKW-Führerscheins erfolgt nach Auftreten eines epileptischen Anfalls in der Regel ein vorläufiger Entzug der Fahrerlaubnis.

Das Fahrverbot ist allerdings nicht absolut und definitiv, sondern kann entsprechend des weiteren Krankheitsverlaufes aufgehoben werden:

  • Wenn ein erstmaliger Anfall unprovoziert aufgetreten ist, erfolgt der Rückerhalt der Fahrerlaubnis nach drei bis sechs Monaten ohne Anfälle.
  • War ein erstmaliger Anfall symptomatisch oder provoziert, erfolgt der Rückerhalt der Fahrerlaubnis nach drei Monaten ohne Anfälle.
  • Kommt es zu einem zweiten Anfall oder besteht eine diagnostizierte Epilepsie, erfolgt der Rückerhalt der Fahrerlaubnis nach einem Jahr ohne Anfälle (unabhängig vom Therapieverlauf und der Therapieart).
  • Treten persistierende epileptische Anfälle auf, wird die Fahrerlaubnis nicht zurückgegeben, solange ein wesentliches Risiko für weitere Anfälle besteht.

Berufskraftfahrende Menschen mit einem LKW-Führerschein und/oder zur Personenbeförderung erfahren in der Regel einen endgültigen Entzug ihrer Fahrerlaubnis. Gegebenenfalls ist dann ein Berufswechsel nötig. Wird eine fünfjährige Anfallsfreiheit ohne antiepileptische Behandlung nachgewiesen, kann eine Fahrerlaubnis wieder ausgestellt werden.

Besteht ein Anlass zur Annahme, dass ein ausgesprochenes Fahrverbot nicht akzeptiert wird, muss eine polizeiliche Meldung abgewogen werden.

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Beliebte Prüfungsfragen zur Epilepsie

1. Mit welcher Medikation sollte der Grand-mal-Status in einer Notfallsituation in erster Linie versorgt werden?

  1. Intravenöse Injektion von Lorazepam
  2. Intramuskuläre Injektion von Phenytoin
  3. Intravenöse Injektion von Valproinsäure
  4. Intramuskuläre Injektion von Levetiracetam
  5. Intramuskuläre Injektion von Diazepam

2. Bei der Therapie mit Antikonvulsiva sollten regelmäßige Laborkontrollen durchgeführt werden. Welcher der folgenden Werte ist dabei am ehesten ein Indikator für eine relevante Nebenwirkung von Carbamazepin?

  1. Albumin
  2. CKMB
  3. Hb
  4. Natrium
  5. Amylase

3. Bei Herrn Müller kam es im Anfall zu einer Blickwendung nach links. Wofür spricht dies in Bezug auf die Lokalisation des Epilepsieherdes?

  1. Dies spricht in erster Linie für eine Lokalisation des Epilepsieherdes in den linksseitigen Basalganglien.
  2. Dies spricht in erster Linie für eine Lokalisation des Epilepsieherdes in der rechten Kleinhirnhemisphäre.
  3. Dies spricht in erster Linie für eine Lokalisation des Epilepsieherdes in den rechtsseitigen Oculomotoriuskernen.
  4. Dies spricht in erster Linie für eine Lokalisation des Epilepsieherdes im linken Frontallappen.
  5. Dies spricht in erster Linie für eine Lokalisation des Epilepsieherdes im rechten Frontallappen.

Quellen

Bauer, J., Neumann, M. „Therapeutic management following diagnosis of epilepsy“ Fortschr. Neurol. Psychiatr., 2008, Nov; 76(11): 979-692

Vonck, K., Boon, P., Achten, E., De Reuck, J., Caemaert, J. „Long- term amygdalohippocampal stimulation for refractory temporal lobe epilepsy“ Ann. Neurol. 2002 Nov; 52(5): 556-565

Bender, A., Rémi, J., Feddersen, B., Fesl, G. mediscript Kurzlehrbuch Neurologie, Elsevier 2013

Herdegen, T. Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie, 2. Auflage, Thieme 2010

Lösungen zu den Fragen: 1A, 2D, 3E



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