Wenn ein Mensch stirbt, hört er auf zu atmen und sein Herz schlägt nicht mehr. Der Herz-Kreislauf-Stillstand ist lange Zeit das Maß gewesen, um einzuschätzen, ob ein Mensch tatsächlich tot ist. Doch im Jahr 1952 wurde die Herz-Lungen-Maschine erfunden. Dank ihr können nun Menschen, deren neuronale Steuerzentren versagt haben, am Leben erhalten werden. Das hat viele Leben gerettet und Organtransplantationen möglich gemacht. Wir erklären Ihnen, warum die Hirntod-Diagnose und die Freigabe zur Organentnahme jedoch weiterhin schwierige medizinische Entscheidungen sind.

Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann lernen Sie doch einfach online. Wählen Sie hier einfach einen oder mehrere Medizin-Kurse aus und starten Sie kostenlos.

Hirntod

Bild: “Drip.” von Guian Bolisay. Lizenz: CC BY SA 2.0


Sterbendes Bewusstsein

Für die Mediziner gilt es, die Unterscheidung zwischen einem tiefen Koma und dem Hirntod zu treffen. Auch beim tiefen Koma kommt es zum Ausfall von grundlegenden Reflexen. Schmerzreize werden nicht mehr wahrgenommen, die Atmung muss künstlich erfolgen.

Allerdings kann es sich beim Koma um Störungen einzelner oder mehrerer Gehirnzentren handeln: Einige Areale können unwiederbringlich „tot“ sein, während andere Bereiche geistig rege sind. Beim Hirntod, oder besser Gesamthirntod, handelt es sich um ein Koma mit komplettem Ausfall der Funktionen von

  • Großhirn
  • Kleinhirn
  • Hirnstamm.

Erst wenn alle drei Komponenten versagt haben, darf man davon ausgehen, dass ein Patient am Leben nicht mehr bewusst oder unbewusst teilnimmt.

Einzelne Nervenzellen oder kleinere Areale des Gehirns können nach dieser Definition durchaus noch aktiv sein. Diese können jedoch die zentralnervöse Einheit eines funktionierenden Gehirns nicht wiederbringen.

Niemand muss allein entscheiden

Um die Diagnose des Hirntods unbezweifelbar festzustellen, bedarf es der Untersuchung zweier erfahrener Ärzte. Diese dürfen nicht am Prozess der Organtransplantation beteiligt sein, um unvoreingenommen zu entscheiden. Das Entscheidungsverfahren folgt klaren Regeln:

Verfahren zum Feststellen des Hirntods
Voraussetzungen:
1. Akute schwere Hirnschädigung
2. Ausschluss anderer Ursachen (z.B. Intoxikation, Hypothermie)

Symptomnachweis:
1. Koma
2. Hirnstamm-Areflexie (z.B. keine Pupillenreflexe)
3. Ausfall der Spontanatmung

Irreversibilitätsnachweis:
1. Keine Veränderung nach 12-72 Stunden
2. Widerholung des Symptomnachweises
ODER
Apparative Diagnostik (z.B. Nulllinien-EEG über 30 Minuten)

HIRNTOD
hirntod-im-scan

Bild: „Radionuclide scan of the head with Tc-99m Neurolite shows lack of intracranial blood flow and „hot-nose“ sign from diversion of blood flow to the external carotid arteries.“ von JasonRobertYoungMD. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ist die Diagnose des Hirntodes gestellt, gibt es drei Wege, wie es für den Patienten weitergehen kann.

  1. Er bleibt bis zum natürlichen Verscheiden an die Maschinen angeschlossen.
  2. Durch Patientenverfügung oder Angehörige wird entschieden, dass die Maschinen abgeschaltet werden.
  3. Nach Zustimmung zur Organspende bleiben die Maschinen bis zur Entnahme der Organe (Organexplantation) eingeschaltet.

Der Weg zur Organspende

In Deutschland dürfen nur Toten Organe entnommen werden. Deswegen war es rechtlich notwendig, den Hirntod als eine Form des Todes zu definieren, denn: Um einem Menschen Spenderorgane zu entnehmen, muss das Herz-Kreislauf-System noch funktionieren. Andernfalls würden Leber, Nieren und Milz binnen kurzer Zeit Schäden durch die Mangelversorgung davontragen.

Dass ein Mensch stirbt, ohne dass sein Herz stehen bleibt, ist primär bei folgenden Erkrankungen der Fall:

  • Hirntumor
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Hirnblutungen

Die meisten Verunfallten haben jedoch niemals eine Angabe darüber gemacht, ob sie ihre Organe beim Hirntod spenden würden oder nicht. Das macht die Wahrscheinlichkeit auf Hilfe noch geringer. Dies ist problematisch, denn die Zahl der Menschen, die auf ein neues Organ warten, steigt stetig. Deshalb fordert die Bundesregierung seit Ende 2012 zur Entscheidung auf:

Füllen Sie einen Organspendeausweis aus, egal, welche Meinung Sie vertreten! Ein Kreuzchen auf Ihrem Ausweis kann entweder Leben retten oder bei Angehörigen und Ärzten Klarheit schaffen.

Ethische Bedenken

Viele Menschen misstrauen der Medizin. Die Vorstellung, nicht wirklich tot zu sein, macht ihnen Angst. Außerdem gibt es eine starke Gegnerschaft des Konzepts „Hirntod“, deren Argumente durchaus tragfähig sind. Die Kritik reicht hier von religiösen Bedenken bis hin zu medizinischen Zweifeln. Dabei werden zwei grundsätzliche Fragen aufgeworfen:

  • Kann man den Hirntod mit dem Tod gleichsetzen?
  • Lässt sich der Hirntod sicher diagnostizieren?

Deshalb ist es wichtig, über die Hirnfunktionen aufzuklären. So kann die Beobachtung der Lazaruszeichen für Familienmitglieder irritierend sein. Dabei handelt es sich um Rückenmarksreflexe, die zu Arm- und Beinbewegungen führen. Einfühlsames Erläutern der Vorgänge hilft den Angehörigen, die Irreversibilität der Hirnschädigung zu verstehen und zu akzeptieren.

Außerdem ist es möglich, dass nach obigen Verfahren als hirntot diagnostizierte Menschen noch zentralnervöse Körperregulationen vornehmen. Sie schwitzen und verdauen, regulieren ihre Körpertemperatur selbst und bekämpfen Viren. Als hirntot diagnostizierte Männer können eine Erektion haben. Schwangere in diesem Zustand sind in der Lage, ungeborenes Leben auszutragen – in mehr als zehn Fällen ist das Gebären gesunder Kinder dokumentiert.

Ein sicherer Hirntod ist schwer festzustellen. Die römisch-katholische Kirche fordert daher ein sechsstündiges Nulllinien-Elektroenzephalogramm (EEG) für eine einwandfreie Diagnostik. Auch viele Wissenschaftlerinnen und Ärzte verlangen die apparative Hirndiagnostik ohne Ausnahme. Verfahren wie das Nulllinien-EEG, Magnetresonanztomographie (MRT) oder Angiographien müssten zwingend durchgeführt werden, um Patienten herauszufiltern, bei denen lediglich der Hirnstamm geschädigt sei. Auch die Forderung, während der Organentnahme „zur Sicherheit“ in Vollnarkose gelegt zu werden, klingt verständlich.

Jeder sollte rechtzeitig eine Entscheidung treffen

Es lässt sich darüber diskutieren, wo das Leben aufhört und der Tod beginnt, denn eine klare Grenze gibt es nicht. Schwer ist die Abwägung besonders dann, wenn jemand aus dem eigenen Umfeld betroffen ist. Bei Fremden lässt sich kühler darüber denken.

Schmerzen können Hirntote, deren Organe entnommen werden, nicht mehr empfinden. Ob sie selbst in diesem Zustand weiterleben wollen würden oder ob sie lieber einem anderen mit den eigenen Organen helfen möchten, sollte deshalb zu Lebzeiten bedacht werden.

Eine Entscheidung muss jeder selbst fällen. Wer sich nicht entscheidet, überträgt die Verantwortung auf seine nächsten Verwandten. Fest steht: Niemandem werden Organe entnommen, der dem ausdrücklich widersprochen hat.

Quellen

Dag Moskopp, Hansdetlef Wassmann: Neurochirurgie – Schattauer 2015

Schwab et al.: NeuroIntensiv – Springer 2015

Wolfram Wilhelm: Praxis der Intensivmedizin – Springer 2011

 

// <![CDATA[
// < ![CDATA[
// < ![CDATA[
// < ![CDATA[
//

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *