Jeder Mensch hat ein für sich normales Niveau an Antrieb und Stimmung – mal besser, mal schlechter. Manchmal kann es aber zu einem besonders tiefen Absinken der Stimmung und dem Verlust des Antriebs kommen, dann kann eine depressive Episode vorliegen. Auch der umgekehrte Fall ist möglich: Kommt es zu übersteigertem Antrieb und Stimmung, spricht man von einer manischen Episode. Diese Episoden sind kennzeichnend für affektive Störungen, zu denen Sie in folgendem Beitrag alle relevanten Fakten lesen können, sodass Sie optimal auf Prüfungen und den Klinikalltag vorbereitet sind. 
Dieser Artikel berücksichtigt die Leitlinien, welche auf AWMF einsehbar sind. Die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels vorliegende Leitlinien-Version zur unipolaren Depression und zu bipolaren Störungen können Sie einsehen.

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Affektive Störung


Definition

Affektive Störungen als unipolare und bipolare Erkrankungen

Die affektiven Störungen sind episodisch auftretende Erkrankungen. Sie werden nach Art und Richtung der Stimmungsausschläge eingeteilt in unipolare und bipolare Störungen. Die unipolaren Störungen umfassen dabei Stimmungsausschläge nur in eine Richtung und zwar nach unten (die depressiven Episoden), während die Diagnose bipolare Störung immer dann vergeben wird, wenn es zwei kennzeichnende Stimmungslagen gibt: Depressive Episoden und Phasen mit einer extrem gesteigerten Stimmungslage (manische oder hypomanische Phasen).

Zusätzlich zur Feststellung, in welche Richtung die Stimmung ausschlägt, gibt man die Häufigkeiten des Auftreten dieser Stimmungslagen an: Einmalig/monophasisch vs. rezidivierend/oligophasisch sowie deren Schweregrads (leicht, mittel, schwer). Die affektiven Störungen werden in der ICD-10 wie folgt kodiert:

  • F30. –Manische Episode
  • F31. – Bipolare affektive Störung
  • F32. – Depressive Episode
  • F33. – Rezidivierende depressive Störung
  • F34. – Anhaltend affektive Störung
  • F38. – Andere affektive Störungen
  • F39. – Nicht näher bezeichnete affektive Störung

Neben der ICD-10 ist auch das amerikanische DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) für die Einteilung psychiatrischer Krankheiten eine wichtige Arbeitsgrundlage. Besonders für das Verständnis aktueller Studienergebnisse ist es unabdingbar vom DSM gehört zu haben.

Die unipolare Störung

Unter den unipolar affektiven Störungen versteht man alle depressiven Erkrankungen. Hierunter zählen die depressiven Episoden (die bisher erstmalig aufgetreten sind), die rezidivierende depressive Störung sowie die Dysthymie. Eigentlich müsste auch eine rein manisch verlaufende Symptomatik als unipolar bezeichnet werden, da dies aber so gut wie nicht auftritt, wird das Vorliegen einer manischen Episode immer den bipolaren Störungen zugeordnet.

Die depressive Episode als akuter Zustand

Symptomatik 

Die depressive Episode umschreibt das Vorhandensein depressiver Symptome. Für die Diagnose orientieren sich sowohl DSM-V als auch ICD-10 an Haupt- und Nebenkriterien (s.u.). Dabei muss über mindestens zwei Wochen hinweg die meiste Zeit des Tages eine ungewöhnlich negative Stimmungslage vorherrschen sowie Freud- und Interessenverlust.

Je nachdem wie viele Symptome gleichzeitig auftreten, kann der Schweregrad abgeschätzt werden. Die schwere depressive Episode im ICD-10 kann zusätzlich unterteilt werden in das Vorliegen bzw. Fehlen psychotischer Symptome. Depressive Symptome sind mannigfaltig. Neben affektiven Symptomen sind Veränderungen auf kognitiver und somatischer Ebene, sowie im Verhalten möglich.

Klassifikation nach DSM-V

Mindestens 5 der folgenden Symptome bestehen über mindestens 2 Wochen, ein Symptom davon muss „depressive Verstimmung“ oder „deutlich vermindertes Interesse“ sein. Depressive Verstimmung oder deutlich vermindertes Interesse plus mindestens drei der folgenden Symptome:

  • Deutlicher Gewichts-/Appetitverlust
  • Schlaflosigkeit/vermehrter Schlaf
  • Psychomotorische Unruhe/Verlangsamung
  • Müdigkeit/Energieverlust
  • Gefühle von Wertlosigkeit/Schuld
  • Konzentrations- und Entscheidungsprobleme
  • Tod, Suizidgedanken oder -handlungen

Negativkriterien:

  • Kriterien erfüllen nicht die Kriterien der gemischten bipolaren Störung
  • Symptome verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden und Einschränkungen
  • Symptome gehen nicht auf direkte körperliche Wirkung von Substanzen oder medizinischen Faktoren zurück
  • Symptome sind nicht besser durch Trauer erklärbar

Klassifikation nach ICD-10

Die Einschlusskriterien einer depressiven Episode sind erfüllt, wenn während mindestens 2 Wochen mindestens 2 (bzw. 3 bei einer schweren Episode) der folgenden Symptome vorliegen:

  • Depressive Stimmung in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmaß, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag und im Wesentlichen unbeeinflusst von den Umständen
  • Interessen- oder Freudeverlust an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren oder (und)
  • Verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit

Plus mindestens zwei der folgenden Symptome:

  • Verlust des Selbstvertrauens oder des Selbstwertgefühls
  • Unbegründete Selbstvorwürfe oder ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle
  • Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid; suizidales Verhalten
  • Klagen über oder Nachweis eines verminderten Denk- oder Konzentrationsvermögens, Unschlüssigkeit oder Unentschlossenheit
  • Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung (subjektiv oder objektiv)
  • Schlafstörungen jeder Art
  • Appetitverlust oder gesteigerter Appetit mit entsprechender Gewichtsveränderung

Schweregradeinteilung:

  • Leicht: Zwei Hauptkriterien und mindestens zwei Nebenkriterien
  • Mittelgradig: Zwei Hauptkriterien und mindestens vier Nebenkriterien
  • Schwer: Drei Hauptkriterien und mindestens fünf Nebenkriterien

Epidemiologie der depressiven Episode

Erstmalig erkranken am häufigsten junge Erwachsene zwischen 25 und 35 Jahren an einer depressiven Episode. Eine Episode dauert unbehandelt ungefähr drei bis vier Monate und remittiert dann in 70 – 80% der Fälle vollständig. Bei den anderen 20 – 30% verbleibt eine Residualsymptomatik über Monate bis hin zu Jahren.

Je öfter ein Patient depressive Episoden erleidet, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Symptome „übrig“ bleiben. Die Punktprävalenz depressiver Symptome wird mit ca. 8,1 % (Frauen 10,2 %; Männer 6,1 %) angegeben.

Die rezidivierende depressive Störung

Leider bleibt es bei einem Großteil derjenigen Patienten, die bereits einmal eine depressive Episode erlebt haben, nicht bei dieser einen. Ein Drittel der Patienten erlebt immer wieder  klar abgrenzbare Episoden einer Major Depression, während der Verlauf bei einem weiteren Drittel chronisch und nur mit teilweiser oder fehlender Remission verläuft.

Je öfter Episoden auftreten, umso größer wird die Wiederauftretenswahrscheinlichkeit.  Man schätzt, dass 11,6 % der erwachsenen deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens eine depressive Störung erleiden (Frauen 15,4 %; Männer 7,8 %).

Die dysthyme Störung

Definition der dysthymen Störung

Bei der dysthymen Störungen liegt nicht das Vollbild einer Major Depression vor, jedoch zeigen sich die Symptome in abgeschwächter Form über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren. Ein Beispiel wäre eine anhaltende gedrückte Stimmungslage, Freud- und Interessenlosigkeit bei erhaltener Funktionsfähigkeit im Berufsleben. Zusätzlich zur dysthymen Störung können gleichzeitig jedoch auch noch „richtige“ depressive Episoden auftreten, dann spricht man von Double Depression. 

Epidemiologie der dysthymen Störung

Die Lebenszeitprävalenz wird auf 2,5 – 6 % geschätzt. Die Punktprävalenz im Jahr 2011 wurde auf 2,0 % geschätzt. Die Dysthymie beginnt meistens noch vor dem 20. Lebensjahr und dauert im Mittel fünf Jahre.

Ätiologie der unipolaren affektiven Störung

Die unipolare affektive Störung als multifaktorielles Geschehen 

Die Entstehung der unipolaren affektiven Störung ist nicht monokausal, sondern eine Vielzahl prädisponierender Faktoren und Ereignisse interagieren. Als Ursachenmodell hat sich das Vulnerabilitäts-Stress-Modell etabliert, welches versucht, die Interaktion verschiedener Einflüsse und das Entstehen der Erkrankung zu erklären. Als Einflussfaktoren werden verschiedene biologische, psychosoziale und psychodynamische Faktoren diskutiert.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Bild: “Vulnerabilitäts-Stress-Modell” von mpluess. Lizenz: Public Domain

Genetische Prädisposition für die unipolare affektive Störung 

Eine genetische Prädisposition übt einen moderaten Einfluss auf die Entstehung einer unipolaren affektiven Störung aus. Dieser Zusammenhang zeigt sich jedoch nicht eindeutig für die chronisch anhaltende unipolare Störung (Dysthymie). Weiter sind Störungen im neurophysiologischen System, eine starke Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse (HPA-Achse) mit vermehrter Cortisolausschüttung, Veränderungen in der Neurobiologie (geringeres Volumen des orbitofrontalen Kortex, Hippocampus; erhöhte Aktivität der Amygdala), verkürzte Tiefschlafphasen sowie vermehrte Dunkelheit (saisonale affektive Störung, „Winterblues“) zu nennen.

Psychosoziale Ursachen der unipolaren affektiven Störung 

Bei den psychosozialen Bedingungen die zu einer depressiven Symptomatik führen können, sind stressauslösende Ereignisse, individuelle Vulnerabilität, Persönlichkeit und die soziale Unterstützung zu nennen. Modelle aus der psychodynamischen Theorie gehen von einer frühen Entwicklung und Aufrechterhaltung dysfunktionaler Schemata und Überzeugungen oder erlernter Hilflosigkeit aus, die zu negativen Gedankenspiralen und Überzeugungen führen, welche ein Kernmerkmal der Depression sind.

Risikofaktoren für die Entstehung einer unipolare affektive Störung 

Weitere Risikofaktoren sind Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Status. Zum Beispiel zeigte sich bei der Erfassung der depressiven Symptomatik in der deutschen Erwachsenengesundheitsstudie die höchste Prävalenz in der Altersgruppe der 18 – 29-Jährigen, und bei Probanden mit niedrigem soziökonomischen Status.

Frauen sind generell nahezu doppelt so häufig betroffen wie Männer. Weitere Risikofaktoren sind die schon genannten belastenden Lebenszeitereignisse (Life-Time-Events wie beispielsweise erlebte Traumata), lediger Familienstand und vorliegende Komorbiditäten. Diese können sowohl psychischer (z.B. Angststörungen, Substanzstörungen) als auch somatischer Natur sein (Diabetes mellitus, KHK).

Es gibt keine bestimmte Ursachen-Wirkung-Richtung, denn die depressive Symptomatik kann ebenso Ursache als auch Folge der weiteren Erkrankung sein.

Diagnostik im Hausarztleben

Wenn man nicht gerade Psychiater ist, ist es nicht immer so leicht eine Depression zu erkennen. Häufig kommen die Patienten mit unspezifischen körperlichen Symptomen wie Rücken- und/oder Bauchschmerzen. Aus diesem Grund legt das IMPP auch besonders Augenmerk auf die „somatische Depression“.

Folgendes Fallbeispiel aus dem Fallbuch Psychiatrie bringt das somatische Erscheinungsbild einer zugrundeliegenden Depression näher:

38−Jährige mit Rückenschmerzen und multiplen Behandlungsversuchen

In Ihre Allgemeinarztpraxis kommt zum ersten Mal eine 38−jährige Frau, die über Rückenschmerzen klagt. Sie beschreibt ihre Beschwerden so:

„Überall am Rücken tut es weh, vor allem dann, wenn ich mich anstrengen muss. Wenn der Rücken besser ist, dann ist es das Bein und die Hüfte. Ich weiß gar nicht mehr, wie das ist ohne Schmerzen. Manchmal kann ich mich kaum bewegen, so schmerzt alles.

Das geht schon seit 3 Jahren so. Mein letzter Hausarzt wollte mich nun nach einem halben Jahr Krankschreibungen nicht mehr krankschreiben, deswegen komme ich jetzt zu Ihnen. Ich kann so nicht arbeiten, ich bin Verkäuferin im Supermarkt. Alles, was wir bisher versucht haben, hat nichts genützt. Bewegungsübungen in warmem Wasser, Krankengymnastik, Rückenschule. Massagen haben ein bisschen geholfen, aber die werden ja nicht mehr bezahlt.

Zu Hause ist alles in Ordnung, obwohl meine Kinder langsam auch keine Lust mehr haben, den Haushalt alleine zu machen, ich kann ja nicht. Von meinem Mann bin ich seit 3 Jahren geschieden. Er hat mich sitzen lassen. Ich denke ja, dass man irgendetwas finden müsste. Im Röntgen, in der Computertomographie des Rückens und beim Neurologen konnte man angeblich nichts finden.

Der Orthopäde hat allerdings gesagt, dass mein Rückgrat schon ganz schön abgenutzt sei. Wahrscheinlich kommt es daher. Vielleicht müsste man noch mal so eine Computertomographie machen. Aber selbst das wollte mein alter Hausarzt nicht. Er wollte, dass ich zur psychologischen Beratungsstelle gehe, aber ich bin doch nicht verrückt, sondern mein Rücken tut weh.“

(Quelle: Becker-Pfaff, J., Engel, S.: Fallbuch Psychiatrie, 2.Auflage (2006) – Georg Thieme Verlag, S. 38)

Die Leitlinie unipolare Depression nennt folgende zehn Symptome, die möglicherweise auf eine depressive Episode hinweisen:

  • Allgemeine körperliche Abgeschlagenheit, Mattigkeit
  • Schlafstörungen (Ein- und Durchschlafstörungen)
  • Appetitstörungen, Magendruck, Gewichtsverlust, Obstipation, Diarrhöe
  • Diffuser Kopfschmerz
  • Druckgefühl in Hals und Brust, Globusgefühl
  • Funktionelle Störungen von Herz und Kreislauf (z. B. Tachykardie, Arrhythmie, Synkopen)
  • Atmung (z. B. Dyspnoe), Magen und Darm
  • Schwindelgefühle, Flimmern vor den Augen, Sehstörungen
  • Muskelverspannungen, diffuse neuralgiforme Schmerzen
  • Libidoverlust, Sistieren der Menstruation, Impotenz, sexuelle Funktionsstörungen
  • Gedächtnisstörungen

Häufen sich beispielsweise Überweisungen zu verschiedenen Fachärzten, oder die Besuche in der Praxis mit Symptomen, die sich somatisch nicht abklären lassen, sollte der Hausarzt eine Depression mit in Betracht ziehen. Behutsam kann dann gefragt werden, wie es in den vergangenen vier Wochen um die Stimmungslage, Antrieb und die allgemeine Fähigkeit, Freude zu empfinden beim Patienten stand.

PHQ-9

Bild: “PHQ-9” von WissMitUKE. Lizenz: CC-SA BY 3.0

Auch ein einfach auszufüllender Screening-Fragebogen wie der PHQ-9 erlaubt grundsätzlich eine Abschätzung ob depressive Symptome vorliegen oder nicht. Auch wenn der Patient keine negative Stimmung empfindet, ist es grundsätzlich möglich, dass unerklärbare somatische Symptome durch eine Depression verursacht werden, man spricht dann von einer larvierten Depression.

Bei ca. einem Drittel der Patienten mit unipolarer Erkrankung muss im weiteren Krankheitsverlauf die Diagnose zu einer bipolaren Störung geändert werden. Besonders die bipolare Störung II könnte in ihrer Häufigkeit unterschätzt werden, da hypomane Symptome als angenehm empfunden werden und daher häufig vom Patienten selbst nicht berichtet werden bzw. gar nicht erst erfragt werden.

Die bipolare Störung

Symptomatik und Klassifikation der bipolaren Störung

Die Bipolare Störung ist ebenfalls eine affektive Erkrankung. Sie ist gekennzeichnet durch einen willentlich nicht beeinflussbaren rezidivierenden Wechsel der Stimmungslage zwischen den Polen (Hypo)-Manie und Depression, wobei auch beide Extreme gleichzeitig auftreten können (gemischte Episode). Zwischen den einzelnen Episoden liegen symptomfreie (euthyme) Intervalle.

Wechseln sich die affektiven Episoden in rascher Folge mit mindestens vier voneinander abgrenzbaren Episoden im Jahr ab, spricht man von Rapid Cycling.

Die ICD-10 beschreibt eine manische Episode mit gehobener, expansiver oder gereizter und für den Be­troffenen deutlich abnorme Stimmungslage. Dieser Stimmung­s­wechsel muss dominieren und mindestens eine Woche anhalten (es sei denn eine Krankenhaus­einweisung wird not­wendig).

Dazu kommen noch weitere Merkmale (mindestens drei bzw. vier, wenn die Stimmung nur gereizt ist) und der Ablauf des Alltags ist deutlich gestört. Manische Symptome sind beispielsweise gesteigerte Aktivität oder motorische Ruhelosigkeit, gesteigerte Gesprächigkeit, Ideenflucht oder subjektives Gefühl von Gedankenrasen, Verlust sozialer Hemmungen mit unangemessenem Verhalten, vermindertes Schlafbedürfnis, überhöhte Selbsteinschätzung oder Größenwahn, Ablenkbarkeit oder andauernder Wechsel von Aktivitäten oder Plänen, tollkühnes oder rücksichtsloses Verhalten, dessen Risiken die Betroffenen nicht erkennen sowie gesteigerte Libido oder sexuelle Taktlosigkeit.

Bei der Hypomanie sind diese Merkmale weniger extrem und deutlich ausgeprägt, jedoch für den Betroffenen (und häufiger noch) für das Umfeld spürbar „anders“ als normal. Nach einer gewissen Zeit kippt die Stimmung, und die Patienten rutschen in eine depressive Episode.

Anders als die ICD-10 differenziert das DSM in Bipolare Erkrankung I, Bipolare Erkrankung II und Zyklothymie. In der ICD-10 wird dagegen die gegenwärtig vorliegende Episode kodiert.

Die Bipolare Störung I ist gekennzeichnet durch das Auftreten einer oder mehrerer manischen Episoden und Episoden von Major Depression (= Manie + Depression).

Die Bipolare Störung II ist gekennzeichnet durch das Auftreten von rezidivierenden Episoden einer Major Depression mit hypomanischen Episoden im Wechsel (= Depression + Hypomanie).

Die Zyklothymie beschreibt eine abgeschwächte Form der bipolaren Störung. Ähnlich wie bei der Dysthymie findet sich über einen längeren Zeitraum von mindestens zwei Jahren Veränderungen in der Stimmungslage, ohne dass die Kriterien einer (hypo)manischen bzw. depressiven Episode voll erfüllt wären.

Epidemiologie der bipolaren Störung

Die Lebenszeitprävalenz der bipolaren Erkrankung wird auf 3,9 – 4,4  % geschätzt (Bipolar I-Störung 1 %, Bipolar II-Störung 1,1 %). Die Bipolare Störung beginnt meist im Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter. Das Geschlechtsverhältnis bei der Bipolaren Störung I ist ausgeglichen, die Bipolare Störung II tritt bei Frauen häufiger auf.

Ätiologie der bipolaren Störung

Die bipolare Störung als multifaktorielles Geschehen 

Die Pathogenese der bipolaren Erkrankung ist nicht restlos geklärt. Es wird eine multifaktorielle Genese angenommen. Eine Grundlage zum Verständnis der Entstehung der Bipolaren Störung liefert genau wie bei der unipolaren Störung, das Vulnerabilitäts-Stress-Modell.

Eine genetische Disposition führt zu einer erhöhten Vulnerabilität für die Entstehung der Erkrankung. Daneben spielen Umwelteinflüsse wie Ereignisse in der Lebensgeschichte, Bewältigungsstrategien, Drogeneinnahme, Stress und andere Faktoren bei der Entstehung der Erkrankung einer Rolle.

Sogenannte Stressoren, welche nicht unbedingt von negativer Natur sein müssen, können eine erste Phase auslösen. Zum Beispiel ist bei Frauen die Geburt eines Kindes häufig ein Auslöser für die bipolare Störung. Nachfolgende Phasen treten dagegen oft ohne zuordenbares Ereignis auf.

Diagnose der bipolaren Störung

Die Diagnose der bipolaren Erkrankung kann nur im Längsschnittverlauf erfolgen, wenn über den Zeitverlauf mindestens zwei verschiedene voneinander abgrenzbare affektive Episoden aufgetreten sind. Die Diagnose bipolare Störung 1 ist relativ leicht aufgrund des auffälligen Erscheinungsbilds zu stellen.

Man geht jedoch davon aus, dass ein Teil der als unipolar depressiv Erkrankten eher der bipolaren Störung II zugeordnet werden, jedoch ist die Erfassung hypomanischer Symptome schwierig, da diese beim Patienten als angenehm empfunden und selten von sich aus berichtet werden.

Komorbiditäten

Erkrankungen, die mit affektiven Störungen einhergehen können

Unipolare und bipolare Störung treten häufig mit weiteren psychiatrischen und somatischen Erkrankungen auf. Als häufige psychiatrische Komorbidität sind die Angststörungen, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit sowie Impulskontrollstörungen zu nennen.

Auf somatischer Ebene zeigen sich besonders häufig Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und des endokrinen Systems wie Diabetes mellitus und das metabolische Syndrom. Aber auch muskuloskelettale Erkrankungen und Migräne treten häufig zusammen mit affektiven Störungen auf.

Die Sterblichkeit durch kardiovaskuläre Erkrankungen ist um das zwei- dreifache erhöht. Generell ist die Mortalität durch ein erhöhtes Suizidrisiko erhöht. Man schätzt, dass sich ca. 15 % der affektiv Erkrankten das Leben nehmen.

Therapie

Behandlung der affektiven Störungen

Therapie und Therapieziele von unipolarer und bipolarer Störung unterscheiden sich in einigen Punkten. Für Behandlung der unipolaren affektiven Störung stehen die Symptomreduktion im Vordergrund. Zusätzlich ist in der Behandlung der bipolar affektiven Störung die Episodenfreiheit zu nennen, die zwingend eine medikamentöse Behandlung erfordert, während eine leichtere unipolare depressive Episode auch durch alternative Maßnahmen überwunden werden kann.

Behandlung der unipolaren Störungen

Das Behandlungsziel in der Therapie der unipolaren depressiven Störung ist eine Reduktion der vorliegenden Symptome und möglichst das Erreichen einer vollständigen Remission mit Wiederherstellung der beruflichen und psychosoziale Leistungsfähigkeit sowie des seelischen Gleichgewichts. Ein weiteres Ziel ist möglichst die Vermeidung eines Rückfalls. Bedeutende Pfeiler in der Behandlung der unipolaren affektiven Störung sind die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva und die Psychotherapie. 

Für die antidepressive medikamentöse Behandlung zugelassen sind eine Vielzahl verschiedener Substanzen. Die wichtigsten sind:

  • Tri- (und tetrazyklische) Antidepressiva (TZA): Amitryptilin, Imipramin und Clomipramin.
  • Selektive Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSRI): Fluoxetin, Citalopram, Escitalopram, Fluvoxamin, Paroxetin und Sertralin.
  • Selektive Serotonin-und Noradrenalin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSNRI): Venlafaxin, Duloxetin.
  • Selektive Noradrenalin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SNRI): Reboxetin

Weitere antidepressiv wirksame Substanzen sind beispielsweise der selektiv Noradrenalin-Dopamin-Rückaufnahme-Inhibitor Bupropion oder der Serotonin 5-HT2C-Rezeptor-Antagonist Agomelatin.

Allen Antidepressiva gemeinsam ist, dass es einige Zeit dauert, ehe sie richtig gut wirken. Zusätzlich erschweren Nebenwirkungen die Einstellungsphase. Diese schwierige Zeit sollte therapeutisch entsprechend abgefangen werden, da das Risiko für einen Therapieabbruch seitens des Patienten hier besonders hoch ist.

Ausführliche Informationen über Antidepressiva, ihre Wirkungsweise und Nebenwirkungen können Sie hier lesen.

Behandlung der bipolaren Störung

Das übergeordnete Ziel der Behandlung der bipolaren Störung ist die Episodenfreiheit. Weitere Ziele sind Erhalt bzw. Wiedererlangung eines möglichst hohen psychosozialen Funktionsniveaus. Unerlässlich bei der Therapie der bipolaren Störung ist eine langfristige medikamentöse Behandlung die durch weitere Therapieverfahren wie Soziotherapie unterstützt werden kann. Bei der Behandlung unterscheidet man die Akutbehandlung von der Phasenprophylaxe.

Akutbehandlung 

In der Akutbehandlung ist das Ziel, die Symptome einer manischen, hypomanischen, depressiven oder gemischten Episode zu mindern. Erreicht wird dies durch entsprechende Medikamente wie Antidepressiva, typische und atypische Neuroleptika, Stimmungsstabilisierer sowie Benzodiazepinen.

Typische und atypische Neuroleptika, die bei der Behandlung einer manischen Phase eine Rolle spielen, sind zum Beispiel Quetiapin, Clozapin oder Risperidon. Des Weiteren werden zum Dämpfen einer Manie Benzodiazepine wie Lorazepam eingesetzt. Für die Behandlung einer akuten depressiven Episode werden Antidepressiva eingesetzt.

Es besteht die Möglichkeit, dass durch die Einnahme eines Antidepressivums ein sogenannter „Switch“ ausgelöst wird, der Patient also einen Stimmungswechsel von einer akuten depressiven Episode in eine akute manische Episode erfährt. Prädisponierte Medikamente für einen Switch sind TZA und SNRI.

Phasenprophylaxe

In der Phasenprophylaxe geht es darum, das neuerliche Auftreten einer Episode zu vermeiden oder zu verzögern. Neben stimmungsstabilisierenden Medikamenten wie Lithium, Valproinsäure, Carbamazepin und Lamotrigin kommen hier auch andere therapeutische Verfahren zum Einsatz wie z.B. Psychotherapie oder Psychoedukation. Stets sollte in die Behandlung das persönliche Umfeld mit einbezogen werden, da die Angehörigen häufig früher erste Symptome wahrnehmen als der Betroffene selbst.

Psychotherapeutische Verfahren zur Behandlung affektiver Störungen

Gut belegt ist die Wirksamkeit der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) zur Behandlung der affektiven Störung. Die KVT zielt darauf ab, den Zusammenhang von Gedanken, Gefühlen und Verhalten bewusst zu machen. Das Ziel ist die Überprüfung und die Korrektur von dysfunktionalen Annahmen und beispielsweise den schrittweisen Aktivitätsaufbau. Bei der Behandlung der bipolaren affektiven Störung kann die KVT beispielsweise helfen, die Medikamentencompliance zu fördern.

Kognitive Verhaltenstherapie

Bild: “Das Diagramm zeigt, wie sich Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen alle gegenseitig beeinflussen. Das Dreieck in der Mitte repräsentiert KVT’s Lehre” von Urstadt. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Prognose

Affektive Störungen im Krankheitsverlauf

Ungünstige Krankheitsverläufe sind eher bei älteren Patienten, bei Patienten mit frühem Krankheitsbeginn, bei dem Vorhandensein einer gemischten Symptomatik, bei einer hohen Anzahl an Episoden, familiärer Vorbelastung, chronisch familiären oder beruflichen Stressoren und bei bestehender Komorbidität zu erwarten.

Generell heißt es aber: Affektive Störungen sind gut behandelbar. Voraussetzung für die Wirksamkeit der Behandlung ist die aktive Mitarbeit des Patienten, was die Medikamentencompliance und das Einlassen auf psychotherapeutische Verfahren einschließt.

Beliebte Prüfungsfragen zu den affektiven Störungen

Die Lösungen befinden sich unterhalb der Quellenangaben.

1) Welche der genannten Symptome spielen für die Diagnose einer depressiven Episode gemäß DMS-V keine Rolle?

  1. Deutlicher Gewichtsverlust
  2. Psychomotorische Unruhe
  3. Gefühl von Wertlosigkeit
  4. Konzentrationsprobleme
  5. Gehobene Stimmung

2) Welche Aussage zur dysthymen Störung ist richtig?

  1. Es handelt sich um das Auftreten von depressiven Symptomen in verstärkter Form.
  2. Die Symptome müssen über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren vorhanden sein.
  3. Eine „richtige“ depressive Episode kann nicht gleichzeitig auftreten.
  4. Die Funktionsfähigkeit im Berufsleben kann erhalten sein.
  5. Die dysthyme Störung beginnt meist nach dem 30. Lebensjahr.

3) Welche Aussage zu den affektiven Störungen ist falsch?

  1. Unerklärbare somatische Symptome können auf eine larvierte Depression hinweisen.
  2. Die bipolare Störung ist gekennzeichnet durch sich abwechselnde Phasen der Depression und Manie.
  3. Die Zyklothymie beschreibt eine verstärkte Form der bipolaren Störung.
  4. Eine Geburt kann ein Auslöser einer bipolaren Störung sein.
  5. Die Therapie der affektiven Störungen erfolgt multimodal.

Quellen und Leitlinien zu den affektiven Störungen

S3-Leitlinie/Nationale Versorgungs Leitlinie Unipolare Depression des NVL-Programmes der BÄK, KBV und AWMF unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). In: AWMF online (Stand: 16.11.2015, gültig bis 15.11.2020)

S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). In: AWMF online (Stand: 11.05.2012, gültig bis 10.05.2017)

Becker-Pfaff, J., Engel, S.: Fallbuch Psychiatrie, 2.Auflage (2006) – Georg Thieme Verlag

Wittchen, H.-U., & Hoher, J.: Klinische Psychologie & Psychotherapie, 2. Auflage (2006) – SpringerVerlag

Comer, J.: Klinische Psychologie, 6. Auflage (2009) – Pearson Studium, Pearson Education

Prävalenz von depressiver Symptomatik und diagnostizierter Depression bei Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) Busch MA, Maske UE, Ryl L, Schlack R, Hapke U (2013) Bundesgesundheitsblatt · 56(5/6):733-739 · DOI 10.1007/s00103-013-1688-3

Lösungen: 1E, 2D, 3C

 

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