Wunden sind in fast allen medizinischen Fachgebieten ein Thema. In der Chirurgie, aber auch in der Dermatologie, als Diabetologe, Kinder- oder Hausarzt und in anderen Bereichen trifft man auf Wunden und ihre Versorgung. Es lohnt sich daher, die allgemeinen Prinzipien der Wundheilung einmal verstanden zu haben. Erfahren Sie hier, nach welchem Schema Wunden heilen, mit welchen Komplikationen Sie rechnen müssen und wie man Wunden allgemein versorgt.

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Wundversorgung

Bild: “Sports Injuries & Physiotherapy” von durrah03. Lizenz: CC BY 2.0


Die 4 Stadien der Wundheilung

Ein Gewebedefekt heilt in verschiedenen Phasen ab, die bestimmte pathophysiologische Prozesse als Grundlage haben. Die 4 Phasen zeigen wir Ihnen hier:

1. Stadium: Exsudative Phase

In den ersten Stunden der Wundheilung treten Blut und Blutplasma in den Gewebedefekt ein. Die typische Hämostasereaktion mit Verengung der Gefäße und Thrombozyten- aggregation, angestoßen durch freiliegendes Kollagen, beginnt. Thrombozyten und Lymphozyten wandern in das Wundgebiet ein und aktivieren die Gerinnungskaskade. So bilden sich Ausfällungen aus Fibrin, die die Erythrozyten umschließen (Wundschorf). Das Fibrin wird durch den Gerinnungsfaktor XIII quervernetzt und so stabilisiert. Von den Thrombozyten werden verschiedene chemotaktische und wachstumsfördernde Zytokine freigesetzt.

2. Stadium: Resorptive Phase

Der vorläufige Wundverschluss durch Fibrin wird nun wieder durch Fibrinolyse abgebaut. Granulozyten und Monozyten wandern in das Gewebe ein, es entsteht ein entzündlicher Prozess, in dem Bakterien opsoniert und abgebaut werden und nekrotisches Gewebe abgeräumt wird. Makrophagen sorgen durch Sauerstoffradikale für ein antimikrobielles Milieu. Innerhalb von 4 Tagen ist dieser Prozess abgeschlossen.

3. Stadium: Proliferative Phase

Die Makrophagen aktivieren schließlich Fibroblasten aus dem umliegenden Gewebe über ß-FGF (Fibroblast Growth Factor). Diese bilden ein sogenanntes Granulationsgewebe. Vom Wundrand sprossen Kapillaren in das Gewebe ein. Die Zahl der Entzündungszellen nimmt wieder ab, die Zahl von proliferativen Zellen wie Fibroblasten, Angioblasten und Keratinozyten nimmt zu. Diese Phase läuft etwa in einem Rahmen von 10 Tagen ab.

4. Stadium: Reparative Phase

Die Fibroblasten bilden Kollagen und bauen es wieder ab. Durch diesen dynamischen Prozess aus Auf- und Abbau kommt es zur Narbenbildung. Mit der Zeit verlassen die Fibroblasten das Gewebe und es wird mehr Interzellularsubstanz produziert, das Gewebe wird zellärmer und faserreicher. Das anfänglich produzierte Kollagen Typ III wird durch Kollagen Typ I ersetzt, das Gewebe zieht sich zusammen. Schließlich wandern Epithelzellen vom Rand ein und schließen die Wunde vollständig. Das Narbengewebe ist unpigmentiert, da zerstörte Melanozyten nicht wieder hergestellt werden können, und zunächst rötlich, dann blass. Erst nach 3 Monaten ist die Narbe reißfest.

Die Formen der Wundheilung

Je nachdem wie die Wundränder zusammenstehen, heilt die Wunde unterschiedlich zu. Die primäre Wundheilung (Sanatio per primam intentionem) passiert bei glattrandiger Schnitten, die eng zusammenliegen, oder chirurgisch verschlossenen Wunden. Die Wundränder werden schnell durch Fibrin verschlossen und es bildet sich wenig Granulationsgewebe, es entsteht eine schmale Narbe. Die sekundäre Wundheilung (Sanatio per secundam intentionem) tritt bei auseinanderklaffenden Wunden auf. Der Defekt wird erst durch eine große Menge Granulationsgewebe ausgefüllt, bevor es zur Epithelbildung kommt.

Obwohl primäre und sekundäre Wundheilung der gleiche Vorgang sind, kommt es bei der sekundären Wundheilung langfristig zu größeren Narben und funktionellen Einbußen (Defektheilung). Bei oberflächlichen Hautläsionen beobachtet man die Wundheilung unter dem Schorf oder epitheliale Wundheilung. Unter einem Wundschorf aus Fibrin und Zellresten kommt es zur Epithelialisierung, der Schorf löst sich und es bleibt intakte Haut zurück.

Allgemeine Prinzipien der Wundversorgung

Während verschiedene Arten von Wunden auch unterschiedlich versorgt werden, gibt es einige allgemeine Prinzipien, die Sie kennen sollten. Ziel der Wundversorgung ist es, einer Infektion vorzubeugen und ein kosmetisch und funktionell gutes Ergebnis bei der Wundheilung zu erlangen. Ist die Wunde erst ein paar Stunden alt, gut durchblutet und unkompliziert, entscheidet man sich für eine sogenannte primäre chirurgische Wundversorgung. Dabei wird die Wunde unter sterilen Bedingungen erst gereinigt, anschließend von nekrotischen, verschmutzten oder schlecht durchbluteten Gewebeteilen befreit und zuletzt mit Klammern, Nähten oder Leukostrips verschlossen. Liegt viel Spannung auf der Wunde wie z.B. bei großen Defekten im Gesichtsbereich, werden zusätzlich Intrakutannähte verwendet.

Infizierte oder nekrotische Wunden, oder sehr tiefe Wunden mit hoher Infektionsgefahr, wie Biss- und Stichwunden, werden offen behandelt. Bei Ihnen muss regelmäßig ein sogenanntes Débridement (Wundtoilette) erfolgen, also nekrotisches und infiziertes Material aus der Wunde entfernt und die Wunde gespült werden. Dies kann durch Salben, Feuchtverbände oder bestimmte Wundauflagen erreicht werden, oder durch Vakuumverbände, die überflüssiges Sekret absaugen und die Wunde gleichzeitig vor Infektionen schützen.

Diese Komplikationen können auftreten

Nicht immer verläuft die Wundheilung komplikationslos. Es kann zu Wundinfektionen kommen, die die Heilung hinauszögern. Sammelt sich Exsudat oder Blut in einem Gewebehohlraum im Bereich der Wunde, nennt man das Pseudozyste oder Serom. Die vernähten Wundränder können wieder auseinanderklaffen (Nahtdehiszenz) oder ganz auseinanderreißen (Nahtruptur). Außerdem kann es zu einer Fremdkörperreaktion mit der Bildung von Fremdkörpergranulomen kommen. Auch kann überschießendes Granulations- oder Narbengewebe gebildet werden. Eine hypertrophe Narbenbildung nennt man Keloid.

 

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