Unser Bewegungsapparat ist eine komplexe Maschinerie aus Knochen, Gelenken, Muskeln und deren Hilfsmittel, die dem Körper als Stützgerüst dient und äußere Bewegungen ausführt. Unsere Skelettmuskeln liefern uns die bewegende Kraft und können in ihrem Muskeltonus schwach oder stark sein. Sie haben unterschiedliche Verläufe von Ansatz und Ursprung und unterscheiden sich auch in ihrer Funktion. In folgendem Beitrag lesen Sie einen kompakten Überblick über 10 wichtige Muskeln unseres Bewegungsapparats.

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Vorderansicht der menschlichen Muskeln – Schematische Darstellung

Bild: “Based off” von CFCF. Lizenz: CC BY-SA 4.0


1. Musculus deltoideus: Deltamuskel

Lokalisation des M. deltoideus

Der Name M. deltoideus geht darauf zurück, dass bei flacher Ausbreitung des Muskels, der M. deltoideus den Umriss des griechischen Buchstabens Delta, Dreieck, besitzt. Der M. deltoideus verleiht der Schulter ihre Rundung und liegt oberflächlich auf der Schulter auf. Außen in der Mitte des Oberarms liegt die Spitze des Muskeldreiecks, die Basis ist an die Spina scapulae und das Acromion sowie an die Clavicula geheftet.

Der M. Deltoideus ist der kräftigste Abduktor (Wegführen einer Extremität von der Körpermitte aus) im Schultergelenk, der aus 3 Anteilen besteht:

  • Pars clavicularis (Schlüsselbeinteil) – vorderer Muskelteil
  • Pars acromialis (Schultereckteil) – mittlerer Muskelteil
  • Pars spinalis (Schulterblattgrätenteil) – hinterer Muskelteil

Der Ansatz aller drei Anteile befindet sich an der Tuberositas deltoidea des Humerus. Im Ursprung unterscheiden sie sich allerdings. Der Pars clavicularis hat seinen Ursprung am lateralen Drittel der Clavicula, der Pars acromialis am Acromion und der Pars spinalis an der Spina scapulae.

Deltoideus

Bild: “Deltoideus” von sv:Användare:Chrizz. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Muskelfunktionsprüfung des M. deltoideus

Pars clavicularis:

Der Patient liegt auf dem Rücken und hat den Arm im Schultergelenk 90° abduziert sowie im Ellenbogen flektiert (lat. Flexion= beugen). Anschließend fixiert der Untersucher die Schulter und gibt am distalen Oberarm Widerstand in Richtung Unterlage.

Pars acromialis:

test deltoideus

Bild: “Position of the examiner for isometric testing of m. deltoideus.” von Openi. Lizenz: CC BY 2.0

Der Patient sitzt und der zu prüfende Arm befindet sich im Ellenbogengelenk 90° flektiert. Um diesen Teil des M. deltoideus zu testen, erzeugt der Untersucher am distalen Oberarm Druck in Richtung der Adduktion. Der Test ist auch mit beiden Armen gleichzeitig ausführbar.

Pars spinalis:

In Bauchlage abduziert der Patient seinen Arm im Schultergelenk im 90° Winkel und legt seinen Oberarm auf die Liege und lässt seinen Unterarm senkrecht über die Kante der Liege hängen. Mit der Hand fixiert der Untersucher die Scapula und mit der anderen erzeugt er Druck am Ellenbogen in Richtung Unterlage, um diesen Teil des M. Deltoideus zu testen.

Funktion und Innervation des M. deltoideus

Der M. Deltoideus ist mit seinen drei verschiedenen Anteilen an allen Schultereckgelenksbewegungen beteiligt. Aufgrund sehr komplexer Fiederung und eines sehr großen physiologischen Querschnitts bei relativ geringem Volumen ist er der wichtigste Abduktor.

Bei isolierter Anspannung führt der Pars clavicularis eine Anteversion (lat. ante = vor; vertere =wenden) und Innenrotation des Humerus im Schultergelenk herbei.

Der Pars spinalis des M. deltoideus dagegen führt bei einer isolierten Anspannung zu einer Retroversion (lat. retro = zurück) und Außenrotation des Humerus im Schultergelenk. Im Zusammenspiel mit der Pars spinalis können sie bei adduziertem (Heranführen einer Extremität zur Körpermitte) Arm gemeinsam antagonistisch (griech.  antagonistés = Gegner, Widersacher) zur Pars acromialis und somit als starke Adduktoren wirken. Bei einem insuffizienten Pars acrominalis als Abduktor führen sie außerdem den bereits abduziertem Arm in der Abduktion weiter.

Eine Abduktion des Armes wird durch den Pars acromialis ermöglicht, wobei der M. supraspinatus den Humeruskopf in der Pfanne zentriert.

Zusammengefasst ergeben sich folgende Funktionen des M. deltoideus:

Pars clavicularis

  • Anteversion
  • Innenrotation
  • Adduktion

Pars spinalis

  • Retroversion
  • Außenrotation
  • Adduktion

Pars acromialis

  • Abduktion

Der N. axillaris ist für die Innervation des Muskels Deltoideus verantwortlich.

Merke: Der M. deltoideus ist ein Kennmuskel für das Rückenmarkssegment C5, d.h. bei seinem Ausfall kann ein eindeutiger Rückschluss auf die Lokalisation einer Nervenläsion geschlossen werden.

2. Musculus infraspinatus: Untergrätenmuskel

Lokalisation des M. infraspinatus

infraspinatus

Bild: “A picture of both shoulders from the back showing muscle atrophy on the left side (arrow) obtained at the patient’s six-month follow-up examination.” von Openi. Lizenz: CC BY 2.0

Der Muskel Infraspinatus, einer von 4 Muskeln der Rotatorenmanschette, hat seinen Ursprung an der Fossa infraspinata scapulae. Sein Ansatz gelangt über die Rückseite der Schultergelenkkapsel hinweg zum Tuberculum majus humeri. Sein Muskelbauch kommt nur zu einem kleinen Teil in dem Dreieck zwischen den Mm. trapezius, deltoideus und teres minor an die Oberfläche. Ganz verwachsen findet man den M. infraspinatus oft mit dem M. teres minor, der seinem unteren Rand folgt.

Muskelfunktionsprüfung des M. infraspinatus

Die Muskelfunktionsprüfung des M. infraspinatus ist testbar im Sitzen, Stehen, in Bauch- und in Rückenlage. Der Patient bewegt den Arm in 90° Abduktion mit 90° Flexion im Ellenbogen sowie maximaler Außenrotation des Humerus. Der Untersucher übt anschließend mit weichem Kontakt an der Dorsalseite des Unterarms des Patienten Druck in Richtung Innenrotation aus und stabilisiert mit der anderen Hand den Ellenbogen.

Infraspinatus

Bild: “Infraspinatus” von Mikael Häggström. Lizenz: gemeinfrei

Funktion und Innervation des M. infraspinatus

Der M. infraspinatus dient der Außenrotation. Er führt eine kräftige Außenrotation durch, insbesondere in der Schlussphase der Abduktion, wenn der Ansatz des Muskels so auswärts gedreht werden muss, dass es die Weiterführung der Abduktion nicht durch seinen Anschlag an die Fornix humeri behindert. Mit seinem kranialen Anteil abduziert er den Oberarm und adduziert mit seinen kaudalen Fasern.

Innerviert wird der Muskel vom Nervus suprascapularis.

3. Musculus pectoralis major: großer Brustmuskel

Lokalisation des M. pectoralis major

Der M. pectoralis major ist der große Brustmuskel unserer Skelettmuskulatur. Er nimmt zwischen der vorderen Achselfalte und dem Sternum sowie zwischen Rektusscheide und Clavicula die vordere Brustwand ein. Bei Männern und Kindern kann man dank seiner oberflächlichen Lage seinen Umriss sehr gut erkennen. Dagegen wird er bei Frauen von der Mamma, der Brustdrüse, verdeckt.

Nach dem Ursprung unterscheidet man 3 Teile des M. pectoralis major:

  • Pars clavicularis (Schlüsselbeinteil)
  • Pars sternocostalis (Brustbein- Rippen- Teil)
  • Pars abdominalis (Bauchteil)

Der pectoralis clavicularis (PMC) hat seinen Ursprung an der vorderen Fläche der medialen Hälfte der Clavicula. Den Hauptteil des Muskels, der vom Brustbeinrand und von den angrenzenden Rippenknorpeln kommt, bildet der pectoralis sternalis (PMS). Der Bauchteil, Pars abdominalis ist der kleinste Teil. Dieser entspringt in Verlängerung der vorderen Achselfalte vom kranialen Ende der Rektusscheide (vorderes Blatt).

An der Crista tuberculi majoris humeri inserieren alle Teile des Muskels mit einer gemeinsamen Aponeurose.

Pectoralis major

Bild: “Pectoralis major” von sv:Användare:Chrizz. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Muskelfunktionsprüfung des M. pectoralis major

Pectoralis Clavicularis (PMC):

Um den Teil des Muskels zu testen eignet sich die Rückenlage am besten, aber auch im Stehen, Sitzen und in Bauchlage ist eine Muskelfunktionsprüfung möglich.

Der Patient beginnt den Test mit einer Anteflexion im Schultergelenk bis er 90° mit maximaler Streckung im Ellenbogen erreicht und streckt die Arme mit maximaler Innenrotation, sodass die Daumen zu den Zehen zeigen. Eine Testung der Arme kann auch einseitig erfolgen.

Um den Test auszuführen, drückt der Patient den Arm in Richtung der kontralateralen Schulter und der Untersucher nimmt einen weichen Kontakt am distalen Unterarm und drückt in Richtung Abduktion mit minimaler Extension der Schulter.

Merke: Falls der Patient versucht den Arm im Ellenbogengelenk zu beugen, um die lange Bicepssehne zu aktivieren, deutet das auf ein Schwächezeichen hin.

Pectoralis Sternalis (PMS):

pectoralis major muscle


Bild: “Pectoralis major muscle (sternal division), proper hand contact.” von Openi. Lizenz: CC BY 2.0

Der Pectoralis Sternalis ist am besten in Rückenlage zu testen. Auch hier beginnt der Patient den Test mit einer Anteflexion im Schultergelenk bis er 90° mit maximaler Streckung im Ellenbogen erreicht und streckt den Arm mit maximaler Innenrotation, sodass der Daumen zu den Zehen zeigt. Zur Prüfung dieses Muskelteils drückt der Patient den geraden Arm in Richtung der kontralateralen Hüfte und der Untersucher drückt mit weichem Kontakt am distalen Unterarm in Richtung Abduktion und Flexion.

Pectoralis Abdominalis:

Der Patient liegt auf dem Rücken und abduziert den Arm im Schultergelenk etwa 120°. Anschließend fixiert der Untersucher mit einer Hand die Schulter und mit der anderen gibt er am distalen Oberarm Druck in Richtung Unterlage. Um den Muskel nun zu testen, zieht der Patient den Arm gegen den Widerstand des Untersuchers auf den Bauch und hält die Endstellung.

Funktion und Innervation des M. pectoralis major

Für das bessere Verständnis gehen wir davon aus, dass der Schultergürtel versteift und der Muskel von diesem Punctum fixum aus am Schultergelenk tätig wird.

Der M. pectoralis major entfaltet dann folgende Wirkungen:

  • Adduktion
  • Anteversion
  • Retroversion
  • Innenrotation

Aus allen Gelenkstellungen heraus ist der pectoralis major der stärkste Adduktor des Armes. Wir könnten ohne seine Mitwirkung die Arme nicht vor der Brust kreuzen und auch nicht die Hand auf die kontralaterale Schulter legen. Der Armzug beim Brustschwimmen wäre ohne ihn undenkbar.

Bei der Anteversion ziehen alle Muskelteile (Pars clavicularis, Pars sternocostalis und Pars abdominalis) den Arm aus äußerster Retroversion in die Nullstellung. Beim Weiteranheben des Armes bis zur 90° Marke fallen, beginnend mit dem untersten (Pars abdominalis), nacheinander immer höhere Teile aus und werden gedehnt. Die Pars clavicularis schafft es bis zum Ende der 90° Grad.

Bei der Retroversion gilt Folgendes: Der Pars abdominalis und der Pars sternocostalis können z.B. den Arm gegen Widerstand aus der Anteversion in die Neutralstellung retrovertieren. Zusätzlich kann der Pars abdominalis indirekt über seinen Ansatz am Humerus, das Schulterblatt senken und bei festgestellten Armen als Atemmuskel eingesetzt werden.

Eine Innenrotation ist bei allen Muskelteilen und bei allen Gelenkstellungen möglich.

Der N. pectoralis medialis innerviert den Pars abdominalis und Pars sternocostalis. Desweiteren werden der Pars sternocostalis und Pars clavicularis vom Nervus pectoralis lateralis angeregt.

Merke: Der Pectoralis major ist der Umarmungsmuskel, d.h. sämtliche Wirkungsmöglichkeiten kommen bei einer Umarmung vor. Nach der Anteversion folgt der Übergang in Retroversion, Adduktion und Innenrotation.

4. Musculus latissimus dorsi: breiter Rückenmuskel

Lokalisation des M. latissimus dorsi

Latissimus dorsi

Bild: “Latissimus dorsi” von Mikael Häggström. Lizenz: gemeinfrei

Der M. lattissimus dorsi entspringt von einer breiten Aponeurose (flächige Struktur aus Bindegewebe, das als sehniger Ansatz eines oder mehrerer Muskeln dient), die von den Dornfortsätzen der unteren sechs Brustwirbel über die Lendenwirbel bis zum posterioren Rand des Os illium zieht. Zusätzlich entspringt der Muskel noch an den unteren drei bis vier Rippen und an der Scapulaspitze.

Die Crista tuberculi minoris humeri ist die Ansatzstelle des Latissimus. Der Muskel gelangt an die Stelle, indem er sich als Teil der hinteren Achselfalte um den Teres major herumschlingt, zwischen Rumpf und Humerus hindurch und sich dabei um sich selbst verdreht.

Muskelfunktionsprüfung des M. latissimus dorsi

Die Muskelfunktionsprüfung kann im Stehen, Sitzen sowie in Rücken- und Bauchlage durchgeführt werden. Der Patient streckt seinen Arm maximal und innenrotiert diesen, sodass sein Daumen zum Körper zeigt und sein Arm ca. 20° vom Körper entfernt ist. Der Patient zieht nun in Richtung Adduktion und der Untersucher mit leichtem Kontakt am distalen Unterarm in Richtung Abduktion. Es sollte kein Schmerz vom Untersucher verursacht werden.

Funktion und Innervation des M. latissimus dorsi

Um Gehhilfen benutzen zu können oder für jede Tätigkeit, bei der der Rumpf in Richtung der Arme gezogen wird, z.B. Klettern, ist der M. latissimus dorsi ein wichtiger Muskel.

Der M. latissimus dorsi hat 3 wesentliche Aufgaben:

  • Retroversion
  • Adduktion
  • Innenrotation

Die Einwärtsrotation entsteht, weil er innen um den Humerus herum zu dessen Vorderseite zieht. Er unterstützt somit die Innenrotation und Adduktion des Humerus. Des Weiteren dient der Muskel der Retroversion, indem er den erhobenen Arm kraftvoll senkt, wie z.B. beim Holzhacken.

Der Muskel wird zusätzlich bei Exspiration (Husten, Niesen) und tiefer Inspiration (Einatmung) benötigt.

Nervlich wird der Muskel vom N. thoracodorsalis versorgt.

5. Musculus iliopsoas: großer Lendenmuskel

Lokalisation des M. iliopsoas

Beim Musculus iliopsoas handelt es sich tatsächlich um zwei Muskeln mit unterschiedlichem Ursprung, aber mit gleichem Ansatzpunkt knapp distal des Trochanter minor und ähnlicher Funktion.

iliopsoas

Bild: “Anterior Hip Muscles” von Beth ohara. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Fast ganz im Inneren verbirgt sich der Iliopsoas, der zweiköpfig aus dem M. iliacus (Darmbeinmuskel) und M. psoas major (großer Lendenmuskel) besteht. Der M. iliacus bedeckt mit dem einen Kopf als dicke Muskelplatte die ganze Innenseite der Darmbeinschaufel (Os ilium), während der andere Kopf, der Psoas major, sich innen an der Rückwand der Bauchhöhle neben der Wirbelsäule befindet. Dort befinden sich auch seine Ursprungsorte (Th XII-LIV, sowie Processus costales LI-V), die in dem Winkel zwischen Wirbelkörper und Querfortsätzen liegen. Der Ursprung des M. iliacus befindet sich in den oberen zwei Dritteln der Fossa iliaca an der Innenseite des oberen Beckenrandes sowie an der Spina iliaca anterior inferior.

Der bereits vereinte Iliopsoas gelangt von der Spina iliaca anterior posterior zwischen den oberen Beckenrand und dem Leistenband in der Lacuna musculorum aus dem Leibesinneren und zieht über die Wölbung des Hüftgelenks hinweg zum Trochanter minor, seinem Ansatzpunkt.

Muskelfunktionsprüfung des M. iliopsoas

Die Rückenlage ist die beste Testposition des M. iliopsoas.

Der Patient legt sich auf die Behandlungsliege und streckt das maximal außenrotierte Bein in etwa 45° Beugung und Abduktion. Der Untersucher legt eine stabilisierende Hand weich, aber fest auf der kontralateralen Beckenseite auf, um ein Herüberrollen des Patienten zur Seite des getesteten Muskels zu vermeiden.

Mit der anderen Hand hat der Untersucher Kontakt über dem distalen Oberschenkel, dem medialen Kniegelenk oder dem medialen Kondylus der Tibia. Durch Kontakt am distalen Unterschenkel kann der Hebel auch größer gewählt werden, insbesondere bei starken Patienten.

In Richtung Extension und leichter Abduktion erfolgt der Test, wobei der Patient in Richtung Flexion und Adduktion drückt.

Alternativ kann der Muskel auch bei entsprechender Stabilisierung im Stehen oder im Sitzen untersucht werden.

Funktion und Innervation des M. iliopsoas

Der M. iliopsoas ist als stärkster Hüftbeuger ein unersetzlicher Laufmuskel, ohne den man das Bein nicht anheben könnte (Anteflexion in der Hüfte). Ein Ausfall des Muskels ist durch keine Kompensation eines anderen Muskels möglich. Demzufolge gehört er mit zu den wichtigsten Muskeln.

Zusätzlich kann der M. iliopsoas das Bein aus abduzierter Stellung bis in die Nullstellung adduzieren. Gewöhnlich ist seine Rotationswirkung eine einwärts gerichtete. Jedoch ist in anderen Gelenkstellungen auch eine minimale Außenrotation möglich.

Die Innervation des M. iliacus erfolgt vom Nervus femoralis. Der Psoas major wird dagegen von Rami ventrales mit Nervenfasern versorgt.

Merke: Der M. iliopsoas ist der wichtigste Hüftbeuger. Der Ausfall des Muskels kann durch keinen anderen Muskel kompensiert werden.

6. Musculus tensor fasciae latae (TFL): Schenkelbindenspanner

Lokalisation des M. tensor fasciae latae

Tensor fasciae latae

Bild: “Tensor-fasciae-latae” von Gray’s Anatomy. Lizenz: gemeinfrei

Der M. tensor fasciae latae, Faszienspanner oder auch Sprintermuskel genannt, liegt lateral vom Gluteus maximus in der obersten Schicht der Gesäßmuskulatur und ist durch den Tractus iliotibialis von ihm getrennt. Der Tractus iliotibialis ist gleichzeitig der Ansatz des Muskels. Seinen Ursprung hat der Muskel lateral an der Spina iliaca anterior superior, am oberen Rand des Os iliums. Bei seinem Verlauf von der Spina iliaca anterior superior zum anterolateralen Umfang des Oberschenkels zeichnet sich der Muskel durch seinen länglich platten Muskelbauch aus, der bei vielen Menschen klar durch die Haut zu erkennen ist.

Muskelfunktionsprüfung des M. tensor fasciae latae

Die Rückenlage ist die optimale Testposition des Tensor fasciae latae.

Der Patient streckt sein Knie maximal und wird vom Untersucher in eine Position der Abduktion, der Innenrotation und etwa 30° Beugung im Hüftgelenk gebracht.

Anschließend drückt der Patient sein Bein nach außen und oben, in Richtung weiterer Abduktion und Flexion. Der Untersucher hat mit seiner Hand Kontakt am distalen Unterschenkel sowie seine zweite Hand zur Stabilisierung auf der Untersuchungsliege und führt einen Testdruck in Richtung Adduktion und Extension in Richtung des anderen Beines durch.

Der Kontakt zum Sprunggelenk sollte vermieden werden.

Funktion und Innervation des M. tensor fasciae latae

Um das Bein im Hüftgelenk zu beugen und zu abduzieren, unterstützt der Musculus tensor fasciae latae die Bewegung. Es sind jedoch kraftvollere Synergisten, wie z.B. der M. gluteus medius oder M. gleuteus minimus für die Bewegung der Abduktion in ausreichender Zahl vorhanden.

Als kräftiger Innenrotator an der Hüfte ist der TFL besonders wichtig, wodurch er auch die außenrotierende Wirkung des M. gluteus maximus am Tractus iliotibalis ausgleichen kann.

Der Muskel kann notfalls einen gelähmten M. quadriceps femoris zumindest teilweise ersetzen, da am Kniegelenk seine über den Tractus vermittelte Extension stark genug ist.

Der Musculus tensor fasciae latae wird vom Nervus gluteus superior innerviert.

7. Musculus rectus femoris: gerader Muskel des Oberschenkels

Lokalisation des M. rectus femoris

Rectus femoris

Bild: “Rectus femoris” von Uwe Gille. Lizenz: gemeinfrei

Der M. rectus femoris ist einer von 4 Teilen des M. Quadriceps femoris, unserem stärksten Muskel im Körper.

Als einziger zweigelenkiger Kopf des Quadriceps hat er seinen Ursprung an der Spina iliaca anterior inferior. Ein kleiner querverlaufender Teil reicht außerdem zum Oberrand des Acetabulum und zur Hüftgelenkskapsel.

Der Muskel besitzt trotz seiner großen Gesamtlänge nur kurze, wenig Zentimeter lange Muskelfasern. Aufgrund der Physiologie der Fasern kann der Muskel bei bestimmten Stellungskombinationen aktiv und passiv insuffizient werden.

Zu einer aktiven Insuffizienz kommt es, wenn der Rectus das Knie gestreckt hat, sodass seine verbleibende Verkürzungsmöglichkeit nicht mehr ausreicht, um auch das Hüftgelenk zu beugen. Eine passive Insuffizienz tritt ein, wenn Hüft- und Kniegelenk sich im Sinn einer Dehnung des Rectus über ein bestimmtes Maß hinaus bewegen. Um bis zum Anschlag beider Gelenke gedehnt zu werden, ist der Rectus zu kurzfaserig und er würde reißen. Es gelingt anatomisch aufgrund der reflektorischen Gegenspannung nicht, dass man bei völlig gebeugtem Knie auch noch das Hüftgelenk maximal strecken kann.

Der Ansatz des Muskels befindet sich am Oberrand der Patella im Ligamentum patellae und reicht bis zur Tuberositas tibiae.

Muskelfunktionsprüfung des M. rectus femoris

Idealerweise testet man den M. rectus femoris in Rückenlage. Er ist aber auch gut im Sitzen oder Stehen überprüfbar. In Rückenlage bringt der Patient sein Bein in eine Position von 90° Beugung im Kniegelenk und 90° Beugung im Hüftgelenk. Der Untersucher hat Kontakt am distalen Oberschenkel und bei Prüfung des Muskels drückt er den Oberschenkel in Richtung gerader Extension.

Merke: Jegliche Rotation ist zu vermeiden. Außerdem sollte der Winkel im Knie nicht verändert werden. Bei sehr muskulösen Patienten kann der Untersucher sich auch an der Liege abstützen oder beide Hände in Form einer Verriegelung unterstützend zur Hilfe nehmen.

Funktion und Innervation des M. rectus femoris

Der Rectus femoris erfüllt im Wesentlichen folgende Aufgaben:

  • Extension (im Kniegelenk)
  • Flexion (im Hüftgelenk)

Wie bereits erwähnt, beugt der Rectus femoris kraftvoll im Hüftgelenk und streckt im Kniegelenk, die beide beim Vorschwingen des Spielbeins gebraucht werden. Beim langsamen Laufen ist der Muskel der hauptsächliche Hüftbeuger und beim beidbeinigen Stehen ist er dagegen kaum angespannt.

Innerviert wird der Rectus femoris vom Nervus femoralis.

8. Musculus sartorius: Schneidermuskel

Lokalisation des M. sartorius

Sartorius muscle

Bild: “Sartorius muscle” von Uwe Gille. Lizenz: gemeinfrei

Ausgehend von der Spina iliaca anterior superior zieht der M. sartorius in einem leicht s-förmigen Verlauf wie ein langer Riemen über die Vorder- und Innenseite des Oberschenkels und dorsomedial (= zum Rücken und zur Körpermitte) am Knie vorbei zum Unterschenkel.

Der Sartorius geht Knie abwärts in eine fächerförmige Aponeurose über, von der Tuberositas tibiae bis zur Mitte des Unterschenkels auf der freien Tibiafläche (Facies medialis der proximalen Tibia). Zusammen mit den Mm. gracilis und semitendinosus ist diese ein Teil einer gemeinsamen Sehne. Die drei dickeren Hauptstränge sind über eine aponeurotische Membran verbunden und bilden den Pes anserinus, dem Ansatzpunkt des Sartorius auf der Medialseite der Tibia.

Muskelfunktionsprüfung des M. sartorius

Die Muskelfunktionsprüfung erfolgt am besten in Rückenlage und ahmt den sogenannten Schneidersitz nach, für  dessen Ausführung der M. sartorius notwendig ist.

Das Bein des Patienten wird in ca. 30° – 45° Abduktion, mit maximaler Außenrotation, leichter Flexion im Hüftgelenk sowie gleichzeitiger Flexion im Kniegelenk gebracht. Der rechte Fuß des Patienten ist demnach in etwa in Höhe des linken Knies des Patienten.

Der Untersucher beginnt nun mit dem Testdruck und der Patient wird sich mit maximalem Gegenstand entgegensetzen.

Merke: Wenn der Patient versucht über die Hamstring-Gruppe nur im Kniegelenk zu beugen oder die anderen Abduktoren im Hüftgelenk zur Abduktion nutzen möchte, deutet dies auf ein Schwächezeichen des Sartorius hin.

Funktion und Innervation des M. sartorius

Der M. sartorius hat eine wichtige Stabilisierungsfunktion für die mediale Seite des Knies sowie für das Os ilium in Richtung anterior.

Der Sartorius kann das Hüftgelenk beugen, außenrotieren und abduzieren sowie das Knie beugen und innenrotieren.

Vollführt man alle genannten Bewegungen gleichzeitig so begibt man sich in eine Sitzposition mit untergeschlagenen Beinen, in der früher die Schneider gearbeitet hatten. Der Musculus sartorius ist daher auch als Schneidermuskel bekannt.

Wie der Rectus femoris wird auch der M. sartorius vom N. femoralis innerviert.

Merke: Der M. sartorius ist der einzige Muskel, der gleichzeitig Hüft- und Kniegelenk beugt.

9. Musculus popliteus: Kniekehlenmuskel

Lokalisation des M. popliteus

Musculus popliteus

Bild: “Musculus popliteus” von Henry Vandyke Carter. Lizenz: gemeinfrei

Der Musculus popliteus ist der Kniekehlenmuskel und liegt unter dem lateralen Gastroknemiuskopf verborgen tief in der Kniekehle. Er nimmt seinen Ursprung am Epicondylus lateralis femoris und zieht zwischen dem fibularen Seitenband und dem lateralen Meniskus schräg auf die entgegengesetzte Seite zur Hinterfläche der Tibia. Aus diesem Grund kann der laterale Meniskus im Gegensatz zum Medialen nicht mit seinem Seitenband verwachsen. An der medialen Rückseite der Tibia, oberhalb der Linea M. soleus, sitzt somit sein Ansatz.

Unterhalb des Kniegelenkspalts, am Unterschenkel, entwickelt sich erst der platte dreieckige Muskelbauch.

Muskelfunktionsprüfung des M. popliteus

Eine Muskelfunktionsprüfung ist im Sitzen, in Rücken- und in Bauchlage möglich. Der Patient liegt auf einer Liege und beugt sein Knie- sowie sein Sprunggelenk jeweils 90° an. Der Untersucher hält stabilisierend mit einer Hand den Calcaneus von hinten und außen. Mit der anderen Hand hat der Untersucher einen breiten Kontakt am Innenfuß.

In Richtung Außenrotation der Tibia über den Hebel des Fußes erfolgt der Testdruck des Untersuchers. Wichtig dabei ist nicht, ob der Untersucher den Fuß rotieren kann, sondern das Tuberculum tibiae fixiert gehalten wird.

Eine Testung des Popliteus macht es problematisch bis unmöglich, wenn der Patient eine Instabilität oder Schmerzhaftigkeit im Knöchelbereich spürt.

Funktion und Innervation des M. popliteus

Als ein schwacher Innenrotator und Beuger des Kniegelenks gilt der M. popliteus und ist ein wichtiger Stabilisator des dorsalen Kniegelenks.

Er erfüllt zwei wichtige Aufgaben:

  • Kontraktion: Am fest gestreckten Kniegelenk, etwa am Standbein, bewirkt er eine Kontraktion, um eine Hyperextension oder ein Einrasten des Kniegelenks zu verhindern und hilft so beim Abfedern der Stoßbelastungen.
  • Außenrotation: Bei gleichzeitiger Reduktion des Streckertonus bewirkt er eine Außenrotation des Femur auf der Tibia.

Aus diesem Grund ist es möglich, dass sich die Kreuzbänder lockern und eine eingeleitete Beugung des Kniegelenks erlauben. Der M. popliteus zieht im weiteren Verlauf der Beugung den lateralen Meniskus auf der Tibia nach dorsal und verhindert damit seine Einklemmung. Somit ist der laterale Meniskus nicht nur passiv beweglicher als der mediale, er wird auch aktiv bei der Beugung nach dorsal gezogen.

Innerviert wird der M. popliteus vom Nervus tibialis.

Merke: Eine wichtige Aufgabe ist die Schubsicherung des Kniegelenks und das hintere Kreuzband.

10. Musculus tibialis anterior: vorderer Schienbeinmuskel

Lokalisation des M. tibialis anterior

Tibialis anterior

Bild: “Tibialis anterior” von Uwe Gille. Lizenz: gemeinfrei

Der Muskel tibialis anterior ist der vordere Schienbeinmuskel unseres Bewegungsapparats.

Er hat seinen Ursprung am Condylus lateralis tibiae und an den oberen 2/3 der lateralen Fläche der Tibia. Außerdem entspringen Fasern von der Membrana interossea cruris und vom Septum intermusculare.

Der lange spindelförmige Skelettmuskel läuft unter dem Retinaculum extensorum superius und inferius an der medialen Seite des Sprunggelenks zum Fuß und setzt an der plantaren Fläche des Cuneiforme mediale und der Basis des Metatarsale I an.

Muskelfunktionsprüfung des M. tibialis anterior

Der Patient liegt auf der Untersuchungsliege mit Blickrichtung zum Untersucher. Der Untersucher beugt das Knie 90° und der Vorfuß wird in maximale Supinationsstellung gebracht mit Plantarflexion der Großzehen.

Die Musculi peronei werden in einer Supinationsstellung weitestgehend aus dem Test herausgenommen.

Der Untersucher nimmt mit der Testhand Kontakt zum Fußrücken unmittelbar distal vom Talus auf und die Stabilisationshand liegt am Calcaneus. Gegen den Widerstand des Untersuchers drückt der Patient in Richtung Extension. Der Patient sollte während des Tests die Zehen locker lassen, damit der M. extensor digitorum longus und der M. extensor hallucis nicht mitarbeiten.

Merke: Es sollte darauf geachtet werden, dass es zu keinen punktförmigen Knochenkontakt über den Metatarsalia (lat. = Mittelfußknochen) kommt, um eine schmerzbedingte Abschwächung zu verhindern. Außerdem besteht bei verkürzter Wadenmuskulatur eine Kontraktionshemmung. Der Krafttest sollte bei im Kniegelenk flektiertem Bein vorgenommen werden.

Funktion und Innervation des M. tibialis anterior

Eine Extension in den Sprunggelenken führt der M. tibialis herbei. Außerdem kann er den medialen Fußrand anheben (Supination). Der Muskel ist besonders aktiv, wenn beim Laufen der Fuß vom Boden angehoben und später die Ferse wieder aufgesetzt wird. Gemeinsam mit dem antagonistischen M. soleus balanciert der M. tibialis anterior beim Stehen den Unterschenkel auf der Talusrolle.

Die Innervation erfolgt durch den Nervus peroneus profundus.

Merke: Der Tibialis anterior ist der wichtigste Dorsalextensor, aber nur ein schwacher Supinator und Adduktor des Fußes im Chopartschen Gelenk.

Besonderheit: Er bildet zusammen mit dem M. peroneus longus, dem „Steigbügel“, eine antagonistische Muskelschlinge.

Beliebte Prüfungsfragen zu den Muskeln

Die Lösungen befinden sich unterhalb der Quellenangaben.

1. Wie heißt der Muskel, der aus den Anteilen Pars clavicularis, Pars acromialis und Pars spinalis besteht?

  1. M. Pectoralis Major
  2. M. Infraspinatus
  3. M. Sartorius
  4. M. Deltoideus
  5. M. Popliteus

2. Welche Zuordnung stimmt nicht?

  1. M. Deltoideus = Umarmungsmuskel
  2. M. Pectoralis major = kräftigster Abduktor
  3. M. Iliopsoas = wichtigster Hüftbeuger
  4. M. Sartorius= wichtigster Dorsalflexor
  5. M. Tibialis anterior= einziger Muskel, der gleichzeitig Hüft- und Kniegelenk beugt

3. Bei welchem Muskel wird eine Testung problematisch bis unmöglich, wenn der Patient eine Instabilität oder Schmerzhaftigkeit im Knöchelbereich spürt?

  1. M. Tibialis anterior
  2. M. Popliteus
  3. M. Tibialis posterior
  4. M. Iliopsoas
  5. M. Sartorius

Quellen

Valerius, A. Frank, C. Kolster, C. Hirsch, C. Hamilton, E. Lafont, Das Muskelbuch, KVM- Verlag

Rudolf Schweitzer, Bewegungsapparat, 2. Auflage, Urban & Fischer

Uhlmann, Lehrbuch der Anatomie des Bewegungsapparates, Quelle &Meyer Verlag Wiesbaden

Gerz, Lehrbuch der Applied Kinesiology, AKSE- Verlag

Lösungen zu den Fragen: 1D, 2E, 3B

 

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