Wenn ein Student der Humanmedizin plant nach seiner Examinierung in der Unfallmedizin oder als Sportorthopäde zu arbeiten, so wird er häufig mit Verletzungen des Sprunggelenkes zu tun haben. Im Jahr 2005 wurden der gesetzlichen Unfallversicherung 18.000 Unfälle im professionellen Sport gemeldet, wobei 14,5 % Verletzungen das obere und untere Sprunggelenk betrafen. Diese Statistiken umfassen sowohl knöcherne als auch kapsuloligamentäre Strukturen, daher wird sich dieser Beitrag ausschließlich mit diesen anatomischen Komponenten auseinandersetzen.
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Bild: “Bones of the Foot” von PhilSchatz. Lizenz: CC BY 4.0


Anatomie des unteren Sprunggelenks

Anatomisch betrachtet besteht das Art. talotarsalis – das untere Sprunggelenk bzw. abgekürzt USG – aus zwei verschiedenen artikulären Elementen, die als getrennte Gelenke verstanden werden müssen. Man bezeichnet diese Elemente als vordere und hintere Kammer. Die Gelenkkapsel sowie Sinus und Canalis tarsi trennen die beiden Kammern voneinander. Biomechanisch betrachtet bilden beide Kammern jedoch eine funktionelle Einheit.

Die möglichen Bewegungen im USG finden über drei Bewegungsachsen statt. Die longitudinale Achse verläuft längs durch das Os calcaneus und über sie finden Supination und Pronation statt. Die vertikale Achse bestimmt die Abduktions- und Adduktionsbewegungen und läuft senkrecht auf die Gelenkfläche des Kalkaneus. Die Frontalachse zieht medio-lateral durch den Kalkaneus hindurch und bestimmt Extension und Flexion. Hierbei ist es wichtig zu beachten, dass die Extensions- und Flexionsbewegung tatsächlich zur Bewegungskomponente des OSG gehört und nicht direkt zum USG.

Ossäre Strukturen und Gelenkflächen des Art. subtalaris

Knochen des Fußes

Bild: “Bones of the Foot” von PhilSchatz. Lizenz: CC BY 4.0 Das Bild wurde zugeschnitten.

Beim Art. subtalaris sprechen wir von der hinteren Kammer des unteren Sprunggelenkes. Dieses wird aus dem Talus und dem Os calacaneus gebildet. Die Facies articularis calcanea posterior befindet sich im caudalen Corpus tali und ist eine Gelenkfläche, die sowohl konkav als auch plan ausgerichtet ist. Der konkave Anteil befindet sich antero-posteriorer Ausrichtung während der plane Anteil eine medio-laterale Ausrichtung aufweist. Aufgrund dessen erscheint die Facies „sattelförmig“.

Die ventrale Gelenkflächenkante begrenzt den Sulcus tali nach dorsal. Die Facies articularis talaris posterior des Kalkaneus artikuliert mit der Gelenkfläche des Talus und gehört somit funktionell zum USG. Unmittelbar ventral der Gelenkfläche befindet sich der Sulcus calcanei welcher den Boden des Canalis tarsi bildet und nach lateral als Sinus tarsi endet.

Ossäre Strukturen und Gelenkflächen des Art. talocalcaneonavicularis

Knochen des Fußes – Laterale Ansicht

Bild: “Bones of the Foot” von PhilSchatz. Lizenz: CC BY 4.0 Das Bild wurde zugeschnitten.

Die vordere Kammer ist das Art. talocalcaneonavicularis, dessen Name bereits die artikulierenden Knochen nennt: Talus, Kalkaneus und Naviculare.

Talus

Die konvex geformte Facies articularis calcanea media befindet sich caudal am Collum tali und artikuliert mit dem Os calcaneus. Die Facies articulatis calcanea anterior ist bikonvex und artikuliert ebenfalls mit dem Kalkaneus. Die dritte Gelenkfläche des Talus ist die Facies articularis navicularis, ist biokonvex und artikuliert mit dem Os naviculare. Im Vergleich zur bikonvexen Facies zum Kalkaneus ist die zum Navikulare deutlich kleiner ausgeprägt.

Kalkaneus

Der Kalkaneus ist der größte Tarsalknochen im menschlichen Körper. Die ventral liegende Facies articularis anterior ist konkav und artikuliert mit dem Talus. Das Sustentaculum tali befindet sich auf der Facies articularis talaris media und ist konkav ausgebildet. Die überknorpelte Fläche zwischen den beiden Facies wird an ihrem Übergang schmaler.

Naviculare

Die Tuberositas ossis navicularis befindet sich am medialen Rand und ragt nach plantar hinaus. Es dient als Ansatzpunkt für den M. tibialis posterior. Die Facies articularis talaris ist eine biokonkave Gelenkfläche mit Verbindung zum Talus.

Die Gelenkkapsel des unteren Sprunggelenkes

Die Kapselinsertionen im unteren Sprunggelenk trennen beide Gelenkkammern voneinander ab. An Talus und Naviculare befinden sich die Kapselansätze entlang der Knochen-Knorpel-Grenze. Das Lig. calcaneonaviculare plantare – auch Pfannenband genannt – ist in die Gelenkkapsel der vorderen Kammer eingelagert. Die laterale Gelenkkapsel der hinteren Kammer hat Verbindungen zur Gelenkkapsel des oberen Sprunggelenkes.

Die Bänder des unteren Sprunggelenkes

Bänder des Sprunggelenks

Bild: “Ankle Joint” von PhilSchatz. Lizenz: CC BY 4.0 Das Bild wurde zugeschnitten.

Ähnlich dem OSG so ist auch das USG von einer Vielzahl ligamentärer Strukturen umschlossen, die dem Gelenk ausreichende Stabilität liefern.

Lig. calcaneonaviculare plantare

Das sogenannte Pfannenband zieht vom Sustentaculum tali zur Plantarfläche des Os naviculare. Es hat seinen Zweitnamen, da es mit einer dicken Knorpelschicht überzogen ist und eine eigene Gelenkfläche für den caudalen Anteil des Caput tali bildet. Der anterio-laterale Anteil des Bandes wird durch einen Corpus adiposum vor pathologischen Reibungskräften geschützt.

Lig. talocalcaneum interosseum

Dieses Band hat zwei unterschiedliche Anteile und ist das stärkste Ligament des USG. Man spricht von den „Kreuzbändern des Fußes“ aufgrund ihrer sehr ähnlichen Stabilisierungsfunktion.

  • Lig. canalis tarsi: Dieses sehr flache Band inseriert am Sulcus calcanei, ventral der Kapsel der hinteren Kammer und zieht zum medialen Abschnitt im Sulcus tali.
  • Lig. colli: Dieser Anteil ist kräftig ausgebildet. Es inseriert anterio-medial am Sinus tarsi (Tuberculum) und zieht nach cranio-ventro-medial zum Tuberculum cervicis tali. Die Verlaufsrichtung ist nahezu identisch der des Lig. calcaneofibulare.

Beide Anteile spannen sich bei Inversion und Eversion. Lig. canalis tarsi begrenzt dabei mehr die Eversion, Lig. colli die Inversion.

Lig. talocalcaneum laterale

Dieses Band zieht vom Proc. lateralis tali an die Außenseite des Os calcaneus und verläuft so nahezu parallel zum Lig. calcaneofibulare aus dem lateralen Ligamententrakt des OSG und teilt sich dadurch geringgradig die gleichen Funktion als Hemmer des Lateralgappings des Kalkaneus.

Lig. talocalcaneum mediale

Dieses kurze und kräftige Ligament entspringt vom Tuberculum mediale des Proc. posterior tali zur Dorsalkante des Sustentaculum tali. Es blockiert das mediale Gapping des Tarsalkanals.

Lig. talocalcaneum posterius

Hierbei handelt es sich um ein kurzes und sehr flaches Band, welches die Dorsalextensionsbewegung begrenzt. Es zieht vom Tuberculum mediale des Proc. posterior tali zur cranio-medialen Fläche des Tuber calcanei.

Klinik-Beispiele: Verletzungen und Krankheiten des USG

Ca. 15 Prozent aller Verletzungen im Profisport im Jahr 2005 betrafen das Sprunggelenk, sowohl ossär als auch kapsuloligamentär. Aufgrund der hohen Inzidenz werden nachfolgenden die häufigsten Läsionsformen anhand der vorliegenden Literatur beschrieben.

Gelenkerguss

Bei einem Subtalarerguss fällt beim Inspektionsbefund die Schwellung im Bereich des Malleolus lateralis (dorso-caudal) sofort auf. Anhand der Diagnosestellung sind abschwellende Maßnahmen wie Lymphdrainage oder aktive Krankengymnastik zur Aktivierung der Muskelpumpe zu empfehlen. Eine Punktierung ist selten notwendig.

Kalkaneusfraktur

Kalkaneusfraktur

Bild: “Röntgenbild eines gebrochenen Fersenbeins.” von JoJo. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Kalkaneusfrakturen treten bei Stauchungstraumen, wie z.B. Stürzen aus großen Höhen und Straßenverkehrsunfällen, auf. Selten sind Sekundärverletzungen am Talus zu beobachten. Je nach Schweregrad unterscheidet man die Verletzung anhand der Anzahl der Frakturfragmente, der Gelenkflächenbeteiligung oder Frakturfragmentdislokation.

Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Prognosen aus. Bei der konservativen Versorgung erhält der Patient über 6 – 12 Wochen einen zirkulären Gips, während bei einer Operation der Fixateur externe oder die Plattenosteosynthese das Mittel der Wahl sind.

Arthrose

Die Arthrose im unteren Sprunggelenk tritt häufig als Folge eines vorangegangenen Traumas aus. Hier sind die Talus- und Kalkaneusfraktur als Ursache zu nennen. Weiterhin kann einer Arthrose eine Achsenfehlstellung, wie z.B. beim Knickfuß zugrunde liegen. Bei der Arthrose spricht man von einer Degeneration von Knorpelgewebe, umgangssprachlich „Gelenkverschleiß“ genannt.

Betroffene Patienten berichten Schmerzen bei Bewegung und Anlaufschmerz beim Losgehen und -laufen. In der Regel wird zur konservativen Behandlung geraten, ist der Leidensdruck des Patienten jedoch zu groß, kann es operativ versorgt werden. Knorpeltransplantationen gelten hierbei als umstritten, da ihre Wirkweise bislang nicht ausreichend bewiesen wurde.

Bandverletzungen

Im Vergleich zum oberen Sprunggelenk sind Bandverletzungen im USG eher selten zu beobachten. Ursache für eine Ruptur von USG-Bändern sind Traumata mit hoher Gewalteinwirkung wie Quetsch- oder Abscherläsionen bei Verkehrsunfällen. Ähnlich wie beim OSG können Bandverletzungen symptomfrei verlaufen oder gegenteilig sehr schmerzhaft sein. Eine deutliche Schwellung im Indikationsgebiet bleibt dennoch zu beobachten.

Die Bandverletzungen im USG werden konservativ mit Bandagen zur Stabilisation sowie Lymphdrainage und Physiotherapie zur Ödembehandlung versorgt. Operative Versorgungen mittels Spickdraht-Osteosynthese sind nur bei Dislokationsverletzungen zwischen Talus und Kalkaneus notwendig.

Beliebte Prüfungsfragen zum unteren Sprunggelenk

Die Antworten befinden sich unterhalb der Quellenangaben.

1. Aus wie vielen Kammern besteht das untere Sprunggelenk?

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5

2. Welche der genannten Bewegungen kann das untere Sprunggelenk nicht durchführen?

  1. Supination
  2. Pronation
  3. Abduktion
  4. Adduktion
  5. Flexion

3. Welches der aufgeführten Ligamente hat zwei Anteile?

  1. Lig. talocalcaneum laterale
  2. Lig. talocalcaneum interosseum
  3. Lig. talocalcaneum mediale
  4. Lig. talocalcaneum posterius
  5. Lig. calcaneonaviculare plantare

Quellen

Arthrose unteres Sprunggelenk via gelenk-klinik.de

Bandverletzungen am Sprunggelenk via medizin-netz.de

Hochschild, J. (2012). Strukturen und Funktionen begreifen Bd. 2: LWS, Becken und Hüftgelenk, untere Extremität. Stuttgart: Thieme.

Hüter-Becker, A. & Dölken, M. [Hrsg.] (2010). Physiotherapie in der Traumatologie/Chirurgie. Stuttgart: Thieme.

Netter, Frank H. (2006). Atlas der Anatomie des Menschen – 3. Auflage. Stuttgart: Thieme.

Platzer, W. (1999). Taschenatlas der Anatomie Bd. 1: Bewegungsapparat. Stuttgart: Thieme.

Putz, R. & Pabst, R. [Hrsg.] (2004). Sobotta 1+2 – Atlas der Anatomie des Menschen, limitierte Jubiläumsausgabe. München: Urban & Fischer.

Sprunggelenk via presseportal.de

Lösungen zu den Fragen: 1B, 2E, 3B



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