Der Fliegenpilz. Ein Pilz, so abstrahiert und kommerzialisiert in Märchen und als beliebtes Glückssymbol, dass die von ihm ausgehende Gefahr schnell vergessen werden kann. Vor allem Kinder unterschätzen leicht die giftige Wirkung, die der so freundlich anmutende Waldbewohner mit dem roten Hut bei Verzehr verursacht. Nicht nur als Toxikologe sollten Sie als Arzt über die Wirkungsweise, Antidote und auch den Missbrauch als Rauschmittel informiert sein, um im Notfall richtig handeln zu können. Im Folgenden lesen Sie die wichtigsten Fakten zum Amanita muscaria.
Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann lernen Sie doch einfach online. Wählen Sie hier einfach einen oder mehrere Medizin-Kurse aus und starten Sie kostenlos.

Bild: “
Fliegenpilz” von stachelbeer. Lizenz: CC BY 2.0


Lesen Sie auch den Artikel zur Mykologie.

Vorkommen des Fliegenpilzes

Der rote Fliegenpilz ist in Mitteleuropa hauptsächlich von Juli bis Oktober vor allem unter Fichten und Birken in Laub- und Nadelwäldern anzutreffen. Optisch ist er leicht mit dem essbaren Kaiserling zu verwechseln. Durch sein hervorstechendes Charakteristikum, den roten Hut mit den abwischbaren weißen Punkten, hebt er sich deutlich von seiner Umgebung ab.

Inhaltsstoffe und Giftwirkung

Die Ibotensäure (Prämuscimol) ist der Hauptwirkstoff des Fliegenpilzes. In hoher Konzentration ist diese nicht proteinogene L-Aminosäure vor allem im Fleisch und den Lamellen vorhanden. Ibotensäure verfällt unter Decarboxylierung zum weitaus wirksameren Muscimol, was unter Entzug oder Wegfall von Kristallwasser geschieht. Muscimol ist der Verursacher der psychotropen Eigenschaften, die beim Menschen nach Verzehr von Pilzbestandteilen entstehen.

Pantherina-Syndrom

Da Ähnlichkeiten mit den Symptomen nach Verzehr des Pantherpilzes (Amanita pantherina) bestehen, werden die Folgen einer Fliegenpilzintoxikation auch Pantherina-Syndrom genannt. Nach 0,5 bis 3 Stunden treten Symptome beim Patienten auf, die differentialdiagnostisch einem Zustand nach Alkoholabusus sehr ähneln (CAVE: Anamnese!):

  • Sprachstörungen
  • Ataxie und starke motorische Unruhe
  • Verwirrung, Orientierungslosigkeit in allen Dimensionen
  • Anticholinerge Symptomatik: Mydriasis, Tachykardie, trockene Schleimhäute
  • Rauschzustand mit Halluzinationen, Depersonalisationsphänomenen, …
  • Euphorie/Dysphorie
  • Tremor, Krämpfe, Faszikulationen

Zumeist fallen die Patienten danach in einen tiefen, langen Schlaf und es besteht eine Amnesie gegenüber der vorangegangen Episode. Konzentrationsstörungen, leichte Ermüdbarkeit und Interesselosigkeit zählen zu den evtl. Spätfolgen.

Letale Dosis

Ein letaler Ausgang durch Fliegenpilzverzehr ist wenig beschrieben worden, aber bei entsprechend hoher Dosis die sichere Konsequenz.

Die vermutete Dosis an Musicmol, die beim Menschen einen letalen Ausgang hätte (dies ist KEIN toxikologisch gesicherter Wert):

3 g/kg Körpergewicht = Verzehr von ca. 10 kompletten Fliegenpilzen

Therapeutische Maßnahmen

Die primäre Gifteliminierung wird durch eine Magenentleerung nach Ingestion größerer Mengen des Pilzes und die Gabe von Aktivkohle durchgeführt. Bedenken Sie supportive Maßnahmen wie die Rehydrierung des Patienten. Bei ausgeprägter anticholinerger Symptomatik sind das Mittel der Wahl reversible Hemmer der Acetylcholinesterase: ein ZNS-gängiges, direktes Parasympathomimetikum wie Physostigmin. Die Gabe von Benzodiazepinen ist in gängigen Lehrbüchern zu Notfallmedizin und Toxikologie umstritten und teilweise als nötig oder gar als kontraindiziert beschrieben.

Fliegenpilz als Rauschmittel

Zusatzinformationen, die sicher im Gedächtnis bleiben…

Vor allem bei Schamanen sibirischer Völker ist der Fliegenpilz ein beliebtes Rauschmittel, um sich in ekstatisch-halluzinogene Zustände zu versetzen. Da die Ibotensäure erst im Körper zu Muscimol umgebaut wird, wird eine größere Wirkung hervorgerufen, indem man den Urin des Konsumenten trinkt. Magenkrämpfe und Brechreiz werden so eher umgangen und eine direkte Rauschwirkung erzielt.

Gezielt fragen – Richtig und schnell handeln

Die genaue Anamnese spielt eine wichtige Rolle, wenn Sie einen Patienten mit oben genannten Symptomen behandeln. Besonders bei Kindern sollte immer gefragt werden, ob zum Beispiel „Pilzsuppen“ beim Spielen gekocht wurden. Auch bei Erwachsenen muss neben Drogenmissbrauch immer an akzidentelle Vergiftungen gedacht werden.

Prüfungsfrage zur Fliegenpilzvergiftung

Die richtige Antwort finden Sie unter der Quellenangabe.

Was gehört nicht zu den typischen Symptomen des Pantherina-Syndroms?

  1. Bradykardie
  2. starke motorische Unruhe
  3. Mydriasis
  4. Rauschzustand mit Halluzinationen
  5. Euphorie/Dysphorie

Quellen

Von Mühlendal, K.E. et al. (Hg.)(2007): Vergiftungen im Kindesalter

Ziegenfuß, T. (2007): Notfallmedizin

Richtige Antwort: A



So bekommen Sie bessere Noten im Medizinstudium!

Verbessern Sie Ihre Prüfungsergebnisse! Lernen Sie mit dem kostenlosen Lerncoaching für Mediziner:

Effektive Lerntechniken

Individuelle Hilfestellungen

Anwendungsbeispiele für den Alltag

        EBOOK ANFORDERN        
Nein, danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *