Sicher kennen Sie Verhaltensweisen, von denen Sie wissen, dass sie überflüssig und sinnlos sind, die Sie aber trotzdem ausführen müssen, um beruhigt zu sein. Sie gehen nochmal zurück in die Küche und schauen ob der Herd noch an ist, oder zurück ins Parkhaus, obwohl Sie das Auto immer abschließen oder Sie können womöglich besser abschalten, wenn die Fernbedienung an der richtigen Stelle liegt. Bei Patienten mit einer Zwangserkrankung laufen solche Gedanken und Verhaltensweisen aus dem Ruder, bis Sie schließlich ihren Alltag kaum noch bewältigen können. Erfahren Sie hier die Ursachen und Therapiemöglichkeiten der Zwangsneurose.
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Bild: “Stove” von rhodesj. Lizenz: CC BY 2.0


Einteilung

Eine frühe Beschreibung der Zwangsstörung erfolgte durch Pierre Janet (1903), der zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen unterschied. Diese Einteilung findet sich auch in der heutigen Fassung der ICD-10 wieder, die zwischen Zwangsstörungen mit Überwiegen von Zwangsgedanken, Zwangsstörung mit Überwiegen von Zwangshandlungen und einer gemischten Form (Zwangsgedanken und Zwangshandlungen) unterscheidet. Letztere tritt am häufigsten auf.

Epidemiologie der Zwangserkrankung

Die Erkrankung tritt meist im Kindes- und Jugendalter auf, wobei zunächst Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen, was sich im Alter aber wieder ausgleicht. Die Gesamtprävalenz in der Bevölkerung beträgt 2-3 % und kommt in verschiedenen Kulturkreisen gleich häufig vor.

Definition

Eine Zwangsstörung liegt per Definition dann vor, wenn eine Person über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen unangenehme Gedanken, Impulse oder Handlungen erlebt, die sie als unsinnig und belastend empfindet,  jedoch nicht zu unterdrücken vermag. Im Gegensatz zur Psychose werden diese Gedanken und Handlungen als Teil der eigenen Person erlebt (werden also nicht als fremd angesehen). Weiterhin kennzeichnend ist der subjektiv erlebte Leidensdruck und eine mitunter erhebliche Einschränkung der Lebensqualität.

Zwangsgedanken

Zwangsgedanken äußern sich als ständig wiederholt auftretende Ideen, Handlungsimpulse (aggressive, sexuelle) oder Befürchtungen (z.B. Angst vor Infektionen). Zwangsgedanken im Sinne einer Zwangsstörung liegen vor, wenn die o.g. Kriterien erfüllt sind.

Zwangshandlungen

Zwangshandlungen sind sich wiederholende stereotype Handlungen (z.B. waschen, kontrollieren, zählen), die seitens des Betroffenen als unangenehm empfunden werden. Wird der Versuch einer Unterdrückung unternommen, resultiert daraus eine innerlich empfundene Anspannung und Angst, die sich erst wieder auflöst, wenn dem Handlungsimpuls nachgegeben wird. Häufig treten Zwangshandlungen gemeinsam mit Zwangsgedanken auf. Dabei können seitens der Betroffenen Kompensationsstrategien genutzt werden, um die sich Ihnen aufdrängenden Gedanken und Impulse abzuwenden.

Ätiologie

Ursachen der Zwangsstörung

Die Entstehung der Zwangsstörung ist bis heute nicht abschließend geklärt. Verschiedene Erklärungsmodelle lassen den Schluss zu, dass es sich um eine multifaktorielle Erkrankung handelt. Einige der gängigen Theorien sind im Folgenden genannt:

Übertriebene Sauberkeit und Autorität

Nach dem psychodynamischen Modell besteht eine neurotische Fixierung auf die anale Phase. In dieser Phase der psychosexuellen Entwicklung nach Freud erlernt das Kind die Kontrolle über die eigenen Ausscheidungsfunktionen, die es selbst als lustvoll empfindet. Gerät es dabei in Konflikt mit strengen elterlichen Forderungen nach Sauberkeit und Ordnung, können sich später zwanghafte Züge oder eine Zwangsstörung entwickeln. Auch eine Abwehr von unerwünschten Gedanken und Handlungen wird diskutiert. Durch die Zwangshandlung werden unerwünschte Gedanken und Gefühle wie Wut neutralisiert und weniger bedrohlich gemacht.

Schluckauf im Gehirn

Auch die Neurobiologie von Zwangserkrankungen wird mittlerweile besser verstanden. Mittels funktioneller Bildgebung wurde ein Modell entwickelt, das eine Hyperaktivierung von drei verschalteten Hirnregionen postuliert: dem orbitofrontalen Kortex, den Basalganglien und dem Thalamus. Bei Zwangserkrankten sind hemmende Mechanismen in diesem Regelkreis zu schwach ausgeprägt, sodass es zu einer wechselseitigen Erregung zwischen Thalamus und orbitofrontalem Kortex kommt, einem „Schluckauf im Gehirn“ sozusagen.

Therapie

Kognitive Verhaltenstherapie

Die aktuelle S3-Leitlinie für Zwangserkrankungen empfiehlt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als die wirksamste Methode zur Behandlung der Zwangsstörung. Diese sollte so lange durchgeführt werden, bis eine Besserung der Lebensqualität und ein um 50 % verbesserter Score in der Verlaufsdiagnostik erreicht ist. Wichtiger Bestandteil der kognitiven Verhaltenstherapie sollte ein Expositions- und Reaktionsmanagement sein, was im Idealfall mit dem Therapeuten zusammen durchgeführt werden sollte. Außerdem sollen enge Bezugspersonen in die Verhaltenstherapie mit einbezogen werden.

Medikamentöse Therapie

Für andere Formen der Psychotherapie besteht für die Zwangsstörung zurzeit keine Evidenz. Auch die Behandlung mit Psychopharmaka ist, anders als bei vielen anderen psychiatrischen Erkrankungen (z.B. der Depression), nicht die erste Wahl. Sie sollten nur eingesetzt werden, wenn die kognitive Verhaltenstherapie nicht durchgeführt werden kann oder erst eine Therapiebereitschaft erreicht werden muss.

Mittel der Wahl sind in diesem Falle SSRIs (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Weiterhin können Antidepressiva und Neuroleptika eingesetzt werden. Insbesondere Benzodiazepine sollten aufgrund der möglichen Abhängigkeitsentwicklung vermieden werden. Im Rahmen von Studien wird die tiefe Hirnstimulation bei Patienten mit therapieresistenten Zwangserkrankungen eingesetzt.

Prognose

Zwangserkrankungen gehören zu den hartnäckigsten psychischen Erkrankungen mit langwierigem Verlauf. Sie haben die Tendenz zu chronifizieren, da Zwangshandlungen die durch Zwangsgedanken verursachten negativen Empfindungen (Ängste, Anspannung) neutralisieren können (negativer Verstärker).

Beliebte Prüfungsfragen zu Zwangserkrankungen

Die richtigen Antworten befinden sich unterhalb der Quellenangabe.

1. Wie sind Zwangsgedanken definiert?

  1. Als notwendige Gedanken
  2. Unbedingt durchzuführende Handlungen
  3. Als lästig und irrsinnig empfundene Gedanken
  4. Kaum auftretende Gedanken
  5. Träume

2. In welchem Alter manifestieren sich Zwangsstörungen?

  1. 3 Monate
  2. 11 Monate
  3. 6 Jahre
  4. 12 Jahre
  5. 50 Jahre

3. Welche Therapiemöglichkeiten werden am ehesten bei Zwangsstörungen angewandt?

  1. Lorazepam
  2. SSRI
  3. SSRI und kognitive Verhaltenstherapie
  4. Exposition in vivo
  5. Valproat

Quellen

Neurologie und Psychatrie für Studium und Praxis 2011/12 – Gleixner, Müller, Wirth

S3-Leitlinie Zwangsstörungen via AWMF

Zwangsstörungen via Uniklinikum Saarland

Zwangsstörung, Zwangsneurose, Zwangshandlungen, Zwangsgedanken via bt-online
Zur (Neuro)Biologie der Zwangsstörung via Universitätsklinikum Heidelberg

Antworten: 1C, 2D, 3C




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