Die Badesaison kostet jedes Jahr viele Menschen das Leben. Jahr für Jahr sterben deutschlandweit 400 bis 500 Menschen im Wasser. Immer weniger öffentliche, überwachte Bäder einerseits und die wachsende Zahl von Nichtschwimmern andererseits sorgen dafür, dass es wieder mehr werden. Nicht alle Opfer ertrinken. Die Tode, die im Element Wasser drohen, sind vielfältig. Sie zu kennen, kann Leben retten.
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Tod durch Ertrinken

Es gibt zwei demographische Gruppen, die besonders gefährdet sind, diesen Tod zu erleiden: kleine Kinder und erwachsene, junge Männer. Erstere werden oft unbeaufsichtigt gelassen, obwohl sie nicht schwimmen können. Kleinere Untiefen genügen, schon tauchen sie unter. Leider zeigt sich bei Kindern häufig das sogenannte „stille Ertrinken“. Sie rufen nicht um Hilfe, sondern sind einfach verschwunden.

Die jungen Männer dagegen überschätzen oft ihre Kräfte. Sie haben nicht selten vor dem Losschwimmen Alkohol getrunken, schwimmen im Wettbewerb zu weit hinaus und schaffen es nicht mehr zurück ans rettende Ufer.

Im medizinischen Sinne ist das Ertrinken ein Erstickungstod durch Aspiration von Wasser. Dabei genügen schon relativ geringe Flüssigkeitsmengen, um einen Sauerstoffmangel zu erzeugen. Die Folge der zunehmenden Luftnot sind Bewusstlosigkeit, Sauerstoffunterversorgung des Herzens und schlimmstenfalls der Tod.

Blackout im Schwimmbecken

„Wer kann weiter tauchen?“

Dieses beliebte Spiel endet nicht selten mit dem Ertrinken. Sogar ausgebildete Taucher sind davon betroffen. Um länger die Luft anhalten zu können, hyperventilieren viele Schwimmer vor dem Tauchgang. Dieses Procedere ist lebensgefährlich. Denn die Betroffenen atmen dabei eine große Menge Kohlenstoffdioxid ab.

Der Kohlenstoffdioxidgehalt im Blut ist der wichtigste Anzeiger für einen Sauerstoffmangel. Ist der Wert hoch, drängt es uns zu atmen. Ist er zu niedrig, geht unser Nervensystem davon aus, dass wenig Sauerstoff verbraucht wurde. Es sieht keine Notwendigkeit, den Schwimmer zum Atmen zu veranlassen.

Durch vorheriges Ventilieren entsteht ein unnatürliches Verhältnis von O2 zu CO2. Ein Tauchender merkt zu spät, dass ihm die Luft ausgeht und wird unter Wasser bewusstlos.

Trockenes Ertrinken

Ein komplettes Untertauchen kann zu reflektorischem Anhalten des Atems führen. Im Kontrast dazu führen spontane, unwillkürliche Inspirationen zur Aufnahme kleinster Flüssigkeitsmengen. Als Folge tritt nicht selten ein Laryngospasmus auf. Diese Verkrampfung von Kehlkopfmuskulatur und Stimmritzen verhindert das weitere Atmen.

Der Sauerstoffmangel und die damit einhergehende Ohnmacht können den Laryngospasmus in 90 % aller Fälle lösen. Passiert dies unter Wasser, dringt Flüssigkeit in die Lunge ein und das Opfer ertrinkt. Jedoch löst sich auch in tiefer Bewusstlosigkeit nicht immer der Krampf. Da in der Lunge kein Wasser zu finden ist, spricht man vom trockenen Ertrinken.

Beinahe-Ertrinken

Das Beinahe-Ertrinken wird oft mit dem Ertrinkungsunfall gleichgesetzt, ist faktisch jedoch zu unterscheiden. Wenn Menschen vor dem Ertrinken gerettet werden oder es selbst an Land schaffen, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie außer Gefahr sind. Wasser kann bereits in die Lunge gelangt sein. In jedem Fall muss die verunfallte Person klinisch untersucht werden.

Noch mehr als 24 Stunden nach dem Beinahe-Ertrinken kann ein Mensch versterben. Hier hat sich eine eigenwillige Definition eingebürgert: Stirbt ein Mensch innerhalb von 24 Stunden nach dem Unfall, dann ist es ein Ertrinkungstod. Stirbt er mehr als 24 Stunden später, ist er durch das Beinahe-Ertrinken gestorben.

Der Badetod

Wenn in den Medien davon die Rede ist, dass wieder viele Menschen ertrunken seien, dann übersieht dies, dass viele Unfälle im Wasser atypisch verlaufen und mit dem eigentlichen Ertrinken nichts zu tun haben. Der sogenannte „Badetod“ umfasst sämtliche Todesfälle, die nur indirekt oder zufällig im Wasser geschehen.

Gerade ältere Menschen mit Vorerkrankungen können beim Schwimmen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Starke Verletzungen, zum Beispiel durch Kopfsprünge ins zu flache Wasser, sind der Undurchsichtigkeit des Mediums geschuldet. Auch Bewusstseinseintrübungen durch Drogenmissbrauch können zum Tod durch Ertrinken führen.

Die Abgrenzung zum Ertrinkungsunfall gestaltet sich natürlich schwierig, denn vermutlich hätte manchem Opfer an Land geholfen werden können. Das Element Wasser macht eine Rettung ungleich schwieriger.

Der Sprung ins kalte Wasser

Eine Sonderform des Badetodes, der oft zu Unrecht damit gleichgesetzt wird, ist der Reflextod, der einem Sprung in kaltes Wasser folgen kann.

Dabei wird der zehnte Hirnnerv, der Vagusnerv, sehr stark gereizt. Die Antwort ist eine übermäßige Parasympathikusaktivierung. Der Körper stellt auf eine Art Sparmodus um und reguliert innerhalb von Sekunden den Herzschlag herunter. Bei schockartiger Kälte regelt das System so weit herunter, dass ein sofortiger Herzstillstand die Folge sein kann.

In diesem Kontext sollte jeder das Phänomen der Sprungschicht in stehenden Gewässern kennen: Das Metalimnion trennt die obere Temperaturschicht im See von der kälteren unteren Schicht. Während sich die Oberschicht dank Sonne und Sommer erwärmt, bleibt es im unteren Teil des Sees kalt.

Sprungschichten

Sprungschichten in stehenden Gewässern

Der Wechsel von einer Temperaturzone zur anderen ist in der Sprungschicht jäh: Pro Meter Tiefe sinkt die Temperatur um ein bis mehrere Grade. Springt man unabgekühlt in einen See, durchläuft der Körper die Temperaturzonen so schnell, dass er nicht adaptieren kann.

Nicht zu verwechseln ist dieser Reflextod mit dem Tauchreflex, der z.B. Säuglinge befähigt, unter Wasser reflektorisch die Luft anzuhalten. Hier handelt es sich um eine Reizung des Trigeminusnervs.

Eigenschutz geht vor

Im Wasser lauern jede Menge weiterer lebensbedrohlicher Gefahren. Strömungen und Strudel können plötzlich alle Kräfte aufzehren. Algen und Wasserpflanzen geben manchen Schwimmer nicht wieder frei. Die Kälte des Wassers auf großen Gewässern und der offenen See kann zur Hypothermie führen.

Das ist keine Absage an den Wassersport. Wichtig sind aber gute Schwimmfertigkeiten. Nicht zuletzt kann ein regelmäßiges Schwimmtraining zur Gewöhnung an Kälteeffekte führen und unser Herzkreislaufsystem stärken.

Trifft man auf einen Schwimmer in Lebensgefahr, sind Rettungsversuche moralisch und rechtlich verpflichtend. Trotzdem sollten sie nur im Rahmen der eigenen Fähigkeiten erfolgen. Auf einen Ertrinkenden zuzuschwimmen, bringt den Retter nicht selten selbst in Gefahr. Ihm einen schwimmenden Gegenstand, einen Ast oder ein Seil zuzuwerfen, ist sicherer für alle Beteiligten.

Niemandem ist geholfen, wenn ein Retter kopflos ins Wasser stürzt und selbst zum Opfer wird. Das eigene Leben vor den Urgewalten des Elements Wasser zu schützen, ist oberstes Ziel. Nur wer selbst lebt, kann anderen Hilfe leisten.

Quellen

Alle Jahre wieder zur Badesaison: Kinder ertrinken leise!

Wolfram Wilhelm: Praxis der Intensivmedizin – Springer 2011

Zehn Irrtümer über das Ertrinken



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2 Gedanken zu „Tod durch Ertrinken – Dieses Wissen kann Leben retten

  • Volker Beisel

    In unsere Gegend Himmelkroner Schwimmbad wurde ein Mädchen bewusstlos aus dem Wasser geholt.
    Bei den sofortigen Hilfsmaßnahmen durch Lehrerin und Bademeister wurde fast alles falsch gemacht. Keine stabile Seitenlage und falsche Wiederbelebung. Ich habe den Leistungsschein von der DLRG und Bayrischen Wasserwacht. Bei uns wurde gelehrt, dass die nach hinten fallende Zunge nach vorne gehohlt wird um zu verhindern das die zu rettenden Person an dem erbrochenen erstickt.Bei dem Mädchen war das der Fall.Übrigens habe ich schon 3 Menschen vor dem Ertrinken gerettet.

    1. Maria Jaehne

      Hallo Herr Beisel,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Haben Sie hierzu eine konkrete Frage?
      Viele Grüße,
      Maria Jähne.