Die Wirbelsäule des Menschen hat mannigfaltige Aufgaben. Sie richtet uns auf, sorgt Stabilität, bietet Muskeln, Sehnen und anderen Geweben ossäre Ansatzpunkte und Durchlassöffnungen, kann Lasten verteilen und ist dabei noch flexibel und beweglich. Die Kehrseite der Medaille ist, dass eine solch komplexe Struktur mit so vielen Fähigkeiten leider ein ebenso vielseitiger Herd für Krankheiten ist. Im Jahre 2011 wurden ca. 230.000 Wirbelsäulenoperationen durchgeführt und eine steigende Tendenz ist zu beobachten. Studenten der Humanmedizin sollten frühzeitig an die Anatomie der Wirbelsäule herangeführt werden, um Pathologien rechtzeitig zu diagnostizieren und Patienten jene Probleme, die eine solche Operation mit sich bringt, ersparen zu können.

Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann starten Sie doch einfach kostenlos unseren Online-Kurs zur makroskopischen Anatomie.

Wirbelsäule2

Image: “Vertebral Column” by Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0 The image was cut.


Allgemeine Informationen

Übersicht der Wirbelsäule

abnormale Krümmungen der Wirbelsäule

Bild: “Abnormal Curvatures of the Vertebral Column” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0 a) Scoliosis is an abnormal lateral bending of the vertebral column. (b) An excessive curvature of the upper thoracic vertebral column is called kyphosis. (c) Lordosis is an excessive curvature in the lumbar region of the vertebral column.

Die Wirbelsäule des Menschen (Collum vertebrae) bildet die wichtigste anatomische und funktionelle Achse des Körpers. Sie besteht aus insgesamt 7 Halswirbeln, 12 Brustwirbeln und 5 Lendenwirbeln und wird cranial vom Schädel und caudal vom Sacrum begrenzt.

Das Sacrum ist eine Knochenstruktur, die aus 5 zusammengewachsenen Sacralwirbeln besteht. Da die Sacralwirbel allerdings durch die Verschmelzung keine Bewegungssegmente mehr sind, werden sie nicht als echte Wirbel der Wirbelsäule gezählt. Ebenso verhält es sich mit dem Steißbein (Os coccygis), welches einen Zusammenschluss aus 4 Coccygialwirbeln darstellt, die selbst keine Bewegungssegmente mehr besitzen.

Manche Menschen haben 6 Lendenwirbel (Lumbalisation von S1) oder 3-6 Coccygialwirbel, dies hat allerdings keinen pathogenen Einfluss auf das Skelettsystem. Außer in den Segmenten C0/C1 und C1/C2 befindet sich zwischen jedem Wirbelkörper eine Bandscheibe, die primär Puffer- und Schutzfunktionen übernimmt.

Betrachtet man die Wirbelsäule von lateral, so ist die prägnante S-Krümmung zu sehen. Die S-Form wird bestimmt durch eine Lordosierung von Hals- und Lendenwirbelsäule, sowie einer Kyphosierung der Brustwirbelsäule. Die S-Form dient der Abfederung von Längskräften, sekundär auch seitlichen Scherkräften, auch wenn diese mehr von der Muskulatur abgefangen wird als von den ossären und kapsuloligamentären Strukturen des Collum vertebrae.

Die Wirbelsäule ist von starken Bandsystemen ummantelt, die für Stabilität sorgen und bestimmte Bewegungen begrenzen, damit diese den umliegenden Strukturen keinen Schaden zufügen können. Des Weiteren bildet die Wirbelsäule den Spinalkanal, der als Durchlassöffnung für unser Rückenmark und die Spinalnerven dient, die außerhalb des Kanals in periphere Neuralstrukturen übergehen.

Das Bewegungssegment

Bestandteile der Rückenwirbel

Bild: “Parts of a Typical Vertebra” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0

Unter dem Bewegungssegment wird die funktionelle Einheit der Wirbelsäule verstanden, die aus zwei angrenzenden Wirbeln (z.B. C6 und C7 in der Halswirbelsäule) gebildet wird. Außerdem zählen folgende Strukturen zum Bewegungssegment:

  • Raum zwischen den Wirbelkörpern mit Bandscheibe
  • Wirbelbögen
  • Dorn- und Querfortsätze
  • Alle im Segment befindlichen Weichteile
  • Der im Segment befindliche Spinalnerv
  • Das vom Segment-Spinalnerv innervierte Hautareal

Die einzelnen Systeme sind anatomisch und funktionell perfekt aufeinander abgestimmt und formen eine Funktionseinheit. Dies bedeutet pathophysiologisch jedoch auch, dass eine Funktionsstörung in einem der Parameter sofort negative Auswirkung auf die übrigen Strukturen hat.

Das ventrale System – bestehend aus Wirbelkörper und Bandscheibe – hat die primäre Aufgabe axiale Druckkräfte aufzunehmen und weiterzuleiten, sodass sie kompensiert werden können ohne Schaden zu verursachen. Weiterhin ist das Ventralsystem dazu in der Lage Bewegungen zu begrenzen. Das dorsale System besteht aus den Wirbelbogengelenken, Muskeln und Ligamenten und dient der Durchführung und Hemmung von Bewegungen.

Corpus vertebrae: Der Wirbelkörper

Rückenwirbel

Bild: “Osteoporosis” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0 Das Bild wurde zurechtgeschnitten.

Betrachtet man den Wirbelkörper von lateral, so sieht man den blockartigen Wirbelkörper, der nach cranial und caudal die sogenannten Randleisten bildet. Diese Randleisten sind als ossäre Wülste zu verstehen, die die Auflagefläche der Bandscheibe auf dem Wirbelkörper begrenzen und als Fixationspunkt für Faserknorpel fungieren.

Im Transversalschnitt ist der Wirbelkörper nach ventral konvex und nach dorsal gerade strukturiert. Der ossäre Körper selbst besteht aus einem Spongiosagerüst, welches selbst von Substantia compacta ummantelt ist. Diese Struktur sorgt für Spannungslinien innerhalb des Corpus, die von cranial nach caudal zum Dornfortsatz laufen und für die Spannungsübertragung bei axialem Druck sorgen. Wäre dieses System nicht vorhanden, würden selbst die leichtesten Druckkräfte den Wirbelkörper zur Frakturierung bringen. Die mit hyalinem Knorpel bedeckten Grund- und Deckplatten schließen den Corpus gegen die Bandscheibe ab, wobei die zur Bandscheibe zeigende Fläche selbst aus Faserknorpel besteht.

Arcus vertebrae: Der Wirbelbogen

Verfolgt man den Wirbelkörper nach dorso-lateral, geht dieser knöchern in den Wirbelbogen über. Der dorsale Teil des Wirbelbogens nennt sich Lamina arcus vertebrae. Dieser besteht aus zwei symmetrischen Hälften, die ossär verwachsen sind. Der Übergangsbereich zwischen Corpus und den Querfortsätzen wird als Pediculus arcus vertebrae bezeichnet. Im Übergangsbereich zwischen Pediculus und Lamina gehen die Processi articularis jeweils nach cranial (Processus articularis superior) und caudal (Processus articularis infernior) ab, die mit den jeweils benachbarten Segmenten die sogenannten kleinen Wirbelgelenke bilden.

Foramen vertebrae: Das Wirbelloch

Der ventral gelegene Corpus und der nach dorsal schließende Arcus bilden das Foramen vertebrae. Der Durchmesser und die Form des Wirbellochs varriert je nach Segmenthöhe, resultierend aus den Größenunterschieden der Wirbelkörper je nach Wirbelsäulenabschnitt und deren Positionierung im Raum.

Die Foramina bildet aufgrund ihrer „bauklotzartigen“ Aufeinanderreihung der Wirbelsäule den Canalis vertebralis, durch den das Rückenmark und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor cerebrospinosus) verläuft. In der Lendenwirbelsäule wird die Übergangsregion zwischen Spinalkanal und Foramen intervertebrale als Recessus lateralis beschrieben, der mit epiduralem Fettgewebe ausgekleidet ist. Hier verläuft die Nervenwurzel hindurch.

Canalis vertebralis: Der Wirbelkanal

Der Wirbelkanal bildet eine Durchlassöffnung für eine Vielzahl wichtiger Strukturen des menschlichen Körpers. Dieser Beitrag beschränkt sich auf die neuronalen Strukturen Medulla spinalis, sowie die Dura mater spinalis.

Medulla spinalis

Sie umgibt das Rückenmark, sowie Fila redicularia und Vasa radicularis et spinalis mit der Rückenmarksflüssigkeit. Das Rückenmark ist ein Kernelement des zentralen Nervensystems. Es endet auf der Höhe von L1/L2 mit dem Conus medullaris, der sich in die Cauda equina nach caudal fortsetzt. Weiterhin besteht das Rückenmark aus Intumescentia cervicalis et lumbosacralis aus denen die cerivalen und lumbalen Spinalnerven austreten und jeweils ihren entsprechenden Plexus bilden.

Dura mater spinalis

Die Dura mater ist die äußere Rückenmarkshülle bzw. Hirnhaut, die aus kollagenen und elastischen Fasern besteht. Die Dura mater spinalis ist nur im Canalis lokalisiert. Der andere Anteil der Dura mater befindet sich im Schädel und wird anhand ihrer Lokalisation Dura mater cranialis genannt.

Processus transversus: Der Querfortsatz

Der Querfortsatz „entspringt“ aus dem Arcus vertebrae der einzelnen Wirbelkörper und unterscheidet sich je nach Segment in Größe, Form und Ausrichtung im Raum. In der HWS endet der Proc. transversus ventral im Tuberculum anterior und dorsal als Tuberculum posterior. Zwischen diesen ossären Strukturen liegt das Foramen transversarium, welches der Arteria vertebralis als Durchlassöffnung dient.

In der BWS sind die Querfortsätze dominant ausgebildet und sind mit überknorpelten Flächen ausgestattet, die mit der Facies articularis tuberculi costae der Rippen artikulieren: die Fovea costalis transversalis. In der LWS spricht man beim Querfortsatz von den Proc. acessorius, der sich an der dorsalen Basis des Proc. costalis befindet.

Processus spinosus: Der Dornfortsatz

Lendenwirbel

Bild: “Lumbar Vertebrae” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der Dornfortsatz ist die ossäre Weiterführung des Arcus nach dorsal. Er ist Fixationspunkt für Muskeln und Bänder und ist dient bei der Palpationsdiagnostik als gut spürbarer Ausgangspunkt. Er ist in den Segmenten C2 – C6 gespalten, ab C7 nicht mehr. In der BWS sind die Dornfortsätze sehr lang und haben einen schräg-caudalen Verlauf, während sie in der LWS hoch und kräftig ausgebildet sind.

Foramen intervertebrale: Das Zwischenwirbelloch

Das Foramen intervertebrale wird von den Incisura vertebralis inferior et superior von jeweils benachbarten Wirbelsegmente gebildet und dient als Durchlassöffnung für den Spinalnerv, Ramus meningeus, Arteria spinalis und Vena intervertebralis.

Processus articularis: Der Wirbelgelenkfortsatz

Von einem Arcus entspringen jeweils 4 Wirbelgelenkfortsätze, wobei jeder einzelne mit einer Gelenkfläche, der Facies articularis, und einem Wirbelbogengelenk (Art. zygapophysialis) endet.

Art. zygapophysialis: Die Wirbelbogengelenke

Bestandteile des Rückenwirbels

Bild: “Parts of a Typical Vertebra” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0

Die Wirbelbogengelenke sind echte Gelenke, die jeweils überknorpelte Gelenkflächen und eine Gelenkkapsel besitzen. Sie nehmen Druckkräfte auf und leiten sie weiter, damit Bewegungen gezielt und ohne Verletzungen ausgeführt werden können. Die Steuerung erfolgt über propriozeptive Rezeptoren im Kapselbandapparat.

Aufgrund der räumlichen Ausrichtung der Gelenkflächen können in bestimmten Wirbelsäulenabschnitte gewisse Bewegungen besser bzw. schlechter als in anderen ausgeführt werden. Der Neigungswinkel der Gelenkflächen in der HWS beträgt ca. 45 Grad gegenüber der Horizontalen, während dieser Winkel in der BWS mit ca. 80 Grad deutlich höher ist. In der Lendenwirbelsäule beträgt der Neigungswinkel sogar ca. 90 Grad, was dazu führt, dass z.B. die Rotation in der LWS deutlich geringer ausfällt als in BWS oder HWS.

Discus vertebralis: Die Bandscheibe

Bandscheibe

Bild: “Intervertebral Disc” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der menschliche Körper besitzt 23 Bandscheiben, da sich zwischen den beiden oberen HWS-Segmenten keine Disci befinden. Ihr Durchmesser variiert nach „Stockwerk“ in der Wirbelsäule aufgrund der verschiedenen Druckbelastungsverhältnisse. Eine Bandscheibe hat zwei Anteile: den Anulus fibrosus und den Nucleus pulposus.

Anulus fibrosus

Der Anulus fibrosus besteht aus mehreren Schichten und umschließt den Bandscheibenkern, den Nucleus pulposus. 60 – 70% des Anulus bestehen aus Wasser. Die Schichten bestehen aus Kollagenfasern und haben in jeder Schicht jeweils unterschiedliche Verlaufsrichtungen. Dies macht Sinn, um in jeder Bewegung und Ausgangsstellung genug Druck- und Zugfestigkeit zu besitzen und folglich nicht sofort zu rupturieren. Der Anulus ist durch seine Sharpeyfasern an den Randleisten des Corpus vertebrae angebracht und ist dorsal mit dem Lig. longitudinale posterius sowie mit geringen Faseranteilen mit dem Lig. longitudinale anterius verwachsen.

Nucleus pulposus

Der Bandscheibenkern ist eine gelartige Substanz im Inneren des Discus. Er besteht aus einer Kombination aus Kollagenfasern und Glykanen (Proteoglykan, Glykosaminoglykan) was in einer hohen Matrixbildung und damit starker Wasserbindungsneigung resultiert. Der Nucleus besitzt weder Gefäße noch Nerven und dient der Spannungsverlagerung des Discus bei Bewegungen der Wirbelsäule. Beim Bandscheibenprolaps tritt der Nucleus durch einen Riss des Anulus fibrosus nach außen und komprimiert dabei sensible Gewebe, was mit Schmerzen und neuronalen Ausfallerscheinungen einhergehen kann.

Die Knorpelplatten, die die Bandscheibe mit den entsprechenden Wirbelkörpern verbindet, sind zwar mit Blutgefäßen durchzogen, aber die eigentliche Ernährung der Bandscheibe erfolgt durch die physiologische Abfolge von Be- und Entlastung, bei der Wasser und Nährstoffe mittels Diffusionsprozesse durch eine semipermeable Membran in den Discus gelangen bzw. Stoffwechselschlacken aus der Bandscheibe hinaus. Über Nacht nimmt der Discus Flüssigkeit auf, was dafür sorgt, dass die Bandscheibe an Durchmesser bzw. Höhe gewinnt. Das ist der Grund dafür, warum ein Mensch morgens nach erholsamen Schlaf größer ist als abends, wenn er nach einem anstrengenden Tag zu Bett geht.

Bänder

Bändersystem der Wirbelsäule

Bändersystem der Wirbelsäule

Bild: “Ligaments of Vertebral Column” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0

Ein Bewegungssegment ist nur mit seinen Bandstrukturen funktionell als solches zu verstehen. Sie stabilisieren die Wirbelsäule in der Neutral-Null-Stellung und begrenzen Bewegungen bevor sie in pathologische Ausmaße geraten und empfindliche Strukturen dadurch irritiert oder beschädigt werden können.

Lig. longitudinale posterius

Dieses Ligament entspringt am Klivus des Os occipitale und verläuft die gesamte dorsale Seite der Wirbelsäule entlang bis zum ventralen Rand des Canalis ossis sacri. Auf seinem Weg ist es auf jedem Segment mit dem Anulus fibrosus der Bandscheiben sowie den Randleisten der Wirbelkörper verwachsen. Es dient der Stabilisation des dorsalen Bandscheibenareals und steuert bzw. begrenzt die Flexionsbewegung.

Lig. longitudinale anterius

Das Lig. longitudinale anterius hat seinen Ursprung am Tuberculum anterius atlantis und seinen Ansatz an S1. Es verläuft dabei ventral der Wirbelkörper entlang und ist an selbigen befestigt. Im Gegensatz zum posterioren Längsband ist das longitudinale Ligament nur mit wenigen Fasern mit den Bandscheiben verbunden. Neben seiner stabilisierenden Funktion steuert und begrenzt dieses Band die Extension sowie die Lateralflexion der Wirbelsäule.

Lig. interspinale

Wie es der Name bereits vermuten lässt, verlaufen die Interspinalbänder von Dornfortsatz zu Dornfortsatz benachbarter Wirbelkörper. Sie verbinden sich außerdem mit dem Lig. supraspinale (dorsal) und den Ligg. flava (ventral). In der HWS ist es ein Teil des Lig. nuchae und es dient der Stabilisierung, Steuerung und Begrenzung der Flexion, Lateralflexion und Rotation.

Lig. supraspinale

Dieses Band verläuft von Dornfortsatzspitze zu Dornfortsatzspitze benachbarter Wirbelkörper von C7 bis zum Os sacrum. Es übernimmt dabei die gleichen Funktionen wie das Lig. interspinale, nämlich die Stabilisierung, Steuerung und Begrenzung der Flexion, Lateralflexion und Rotation.

Lig. intertransversarium

Wie das Lig. supraspinale verbindet auch das Lig. intertransversarium die Dornfortsatzspitzen benachbarter Wirbelkörper. Es begrenzt die Flexion, sowie die Lateralflexion.

Lig. flavum

Die Ligg. flava spannen den dorso-lateralen Wirbelkanal aus, indem sie von den Laminae arcus vertebrae zweier benachbarter Wirbel entspringen bzw. inserieren. In der BWS und LWS sind sie mit der Gelenkkapsel der Art. zygapophysialis verbunden. Es zählt zu den kräftigsten Ligamenten der Wirbelsäule und stabilisiert das Wirbelbogengelenk bei der Flexion.

Funktionelle Anatomie

Bewegungsachsen der Wirbelsäule

Die Bewegungsachsen der Wirbelsäule befinden sich in der Bandscheibe. Die Horizontalachse für die Flexion befindet sich ventral, die für die Extension dorsal. Die Sagittalachse für die Lateralflexion befindet sich jeweils seitlich – das bedeute für die Lateralflexion nach links entsprechend nach links, für die Lateralflexion nach rechts entsprechend rechts. Final befindet sich die Longitudinalachse für die Rotation nahezu genau in der Mitte der Bandscheibe.

Flexion und Extension

Führt der Mensch eine Flexionsbewegung der Wirbelsäule aus, werden die Bandscheibe und die ventralen Wirbelkörper komprimiert und die Facies articularis inferior des cranialen Wirbels gleitet nach cranial. In der Biomechanik wird dieses Phänomen Divergenz genannt. Umgekehrt verhält es sich bei der Wirbelsäulenextension: Hierbei werden die dorsalen Abschnitte belastet, das Foramen intervertebrale verengt und die Facetten der Wirbelbogengelenke verriegelt. Diese Bewegung nennt sich Konvergenz.

Lateralflexion und Rotation

Bei der Lateralflexion konvergiert die konkave Seite der Wirbelgelenke, während auf der kontralateralen Seite eine Divergenz stattfindet. Dadurch wird das Foramen auf der Seite verengt, zu der die Lateralflexion ausgeführt wird. Bei der Rotation findet eine kontralaterale Gleitbewegung der Facies articularis superiores statt. In der HWS findet diese Bewegung stets mit einer gekoppelten Lateralflexion statt.

Beispiele aus der Klinik

Krankheiten der Wirbelsäule

Im Sinne der Übersichtlichkeit wird sich in diesem Beitrag auf nur drei Beispiele beschränkt.

Chondrose

Wenn mit fortschreitendem Alter der Wassergehalt im Körper und somit auch der Bandscheibe abnimmt, nimmt der Anteil an Kollagenfasern zu. Dies resultiert in einer Verhärtung des Nucleus pulposus und einem Absinken der Bandscheibenhöhe. Dadurch werden die Deckplatten mehrbelastet und es kommt zur Rissbildung im Anulus fibrosus. Es entsteht eine Sklerosierung oder eine Ruptur des Anulus, was einen Prolaps zur Folge haben kann.

Prolaps (Bandscheibenvorfall)

Bandscheibenvorfall

Bild: “Herniated Intervertebral Disc” von Philschatz. Lizenz: CC BY 4.0

Sind alle Gewebsschichten des Anulus fibrosus rupturiert, tritt der gelartige Nucleus pulposus nach außen und komprimiert empfindliche Gewebe (umgangssprachlich Bandscheibenvorfall). Dringt der Nucleus in den Spinalkanal ein und irritiert dabei den Spinalnerv, kommt es zur Entwicklung von Schmerzen und neuronalen Läsionen wie Parästhesien oder motorischen Lähmungen sowie der Verlust der Blasen-Mastdarm-Funktion abhängig von der Segmenthöhe in der der Prolaps auftritt (Cauda-Equina-Syndrom). Löst sich der Nucleus komplett vom Anulus wird dies Sequester genannt. Dringt der Nucleus nur teilweise vor ohne dass der Anulus eine komplette Ruptur erlitten hat, spricht man in der Medizin von einer Protrusion.

Spinalkanalstenose

Unter der Spinalkanalstenose versteht man ein Einengungsphänomen für das neben einem Prolaps auch Tumore oder Entzündungen mit Ödembildung als Gründe genannt werden können. Es gibt eine zentrale und eine laterale Stenose, abhängig von der Lokalisation des pathogenen Geschehens. Je nach Lokalisation und Ausprägung können Spinalnerv, Rückenmark oder Blutgefäße von der Komprimierung betroffen sein.

Beliebte Prüfungsfragen zur Wirbelsäule

Die Lösungen befinden sich unterhalb der Quellenangaben.

1. Wo befindet sich in der menschlichen Wirbelsäule kein Discus vertebralis?

  1. L1/L2 + L2/L3
  2. Th11/Th12 + Th12/L1
  3. C0/C1 + C1/C2
  4. L4/L5 + L5/S1
  5. Es befindet sich zwischen jedem Wirbelkörper ein Discus vertebralis.

2. In welchen Segmenten ist der Proc. spinosus gespalten?

  1. C1 – C4
  2. C1 – C7
  3. C2 – C7
  4. C2 – C6
  5. C3 – C6

3. Durch welche Struktur verlaufen die Bewegungsachsen eines Wirbelsegments?

  1. Wirbelkörper
  2. Wirbelbogen
  3. Wirbelloch
  4. Wirbelbogengelenk
  5. Bandscheibe

Quellen

Hochschild, J. (2015). Strukturen und Funktionen begreifen Bd. 1: Grundlagen zur Wirbelsäule, HWS und Schädel, BWS und Brustkorb, Obere Extremität. Stuttgart: Thieme.

Netter, Frank H. (2006). Atlas der Anatomie des Menschen – 3. Auflage. Stuttgart: Thieme.

Platzer, W. (1999). Taschenatlas der Anatomie Bd. 1: Bewegungsapparat. Stuttgart: Thieme.

Putz, R. & Pabst, R. [Hrsg.] (2004). Sobotta 1+2 – Atlas der Anatomie des Menschen, limitierte Jubiläumsausgabe. München: Urban & Fischer.

Wirbelsäulen-Operationen via surgical-tribune.com

Lösungen zu den Fragen: 1C, 2D, 3E

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

2 Gedanken zu „Wirbelsäule – Grundlagen der Anatomie

  • Clemen Clar

    Ich schreibe gerade eine vorwissenschaftliche Arbeit in der Schule und bitte um Erlaubnis das Bild „Discus vertebralis: Die Bandscheibe“ in meiner Arbeit abzubilden.

    1. Maria Jaehne

      Hallo Herr Clar,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Rechte an dem Bild gehören nicht uns, sondern dem Autor des E-Books Phil Schatz. Das Bild unterliegt der Lizenz CC BY 4.0. Sie finden es in diesem Link: http://philschatz.com/anatomy-book/contents/m46352.html. Bitte achten Sie vor der Verwendung des Bildes auf die Bestimmungen der Lizenz. Mit der Angabe der Lizenz und des Urhebers sollte es Ihnen möglich sein, das Bild zu nutzen.

      Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen,
      mit freundlichen Grüße,
      Maria Jähne.
      —–
      Redaktion Lecturio Magazin