Der Fall des ehemaligen MDR- Intendanten Udo Reiter hat in Deutschland eine neue Diskussion über den ärztlich assistierten Suizid entfacht. Reiter hatte sich am 9. Oktober 2014 im Alter von 70 Jahren das Leben genommen, nachdem er 47 Jahre seines Lebens als Querschnittsgelähmter im Rollstuhl verbracht hatte. Zuvor hatte der Journalist in öffentlichen Debatten und Talkshows immer wieder die Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids gefordert. Ähnliche Vorschläge kommen nun auch aus den Reihen der großen Koalition, die eine gesetzliche Neuordnung der Sterbehilfe in Deutschland anstrebt . Eine Gruppe Bundestagsabgeordneter, darunter der CDU- Politiker Peter Hintze und der SPD- Politiker Karl Lauterbach, haben ein Positionspapier[1] zur gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe auf den Weg gebracht, in dem sie eine Legalisierung der ärztlich assistierten Selbsttötung unter gewissen Voraussetzungen fordern. Warum dies aus ärztlicher Sicht kein einfaches Unterfangen ist und wie die Positionen von Befürwortern und Gegnern aussehen, erfahren Sie hier.
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Bild: “Hospital” von Jing. Lizenz: CC BY 2.0


Lage in Deutschland

Die Beihilfe zur Selbsttötung, etwa die Bereitstellung eines tödlichen Medikamentes, ist in Deutschland per Gesetz straffrei. Ärztinnen und Ärzten ist Sie jedoch durch die Berufsordnung der Landesärztekammern weitestgehend untersagt. Setzen sie sich darüber hinweg, drohen Sanktionen wie Strafzahlungen oder der Verlust der Approbation.

Straffrei ist für sie hingegen die passive Sterbehilfe. Diese umfasst die Unterlassung oder Unterbrechung lebensverlängernder medizinischer Maßnahmen auf Grundlage einer (vorab verfügten) Willensäußerung des einwilligungsfähigen Patienten (Patientenverfügung) oder des von einem Betreuungsbevollmächtigten oder gerichtlich bestellten  Betreuers  vertretenen mutmaßlichen Patientenwillens .

Ebenfalls straffrei ist die sogenannte indirekte Sterbehilfe, wobei die lebensverkürzende Wirkung einer Therapie (z.B. Verabreichung von Morphin in der finalen Sterbephase) bewusst in Kauf genommen wird.

Unter Strafe steht die als „aktive Sterbehilfe“ bezeichnete aktive Herbeiführung des Todes durch den Arzt.

Diskussionsgegenstand

Einzelne Gruppen wie der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), vertreten durch den Arzt Dr. Michael de Ridder (Buch: „Wie wollen wir sterben“) und die Abgeordnetengruppe um Peter Hintze fordern eine Sanktionsfreiheit für den ärztlich assistierten Suizid unter gewissen Voraussetzungen.

Als Vorbild betrachtet der HVD den „Death with Dignity Act“, der den ärztlich assisitierten Suizid im US- Bundesstaates Oregon regelt. Das Gesetz erlaubt die ärztliche Verschreibung von Natriumpentobarbital (Barbiturat) an Patienten, die

  • zum Zeitpunkt der Verschreibung volljährig und urteilsfähig sind
  • an einer unheilbaren und tödlich verlaufenden Krankheit leiden
  • nach der Prognose zweier unabhängiger Ärzte eine maximale Lebenserwartung von weniger als 6 Monaten haben
  • zweimalig in mündlicher Form binnen 14 Tagen Bedenkzeit nach einem Rezept verlangt haben und dies durch eine schriftliche Willensäußerung in Anwesenheit eines Zeugen bekräftigen

 Stellungnahme der Kritiker

Ablehnung schlägt den Befürwortern des ärztlich assistierten Suizides aus Richtung der Bundesärztekammer entgegen. Ihr Präsident, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery äußerte in einem Interview gegenüber der ARD die Sorge, dass Menschen von dem Angebot Gebrauch machen könnten, denen durch Palliativmedizin noch geholfen werden könnte. Zudem kritisierte der Mediziner, dass durch die Einbindung des ärztlich assistierten Suizids in den ärztlichen Gebührenkatalog die Selbsttötung auf Rezept zukünftig nur noch unzureichend ethisch hinterfragt werden würde.

Problem der objektiven Bewertungskriterien

Ein weiteres Problem ergibt sich aus den von Befürworterseite geforderten Begrenzungskriterien, innerhalb derer der ärztlich assistierte Suizid ermöglicht werden soll.

Hält man sich strikt an die Vorgaben des „Death with Dignity Acts“ des Staates Oregon (s.o.), wären aufgrund des Prognosekriteriums (Lebenserwartung < 6 Monate) nur sehr wenige Patienten mit rasch progredienten Erkrankungen (z.B. Glioblastom, Pankreaskarzinom, kleinzelliges Bronchialkarzinom u.a. Tumorerkrankungen im Endstadium) von der Regelung betroffen. Viele, insbesondere neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, ALS oder Chorea Huntington zeigen hingegen einen schleichenden oder variablen Verlauf, der weniger gut zu prognostizieren ist.

Darüberhinaus ist die Prognose selbst nicht unumstritten. Als statistischer Durchschnittswert der Überlebenszeit nach Diagnosestellung kann sie zwar als orientierende Richtschnur für Patient und Arzt herangezogen werden, im Zweifelsfall aber erheblich nach oben oder unten abweichen. Sie müsste zudem von Medizinern gestellt werden, die mit dem jeweiligen Krankheitsbild und den aktuell zur Verfügung stehenden Therapieregimen vertraut sind.

Auch die Diagnose und die Wahl des Zeitpunktes sind nicht ganz unproblematisch. Insbesondere neurologische Erkrankungen wie Demenzen werden aufgrund einer initial guten Fassade oder Bagatellisierung der Symptome durch den Patienten  häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, in dem die eingeforderte Einwilligungsfähigkeit nicht mehr gegeben sein könnte.

Problem der Subjektivität

In der Forderung nach dem ärztlich assistierten Suizid gehen die Ansichten der Befürworter sehr stark auseinander. Während die meisten Interessenverbände für eine starke Reglementierung eintreten, fordern Einzelpersonen wie der verstorbene Udo Reiter eine prinzipielle Legalisierung auch für solche Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung die Kontrolle über sich selbst verlieren und darüber in eine Abhängigkeit Dritter geraten könnten.

Ähnliche Äußerungen finden sich auch im Positionspapier des HVD. Darin fordern die Autoren die Möglichkeit des ärztlich assistierten Suizids auch für solche Patienten, die an einem „unfalls- oder krankheitsbedingten Zustand leiden, der trotz maximaler Hilfen für den Patienten ein aus seiner Sicht unzumutbares Weiterleben bedeutet.“[2]

Die Überbetonung des subjektiven Patientenwillens und seiner Empfindung von Zumutbarkeit birgt jedoch gewisse Schwierigkeiten:

  • Viele Patienten, die sich plötzlich mit einer schweren Erkrankung konfrontiert sehen, entwickeln Suizidgedanken, ohne diese jedoch in die Tat umzusetzen. Ein ärztlich assistierter Suizid könnte die Hemmschwelle zur Selbsttötung herabsetzen.
  • Aus ärztlicher Sicht ist es nicht immer ersichtlich, ob der Wunsch zu sterben einer nüchternen Überlegung oder einer depressiven Episode entspringt. Zudem ist die Diagnose einer Depression häufig schwierig und nur unter der aktiven Mitarbeit des Patienten durch einen qualifizierten Psychiater möglich.
  • Ein initial geäußerter Patientenwille kann sich im Zuge einer Erkrankung auch ändern, insbesondere dann, wenn durch eine optimale therapeutische Versorgung und Begleitung des Patienten Ängste und Befürchtungen genommen werden können. Der palliativen Versorgung muss daher immer Vorrang vor dem ärztlich-assistierten Suizid gegeben werden.

Problem der  ethischen Grenzverschiebung

In gesellschaftlicher Hinsicht wäre die Legalisierung des ärztlich assistierten Suizides ein ethischer Dammbruch, der eine völlig neue Diskussion über die strafrechtlich verbotene aktive Sterbehilfe nach sich ziehen würde. Fraglich wäre in etwa, wie man bei Patienten mit körperlichen Einschränkungen (z.B. Tetraplegiker) verfahren sollte, die von Beginn an von der Möglichkeit des ärztlich assistierten Suizides ausgeschlossen sind.

Problem der medizinischen Schwerpunktverschiebung

Nicht zuletzt stünde durch den ärztlich assistierten Suizid eine medizinische Alternative zur relativ jungen Palliativmedizin zur Verfügung, die aus ökonomischen Gesichtspunkten vergleichsweise teuer und für viele Kliniken unrentabel ist. Eine breite Öffnung des Zugangs zum ärztlich assistierten Suizid könnte die Palliativmedizin finanziell und personell erheblich schwächen und weitere Fortschritte auf diesem Gebiet verhindern.

Palliativmedizin: Eine Alternative zum ärztlich assistierten Suizid!?

Die Entwicklung und Professionalisierung der Palliativ- und Schmerzmedizin hat zu einer verbesserten Versorgung todkranker Patienten in Deutschland beigetragen. Neben stationären Versorgungseinrichtungen und Hospizen besteht die Möglichkeit der ambulanten palliativmedizinischen Versorgung durch spezialisierte Ärzte und Pfleger, sowie ehrenamtliche Sterbebegleiter, die deutschlandweit in Hospizvereinen organisiert sind.

Aufgabe der Palliativmedizin ist die Begleitung des sterbenden Patienten und seiner Angehörigen durch Maßnahmen der Symptomkontrolle (Schmerztherapie u.a.) und darüberhinausgehende psychosoziale Betreuungsangebote. Hierzu arbeiten Ärzte , Pfleger, Seelsorger und andere Fachgruppen (z.B. Physiotherapeuten, Ergotherapeuten) in interprofessionellen Teams eng zusammen.

Vielen Patienten kann durch dieses Angebot die Angst vor dem Sterben genommen und ein Sterben ohne erhebliches körperliches Leiden ermöglicht werden. In wenigen Fällen, insbesondere bei sehr aggressiven Tumorerkrankungen im Endstadium, die mit großen Schmerzen verbunden sind, ist dies jedoch nicht immer möglich.

Fazit

Der Wunsch nach einem Tod ohne Schmerzen und Leiden ist ein aus medizinischer und menschlicher Sicht verständlicher und nachvollziehbarer Umstand, dem Ärzte und Ärztinnen in ihrem täglichen Handeln nachzukommen versuchen. In den meisten Fällen gelingt ihnen dies auch, in einigen Fällen jedoch nicht.

Eine Forderung der Möglichkeit des straffreien ärztlich assistierten Suizides als Ultima ratio ist vor diesem Hintergrund verständlich, eine Umsetzung aufgrund genannter Problematiken aus Sicht des Autors -insbesondere in Hinblick auf eine gesetzliche Regelung- jedoch nicht möglich.

Ärztinnen und Ärzte sind zunächst dem Leben verpflichtet, das in allen Phasen würdevoll und schützenswert ist. Dies gilt auch in Zeiten der Pflegebedürftigkeit und des nahen Todes. Ihre Aufgabe sollte es daher sein, ihre Patienten bestmöglich zu begleiten und ihnen durch ihr Handeln Ängste  und Sorgen zu nehmen.

Quellen:








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