Als Mediziner werden Sie immer wieder mit psychisch erkrankten Patienten in Kontakt kommen, insbesondere dann, wenn Sie an den Schnittstellen medizinischer Versorgung, etwa im Rettungsdienst, der Hausarztpraxis oder der Notaufnahme tätig sind. Daher ist es wichtig, sich auch mit der Diagnostik psychiatrischer Erkrankungen zu beschäftigen, die aufgrund mangelnder apparativer Objektivierbarkeit maßgeblich über das Anamnesegespräch erfolgt. Im Folgenden geben wir Ihnen einen Überblick, auf welche Symptome Sie im Zusammenhang mit einer psychiatrischen Störung achten sollten und welche Fragen Sie diesbezüglich stellen sollten.
Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann starten Sie doch einfach kostenlos unseren Online-Psychiatrie-Kurs.

psychatrisches anamnesegespräch

Bild: “Boléro” von Alejo. Lizenz: CC BY-SA 2.0


Exploration der menschlichen Seele

Die Diagnose einer psychischen Störung ist eine besondere Herausforderung für den Untersucher, da sie durch verschiedene Umstände erschwert werden kann:

  • Außerhalb des Settings der psychiatrischen Versorgung oder Therapie mangelt es vielen Patienten an einer nötigen Krankheitseinsicht, da sie entweder keinen Leidensdruck empfinden (z.B. manische Episoden) oder unfähig sind, zwischen Realität und Symptomen zu unterscheiden (z.B. psychotische Störungen).
  • Aufgrund der noch immer bestehenden gesellschaftlichen Tabuisierung psychiatrischer Störungen werden Symptome aus Scham verschwiegen.
  • Häufig bestehen Komorbiditäten, sodass nicht nur eine isolierte Störung vorliegt.

Aus diesen Gründen ist es insbesondere in der Akutversorgung wichtig, durch dezidierte Fragen herauszufinden, ob und welche Art einer psychiatrischen Erkrankung vorliegt. Anders als in der somatischen Medizin eignen sich hierzu insbesondere geschlossene Fragen. Symptome, die Sie abklären sollten, sind im Folgenden dargestellt.

Orientierungsstörungen

Orientierungsstörungen können im Zusammenhang mit organischen Erkrankungen (z.B. Demenz) oder als Folge einer Intoxikation (Substanzmissbrauch u.a.) auftreten und sollten in einem psychiatrischen Explorationsgespräch immer erfragt werden. Man unterscheidet dabei verschiedene Qualitäten, die in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sein können:

  • Zeitliche Desorientierung: Das aktuelles Datum, das Jahr, der Monat, der Wochentag und/oder die Jahreszeit sind nicht erinnerbar.
  • Örtliche Desorientierung: Der Patient weiß nicht, wo er sich befindet.
  • Desorientierung zur eigenen Person: Biographische Daten wie der eigene Name, das Geburtsdatum, der Familienstand oder der erlernte Beruf sind nicht erinnerbar.
  • Situative Desorientierung: Dem Patienten gelingt es nicht, die Situation in der er sich befindet richtig einzuordnen.

Fragen, die Sie zur Überprüfung der Orientierung stellen sollten sind:

  • Wie heißen Sie? Können Sie mir Ihr Geburtsdatum nennen? (Orientierung zur Person)
  • Können Sie mir das heutige Datum/den heutigen Wochentag/den Monat/die Jahreszeit nennen? (zeitliche Orientierung)
  • Wissen Sie, wo Sie hier sind? (Örtliche Orientierung)
  • Wissen Sie, warum Sie hier sind? Wissen Sie, wie Sie hierher gekommen sind? (Situative Orientierung)

Beachten Sie: Fragen zur Orientierung können von Patienten, bei denen augenscheinlich keine Orientierungsstörung vorliegt, als despektierlich empfunden werden. Betonen Sie daher die Notwendigkeit Ihres Nachfragens. Eine einleitende Formulierung könnte sein: „Auch wenn Ihnen das seltsam vorkommen mag, muss ich Ihnen die folgenden Fragen stellen.“

Gedächtnisstörungen

Gedächtnisstörungen können bei Demenzen und verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen auftreten und in unterschiedlichem Ausmaß das Kurz- oder Langzeitgedächtnis beeinträchtigen. Darüber hinaus zählen zu den Gedächtnisstörungen:

  • Konfabulationen: Amnestische Erinnerungslücken werden durch erfundene Inhalte aufgefüllt (Vorkommen bei Korsakow-Syndrom)
  • Amnesien: Erinnerungslücken hinsichtlich der Geschehnisse vor (retrograde Amnesie) oder nach (antegrade Amnesie) einem definierten Ereignis (z.B. Unfall, psychisches/somatisches Trauma) oder globale Amnesie (Kombination aus retrograder und antegrader Amnesie). Sonderform: Transiente globale Amnesie (TGA) = plötzlich auftretende temporäre (max. 24h andauernde) globale Amnesie unklarer Genese
  • Paramnesien: verfälschte Erinnerungen. Hierzu zählt auch die Trugerinnerung, eine fremde Situation schon einmal gesehen (Déja vue) oder erlebt (Déja vecu) zu haben.

Die klinische Überprüfung des Gedächtnisses gelingt mit Hilfe eines Merkfähigkeits-Testes: Nennen Sie Ihrem Patienten zu Beginn des Gespräches drei Gegenstände, die er sich einprägen soll. Lassen Sie ihn die  Gegenstände direkt im Anschluss wiederholen (Überprüfung des Kurzzeitgedächtnisses) und fragen Sie im weiteren Gesprächsverlauf (einige Minuten nach der Nennung)  unvermittelt noch einmal danach („Können Sie sich noch an die eingangs erwähnten Gegenstände erinnern?“).

Denkstörungen

Störungen des Denkens können den Denkprozess (formale Denkstörungen) oder den Gedankeninhalt betreffen (inhaltliche Denkstörungen).

Formale Denkstörungen

Formale Denkstörungen fallen u.U. bereits durch die Art der Artikulation auf und werden in unterschiedliche Entitäten eingeteilt:

  • Denkverlangsamung: Verlangsamung des Denkablaufs, die bereits an der langsamen Sprache erkennbar sein kann, Vorkommen z.B. bei Depression
  • Denkhemmungen: Denkverlangsamung durch einen subjektiv wahrgenommenen inneren Widerstand
  • Umständliches Denken: Fehlende Fähigkeit zur Differenzierung zwischen wichtigen und unwichtigen Gedankeninhalten, Vorkommen z.B. bei Schizophrenie
  • Eingeengtes Denken: Das Denken ist auf wenige Themen fixiert, Vorkommen z.B. bei Depression
  • Perseverationen: ständige Wiederholung eines Gedankens, der evtl. auch krankhaft artikuliert wird (Verbigeration)
  • Grübeln: ständiges Nachsinnen über ein emotional belastendes Thema, Vorkommen bei Depression
  • Gedankendrängen: subjektiv empfundenes Aufdrängen immer neuer Gedankeninhalte
  • Ideenflucht: sprachlicher Ausdruck des Gedankendrängens, der durch die Artikulation immer neuer gedanklicher Assoziationen mit häufigem Themenwechsel und ununterbrochenem Redefluss gekennzeichnet ist, Vorkommen z.B. bei Manie
  • Vorbeireden: Nichtbeantwortung oder inhaltlich inadäquate Beantwortung einer vom Untersucher gestellten Frage, obgleich diese vom Patienten inhaltlich verstanden wurde, Vorkommen bei Schizophrenie
  • Gedankenabreißen: Plötzlicher Verlust eines Gedankenganges, erkennbar durch ein plötzliches Innehalten im Gespräch
  • Inkohärentes/zerfahrenes Denken: Unlogische Aneinanderreihung von Sätzen oder Satzbausteinen, Vorkommen bei Schizophrenie
  • Neologismen: Wortneubildungen

Inhaltliche Denkstörungen

Inhaltliche Denkstörungen betreffen nicht den prozessualen Gedankenablauf, sondern die Gedankeninhalte. Zu ihnen gehören der Wahn und Zwänge.

Wahn: Der Wahn ist eine Fehlinterpretation der Realität, von der der Patient trotz überprüfbarer Unvereinbarkeit mit der Wirklichkeit absolut überzeugt ist. Entsprechend ist er nicht durch Dritte korrigierbar. Ausdrucksformen des Wahns sind:

  • Wahnstimmung: Die Wahnstimmung äußert sich als bedrohlich empfundenes unbestimmbares Gefühl, dass „irgend etwas nicht stimmt“.
  • Wahnwahrnehmung: Die Wahnwahrnehmung ist eine unkorrigierbare Fehlinterpretation von Sinneswahrnehmungen. Unbedeutenden Geschehnissen oder Beobachtungen wird eine übersteigerte Bedeutung zugemessen.
  • Wahneinfall/Wahnidee: Wahneinfälle sind plötzlich auftretende wahnhafte Ideen, ohne vorausgegangene Sinneswahrnehmung.
  • Systematischer Wahn: Verschiedene Wahneinfälle bzw. Wahninhalte werden in einem für den Patienten logischen Erklärungsgefüge miteinander verknüpft.
  • Beziehungswahn: Geschehnisse und Sinneswahrnehmung werden in krankhafter Weise in Bezug zur eigenen Person gebracht. Beispiel: „Das Flackern der Straßenlaterne möchte mir etwas mitteilen.“
  • Beeinträchtigungswahn: Der Betroffene ist überzeugt, dass (eine) andere Person(en) ihn zu beeinträchtigen/schädigen versucht. Hierunter fallen auch der Vergiftungs- und der Verfolgungswahn (Vorkommen bei Schizophrenie).
  • Eifersuchtswahn: Der Eifersuchtswahn ist die wahnhafte Überzeugung der Untreue des Lebenspartners mit daraus folgender unbegründeter Eifersucht.
  • Schuldwahn: Beim Schuldwahn ist der Betroffene der krankhaften Überzeugung, sich versündigt zu haben.
  • Verarmungswahn: Betroffene haben die unbegründete Befürchtung, ihre finanzielle Existenz sei in Gefahr.
  • Hypochondrischer Wahn: Unkorrigierbare Überzeugung an einer schweren, meist unheilbaren Erkrankung zu leiden.
  • Größenwahn: Der Größenwahn ist die krankhafte Selbstüberhöhung der eigenen Person.

Zwänge: Zwänge sind sich unwillkürlich aufdrängende und als störend empfundene Gedanken oder Handlungen, denen sich der Betroffene nicht entziehen kann. Der Versuch, sie zu unterdrücken resultiert in Anspannung und Angst. Je nach Ausprägung unterscheidet man:

  • Zwangsgedanken
  • Zwangsimpulse: Zwangsimpulse sind als unangenehm empfundene Handlungsimpulse, denen jedoch nicht nachgegeben wird.
  • Zwangshandlungen, z.B. Waschzwang

Halluzinationen

Halluzinationen sind Sinnestäuschungen, die jede Sinneswahrnehmung betreffen können. Entsprechend unterscheidet man u.a.:

  • Akustische Halluzinationen: Akustische Halluzinationen bezeichnen die Wahrnehmung von Geräuschen (Akoasmen) oder Stimmen ohne einen adäquaten akustischen Reiz, typisches Vorkommen bei Schizophrenie.
  • Optische Halluzinationen: Sehen von Lichtblitzen, Farben, Tieren oder Personen ohne entsprechendes Korrelat und ohne Vorliegen einer organischen Störung.
  • Körperhalluzinationen (Zönästhesien): Zönästhesien sind bizarre Empfindungsstörungen, bei denen der Körper oder einzelne Organe als verändert wahrgenommen werden.
  • Olfaktorische Halluzinationen: Wahrnehmung von meist als unangenehm empfundenen Gerüchen (z.B. nach Fäulnis/Verwesung).
  • Gustatorische Halluzinationen: Geschmackswahrnehmungen

Ich-Störungen

Ich-Störung bezeichnet die krankhafte Störung der Ich-Integrität. Zu ihr gehört:

  • die Depersonalisation: Betroffene kommen sich selbst entfremdet vor.
  • die Derealisation: Hier wird nicht die eigene Person, sondern die Umwelt als fremd wahrgenommen.
  • Gedankenausbreitung: Betroffene sind davon überzeugt, dass Dritte Zugriff auf ihre Gedanken haben und die Inhalte ihrer Gedanken kennen.
  • Gedankenentzug: Der Patient gibt an, dass ihm seine Gedanken von einer anderen Person entzogen würden.
  • Gedankeneingebung: Hierbei ist der Patient der Überzeugung, seine Gedanken würden ihm von einer anderen Person oder Instanz eingegeben und kontrolliert.

Merke: Gedankenausbreitung, Gedankenentzug und Gedankeneingebung sind typische Symptome einer Schizophrenie und sollten bei Verdacht immer erfragt werden.

 Störungen der Affektivität

Während der Affekt eine augenblickliche Gestimmtheit (z.B. Freude, Wut, Hass, Zorn) beschreibt, umfasst die Affektivität die Gesamtheit des Gefühlslebens einschließlich seiner Dynamik über einen längeren Zeitraum hinweg. Störungen der Affektivität können sich äußern als

  • Affektarmut: Verminderung der Fähigkeit, Gefühle (positive wie negative) zu empfinden, deren ausgeprägteste Form das „Gefühl der Gefühllosigkeit“ darstellt, Vorkommen bei Depression.
  • Anhedonie: Freudlosigkeit, Vorkommen bei Depressionen
  • Affektlabilität: Die Affektlabilität beschreibt den schnellen Wechsel der emotionalen Gestimmtheit.
  • Affektinkontinenz: Patienten mit Affektinkontinenz haben eine mangelnde Affektkontrolle, die sich in einer übersteigerten Affektäußerung       wie plötzlichem Lachen oder Weinen ausdrückt
  • Affektstarre: Die Affektstarre beschreibt die Unfähigkeit der situationsangepassten Affektmodulation. Patienten mit Affektstarre verweilen in einer Stimmung, ohne diese den veränderten situativen Gegebenheiten anpassen zu können, Vorkommen bei Schizophrenie.
  • Parathymie: Hierbei steht der Affekt im Gegensatz zum Erlebnisinhalt. Beispiel: Der Patient berichtet lachend über den Tod des Ehepartners.
  • Ambivalenz: Gleichzeitiges Empfinden gegensätzlicher Stimmungen.

Antriebsstörungen

Der Antrieb umfasst die Energie und Initiative einer Person und kann psychopathologisch vermindert (Antriebshemmung, z.B. bei Depression) oder gesteigert sein (z.B. bei Manie).

Suizidalität

In jedem psychiatrischen Erstgespräch sollte auch nach Suizidgedanken oder vorausgegangenen Suizidversuchen gefragt werden, um eine etwaige Selbstgefährdung des Patienten frühzeitig zu erkennen und abwenden zu können.

Vom Symptom zur Diagnose

Der in der Erstkonsultation erhobene psychopathologische Befund erlaubt eine syndromale Einordnung der vorliegenden Störung (z.B. depressives Syndrom). Eine konkrete Diagnose anhand der gängigen Klassifikationssysteme (ICD10 und DSMIV) ist in der Regel jedoch noch nicht möglich und bedarf der weiteren fachärztlichen Abklärung.

Zur Differenzialdiagnose möglicher somatischer Ursachen sollte begleitend zur Exploration eine umfassende körperliche Untersuchung unter Zuhilfenahme labordiagnostischer (z.B. Schilddrüsenwerte) und apparativer bildgebender Verfahren (CCT, CMRT) durchgeführt werden.

Fazit

Die Kenntnis psychopathologischer Symptome ist hilfreich in der klinischen Praxis und häufig Gegenstand von Examensprüfungen. Es lohnt sich also, sich mit diesen Themen frühzeitig vertraut zu machen.





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *