Während die meisten Menschen die Gesundheit von sich und ihren Familienangehörigen als ein wertvolles Gut schätzen und um jeden Preis erhalten wollen, gibt es auch Personen, die auf das genaue Gegenteil aus sind. Sie machen ihre eigenen Kinder mit Absicht krank und ziehen aus der Abhängigkeitssituation eine unheimliche Befriedigung. Bestsellerautorin Gilian Flynn thematisiert das sogenannte Münchhausen-by-Proxy-Syndrom in dem Thriller „Cry Baby“, aber es ist alles andere als nur Fiktion. Erfahren Sie hier mehr zu dem unfassbaren Phänomen.

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Bild: “Notaufnahme Kinder Kinderklinik Kinderkrankenhaus” von blu-news.org. Lizenz: CC BY 2.0

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Subtile Kindesmisshandlung

Die ersten Fälle des Münchhausen-by-Proxy-Syndroms wurden Ende der 70er Jahre berichtet. 1977 beschrieb der britische Kinderarzt und Wissenschaftler Roy Meadow zwei Fälle von Müttern, die daran litten. Die eine vergiftete ihr Baby so lange mit Salz, bis es schließlich mit 15 Monaten starb, die andere mischte ihren Urin mit dem ihres Kindes, um falsche Untersuchungsergebnisse zu erhalten und weitere Diagnostik zu erzwingen.

Im Unterschied zum schon früher beschriebenen Münchhausen-Syndrom, bei dem die Betroffenen selbst Symptome vorspielen, übernimmt hier also eine zweite Person diese Rolle. „By proxy“ bedeutet dabei so viel wie „stellvertretend“, weshalb man die Störung auch „Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“ nennen kann. Dabei ist der Begriff aber mit Vorsicht zu genießen, da den Opfern fast immer eine passive Rolle zukommt und die Störung nicht bei ihnen liegt.

Die Formen des Missbrauchs sind vielfältig und ausgeklügelt. Manche Mütter brechen ihren Kindern die Knochen, andere füttern sie mit giftigen Lebensmitteln oder Medikamenten oder drücken ein Kissen auf das Gesicht, sodass es zu Atemstillständen kommt. Sie infizieren Wunden absichtlich mit Dreck oder spritzen Flüssigkeiten unter die Haut, sodass es zu Ausschlägen und Ödemen kommt.

Mütter mit zwei Gesichtern

Sorgsame Mutter vor anderen und gewalttätiges Monster zuhause – das sind die zwei Gesichter der Betroffenen. Oft freunden sich die Mütter schnell mit Ärzten und Pflegepersonal an und teilen mit Ihnen die Sorge um die Genesung. Sie opfern sich auf, sind ständig im Krankenhaus und binden sich stark in den Behandlungsprozess mit ein. Dabei genießen sie in vollen Zügen etwas, was sie in ihrem restlichen Leben schmerzlich vermissen – Aufmerksamkeit.

Das ist auch die Hauptmotivation der betroffenen Mütter, ihren Kindern derartiges Leid zuzufügen. Meist leben sie getrennt vom Kindsvater und sind sozial isoliert. Es fällt ihnen schwer, stabile Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen und sich dort die nötige Bestätigung zu holen. Dies kann man als übertragenen, sekundären Krankheitsgewinn betrachten.

Oft haben die Täterinnen medizinisches Vorwissen, so arbeitet etwa ein Drittel der Betroffenen in medizinischen Berufen. Diese Kombination aus dem starken Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und dem nötigen Wissen ist die gefährliche Grundlage für die Störung, die durch die Weltgesundheitsorganisation zu den artifiziellen Störungen gezählt wird. Nicht selten haben auch die Täterinnen in ihrer Vergangenheit schon Missbrauch erfahren oder waren sehr oft im Krankenhaus.

Zwischen den Charakteren, die diese Form von Missbrauch betreiben, kann man drei Typen unterscheiden (Libow und Schreier, 1986): Hilfesuchende (Help Seekers), Arztabhängige (Doctor Addicts) und aktive Verursacher (Active Inducers). Hilfesuchende Mütter sind oft ängstlich-depressive Persönlichkeitstypen, die aus einer Gewaltsituation oder Überforderung flüchten. Bekommen sie dann Hilfe, unterlassen sie den Missbrauch meist, da es ihnen vor allem darum geht, Fürsorge und Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die Arztabhängigen wandern mit ihren häufig schon älteren Kindern häufig von Arzt zu Arzt. Sie erfinden Symptome und brechen Behandlungen häufig ab, vor allem psychatrische Maßnahmen. Die aktiven Verursacher schließlich greifen gezielt ein, um bei ihrem Kind Symptome zu provozieren und wehren sich dann gegen Therapien.

Selten, aber auch selten erkannt

Da es sich um eine seltene Krankheit handelt, gibt es auch wenige Studien dazu. In einer aufwändig angelegten Studie befragten der Würzburger Psychatrieprofessor Martin Krupinski mit seinem Team 379 Kliniken in Deutschland.

Etwa die Hälfte der Kliniken nahmen teil und sie kamen zu folgendem Ergebnis: in dem Beobachtungszeitraum von 11 Jahren waren 190 Fälle dokumentiert, in denen der Verdacht auf das Münchhausen-by-proxy-Syndrom bestand, in der Hälfte dieser Fälle war es sogar gesichert.

Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, was vielfältige Gründe hat. Zum einen wählen die Mütter immer recht unspezifische Symptome, die auf viele Krankheiten passen können und die Diagnose erschweren. Da sie sich oft außergewöhnlich gut im medizinischen Bereich auskennen oder sogar in einem medizinischen Beruf arbeiten, wirkt die Geschichte oft plausibel und ist schwer zu durchschauen. Durch die freie Arztwahl in Deutschland kann die Behandlung abgebrochen werden, sobald die Täterin Verdacht schöpft, entlarvt zu werden.

Zum anderen besteht auf Seiten des medizinischen Personals Unsicherheit bei der Diagnose. Es gibt fließende Übergänge der Symptome zu anderen psychischen Störungen wie somatoformen und hypochondrischen Störungen. Oft wird auch ein noch nicht erkanntes oder atypisches Beschwerdebild angenommen.

So kann gehandelt werden

Wenn der Verdacht auf das Vorliegen eines Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms besteht, ist ein sorgfältiges Vorgehen gefragt. Ohne eine vertrauensvolle Beziehung wird es sehr schwer, die Mutter zu einer Behandlung zu überreden und sie nicht zu vergraulen, sodass man letztendlich gar keine Interventionsmöglichkeiten mehr hat, weil sie den Arzt wechselt oder gar umzieht. Andererseits muss man auch den Schaden für das Kind abwenden. Das ist eine gefährliche Gratwanderung.

Der sicherste Beweis sind wohl Videoaufnahmen, auf denen die Täterinnen ertappt werden. Diese Idee konnte vor knapp 20 Jahren der Londoner Pädiater Christian Poets durchsetzen und überführte so einige Mütter.

Während das Thema Überwachungskameras in Krankenhäusern in den USA und Großbritannien inzwischen recht liberal behandelt wird, zögert man in Deutschland noch mit der Umsetzung. In jedem Fall müsse man Hinweisschilder im Flur installieren, um die Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzen, und so wären die Täterinnen bereits gewarnt.

Letztliche Intervention muss in enger Absprache mit Behörden erfolgen und reicht von psychiatrischer Betreuung, zeitweiser Trennung von Täter und Opfer bis hin zur Einschränkung des Sorgerechts.

Diese Fakten lassen auf das Syndrom schließen

Das wichtigste ist sicherlich, Menschen für das Phänomen zu sensibilisieren, sodass vielleicht auch das Umfeld auf den Missbrauch aufmerksam wird. Es gibt bestimmte Anzeichen, die an ein Münchhausen-by-Proxy-Syndrom denken lassen sollten:

  • Unbeständige Krankengeschichte, die von unterschiedlichen Fürsorgenden anders erzählt wird.
  • Symptome, die nur in Anwesenheit eines Elternteils auftreten.
  • Der Gesundheitsstatus verbessert sich in Abwesenheit der Mutter.
  • Eltern reagieren zu gelassen für die Schwere der Erkrankung.
  • Eltern sind außergewöhnlich gut informiert über die Erkrankung.
  • Eltern beobachten die Angestellten und sind überdurchschnittlich oft anwesend.
  • Eltern haben eine Vorgeschichte mit Missbrauch oder einer Essstörung in der Vergangenheit.

Quellen und Literatur zum Thema

AWMF: S2 Leitlinie Kinderschutz

Dt. Ärzteblatt: Artifizielle Störungen: Rätselhaft und gefährlich

AMBOSS, Miamed GmbH






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Ein Gedanke zu „Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom – Wenn Eltern ihre Kinder absichtlich krank machen

  • sadlowski

    Bei schwerkranken kindern erfolgt aber auch eine Fehleinschätzung durch die aerzte. Die familie wird bei muenchhausen syndrom zu unrecht auseinandergerissen.
    Das jugendamt wird der arzt.
    Das jugendamt nutzt zur not auch die ausbeitung des eigentums der familie–für anwaltskosten–um die familie
    seelisch und finanziell zu ruinieren.