EKGs begegnen jedem Mediziner im klinischen Alltag und sind häufig Gegenstand von Prüfungen.  Für uns Grund genug, Ihnen einen Befundungsalgorithmus an die Hand zu geben, mit dessen Hilfe die EKG-Interpretation gelingt. Lernen Sie die 7 Schritte zum Befunden eines EKGs und testen Sie ihr Wissen anhand einer EKG-Quizaufgabe.
Aufzeichnung Herzfrequenz

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Schritt 1: Die Frequenz

Die Herzfrequenz lässt sich aus der Schreibgeschwindigkeit und dem Abstand zweier R-Zacken bestimmen. Es gibt zwei Schreibgeschwindigkeiten: 25 oder 50 mm/s. Bei 50 mm/s entspricht eine Minute einer Streifenlänge von 3000 mm oder einer Anzahl von 600 großen Kästchen (ein großes Kästchen gleich 5 mm) entspricht:

Herzfrequenz (Schläge/Min) = 600 / Anzahl der großen Kästchen zwischen zwei R-Zacken

Einfacher lässt sich die Herzfrequenz mit Hilfe eines EKG-Lineals bestimmen, an dessen Skala Sie die Frequenz ganz einfach ablesen können.

Herzfrequenz

Schritt 2: Der Rhythmus

Wenn Sie sich dem Rhythmus zuwenden, sollten Sie darauf achten, ob P-Wellen als Zeichen der Vorhoferregung vorhanden sind. Folgt jeder P-Welle ein QRS-Komplex, so handelt es sich um einen Sinusrhythmus. Sind die P-Wellen unregelmäßig, so liegt eine Sinusarrythmie vor. Fehlen die P-Wellen, kommen zum Beispiel folgende Differenzialdiagnosen in Betracht:

  • Vorhofflimmern: Das Flimmern ist charakterisiert durch niedrigamplitudige Flimmerwellen mit hoher Frequenz.
  • Vorhofflattern: Flatterwellen sind sägezahnartig konfiguriert.
  • Sinusarrest mit Ersatzrhythmus: Die Erregung der Vorhöfe erfolgt retrograd durch andere Zentren als den Sinusknoten. In diesem Falle zeigt sich eine Bradykardie mit schmalen QRS-Komplexen, jedoch ohne P-Wellen (QRS-Komplexe und P-Wellen fallen zusammen).

Schritt 3: Der Lagetyp

Die Lagetypbstimmung kann kompliziert mit Hilfe des Cabrera-Kreises oder anhand der Ausschläge des QRS-Komplexes in den Extremitätenableitungen (I, II, III) bestimmt werden. Da die zweite Methode einfacher ist, merken Sie sich die folgenden Faustregeln:

  • überdrehter Rechtstyp: Ausschläge in Ableitung  I und II negativ, in III positiv
  • Rechtstyp: Ausschläge in Ableitung  I negativ, in II und III positiv
  • Steiltyp: alle Ausschläge positiv mit R in III > R in I
  • Indifferenztyp: alle Ausschläge positiv mit R in I > R in III
  • Linkstyp: Ausschläge in Ableitung III negativ, in I und II positiv
  • überdrehter Linkstyp: Ausschläge in Ableitung II und III negativ, in I positiv

Schritt 4: Die Überleitungszeit (PQ-Zeit)

Die normale Überleitungszeit vom Vorhof auf die Kammern beträgt 120 – 200 ms (0,12 – 0,2s). Eine gleichbleibende PQ-Zeit > 200ms entspricht einem AV-Block 1. Grades.

AV-Block

Schritt 5: Die Kammererregung (QRS-Komplex)

Der normal konfigurierte QRS-Komplex hat eine kleine negative Q-Zacke (Amplitude < ¼ der R-Zacke) sowie eine schmale R- und S-Zacke. Die physiologische QRS-Dauer beträgt 60 – 100 ms (0,06 – 0,1 s). Verbreiterte und deformierte QRS-Komplexe finden sich bei

  • ventrikulären Extrasystolen (VES; keine vorausgehende P-Welle),
  • Störungen des Reizleitungssystems.

Störungen des Reizleitungssystems

Schritt 6: Die Rückbildung

Die Erregungsrückbildung umfasst die ST-Strecke und die T-Welle (Repolarisation der Kammern). Die normgerechte ST-Strecke hat einen isoelektrischen Verlauf. Pathologisch sind hingegen Hebungen und Senkungen der ST-Strecke > 1 mm in den Extremitätenableitungen und > 2 mm Brustwandableitungen.

Als wichtigste Ursachen der ST-Hebung sollten Sie sich den Akuten Myokardinfarkt (AMI) und die Akute Perikarditis einprägen. Beim AMI mit ST-Streckenhebung (STEMI) nimmt die ST-Strecke ihren Ausgang aus dem absteigenden Anteil der R-Zacke, bei der Perikarditis hingegen aus dem aufsteigenden Schenkel der S-Zacke.

Merke: Hinweis auf einen STEMI sind ST-Hebungen aus dem absteigenden Anteil der R-Zacke in mindestens zwei Extremitätenableitungen (Amplitude > 0,1 mm) oder zwei benachbarten Brustwandableitungen (Amplitude > 0,2 mm).

ST-Strecken-Senkungen > 1 mm mit muldenförmigem, horizontalem oder absteigendem (deszendierendem) Verlauf gelten als pathologisch und deuten auf eine akute Ischämie hin. Muldenförmige Senkungen finden sich zudem unter Digitalis-Therapie.

Störungen der Repolarisation äußern in einer veränderten Konfiguration der T-Welle. Mögliche Pathologien sind

  • Zeltförmige Überhöhungen als Zeichen einer Hyperkaliämie
  • T-Negativierungen: Die Ursachen der T-Negativierung sind vielfältig und reichen vom Akuten Myokardinfarkt bis hin zur Lungenembolie. Eine Beurteilung des Befundes sollte daher immer in Zusammenschau mit dem übrigen EKG und der Klinik des Patienten erfolgen.
Beachte: T-Negativierungen sind nicht per se pathologisch. Sie finden sich obligat in Ableitung aVR und können fakultativ auch in Ableitung III, V1 und V2 auftreten, ohne dass ihnen ein Krankheitswert zugemessen wird.

Schritt 7: Der R/S-Umschlag

Normalerweise nimmt die Höhe der R-Zacken über den Brustwandableitungen zu, während die S-Zacke an Tiefe abnimmt und in V6 völlig fehlt. Dabei gilt als Umschlag der Bereich, innerhalb dessen R größer wird als S (normalerweise zwischen V2 und V3 oder V3 und V4). Ist dem nicht so, spricht man von einer Verzögerung der R-Progression. Diese kann Hinweis auf einen Myokardinfarkt oder eine Linksherzhypertrophie sein.

Alle 7 Schritte zum EKF-Befund im Überblick

Um sich einen guten ersten Eindruck von einem EKG machen zu können, genügen diese sieben Schritte. Hier finden Sie die Schritte noch einmal schematisch dargestellt:

EKG in 7 Schritten

 

Bei alledem sollten Sie nicht vergessen: Eine EKG-Befundung ist komplex. Nicht ohne Grund wurden zahlreiche Abhandlungen und Bücher darüber geschrieben. Ein EKG in sieben Schritten zu befunden, ist nur näherungsweise möglich.

In diesem Sinne versteht sich die dargestellte Anleitung auch nicht als vollständig. Sie soll Ihnen vielmehr eine Erleichterung bei der Herangehensweise an die EKG-Befundung verschaffen, die Ihnen in Klinik und Prüfung hilft, einen systematischen Befund zu erheben.

Übung macht den Meister

Zum Abschluss eine kleine Quizaufgabe. Die richtige Lösung finden Sie weiter unten.

EKG_Quiz_2

Zum Weiterlesen

  • Ralph Haberl (2013): EKG pocket. Börm Bruckmeier Verlag
  • Trappe, Schuster (2013): EKG-Kurs für Isabel. Thieme Verlag
  • von Karais, Trautmann (2010): Die 50 wichtigsten Fälle EKG. Elsevier Verlag

 

Richtige Antwort: C

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Ein Gedanke zu „So befunden Sie ein EKG in 7 Schritten

  • shiba

    sehr gut