Das Schultergelenk ist das beweglichste Gelenk unseres Körpers. Da es ein muskelgeführtes und -stabilisiertes Gelenk ist, ist es sehr anfällig für Instabilitäten oder entzündliche Prozesse. Ärzte müssen über die muskuläre Stabilisation des Schultergelenkes sowie der funktionellen Anatomie sehr genau Bescheid wissen. Jeder von uns weiß sicher oder kann sich zumindest gut vorstellen, dass ein Leben ohne frei bewegliche Schultergelenke mühsam wenn nicht gar unmöglich ist. Es wird bei der Gruppierung der Muskeln zwischen der Muskulatur der Schulter und der Muskulatur des Oberarmes unterschieden.

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Bild: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0


Die Rotatorenmanschette: Ein Blick auf die Anatomie

Beschriftete Abbildung des Muskels, der den Oberarmknochen bewegt

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Die Rotatorenmanschette ist mitunter das wichtigste Muskelsystem zur Stabilisation und Bewegungsfunktion des Schultergelenkes.

Diese Muskelgruppe besteht aus vier Skelettmuskeln: Musculus supraspinatus, Musculus infraspinatus, Musculus teres minor und Musculus subscapularis.

Die Sehnen dieser Muskeln sind breitflächig und haben unmittelbaren Kontakt mit dem kapsuloligamentären System; sie sind teilweise sogar mit ihm verwachsen. In älterer Fachliteratur wird der Musculus biceps brachii funktionell zur Rotatorenmanschette dazugezählt, dies ist allerdings nicht korrekt.

Musculus supraspinatus

Der Musculus supraspinatus entspringt von der Fossa supraspinata scapulae und inseriert an der oberen Facette des Tuberculum majus. Er wird durch den Nervus suprascapularis (C4-C6) innerviert.

Seine Funktion sind Abduktion und Außenrotation des Schultergelenkes, sowie die Depression des Humeruskopfes in der Neutral-Null-Position. Weiterhin zentriert er den Humeruskopf in die Cavitas glenoidalis und verhindert synergetisch mit den Musculus deltoideus eine Subluxation nach caudal.

Besonderheiten des Musculus supraspinatus

Die oberflächlichen Fasern der Sehne sind mit dem tiefen Blatt der Bursa subacromalis verbunden, während die tiefen Fasern mit der Membrana fibrusa und den oberflächlichen Anteilen des Ligamentum coracohumerale verwachsen sind. Dadurch hat der Muskel einen extrem hohen Einfluss auf viele kapsuloligamentären Strukturen, was funktionell aber nicht nur Vorteile bringt. Der Muskel reagiert daher auch auf Läsionen der Strukturen mit denen er in Verbindung steht. Folglich wird häufig eine Störung des Muskels selbst diagnostiziert, obwohl er selbst nicht die Ursache der primären Problematik darstellt.

Funktionelle Hinweise zum Musculus supraspinatus

Der Musculus supraspinatus spielt eine zentrale Rolle bei der skapulohumeralen Balance der Rotatorenmanschette und ist daher besonders störanfällig für Muskelhartspänne mit aktiven Triggerpunkten. Dies resultiert in Störungen im koordinativen Ablauf der Gelenkbewegungen sowie der Stabilisierung des Humeruskopfes in der Gelenkpfanne.

Klinische Hinweise zum Musculus supraspinatus

Beschriftete Abbildung der Arterien, der oberen Extremitäten

Bild: „Thoracic Upper Limb Arteries“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der Muskel ist sehr häufig von sogenannten Tendopathien betroffen. Eine Tendopathie ist eine primär nicht-entzündliche, degenerative Erkrankung von Sehnen und Sehnenansätzen deren Genese u.a. eine Vaskularisationsstörung sein kann.

Bezüglich der arteriellen Durchblutung des Muskels sollten Mediziner folgendes wissen: die Sehne wird durch einen Ast der Arteria circumflexa humeri (distal) und durch die Arteriae suprascapularis (proximal) versorgt.

Bei herabhängendem Arm und Adduktion des Gelenkes kann es durch den hohen Anpressdruck durch das Caput humeri zu einer ungünstigen Stauung der Gefäße und bei längerem Andauern zu einer Mangelversorgung der Strukturen. Dies sollte dringend bedacht werden, sollte der Patient über lange Zeit in dieser Position gelagert oder fixiert werden.

Eine weitere Ursache für eine Tendopathie ist die Verletzung des Gewebes durch abnormen Abrieb in einem verengten Subakromialen Gleitraum.

Bei der sogenannten Tendinosis calcerea kommt es zu einer unnatürlichen Ansammlung von Kalk im Schultergelenk, wobei die Supraspinatussehne am häufigsten von diesem Phänomen betroffen ist. Unter Umständen kann der Kalk die Bursa subacromialis oder die Gelenkkapsel infiltrieren, was zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führt.

Musculus infraspinatus

Der Ursprung des Musculus infraspinatus ist die Fossa infraspinata der Scapula. Er setzt an der mittleren Facette des Tuberculum majus an und macht eine Extension und Außenrotation, sowie Add- und Abduktion bei aktiver Innervation durch den Nervus suprascapularis (C4-C6). Außerdem stabilisiert er das Gelenk durch seine Verbindung mit der dorsalen Kapsel und zentriert den Humeruskopf in die Cavitas.

Besonderheiten des Musculus infraspinatus

Im Insertionsbereich ist der Infraspinatus mit Faseranteilen des Musculus teres minor verwachsen und teilt dadurch die extensorische als auch außenrotatorische Funktionskomponente.

Funktionelle Hinweise zum Musculus infraspinatus

Der Infraspinatus kann weiterhin sowohl Add- als auch Abduktion, da sein Faserverlauf die Achse unterschiedlich durchläuft. Die caudalen Faseranteile bewirken durch den caudalen Verlauf durch die Sagittalachse eine Adduktion, während die kranialen Faseranteile durch den cranialen Verlauf durch die Sagittalachse für die Abduktion verantwortlich sind.

Klinische Hinweise zum Musculus infraspinatus

Ungewohnte kurzfristige Bewegungen können dem Infraspinatus sehr schnell schmerzhaft irritieren. Solche Bewegungen sind z.B. das Abfangen eines Sturzes oder schnelles Greifen nach hinten. Patienten beschreiben folglich Schmerzen bei Extension und Adduktion oder sind nicht mehr in der Lage auf der betroffenen Seite zu liegen. Bei einem derartigen Symptombild sollte dem Patienten zur Schonung sowie entspannender Lagerung beim Schlafen geraten werden.

Musculus teres minor

Der sogenannte „kleine Bruder des Teres major“ hat seinen Ursprung am mittleren Abschnitt der Margo lateralis scapulae und inseriert mit der caudalen Facette des Tuberculum majus. Er wird durch den Nervus axillaris (C5-C6) motorisch innerviert. Neben seiner humeruskopfzentrierenden Funktion agiert er als Extensor und Außenrotator, sowie Adduktor des Schultergelenkes.

Besonderheiten des Musculus teres minor

Abbildung der Venen der oberen Extremitäten

Bild: „Thoracic Upper Limb Veins“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Einige der tiefen Fasern sind kurz vor dem Muskelansatzpunkt mit der Gelenkkapsel verwachsen und findet dort eine direkte Verbindung mit dem Musculus infraspinatus. Dadurch teilen sie sich die extensorische und außenrotatorische Funktionskomponente.  Er ist Teil der sogenannten lateralen Achsellücke. Diese dient als Durchlassöffnung für den Nervus axillaris und die Arteria circumflexa humeri posterior mit dessen Begleitvene und Lymphgefäß.

Funktionelle Hinweise zum Musculus teres minor

Er unterstützt die Adduktionsbewegung durch die Zugrichtung von medial nach lateral sowie seiner caudalen Überkreuzung der Sagittalachse.

Klinische Hinweise zum Musculus teres minor

Bei einer morphologischen Veränderung mit Ödematisierung kann die laterale Achsellücke enger werden und die durch sie hindurchlaufenden Strukturen irritieren. Wird dabei insbesondere der Nervus axillaris irritiert resultiert dies in motorischer Funktionseinschränkung von Musculus teres minor und Musculus deltoideus, sowie Sensibilitätsstörungen der Haut der seitlichen Schulterregion.

Musculus subscapularis

Abbildung des Muskels, der den Oberarmknochen bewegt

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Ursprung des Musculus subscapularis ist die Fossa subscapularis der Fasciues costalis scapulae und er inseriert am Tuberculum minus.

Er erhält seine Innervation durch den Nervus subscapularis (C5-C6) und ist der einzige Innenrotator der Rotatorenmanschettengruppe. Neben der Humeruskopfzentrierung und der Stabilisation gegen ventrale Luxationen fixiert er die Bizepssehne im Sulcus intertubercularis. Weiterhin ist er zu Add- und Abduktion fähig.

Besonderheiten des Musculus subscapularis

Name, Ursprung, Ansatz und Innveration des Muskels sind von der medizinischen Terminologie mit „subscapularis“ identisch und sind daher einfach zu merken. Einige tiefe Faseranteile sind mit dem ventralen Kapselbandapparat verwachsen, was zusätzliche Stabilität gewährleisten soll. Eine weitere Besonderheit dieses Muskels ist, dass er in seinem mittleren Verlaufsanteil Zwischensehnen bildet von denen selbst wieder Muskelfasern entspringen. Dadurch erlangt der Muskel seine breite flächige Ausführung.

Funktionelle Hinweise zum Musculus subscapularis

Bei Punctum fixum am Arm zieht der Muskel die Scapula nach lateral. Die caudalen Faseranteile bewirken Adduktion, während die cranialen Fasern die Abduktion synergieren. Die Fixation der Bizepssehne im Sulcus intertubercularis erfolgt durch die horizontalen Fasern, die sowohl über die Sehne als auch den Sulcus selbst ziehen.

Klinische Hinweise zum Musculus subscapularis

Fällt die motorische Innervation durch den Nervus subscapularis aus fällt die obere Extremität in eine unnatürliche Außenrotationsstellung ab.

Die Rotatorenmanschette: Ein Blick auf die Pathologie

Die Rotatorenmanschettenruptur ist die häufigste klinische Erscheinung dieser Muskelgruppe. Sie tritt häufig zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr aufgrund von Durchblutungsstörung, chronisch entzündlichen Prozessen oder Trauma auf. Circa 95% aller Teil- oder Totalrupturen betreffen den Musculus supraspinatus. In der Traumatologie wird die Rotatorenmanschettenruptur mit verschiedenen Skalen nach Schweregrad und Form eingeteilt:

Einteilung der Partialruptur nach Ellman

Ellman Grad I Durchmesser < 1/4 oder < 3mm
Ellman Grad II Durchmesser < 1/2 oder < 3-6mm
Ellman Grad III Durchmesser > 6mm

Einteilung der Totalruptur nach Bateman

Bateman Grad I < 1cm
Bateman Grad II 1-3cm
Bateman Grad III 3-5cm
Bateman Grad IV > 5cm

Einteilung der Rupturformen nach Ellman

Transversal Ruptur an Insertionsstelle
Crescent cable Transversalruptur mit Deformierung durch SSC/ISP-Zug
L-förmig Transversalruptur mit Ausbreitung in das Intervall zw. SSP und ISP
Reverse L-förmig Transversalruptur mit Ausbreitung ins Rotatorenintervall
Trapezoidal L-förmig + Reverse L-förmig
Rotatorenmanschetten-Massenruptur Ausbreitung in Teres minor oder ant. SSC

Schultermuskeln mit Ansatz am Humerus

In diese Muskelgruppe zählen Skelettmuskeln, die ihren Ansatz am Oberarmknochen finden und somit direkte und indirekte Funktionen des Schultergelenkes ausführen, aber ihren Ursprung an anderen ossären Strukturen finden und nicht zur Rotatorenmanschette zählen.

Musculus deltoideus

Abbildung der Muskeln, die den Oberarmknochen bewegen

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der Musculus deltoideus teilt sich in drei verschiedene Anteile: Pars acromialis, Pars clavicularis und Pars spinalis.

Alle drei Anteile haben mit der Tuberositas deltoidea einen gemeinsamen Ansatz, mit dem Nervus axillaris (C5-C6) eine gemeinsame Innervation und mit Abduktion und Humeruskopfzentrierung gemeinsame Primärfunktionen. Unterschieden muss jedoch in Ursprung und Sekundärfunktion, sowie Synergiebewegungen.

Die Pars acromialis entspringt von der lateralen Acromionkante, die Pars clavicularis von der latero-caudalen Kante der Clavicula und die Pars spinales von der caudalen Kante der Spina scapulae.

Besonderheiten des Musculus deltoideus

Er ist der Kennmuskel für das Segment C5.

Funktionelle Hinweise zum Musculus deltoideus

Durch die „Dreiteilung“ der Ursprünge und den daraus resultierenden drei unterschiedlichen Verlaufsrichtungen kann der Musculus deltoideus je nach Anteil Sekundärfunktionen und Synergiebewegungen ausführen. Die Pars acromialis ist zu keiner autonomen Sekundärfunktion fähig.

Pars clavicularis
  • Innenrotation des Schultergelenkes bei Adduktion
  • Flexion vor dem Körper
  • Adduktion vor dem Körper
Pars spinalis
  • Außenrotation des Schultergelenkes bei Innenrotation
  • Extension und Adduktion hinter dem Rücken
Pars clavicularis + Pars spinalis
  • Letztes Drittel der Adduktion des Schultergelenkes
  • Abduktion des Schultergelenkes
Pars spinalis + Pars acromialis
  • Flexion des Schultergelenkes
  • Extension des Schultergürtels

Klinische Hinweise zum Musculus deltoideus

Fällt bei der (neurologischen) Funktionsuntersuchung eine Schwäche oder gar Lähmung dieses Muskels auf ist von einem neurologischen Geschehen im Segment C5 auszugehen.

Musculus coracobrachialis

Er entspringt an der Spitze des Processus coracoideus unter dem Musculus biceps brachii caput breve und inseriert an der Mitte des Humerusschaftes distal der Crista tuberculi minoris, medial des Ursprungs des Musculus brachialis. Wird er durch den Nervus musculocutaneus (C6-C7) innerviert macht er eine Flexion und Adduktion vor dem Körper, sowie eine schwache Innenrotation. Außerdem stabilisiert der den Humerus gegen eine Luxation nach caudal.

Besonderheiten des Musculus coracobrachialis

Der Muskel bietet dem Nervus musculocutaneus eine Durchlassöffnung.

Funktionelle Hinweise zum Musculus coracobrachialis

Der Musculus coracobrachialis zählt als wichtiger Leitmuskel für das Gefäßnervenbündel der ventralen Axilla.

Klinische Hinweise zum Musculus coracobrachialis

Der Nervus musculocutaneus kann in seiner Durchlassöffnung komprimiert werden, wenn der Muskel sich morphologisch verändert hat. Bei langer und starker Irritierung der Nerven kann es zu motorischen Ausfällen von Musculus coracobrachialis, Musculus biceps brachii und Musculus brachialis kommen. Sensible Einschränkungen wird der betroffene Patient in der dorso-volaren Hautregion der Radialseite des Unterarmes angeben.

Musculus pectoralis major

Abbildung der Muskeln, die den Oberarmknochen bewegen

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Ähnlich dem Musculus deltoideus hat auch der große Pectoralismuskel drei verschiedene Ursprungsanteile: die Pars clavicularis, die Pars sternocostalis und die Pars abdominalis. Ihr gemeinsamer Ansatz ist die Crista tuberculi majoris und die gemeinsame Innervation erfolgt durch die Nervi pectorales mediales et lateralis (C5-Th1). Seine Funktion sind Flexion, Adduktion und Innenrotation.

Die Pars clavicularis entspringt von der medialen Hälfte der Clavicula, die Pars sternocostalis von der Außenseite des Sternum, sowie dem 1. bis 6. Rippenknorpel und die Pars abdominalis am ventralen Blatt der Rektusscheide.

Besonderheiten des Musculus pectoralis major

Der Muskel bildet die ventrale Axilla und verdreht seine Fasern im ventralen Achselbereich um 180 Grad. Bei eleviertem Arm weicht das dort angelegte Fettgewebe aus und verlagert sich beim Armsenken zurück um ein Einklemmen zu verhindern. Zwischen Pars clavicularis und sternocostalis befindet sich der Sulcus interpectoralis, welcher palpierbar ist.

Funktionelle Hinweise zum Musculus pectoralis major

Bei Punctum fixum am Humerus zieht der Pectoralis major den Schultergürtel nach ventral und hilft bei der Inspiration. Aufgrund seiner Lokalisation zählt der Muskel auch zur Gruppe der Muskulatur der Brustwand.

Klinische Hinweise zum Musculus pectoralis major

Bei posttraumatischen Armplexusschädigungen ist es möglich den Musculus pectoralis major teilweise zu transponieren, um verlorengegangene Armfunktionen wiederherzustellen. Diese Operationsmethode gilt als risikoarm und zeigt eine nur geringe Komplikationsrate.

Musculus teres major

Beschriftete Abbildung des Muskels, der den Oberarmknochen bewegt

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der Musculus teres major entspringt von der ovalen Fläche der dorso-caudalen Scapula nahe des Angulus inferior und inseriert an der Crista tuberculi minoris neben der Ansatzfläche des Musculus latissimus dorsi. Er wird durch den Nervus subscapularis (C5-C6) und den Nervus thoracodoralis (C6-C7) innerviert und ist für Extension, Adduktion und Innenrotation des Armes verantwortlich.

Besonderheiten des Musculus teres major

Aufgrund der nahen Insertionsstelle wird der Teres major auch „der kleine Bruder des Latissimus“ genannt. Weiterhin hat ihm seine Funktion gemeinsam mit dem Latissimus dorsi die Namen „Schürzenbindermuskel“ oder „Gelehrtenmuskel“ eingebracht.

Funktionelle Hinweise zum Musculus teres major

Bei Punctum fixum am Arm zieht er die Scapula nach außen. Weiterhin bildet er zusammen mit dem Musculus teres minor und dem Musculus triceps brachii caput longum die mediale dreieckige Achsellücke durch die die Arteria circumflexa scapula posterior sowie Begleitvene und Lymphgefäß verlaufen.  Ebenso ist er Teil der lateralen Achsellücke durch die neben der Arteria circumflexa humeri und dem Nervus axillaris auch eine Vene und ein Lymphgefäß hindurch laufen.

Klinische Hinweise zum Musculus teres major

Beim sogenannten Spatium quadrilaterale-Engpass-Syndrom kommt es zu einer Komprimierung des Nervus axillaris durch eine Verengung der lateralen Achsellücke durch fibröse Bänder. Zwar entsteht dadurch keine tatsächliche Axillarisparese, doch Betroffene klagen über dumpfe Schmerzen im Bereich der ventralen Schulter, sowie diffusen Armparästhesien.

Musculus latissimus dorsi

Abbildung der Muskeln, die den Oberarmknochen bewegen

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der Latissimus dorsi besitzt ingesamt vier Ursprungsanteile: Pars scapularis, Pars costalis, Pars vertebralis und Pars iliaca. Ihr gemeinsamer Ansatz ist die Crista tuberculi minoris, die gemeinsame Innervation übernimmt der Nervus thoracodorsalis (C6-C8). Der Muskel führt Extension, Adduktion und Innenrotation durch.

Der Ursprung der Pars scapularis ist der Angulus inferior scapulae. Die Pars costalis entspringt von der 10. bis 12. Rippe, während die Pars vertebralis an der Fascia thoracolumbalis und den Dornfortsätzen von Th7-Th12 sowie L1-L5 ihren Ursprung findet. Final beginnt der Faserzug der Pars iliaca am dorsalen Drittel der Crista iliaca und der Fascia thoracolumbalis.

Besonderheiten des Musculus latissimus dorsi

Der Muskel dreht sich kurz vor seinem Ansatz zusammen mit dem Teres major um 180 Grad.

Funktionelle Hinweise zum Musculus latissimus dorsi

Bei Punctum fixum am Humerus zieht der Pars scapularis die Scapula nach außen. Die Pars costalis dient als Hilfsmuskel für die Inspiration und fixiert die Rippen beim Husten. Aufgrund seiner Lokalisation zählt der Muskel auch zur Gruppe der Muskulatur der Beckenwand.

Klinische Hinweise zum Musculus latissimus dorsi

In der plastischen Chirurgie wird der Muskel in der Operationstechnik der sogenannten Latissimus-dorsi-Flap benutzt, um die weibliche Brust zu rekonstruieren, wenn diese zuvor aufgrund von Mammakarzinom amputiert werden musste.

Die Muskulatur des Oberarmes

Im Vergleich um Umfang der Schultermuskulatur ist die Gruppe der Armmuskulatur deutlich kleiner. Man unterscheidet zwischen der ventralen und dorsalen Muskelgruppe, wobei jede Gruppe nur einen Muskel tatsächlich beinhaltet. Es handelt sich hierbei um den Musculus biceps brachii als Flexor und den Musculus triceps brachii als Extensor. Die Gruppe der Oberarmmuskulatur erhält ihren Namen aufgrund dessen, dass die Ursprünge der Muskeln am Humerus liegen. Dies kann jedoch schnell zu Verwirrung führen, da z.B. der Musculus brachioradialis zwar ebenfalls am Humerus entspringt, jedoch zur Gruppe der Radialen Unterarmmuskeln zählt. Hier gibt es in der Literatur oft unterschiedliche Angaben, so dass Medizinstudenten besser mit den aktuellsten Büchern und Muskeltabellen lernen sollten, um Missverständnisse und Frustration zu vermeiden.

Musculus biceps brachii

Abbildung der Muskeln, die den Oberarmknochen bewegen

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der Biceps brachii ist ein zweibauchiger bzw. zweiköpfiger Skelettmuskel mit folglich zwei unterschiedlichen Ursprüngen. Ihr gemeinsamer Ansatz ist die Tuberositas radii sowie die Aponeurosis bicipitalis an der Fascia antebrachii (Lacterus fibrosus). Bei aktiver Innervation durch den Nervus musculocutaneus (C5-C7) führen beide Köpfe eine Flexion und Supination des Ellbogens aus.

Das Caput longum entspringt vom Tuberculum supraglenoidale, während Caput breve seinen Ursprung am Processus coracoideus hat.

Besonderheiten des Musculus biceps brachii

Die beiden Bizepsköpfe vereinigen sich etwa in der Höhe des Ansatzes des Musculus deltoideus, der Tuberositas deltoidea.

Funktionelle Hinweise zum Musculus biceps brachii

Neben ihrer Primärfunktion als Ellbogenflexor und -supinator können die Bizepsköpfe selbst unterschiedliche Bewegungen ausführen bzw. synergieren.

Musculus biceps brachii caput longum
  • Depression des Caput humeri
  • Flexion des Schultergelenkes
  • Abduktion des Schultergelenkes
  • Innenrotation des Schultergelenkes
Musculus biceps brachii caput breve
  • Flexion des Schultergelenkes
  • Adduktion des Schultergelenkes
  • Innenrotation des Schultergelenkes

Klinische Hinweise zum Musculus biceps brachii

Die häufigste Verletzung des Bizepses ist die Bizepsruptur. Dabei unterscheiden wir den distalen von dem proximalen Bizepsriss, wobei die distale Variante deutlich seltener auftritt als die proximale. Eine derartige Verletzung wird operativ behandelt. Hierbei wird die gerissene Sehne auf Musculus brachialis oder Musculus brachialis angenäht oder fixiert.

Musculus triceps brachii

Abbildung der Muskeln, die den Oberarmknochen bewegen

Bild: Teilansicht: „Muscles That Move the Humerus“ von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Der Trizeps ist dreibauchig bzw. dreiköpfig und hat folglich drei verschiedene Ursprünge. Der gemeinsame Ansatz ist das Olekranon, die gemeinsame Innervation übernimmt der Nervus radialis (C6-C8). Alle Anteile haben als Primärfunktion die Extension des Ellbogens.

Das Caput longum entspringt vom Tuberculum infraglenoidale. Caput laterale hat seinen Ursprung am dorsalen Humerus des Collum chirurgicum bis in Höhe der Tuberositas deltoidea und lateral des Sulcus nervi radisalis sowie am Septum intermusculare brachii laterale. Der Ursprung des Caput mediale ist ebenfalls der dorsale Humerus, medial und distal des Sulcus nervi radialis bis zur Fossa olecrani, sowie die Septa intermusculare brachii mediale et laterale.

Besonderheiten des Musculus triceps brachii

Das Caput longum ist an mehreren Achsellücken beteiligt. Den größten Anteil hat sie an der lateralen Achsellücke, durch u.a. der Nervus axillaris verläuft und dem Spatium triangularis, durch welches der Nervus radialis sowie die Arteria profunda brachii ziehen.

Caput laterale und mediale bilden mit dem Sulcus nervi radialis einen osteofibrösen Kanal, der als Durchlassöffnung für den Nervus radialis und die Vasa profunda brachii dient.

Funktionelle Hinweise zum Musculus triceps brachii

Das Caput longum kann neben seiner Primärfunktion synergetisch zu Musculus latissismus dorsi und den Musculi teres major et minor das Schultergelenk extensieren und adduzieren. Außerdem ist er zu einer Außenrotation des Schultergelenkes fähig.

Klinische Hinweise zum Musculus triceps brachii

Ähnlich wie beim Bizeps ist auch beim Musculus triceps brachii die Ruptur die häufigste Verletzung, die ebenfalls operativ versorgt werden muss.

Beliebte Prüfungsfragen zur Muskulatur der Schulter und des Oberarms

Die Lösungen befinden sich unterhalb der Quellenangaben.

1. Welcher der folgenden Muskeln zählt nicht zur Rotatorenmanschette?

  1. Musculus supraspinatus
  2. Musculus infraspinatus
  3. Musculus teres minor
  4. Musculus subscapularis
  5. Musculus biceps brachii

2. Welcher der folgenden Muskeln ist bei der Rotatorenmanschettenruptur am häufigsten verletzt?

  1. Musculus supraspinatus
  2. Musculus infraspinatus
  3. Musculus teres minor
  4. Musculus subscapularis
  5. Musculus biceps brachii

3. Welche der folgenden Funktionen übernimmt der Musculus biceps brachii nicht?

  1. Flexion des Ellbogens
  2. Supination des Ellbogens
  3. Extension des Schultergelenkes
  4. Flexion des Schultergelenkes
  5. Außenrotation des Schultergelenkes

Quellen

Acker, H. (2000). Muskeltabellen des Bewegungsapparates. Konstanz: Herbert Acker.

Arbeitsgemeinschaft der medizinischen Fachgesellschaften. Rotatorenmanschettenruptur (Leitlinien)

Bommas-Ebert, U., Teubner, P. & Voß, R. (2006). Kurzlehrbuch Anatomie und Embryologie. Stuttgart: Thieme.

Hierner, R., & Berger, A. (Juni 2009). Verpflanzung des Musculus pectoralis major zur Wiederherstellung der Ellbogenbeugung bei posttraumatischen Haltungsschäden. Operative Orthopädie und Traumatologie, S. 126-140.

Hochschild, J. (2015). Strukturen und Funktionen begreifen Bd. 1: Grundlagen zur Wirbelsäule, HWS und Schädel, BWS und Brustkorb, Obere Extremität. Stuttgart: Thieme.

Platzer, W. (1999). Taschenatlas der Anatomie Bd. 1: Bewegungsapparat. Stuttgart: Thieme.

Putz, R. & Pabst, R. [Hrsg.] (2004). Sobotta 1+2 – Atlas der Anatomie des Menschen, limitierte Jubiläumsausgabe. München: Urban & Fischer.

Netter, Frank H. (2006). Atlas der Anatomie des Menschen – 3. Auflage. Stuttgart: Thieme.

Richtige Antworten: 1A, 2A, 3E



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