In Zeiten von Hochleistungsmedizin und Intensivversorgung gibt es kaum ein Thema, das für mehr Verunsicherung bei angehenden Ärzten sorgt, als der Umgang mit Patientenverfügungen. Während im Studium der Fokus auf das Heilen von Krankheiten gelegt wird (kurativer Ansatz), kommt das Wissen über die Betreuung von unheilbar kranken Patienten (palliativer Ansatz) oft zu kurz. Im Fall einer Nichteinwilligungsfähigkeit des Patienten taucht erstmals die Frage nach einer Patientenverfügung auf, und man steht als Arzt mit in der Verantwortung. Hier erfahren Sie die Grundlagen zum Thema Patientenverfügung, was rechtlich bindend ist, wie vorgegangen wird, wenn keine Verfügung vorliegt und was passiert, wenn sich Angehörige und Arzt im Vorgehen nicht einigen können.
4098143031_302cbfdf9b_o

Bild: "Emergency medical technicians, circa 1980" von Seattle Municipal Archives. Lizenz: CC BY 2.0

Tipp: Keine Lust zu lesen? Dann starten Sie doch einfach kostenlos unseren Hammerexamen Online-Repetitorium.

Patientenverfügung – die Basics

Grundsätzlich bedarf jede medizinische Behandlung der Einwilligung des Patienten.

Gerät eine Person, beispielsweise durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit, in eine medizinische Situation, in der sie ihren Willen nicht mehr wirksam erklären kann, wird die Frage nach einer vorhandenen Patientenverfügung relevant. Dies ist eine schriftliche Vorausverfügung, in der der Patient Festlegungen zu medizinischen Eingriffen treffen kann. Dies trifft vor allem auf lebensverlängernde Maßnahmen zu, die beim Eintreten bestimmter Lebens- und Behandlungsituationen nötig werden können.

Ein entsprechendes Gesetz, welches die Rahmenbedingungen zum Umgang mit einer Patientenverfügung regelt, wurde im Juni 2009 vom deutschen Bundestag verabschiedet. (§ 1901 a BGB)

Seitdem ist die Patientenverfügung sowohl für den behandelnden Arzt, als auch für den Vertreter (Betreuer oder Bevollmächtigter) des Patienten unmittelbar verbindlich.

Wie verbreitet sind Patientenverfügungen aktuell?

Eine 2007 in deutschen Pflegeheimen durchgeführte Studie kam zu dem erschreckenden Ergebnis, das nur 12,4% der Pflegeheimbewohner eine persönliche Patientenverfügung hatten, und über die Hälfte davon keine konkreten Angaben über die Entscheidungsfähigkeit bzw. Freiwilligkeit des Patienten enthielten. Viele davon enthielten auch nicht eindeutige Formulierungen.

Laut einer Forsa-Umfrage vom Januar 2014 sind Patientenverfügungen in der Allgemeinbevölkerung mittlerweile weiter verbreitet. Hiernach hat jeder Vierte bereits eine Patientenverfügung, und die Hälfte der Befragten plane zumindest, in der Zukunft eine Verfügung zu verfassen. Knapp ein Viertel der 1005 Befragten lehnte eine solche jedoch grundsätzlich ab.

Die Wahrscheinlichkeit, als behandelnder Arzt in eine Behandlungssituation ohne entsprechende Vorkehrung seitens Patienten zu geraten, ist also immer noch relativ hoch.

Fehlende Patientenverfügung – was jetzt?

Wenn keine Patientenverfügung vorliegt, gilt es für Ärzte und Betreuer bzw. Bevollmächtigte, den mutmaßlichen Willen des Patienten zu ermitteln. Hierzu sollen vor allem folgende Anhaltspunkte herangezogen werden: „frühere mündliche oder schriftliche Äußerungen, ethische oder religiöse Überzeugungen und sonstige persönliche Wertvorstellungen des Betreuten.“ (§ 1901 a Abs.2 BGB)

Dies trifft auch auf den Fall zu, wenn die Formulierungen in der Verfügung zu schwammig oder allgemein sind und sich die vorliegende Situation nicht darin wiederfinden lässt.

Kritisch wird es, wenn in Betreuungsverfahren nicht die nächsten Angehörigen eingesetzt werden, sondern familienfremde Betreuer. Dies geschehe sogar in jedem vierten Fall, so Nadine Oberhuber in ihrem Artikel in der FAZ vom 3.8.14.

Sinnvoll sei hier unbedingt auch eine notariell beglaubigte Betreuungsverfügung bzw. Vorsorgevollmacht, sonst ist das Konfliktfeld vorprogrammiert.

Uneinigkeit zwischen Angehörigen und Arzt

In dem prekären Fall, dass die Meinungen von behandelndem Arzt und Angehörigen zum weiteren Vorgehen weit auseinandergehen oder keine Einigung erzielt werden kann, ob die vereinbarten Maßnahmen dem mutmaßlichen Willen des Patienten tatsächlich entsprechen, muss ebenfalls das Betreuungsgericht eingeschaltet werden.

Der für den Patienten eingesetzte Vertreter muss hier eine Genehmigung für die weitere Behandlung einholen. Dies gilt besonders, wenn die Konsequenzen der Behandlungsentscheidung schwere Folgen haben können, wie den Tod oder langfristige gesundheitliche Schäden des Betroffenen.

Eine Patientenverfügung wasserdicht machen

Sicherlich stellt sich auch im persönlichen Umfeld irgendwann die Frage nach dem Verfassen einer Patientenverfügung und als Mediziner wird man häufig damit konfrontiert. Oft wird ein Wunsch nach Absicherung und Selbstbestimmung deutlich.

Die rechtlichen Anforderungen an eine Patientenverfügung sind vergleichsweise locker: Sie muss lediglich in Schriftform und mit eigenhändiger Unterschrift und Datum verfasst werden. Der Patient muss außerdem zum Zeitpunkt der Abfassung volljährig und einwilligungsfähig sein.

Mittlerweile gibt es auch an zahlreichen öffentlichen Stellen, wie den Ärztekammern, Justizministerien und Kirchen, Muster. Je genauer diese Verfügungen die möglichen Situationen aufführt, die eintreten können, und welches Vorgehen gewünscht ist, desto leichter kann ein Arzt danach handeln.

Der Schlüsselpunkt ist also, dass die Festlegungen in der Patientenverfügung die eingetretene Behandlungssituation bestmöglich beschreiben müssen.

Deswegen ist auf jeden Fall sinnvoll, sich bei einem Arzt oder einer anderen Person, die sich in dem Fach auskennt, beraten zu lassen. So können vielleicht Situationen wie sie der Rettungsmediziner Michael de Ridder in seinem Buch „Wie wollen wir sterben?“ beschreibt, vermieden werden: Er fand einen Zettel im Portemonnaie einer Sterbenden vor: „Keine Schläuche, bitte“

Ist die Patientenverfügung eindeutig und hat der Arzt keinen Zweifel, dass sie auf die vorliegende Behandlungs- und Lebenssituation zutrifft, muss er auch keine Bestellung eines Betreuers durch das Betreuungsgericht anregen und kann danach handeln.

Des Weiteren kann eine Patientenverfügung auch ganz leicht und formlos, also auch mündlich, widerrufen werden – vielleicht ein Grund, mal einen Gedanken daran zu verschwenden.

Eine Alternative für die Zukunft – Patientenverfügungsprogramme

Aufgrund der immer noch relativ geringen Verbreitung und dem mäßigen Erfolg, Patientenverfügungen in der Bevölkerung zu etablieren, gibt es längst Überlegungen nach praktikableren Alternativen.

Sogenannte „Advance Care Planning“-Programme (ACP, gesundheitliche Vorausplanung) machen einen Anfang in Senioreneinrichtungen. Hierzu werden systematisch Gespräche unter professioneller Aufsicht geführt, die zur Erstellung von Vorausverfügungen auf einheitlichen Formularen führen sollen.

Eine 2014 geführte Studie zu solchen Patientenverfügungsprogrammen kam zu dem Ergebnis, das solche Programme das Verfassen von Vorausverfügungen signifikant steigerte. Auch wurden öfter Vertreter benannt und die Frage eines Reanimationsversuchs geklärt.

Ob sich solche Programme, das vom Deutschen Bundestag verabschiedete Gesetz und das Populärwerden dieses Themas in den Medien auf die Verbreitung von Patientenverfügungen in der Bevölkerung auswirkt, wird die Zukunft zeigen.

Bis dahin müssen sich Ärzte und Angehörige darauf einstellen, mit der Ermittlung des mutmaßlichen Willens des Betroffenen eine hohe Verantwortung zu tragen.










Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *