Der infrahyalen Muskulatur wird in der medizinischen Ausbildung oft nur wenig Beachtung geschenkt. Während Medizinstudenten diese im Physikum in einer Vorlesung zumindest einmal hören oder in einem Präparationskurs zu Gesicht bekommen, lernen z.B. Physiotherapeuten nichts über diese enorm wichtige Muskelgruppe und müssen dieses Wissen in sehr teuren Fortbildungen nachholen. In der Literatur wird diese Muskelgruppe auch infrahyoidale Muskulatur genannt, aufgrund ihres direkten ossären Bezugs zum Hyoid (Zungenbein). Gut zu wissen: Die Innervation ist bei allen Musklen identisch.
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Muskeln des vorderen Nackens

Bild: “Muscles of the Anterior Neck” von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0


Definition: Was ist die infrahyale Muskulatur?

Als infrahyale bzw. infrahyoidale Muskulatur wird eine Gruppe von Skelettmuskeln beschrieben, die in ihrem Verlauf von caudal her kommend am Os hyoideum (Zungenbein) inserieren und daher unterhalb (inferior) der ossären Struktur lokalisiert sind. Die Muskulatur, die sich cranial des Os hyoideum befindet, bezeichnet man als suprahyale bzw. suprahyoidale Muskulatur, die in einem separaten Beitrag thematisiert wird. Hier erfahren Sie mehr zur ventralen Halsmuskulatur.

Einteilung: Welche Muskeln gehören dieser Gruppe an?

Zur infrahyalen Muskelgruppe zählen insgesamt fünf Muskeln: M. omohyoideus, M. sternohyoideus, M. sternothyroideus, M. thyrohyoideus und M. levator glandulae thyroideae, welcher allerdings nur inkonstant im menschlichen Körper angelegt ist. Entwicklungsgeschichtlich rechnet man sie dem großen ventralen Längsmuskelsystem zu. Der M. omohyoideus wird in der medizinischen Literatur auch zur Gruppe der eingewanderten Rumpfmuskulatur mit Ansatz am Schultergürtel gezählt, was in seinem ossären Ursprungsort begründet liegt.

Musculus omohyoideus

Der M. omohyoideus entspringt mit seiner Venter inferior vom oberen Rand der Scapula, der Margo superior scapulae neben der Incisura scapulae, und setzt mit seiner Venter superior am lateralen Drittel der Unterkante des Corpus ossis hyoidei an. Er ist in erster Linie ein Faszienspanner der Ventralkette des Halses und erweitert als Gefäßmuskel die darunter liegende Vena jugularis interna, welche in der Klinik mit dem zentralen Venenkatheter (ZVK) infiltriert wird. Außerdem zieht er das Hyoid nach dorsokaudal und ist folglich am Schluckakt beteiligt. Der Muskel wird durch die Ansa cervicalis profunda des Plexus cervicalis (C1-C3) innerviert.

Besonderheiten: Eine Besonderheit dieses Muskels ist, dass er bei manchen Menschen nicht von der Scapula, sondern von der Clavicula entspringen kann. Diese Variation wird dann Musculus cleidohyoideus genannt, dessen Funktion und Innervation jedoch mit dem M. omohyoideus identisch sind.

Die beiden Muskelbäuche (Venter superior et inferior) werden von der mittleren Halsfaszie, der Lamina praetrachealis, umschlossen. Dort wo die Zwischensehne des Muskels liegt, verwächst die Lamina mit ihr und der darunterliegenden Vagina carotica, welche als feste Bindegewebshülle einen Gefäß-Nerven-Strang umgibt. Die Strukturen dieses Stranges sind A. carotis communis, V. jugularis interna und N. vagus.

Musculus sternohyoideus

Dieser Muskel entspringt an der Hinterfläche des Manubrium sterni, dem medialen Ende der Clavicula und anteilig am Sternoclaviculargelenk (SCG) und inseriert am Unterrand des Os hyoideum. Er zieht bei aktiver Innervation durch die Ansa cervicalis profunda des Plexus cervicalis (C1-C3) das Hyoid nach kaudal und fixiert es bei Anspannung der suprahyalen Muskulatur.

Besonderheiten: Im Ursprungsbereich ist der Muskel morphologisch bereit und flach, während er nach kranial hin schmaler und dicker wird.

Musculus sternothyroideus

Der M. sternothyroideus ist breiter als der oberflächlich von ihm gelegene M. sternohyoideus. Sein Ursprung ist die Hinterfläche des Manubrium sterni und sein Ansatz die Linea obliqua der Cartilago thyroidea. Er liegt also der Schilddrüsenkapsel unmittelbar an, welche er bei aktiver Anspannung mit dem Kehlkopf nach caudal zieht. Seine Innervation erfolgt wie bei allen infrahyalen Muskeln durch die Ansa cervialis profunda des Plexus cervicalis (C1-C3).

Besonderheiten: Die Verbindung mit der Glandula thyroidea erfolgt durch lockeres Bindegewebe.

Musculus thyrohyoideus

Dieser Muskel setzt den M. sternothyroideus fort und entspringt daher an dessen Ansatz, der Linea obliqua der Cartilago thyroidea. Er inseriert an der Innenfläche des lateralen Drittels des Corpus ossis hyoidei und dem Unterrand der medialen Fläche des Cornu majus an. Sein Ansatz liegt somit lateral und distal des Musculus omohyoideus. Wenn der M. thyrohyoideus anspannt, verschließt er den Kehlkopf durch die Annäherung von Hyoid und Cartilago thyroidea. Er wird von der Ansa cervicalis profunda des Plexus cervicalis (C1-C3) innerviert.

Besonderheiten: Morphologisch betrachtet ist der M. thryohyoideus eine flache Muskelplatte, die die Membrana thyrohyoidea bedeckt und mit ihr verwachsen ist.

Musculus levator glandulae thyroideae

Wie zuvor bereits erwähnt, besitzt nicht jeder Mensch den M. levator glandulae thyroideae. Er ist eine Abspaltung des M. thyrohyoideus. Sein Ursprung ist das Corpus ossis hyoidei und sein Ansatz das Isthmus glandulae thyroidea. Bei aktiver Innervation durch die Ansa cervicalis profunda des Plexus cervicalis (C1-C3) hebt er die Schilddrüse an.

Funktionelle und pathophysiologische Hinweise zur infrahyalen Muskulatur

Muskeln die den Unterkiefer bewegen

Bild: “Muscles That Move the Lower Jaw” von Phil Schatz. Lizenz: CC BY 4.0

Die Muskelgruppe zieht das Os hyoideum und den Larynx nach kaudal. Durch diese Funktion zusätzlich zur Stabilisation des Kehlkopfes über die sternothyrohyoidale Muskelschlinge hat sie Einfluss auf die Phonation, also die Sprachbildung des Menschen. Kommt es z.B. zu einer Verkippung des Schildknorpels gegenüber dem Ringknorpel durch Tonusänderung der Muskulatur, wird die Stimmbandspannung verändert.

Es entsteht das Bild einer hyperfunktionellen Dysphonie, welche sich als asynchrone Stimmbandschwingungen darstellen oder bis zu einem einseitigen Stimmbandstillstand reichen kann. Durch veränderten Muskeltonus cranial der Stimmbandebene werden sowohl Resonanzraum als auch folglich Stimmklang beeinflusst. Außerdem ist die supra- und infrahyale Muskulatur eine funktionelle Muskelschlinge, in welchem das Os hyoideum als Punctum fixum dient. Wenn die Kaumuskulatur das Kiefergelenk stabilisiert, haben die supra- und infrahyalen Muskeln eine flexorische Wirkung auf die HWS und reduzieren dessen Lordose. Somit spielen diese Strukturen auch eine funktionell wichtige Rolle für die Statik der Halswirbelsäule.

Da alle beschriebenen Muskeln durch ihre Verbindung zum Hyoid dessen Stellung im Raum beeinflussen, hat dies logischerweise auch Konsequenzen für die Beweglichkeit der ossären Struktur. Bei einer Läsion der Weichteile, z.B. durch neuronale Schädigungen, kann es zu Positions- und Beweglichkeitsstörungen des Os hyoideum kommen, was wiederum zu Störungen beim Sprechen führen kann. Daher ist eine palpatorische und funktionelle Untersuchung der supra- und infrahyalen Muskulatur bei derartigen Symptomen zwingend erforderlich.

Durch die direkte Verbindung der Kiefermuskulatur zum Schädel bzw. zur Schädelbasis kann es ebenfalls erforderlich sein, das Atlantooccipitalgelenk bezüglich möglicher Positionsveränderungen zu untersuchen. Eine Behandlung kann z.B. durch den Einsatz von Krankengymnastik und Logopädie erfolgen.

Wichtig: Ansa cervicalis profunda

Da es meist nur sekundäre Pathologien der infrahyalen Muskulatur gibt und diese meist aus einer Schädigung auf neuraler Ebene resultieren, macht es Sinn, die motorischen Nervenäste, die die Muskelgruppe innervieren, genauer zu betrachten. Die Ansa cervialis profunda ist eine Nervenschlinge aus den Segmenten C1-C3, die die infrahyoidalen Muskeln motorisch innerviert. Die sensible Innervation wird von anderen Strukturen übernommen. Sie wird aus zwei Wurzeln gebildet: der Radix superior und der Radix inferior.

Die motorischen Fasern aus dem Segment C1 bilden die Radix superior. Sie zieht anfangs mit dem N. hypoglossus (Hirnnerv XII) mit und steigt dann ins Trigonum caroticum ab. Dort verbindet sie sich mit der Radix inferior, welche schräg über der V. jugularis interna verläuft, deren Bezug zur infrahyalen Muskulatur bereits bekannt sein sollte. Die Radix inferior enthält die Fasern der Wirbelsegmente C2 und C3.

Wichtig: Vena jugularis interna

Nicht-getunnelte ZVK

Bild: “Non-tunneled central venous catheter.” von Bruce Blausen. Lizenz: CC BY 3.0

Der Sinus sigmoideus mündet kurz vor dem Foramen jugulare in die V. jugularis interna. Durch sie wird u.a. das Blut des Sinus transversus und des Sinus cavernosus geführt. Faktisch fließt das gesamte Blut des Schädelinneren aus der V. jugularis interna ab. Ihren klinischen Bezug hat die V. jugularis interna durch den Zentralen Venenkatheter (ZVK), da dieser vor allem in der Intensivmedizin durch eine Punktierung in die Vene infiltriert wird.

Beliebte Prüfungsfragen zur infrahyalen Muskulatur

Die Lösungen befinden sich unterhalb der Quellenangaben.

1. Welche Segmente innervieren die infrahyale (infrahyoidale) Muskulatur?

  1. C1-C2
  2. C1-C3
  3. C1-C4
  4. C4-C5
  5. C5-C7

2. Welcher der folgenden infrahyalen (infrahyoidalen) Muskeln ist beim Menschen nicht immer angelegt?

  1. M. omohyoideus
  2. M. sternohyoideus
  3. M. sternothyroideus
  4. M. thyrohyoideus
  5. M. levator glandulae thyroideae

3. Für welches Gefäß dient der M. omohyoideus als Gefäßmuskel?

  1. V. jugularis anterior
  2. V. jugularis externa
  3. V. jugularis interna
  4. V. subclavia
  5. V. vertebralis

Quellen

Acker, H. (2000). Muskeltabellen des Bewegungsapparates. Konstanz: Herbert Acker.

Bommas-Ebert, U., Teubner, P. & Voß, R. (2006). Kurzlehrbuch Anatomie und Embryologie. Stuttgart: Thieme.

Hochschild, J. (2015). Strukturen und Funktionen begreifen Bd. 1: Grundlagen zur Wirbelsäule, HWS und Schädel, BWS und Brustkorb, Obere Extremität. Stuttgart: Thieme.

Platzer, W. (1999). Taschenatlas der Anatomie Bd. 1: Bewegungsapparat. Stuttgart: Thieme.

Putz, R. & Pabst, R. [Hrsg.] (2004). Sobotta 1+2 – Atlas der Anatomie des Menschen, limitierte Jubiläumsausgabe. München: Urban & Fischer.

Netter, Frank H. (2006). Atlas der Anatomie des Menschen – 3. Auflage. Stuttgart: Thieme.

Ulfig, N. (2008). Kurzlehrbuch Neuroanatomie. Stuttgart: Thieme.

Richtige Antworten: 1A, 2E, 3C



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