In den allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff des Placebo-Effekts längst übergegangen. Er steht als Sinnbild für alles, was nicht wirklich wirkt, was nur „Schein“ ist. Noch deutlicher: Wenn Menschen etwas als Placebo bezeichnen, meinen sie, die Wirkung sei beim Patienten nur „eingebildet“. Dass dies nicht der Fall ist, sondern die Placebo-Wirkung als eine berechtigte und wichtige medizinische Tatsache anerkannt werden sollte, zeigen die folgenden Fakten.

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Bild: “Infinity” von Klesta ▲. Lizenz: CC BY-ND 2.0


Placebo: Ich werde gefallen!

Placebo ist ein Vers der Totenandacht: „Placebo domino in regione vivorum“ („Ich werde dem Herrn gefallen im Lande der Lebenden.“; Ps 116,9). Da diese Totenandacht, begleitet durch Musik für den Verstorbenen, oft etwas Scheinheiliges hatte, wurde das Placebo zum Inbegriff für unechte, unaufrichtige Gesten.

Gleichzeitig ist es die lateinische Formulierung für „Ich werde gefallen“. Eine eingängige Bedeutung, die dem Begriff über die Jahre Konsistenz verliehen hat. Denn mit Placebo-Präparaten meinen Mediziner auf den ersten Blick harmlose Substanzen, die nicht schaden können. Dazu zählen beispielsweise Tabletten auf Zuckerbasis oder Injektionen mit reiner Kochsalzlösung.

Diese Placebos sind Standard, wenn es um das Austesten der medizinischen Wirkung eines neuentwickelten Pharmazeutikums geht.

Placebo-Medikamente dienen dabei als Gabe zur Verblindung: Die freiwilligen Studienteilnehmer sollen nicht wissen, zu welcher Testgruppe sie gehören. Nur eine Probandengruppe erhält das echte Medikament, die andere das Scheinmedikament.

Als wirksam gilt ein Medikament nur, wenn es sich im Test von der Wirksamkeit des Placebos signifikant unterscheidet.

Man unterscheidet die echten Placebos von aktiven Placebo-Wirkstoffen:

  • Echtes Placebo: Keine pharmakologische Wirkung (z.B. Zuckerlösung)
  • Aktives Placebo: Imitation der Nebenwirkungen des zu testenden Medikaments

Das eigentliche, zu testende Medikament wird dabei als Verum (das „Wahre“) bezeichnet.

Wenn Unwirksames trotzdem wirkt

Der Begriff des Placebo-Effekts umschreibt diejenigen Wirkungen, die nicht auf direkter pharmakologischer oder biochemischer Ebene erklärbar sind.

Das bedeutet nicht, dass Placebo-Effekte auf reiner Einbildung basieren. Eher sind sie Zeichen für die psychologische Grundeinstellung zu einem Heilmittel oder zu einem „Heiler“.

So sind die Placebo-Forscher Dr. Karin Meissner und Prof. Klaus Linde der Ansicht, dass es sich um objektiv vorhandene „reale psychobiologische Phänomene“ handelt [Meissner & Linde 2013]. Studien mit Schmerzpatienten haben gezeigt, dass Placebo-Medikamente den wahrgenommenen Schmerz im Gehirn durch eine erhöhte Endorphin-Ausschüttung tatsächlich senken.

In einer Expertise der Bundesärztekammer kommen Meissner und Linde zu dem Schluss, dass es sich genau genommen um eine Vielzahl von Effekten handele. Diese basieren auf mehr als reiner Naivität des Patienten: Denn manche Placebo-Gaben wirken sogar, obwohl den Studienteilnehmern mitgeteilt wurde, dass es sich um reine Placebos handeln würde.

Mehrere Faktoren spielen den Forschern nach sehr wesentlich in die Placebo-Effekte hinein:

  • Charakter des Patienten (z.B. Optimismus, Erwartungshaltung, Heilungseinstellungen)
  • Charakter des Arztes (z.B. Status, Geschlecht, Erwartungshaltung, Heilungseinstellungen)
  • Arzt-Patienten-Beziehung (z.B. Vertrauen in den Arzt)
  • Medikamenteneigenschaften (Form, Größe, Farbe etc.)
  • Umfeld und Atmosphäre

Placebo-Effekte in der Schulmedizin

Kritisiert wird in der Schulmedizin oft, dass Homöopathie, Akupunktur und Co. angeblich auf einem reinen Placebo-Effekt beruhen. Was Placebo-Kritiker vergessen: Diese Effekte sind nicht nur vorhanden, wenn es um scheinbar „esoterische Verfahren“ geht.

Irgendeinen Grad von Placebo-Wirkung zeigt im Grunde jedes Medikament. Was in der Pharmazie getestet wird, ist eine Placebo-Wirkung gegen die Standarddosierung. Die Standarddosierung lebt hierbei von zwei Summanden: der biochemischen Stoffwechselreaktion und der Placebo-Wirkung.

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Abbildung: Gängiges Studiendesign zur Wirksamkeit von Medikamenten

Ohne den Placebo-Effekt würden also normale Medikamente gar nicht so stark wirken, wie sie es tun! Auch kann es sein, dass bei bestimmten, dafür prädestinierten Krankheitsbildern der Placebo-Effekt einen so hohen Anteil hat, dass die Wirksamkeit insgesamt hoch ist, sich aber zwischen Verum und Placebo nicht signifikant unterscheidet.

Das Verum wird in der Folge als nicht genügend wirksam zugelassen, obwohl die Gesamtwirkung überragend sein kann. Aus diesem und weiteren Gründen fordern die Placeboforscher Meissner und Linde eine Anpassung moderner Studiendesigns. Eine reine Verhältnisgleichung trage den Tatsächlichkeiten nicht mehr Rechnung.

Als höchste Evidenzstufe verlangen sie laut dem Ärzteblatt deshalb stets drei Gruppen: Die Verumgruppe, welche das tatsächliche Medikament erhält, die Placebogruppe, welche ein mit dem Verum vergleichbares Scheinmedikament erhält sowie eine unbehandelte Kontrollgruppe, die gar nichts erhält.

Effekte nutzen

Im klinischen Alltag hat sich gezeigt, dass Placebo-Effekte genutzt werden sollten und können. Die Verbesserung bestimmter Symptomatiken kann zum Teil ohne die Gabe nebenwirkungsreicher Substanzen erfolgen. Mediziner können Scheinmedikamente oder Therapien ohne belegte Wirkung verschreiben, wenn folgende Faktoren gegeben sind:

  • Die Symptome sind nicht bedrohlich.
  • Die Symptome werden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch ohne Behandlung verschwinden.
  • Der Patient erwartet ein Heilmittel.
  • Der Patient ist gegenüber einer Behandlung positiv aufgeschlossen.
  • Der Patient willigt in eine Therapie ein, die keine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung hat.

In diesem Fall hat die Placebo-Behandlung gute Chancen, die Heilung des Patienten objektiv und nachweisbar zu beschleunigen. Insgesamt finden Placebo-Medikamente allerdings noch vergleichsweise selten Einsatz in der Behandlung.

Quellen

Meissner, Linde (2013): Krankheitsspezifische Ausprägungen von Placeboeffekten. Expertise für die Bundesärztekammer.

Jütte, Thürmann (2014): Placebo: Wirkungen sind messbar. Deutsches Ärzteblatt 2014. 111(21)

 

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