Der Straftatbestand des Mordes gemäß §§ 212, 211 StGB gehört neben der Prüfung des Diebstahles wohl zu den beliebtesten Tatbeständen im Rahmen der ersten juristischen Prüfung im Strafrecht. In der Prüfung sollte sicher mit den verschiedenen Tatbestandsmerkmalen umgegangen werden können. Dieser Artikel vermittelt einen ersten Überblick.
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das ist ein zerfetztes stofftier

Bild: “Murder!” von Bastian Greshake. Lizenz: CC BY-SA 2.0


A. Einführung

Geschütztes Rechtsgut des § 211 StGB ist das menschliche Leben. Somit kommt als Tatobjekt auch nur ein anderer Mensch in Betracht – ein Suizid ist mithin straflos.

Das strafrechtliche Menschsein beginnt mit dem Eintritt der Eröffnungswehen (vgl. BGHSt 2, 194). Das menschliche Leben endet mit dem sog. Gesamthirntod, d.h. dem Ausfall von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm.

B. Verhältnis: Mord und Totschlag

Selbst heute noch ist das Verhältnis von Mord und Totschlag stark umstritten:

  • Gemäß der Rechtsprechung/BGH sind der Totschlag nach § 212 StGB und der Mord nach § 211 StGB jeweils selbstständige Tatbestände (vgl. BGHSt 1, 370; 6, 330; 22, 377; 30, 105).
  • Entsprechend der heute überwiegend vertretenen Ansicht (herrschende Lehre im Schrifttum) stellt der Mord nach § 211 StGB eine unselbstständige Qualifikation des Totschlags nach § 212 StGB dar , so dass § 212 StGB im Obersatz immer mit zu nennen ist.

Dieser Streit hat immense Auswirkungen auf die Mordmerkmale. Nach der Rechtsprechung/BGH sind sie strafbegründender Natur, was bei den Mordmerkmalen der 1. und 3. Gruppe Auswirkungen für den Teilnehmer hat. Die herrschende Lehre wendet aufgrund der strafschärfenden Wirkung der Mordmerkmale für den Teilnehmer § 28 Abs. 2 StGB an, die Rechtsprechung/BGH dagegen § 28 Abs. 1 StGB.

Zur ausführlicheren Beschäftigung mit der Problematik lesen Sie bitte den spezifischen Beitrag.

C. Die einzelnen Mordmerkmale

Im Folgenden sollen kurz die einzelnen Mordmerkmale vorgestellt werden. Für Details lesen Sie bitte diesen Beitrag.


Die einzelnen Mordmerkmale im Überblick

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I. Heimtücke

Definition: Heimtücke ist das bewußte Ausnutzen der Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers in feindseliger Willensrichtung (vgl. BGHSt 2, 251; 11, 139).

Die Literatur verlangt darüber hinaus zusätzlich noch einen besonders verwerflichen Vertrauensbruch.

Definition: Arglos ist, wer sich keines Angriffs von Seiten des Täters versieht. Wehrlos ist, wer infolge der Arglosigkeit zu einer Verteidigung außerstande bzw. in seinen Verteidigungsmöglichkeiten stark eingeschränkt ist.

Arg- und Wehrlosigkeit müssen zusammentreffen, also zwingend kumulativ vorliegen.

II. Grausam

Definition: Grausam tötet der Täter, der dem Opfer besonders starke Schmerzen körperlicher oder seelischer Art aus gefühlloser, unbarmherziger Gesinnung zufügt, die über das zur Tötung erforderliche Maß in Dauer und Intensität hinausgehen.

III. Gemeingefährliches Mittel

Definition: Gemeingefährlich ist ein Tatmittel, das der Täter in der konkreten Tatsituation nicht sicher zu beherrschen vermag.

Beispiel 1: Der Täter zielt mit einer Pistole auf den in einer Menschenmenge stehenden O und trifft diesen tödlich. Handelte T hier mit einem gemeingefährlichen Mittel?
Eine Pistole ist aufgrund ihres begrenzten Wirkungskreises typischerweise beherrschbar und mithin nicht abstrakt gemeingefährlich. Daher liegt im Ergebnis kein Handeln mit einem gemeingefährlichen Mittel vor.

Beispiel 2: Sind Steinwürfe oder der Wurf anderer Gegenstände von einer Brücke auf eine viel befahrene Autobahn von dem Merkmal des gemeingefährlichen Mittels umfasst?
Ja, hier sollte ein gemeingefährliches Mittel bejaht werden.

Ebenso begründen Brände und Explosionen typischerweise eine Gemeingefahr.

IV. Mordlust

Definition: Mordlust bedeutet eine unnatürliche Freude an der Vernichtung eines Menschenlebens.

V. Zur Befriedigung des Geschlechtstriebes

Definition: Dieses Merkmal liegt vor, wenn sich der Täter durch die Tötung geschlechtliche Befriedigung verschaffen will.

VI. Habgier

Definition: Die Habgier zeichnet sich durch ein unnatürliches Gewinnstreben um jeden Preis – auch um den eines Menschenlebens – aus.

VII. Niedrige Beweggründe

Definition: Ein Beweggrund ist niedrig, wenn er sittlich auf tiefster Stufe steht, besonders verwerflich und geradezu verachtenswert ist (vgl. BGHSt 2, 63; 3, 133, 333).

Die niedrigen Beweggründe sind nur zurückhaltend anzunehmen.

VIII. Ermöglichungsabsicht

Definition: Ermöglichungsabsicht liegt vor, wenn die Tötung der Begehung weiteren kriminellen Unrechts dient.

Beachte: Die zu verdeckende oder zu ermöglichende Straftat kann nur eine strafbare Handlung im Sinne des § 11 Abs. 1 Nr. 5 StGB (Vergehen oder Verbrechen) sein. Bloße Ordnungswidrigkeiten sind nicht ausreichend (vgl. BGHSt 28, 9).

IX. Verdeckungsabsicht

Definition: Bei der Verdeckungsabsicht erfolgte die Vernichtung eines Menschenlebens, um die eigene oder auch eine fremde Bestrafung zu vereiteln (vgl. BGHSt 7, 290).

D. Der Deliktsaufbau in der Prüfung

  • I. Tatbestandsmäßigkeit
  • 1. Objektiver Tatbestand
  • a.) Tatobjekt: Anderer Mensch
  • b.) Tathandlung: Töten
  • c.) Kausalität und objektive Zurechnung
  • d.) tatbezogene Mordmerkmale (2. Gruppe): Heimtücke, Grausam und Mit gemeingefährlichen Mitteln
  • 2. Subjektiver Tatbestand
  • a.) Vorsatz bzgl. der Verursachung des Todes eines anderen Menschen
  • b.) Vorsatz bzgl. der tatbezogenen Mordmerkmale
  • c.) täterbezogene Mordmerkmale (3. Gruppe): Um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken
  • d.) täterbezogene Mordmerkmal (1.Gruppe): Mordlust, Zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, Habgier und sonstige niedrige Beweggründe
  • II. Rechtswidrigkeit und Schuld

Vertiefungsvideo mit RA Stefan Koslowski:
Mord (§211 StGB) Grundlagen, Verhältnis von Mord und Totschlag, Aufbaufragen.

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